Variabilität und Stabilität im gemischten Substandard im extensiven und zeitstabilen Sprachkontakt: der ukrainische Suržyk zwischen Ukrainisch und Russisch (im Vergleich mit der weißrussischen Trasjanka)

FÖRDERER
Fritz Thyssen Stiftung 

LAUFZEIT
2014-2017

MITARBEITER:

2014-2016: Anastasia Reis

ab 2017: Olesya Palinska

 

Kurzbeschreibung 2014

Die Termini „Suržyk“ (in der Ukraine) und „Trasjanka“ (in Weißrussland) bezeichnen besonders solche Formen der „ge­mischten“ Rede, in welchen sich autochthone (ukrainische bzw. weißrussische) und russische Elemente und Strukturen in kurzer, schneller Folge auch inner­halb von einzelnen Sätzen abwechseln. Millionen Sprecher in den beiden Ländern verwenden diese Form der Rede. Während in Weißrussland Weißrussisch und Russisch Staatssprachen sind, das Russische aber politisch und sozial wie in Sowjetzeiten deutlich dominiert, ist in der postsowjetischen Ukraine das Ukrainische alleinige Staatssprache. Dennoch ist das Russische noch heute überaus präsent. Zum modernen Massenphänomen wurden „Suržyk“ und „Trasjanka“ besonders durch Industriali­sierung und Urbanisierung und die damit einhergehende sprachliche Adaption ukrainischer und weißrussischer Land-Stadt-Migranten an das Russische, das in den Städten domi­nierte. Die „Prototypen“ von „Suržyk“ und „Trasjanka“ sind also Redephänomene auf autochthoner (ukrainischer bzw. weißrussischer) Basis. (Ein rezenterer „Suržyk“ auf russischer Basis ist nicht Gegenstand dieses Projekts). Heute wird die gemischte Rede von normativ orientierten Sprach- und Kulturwissenschaftlern in den beiden Ländern als Zeichen von mangelnder Bildung oder Kulturlosigkeit gewertet. Wegen dieser Stigmatisierung werden hier im Folgenden die neutralen Termini „ukrainisch-russische gemischte Rede“ (URGR) bzw. „weißrussisch-russische gemischte Rede“ (WRGR) verwendet.

Das beantragte Vorhaben verfolgt vier Kernziele, davon drei sprachwissenschaftliche: Erstens ist das Ziel einer umfassenden linguistischen Beschrei­bung der URGR in ihren lautlichen, grammatischen (morphologischen und syntaktischen) und lexikalischen Strukturen zu nennen. (Für die WRGR konnte dies weitestgehend vom slawistischen Antragsteller im Rahmen eines früheren Projekts, das die Volkswagen-Stiftung gefördert hat, geleistet werden.) Das zweite Ziel des beantragten Vorhabens ist ein systematischer Vergleich von URGR und WRGR. Drittens wird ein sprachtheoretisches Ziel verfolgt: Die Sprachwissenschaften in den Zielländern (Ukraine, Weißrussland) berichten in der Regel von unregelmäßigen, unsystematischen, ja chaotischen Mischungen autochthoner (ukr./wr.) und „fremder“ (russ.) Bestandteile in der gemischten Rede einzelner Sprecher. In den Untersuchungen zur WRGR konnten dagegen (mit dem Ansatz einer quantitativ orientierten soziolinguistischen Analyse von umfassenden Textkorpora) stabile qualitativ-quantitative Muster mit hierarchischen Ausprägungen festgestellt werden, nach denen russ. und wr. Elemente, Konstruktionen und Merkmale variieren. Diese Resultate sollen nun an ukrainisch-russischen Daten überprüft werden, mit dem Ziel, Konstanten der Variation in der Sprachmischung zu ermitteln. Damit verbunden ist die Diskussion der theoretischen Frage nach qualitativen, quantitativen und/oder sprachsoziologischen Kriterien für die Entstehung „selbstständiger“ Mischsprachen, hier aus zwei nah verwandten Sprachen. Diese Frage ist bisher hauptsächlich für den Kontakt strukturell und typologisch sehr unterschiedlicher Ausgangsvarietäten diskutiert worden. Gleichzeitig ist in diesem Zusammenhang zu klären, was in hochvariablen sozialen Subvarietäten prinzipiell unter einem „Usus“ verstanden wird. Der „Usus“ ist in diesem Fall sicher etwas Anderes als in einer durch Kodifizierung stabilisierten Standardsprache und auch etwas Anderes als in „alten“ autochthonen Mundarten einer sozial wenig mobilen lokalen Bevölkerung.

Das vierte Ziel schließlich ist die Bewertung der URGR vom sprachsoziologischen Standpunkt. (Die sprachsoziologische Untersuchung der WRGR haben die Antragsteller bereits im genannten „VW-Projekt“ geleistet.) Die wichtigste Frage ist dabei, ob die URGR für bestimmte Kreise der Bevölkerung über ein Identifikationspotenzial verfügt und inwiefern ihre Verwen­dung Ausdruck einer sozialen, nationalen bzw. ethnischen (oder auch „subnationalen“ / „subethnischen“) Identität ist.

Aufgrund der avisierten linguistischen und soziologischen Forschungsaspekte hat das beantragte Vorhaben interdisziplinären Charakter mit einer Konzentration auf sozio- und variationslinguistische Fragestellungen, deskriptive und theoretische. Die Untersuchung der URGR und, als Vergleichsobjekt, der WRGR löst sich von der weitgehend fortdauernden Fokussierung der „einheimischen“ (ukrainischen und weißrussischen) Linguistik auf die „Pflege“ der jeweiligen Literatursprachen sowie eine traditionell verstandene Dialektologie. Sie trägt damit der Pluralität sprachlicher Ausdrucksformen in einem Areal Rechnung, dessen soziolinguistische und sprachsoziologische Erforschung lange aus politischen Gründen nur eingeschränkt möglich war.

 

Kurzbericht 2015

Gemischte Rede |  »Variabilität und Stabilität im gemischten Substandard im extensiven und zeitstabilen Sprachkontakt: die ukrainisch-russische gemischte Rede in der Ukraine im Vergleich mit der weißrussisch-russischen gemischten Rede in Weißrussland« stehen im Zentrum eines Projekts von prof. gerd hentschel, Institut für Slavistik, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, und prof. bernhard kittel, Institut für Wirtschaftssoziologie, Universität Wien.

Die »ukrainisch-russische gemischte Rede« (URGR) und »weißrussisch-russische gemischte Rede« (WRGR) sind stark verbreitete mündlich praktizierte »Mischvarietäten«, in denen sich ukrainische bzw. weißrussische und russische Elemente abwechseln. Während die WRGR ein relativ flächendeckendes Phänomen in Weißrussland ist, galt in der Ukraine die URGR eher als Phänomen des Zentrums, besonders des östlichen. Hier, im Zentrum werden für das Projekt sprachsoziologische Befragungen und soziolinguistische Aufzeichnungen von Sprachdaten durchgeführt. Letztere werden zu annotierten Korpora aufgearbeitet (analog zu vorliegenden weißrussischen: www.uni-oldenburg.de/ok-wrgr/).

Im sprachsoziologischen Projektteil steht der Zusammenhang zwischen nationaler bzw. sozialer Orientierung und der Verwendung der drei einschlägigen Kodes in der Ukraine (Ukrainisch, Russisch, URGR) im Mittelpunkt. Erste Ergebnisse liegen zur Verbreitung der Kodes vor. Die folgende Graphik illustriert dies, wobei sich fünf Subareale ergeben (vgl. Hentschel & Taranenko 2015):

(zum Vergrößern bitte das Bild anklicken)

 

Die überwiegende Mehrheit der Befragten verwendet nicht nur einen Kode. Die URGR verwenden zwischen 40 % der Respondenten im Areal (A) und über 80% im Areal (D) im Alltag häufig. Generell wird nicht nur eine West-Ost-, sondern auch eine Zentrum-Peripherie-Dimension gradueller Differenzierungen festgestellt. Weitestgehend unabhängig von der sprachlichen Orientierung sehen die Respondenten (in den einzelnen Bezirken 90% und mehr) Ukrainer und Russen als zwei getrennte „Nationen“ an. Ebenso sieht eine Mehrheit der Befragten einen klaren Unterschied zwischen der ukrainischen und russischen Kultur, wobei feststellbare Unterschiede in den Bezirken wiederum nicht mit der sprachlichen Orientierung zusammenhängen.

Für die im sprachwissenschaftlichen Projektteil vorgesehene umfassende Beschreibung der URGR in ihren phonologischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Strukturen werden derzeit die Sprachmaterialien transkribiert. Jede einzelne Wortform wird hinsichtlich einschlägiger grammatischer Kriterien klassifiziert. Über einen Vergleich der Korpora zu URGR und WRGR soll ein Beitrag zur Theorie der Kontaktlinguistik erreicht werden: Zeigen sich in WRGR und URGR vergleichbare hierarchische Muster, nach denen Elemente ihrer »Gebersprachen« variieren? Ist in derartig hochvariablen gemischten sozialen Subvarietäten ein »Usus«, d.h. sind relativ stabile Muster der Verteilung von ukrainischen bzw. weißrussischen Elementen einerseits und russischen andererseits feststellbar?

Publikationen zum Thema: