Zwischen "Arisierung" und Deportation

Zwischen "Arisierung" und Deportation. Überlebensstrategien der jüdischen Bevölkerung im besetzten Belgien während des Zweiten Weltkriegs

Unser Vorhaben zielt darauf ab, den Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Verfolgung der Juden („Arisierung“) und dem Holocaust in Westeuropa näher zu untersuchen. Obwohl die Themen von Raub und Restitution in den letzten Jahrzehnten breit erforscht worden sind, liegen bislang keine historischen Studien zu zwei zentralen Fragen vor:

 

  1. Welche Überlebensstrategien entwickelten die ihrer Einkünfte beraubten Juden
  2. Erhöhte die Zerstörung der materiellen Existenzbasis das Risiko, nach Auschwitz
    deportiert zu werden?

 

Unsere Untersuchung konzentriert sich auf die Situation im besetzten Belgien. Damit schließen wir zugleich an unsere langjährigen Vorarbeiten zum Holocaust in Westeuropa an.

 

Die deutsche Militärverwaltung in Belgien setzte die Enteignung „jüdischen“ Vermögens nur teilweise durch. Hingegen verfolgte sie konsequent das Ziel, die Juden aus der belgischen Wirtschaft auszuschließen. Die übergroße Mehrheit der in Belgien lebenden Juden bestand aus Immigranten, die zumeist nach dem Ersten Weltkrieg aus Osteuropa eingewandert waren und ein vorwiegend aus kleinen Familienunternehmen bestehendes Wirtschaftsgefüge aufgebaut hatten. Dieses Wirtschaftsgefüge wurde von der Besatzungsmacht zerschlagen. Im Frühjahr 1942 wurden mehr als 80 % der insgesamt 7.700 angemeldeten „jüdischen“ Firmen stillgelegt. Die Liquidierung konzentrierte sich auf die Sektoren Textil, Leder und Pelze sowie Diamanten. Diese Art der „Arisierung“ zeichnete sich dadurch aus, dass sie in erster Linie die unteren sozialen Schichten traf. Sie entzog mindestens einem Drittel der jüdischen Bevölkerung Belgiens die ökonomischen Lebensgrundlagen.  

 

Die Liquidierung der „jüdischen“ Unternehmen stand in engem zeitlichem Zusammenhang mit der Deportation nach Auschwitz. 42 % der in Belgien registrierten Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. Waren die von der Zwangsliquidierung betroffenen Juden besonders gefährdet? Wie reagierten die ehemaligen Firmeninhaber und Angestellten sowie deren Familien auf die Ruinierung ihrer geschäftlichen Existenz? Wovon haben sie ihren Lebensunterhalt bestritten? Wurden sie verhaftet und deportiert, weil es ihnen an finanziellen Mitteln mangelte, sich in den Untergrund zu flüchten? Oder hing das Überleben der Juden nicht von der materiellen Lage ab?

 

Das Vorhaben stützt sich primär auf einen neu inventarisierten Bestand im belgischen Reichsarchiv, der von der Forschung bislang nicht berücksichtigt wurde. Es handelt sich um Akten der ehemaligen „Brüsseler Treuhandgesellschaft“ (BTG), die von der deutschen Militärverwaltung in Belgien geführt wurde und eine Schlüsselstellung bei der „Arisierung“ einnahm. Die Auswertung dieser Quellen verspricht, unsere Kenntnis der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der jüdischen Bevölkerung in Belgien sowie der wirtschaftlichen Aspekte der Judenverfolgung wesentlich zu erweitern.