Vorangestellte Worte über Philosophieren

Philosophieren – vier große Fragen

Rechenschaft zu geben über die Gründe, die das Urteilen und Handeln wirklich leiten, ist seit Sokrates der Maßstab, an dem das Wissen und diejenigen, die zu wissen meinen, sich messen lassen müssen. Worum es bei diesem Anspruch auf Rechenschaft, welcher das Philosophieren begründet, präzise geht, erläuterte Kant anhand von vier Fragen:

Was können wir wissen?

Philosophieren fragt nach den Bedingungen unseres Denkens und nach den Bedingungen unseres Erkennens von Natur und Gesellschaft. Warum bekommen wir mithilfe verschiedener Vermögen (Anschauung, Einbildungskraft, Denken, experimentelle Arbeit) etwas über die Gegenstände heraus?

Was sollen wir tun?

Philosophieren fragt, ob die Annahme eines freien Willens begründet ist, und wenn ja, ob und wie es möglich ist, mittels vernünftiger Prinzipien diese Freiheit des Willens zu bestimmen und unser Handeln an solchen Prinzipien zu orientieren.

Was dürfen wir hoffen?

Ideen, die nicht empirische Dinge abbilden und die auch nicht bloße Funktionen des Denkens sind, können auf uns wirken – so die Idee der Menschheit oder die einer vernünftigen Einrichtung der Gesellschaft. Philosophieren fragt, ob wir nicht notwendigerweise solche Ideen entwickeln, welche die guten Gründe abgeben zu hoffen, oder ob unser Hoffen nur eitles Wähnen ist, müßige Mutmaßung über Ideen ohne Substanz.

Was ist der Mensch?

Ohne Zweifel, er ist ein körperlich-seelisches-geistiges Wesen. Doch bloß mit einer Definition ist Philosophieren unzufrieden und fragt: Was ist das, Geist? Was ist Seele (Psyche)? In welchem Verhältnis stehen sie untereinander und in welchem Verhältnis stehen sie zum Körper?

Philosophieren – warum?

Die Welt, in der wir leben, ist eine von philosophischen Annahmen geprägte Welt. In dieser Welt nehmen wir Partei, für oder gegen ‚soziale Gerechtigkeit’, für oder gegen die Freiheit des Willens, für oder gegen den Vorrang des Einzelnen, für oder gegen die ‚Kräfte des Marktes’, für oder gegen den pragmatischen Konsens usw. Alle diese unterschiedlichen Möglichkeiten, unsere gesellschaftliche (intersubjektive) und private (subjektive) Wirklichkeit zu deuten, zu bewerten und zu gestalten, haben ihren Ursprung in der philosophischen Frage, was es heißt, etwas zu wissen, und was es heißt, etwas wirklich zu wissen. Der überwiegende Teil der heute an der Universität vertretenen wissenschaftlichen Disziplinen hat sich – im Laufe von Jahrhunderten – aus einem in der und durch die Philosophie formulierten Fragehorizont sowohl ergeben wie entwickelt und ist dieser gegenüber selbständig geworden. Umgekehrt entdecken die Einzelwissenschaften gerade in jüngster Zeit, daß ihre Ergebnisse der Reflexion auf die jeweiligen philosophischen Grundannahmen bedürfen.

Philosophieren – wozu?

Die gesellschaftlichen Bedingungen für unser Handeln und unsere von Prinzipien geleitete Vernunft stehen in einem Gegensatz. Philosophie ist diejenige Disziplin, die durch ihre Theorien aufklären will, und zwar nicht zuletzt über diesen Gegensatz. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant); Unmündigkeit ist die durch uns selbst aufhebbare Unterwerfung unter das Urteil anderer. Und so lautet seit der Antike das Motto der Aufklärung: „Sapere aude!“ Wage zu wissen! „Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Werde fähig, Deinen eigenen Urteilen zu trauen, weil Du sie begründen kannst! Philosophinnen und Philosophen sind demzufolge Menschen, die Unterscheidungsfähigkeit gelernt haben und deshalb in der Lage sind, begründete Urteile abzugeben – über allgemeine Zusammenhänge, Voraussetzungen und übergreifende Strukturen in und zwischen den Wissenschaften, in der Gesellschaft und im alltäglichen Leben. Vernünftiges gesellschaftliches Zusammenleben ist ohne Diskussion des Sinnzusammenhangs, durch den es sich definiert, schwerlich möglich. Die Philosophie ist die dieser Diskussion zugehörige Disziplin.

Philosophieren – wie?

Philosophieren beginnt damit, das richtige Fragen zu erlernen. Richtiges Fragen setzt voraus, zu dem alltäglich Vertrauten und anscheinend Selbstverständlichen in Distanz zu treten, zu staunen, sich zu wundern, zu zweifeln, Vorurteile als solche zu erkennen. Der Philosophierende sieht von all dem ab, was man über ein Phänomen bloß meint, und läßt sich von dem Phänomen selbst sagen, was es mit ihm auf sich hat, was es ist und wie und warum es so erscheint, wie es erscheint. Philosophieren orientiert sich nicht an demjenigen, was als vermeintlich unumstößlich ausgegeben wird. Es orientiert sich an dem, was etwas wirklich ist, und damit daran, was wahr ist.

Im Studium der Philosophie wird die Fähigkeit ausgebildet, sich Klarheit zu verschaffen – und zwar im Gespräch miteinander – über die Gründe, Regeln, und Maximen, denen wir im Denken und Handeln folgen. Platon verstand unter Philosophie auch „Dialektik“, die in Rede und Gegenrede sich ausweisende Bemühung um das, was wahr ist, was gut werden soll, was im Hinblick auf das menschliche Zusammenleben richtig ist und was als Schönes uns wohlgefällt, uns reizt und unser Tun antreibt. Die Liebe zur Weisheit, von der die Philosophie ihren Namen hat, verweist so auf die Liebe zu den Menschen und auch zu den Dingen.

Text: Prof. Dr. Ulrich Ruschig