Forschung/Projekte


 
 
„Bemerkenswert ist in jeden Fall, dass die Didaktik als Theorie der Unterrichtspraxis augenscheinlich an der Praxis der Vermittlung wenig interessiert ist. Statt diese zu verstehen und aus diesem Verstehen ihren eigenen Gegenstand (als Theorie der Praxis der Vermittlung) herauszuarbeiten, konstruiert sie munter für eine Praxis, die sie, weil nicht begriffen, auch praktisch weitgehend verfehlen muss“ (Gruschka, 2002, S. 88).
 
 




Dissertationsvorhaben


Themenkonstitution in Aufgaben ‚bewegten Lernens’
Fallstudien zu unterrichtlichen Prozessen und Schülervorstellungen im Deutsch- und Mathematikunterricht


Unter der Leitidee einer „bewegten Schulkultur“ wirkt die Sportpädagogik seit Jahren an einer Reform des Unterrichts unterschiedlichster Fächer mit. Auf der grundlegenden Annahme einer Themen erschließenden Funktion von Bewegung wird didaktisch-methodisches Material für kognitive Fächer wie Deutsch oder Mathematik entwickelt und in Form von Aufgabenbeispielen sowie umfangreichen Sammlungen bereitgestellt (vgl. Müller, 2003; Bucher, 2000; Bauer-Fettah, 2007; Braunschweiger AG, 2007). Innovatives Anliegen ist es, durch die Implementierung von Aufgaben „bewegten Lernens“ in die unterschiedlichen Fachkulturen, zur kindgemäßen Gestaltung des Lernstoffs und zur Erschließung fachlicher Themen beizutragen. In den Zielstellungen, Angeboten und Begründungszusammenhängen der Sportpädagogik spiegelt sich somit die normative Gewissheit, dass die Qualität von Unterricht durch Hinzunahme des Mediums ‚Bewegung‘ zu ‚Bild‘ und ‚Sprache‘ verbessert werden könne. Empirisch nachgewiesen ist dies längst nicht, sodass normative Gewissheit und empirische Ungewissheit in ein erhebliches Spannungsverhältnis zueinander treten.

In meinem Dissertationsprojekt, das im Rahmen des Graduiertenkollegs „Fachdidaktische Lehr- und Lernforschung - Didaktische Rekonstruktion“ (ProDid) der Universität Oldenburg entsteht, greife ich dieses Spannungsverhältnis auf. Im Fokus meines didaktischen Erkenntnisinteresses steht die vermeintlich Themen erschließende Funktion bewegter Aufgaben. Ich untersuche, wie sich im Rahmen bewegter Aufgaben im Deutsch- und Mathematikunterricht der Grundschule ‚Themen‘ konstituieren (1), ob die konstituierten ‚Themen‘ der Schülerinnen und Schüler auch die fachdidaktisch intendierten Themen sind, an denen sie etwas erschließen sollen (2), und welche Vorstellungen sich auf Seiten der Schülerinnen und Schüler mit den aus ihrer Sicht konstituierten Themen verbinden (3). Hierzu trianguliere ich zwei Methoden rekonstruktiv-interpretativer Forschung: die Videografie alltäglicher Unterrichtspraxis und die Befragung der Schülerinnen und Schüler zu ausgewählten Unterrichtspassagen. Als methodologischer Rahmen fungiert die dokumentarische Methode (vgl. Bohnsack, 2003 & 2007; Nentwig-Gesemann, 2001). Der Aspekt der ‚Themenkonstitution’ wird demzufolge in einem zweiphasigen Auswertungsprozess bearbeitet. Im Arbeitsschritt der formulierenden Interpretation wird zunächst der immanente Sinngehalt der Themenkonstitution im Unterricht rekonstruiert. In einem zweiten Arbeitsschritt, der der reflektierenden Interpretation, stellt sich die Frage nach dem latenten, dokumentarischen Sinngehalt. Fokussiert wird nun die Frage, wie ein Thema, d.h. in welchem Orientierungsrahmen es entsteht und behandelt wird.

Anhand der Ergebnisse meiner Arbeit diskutiere ich die ‚Illusio‘ einer Reformprogrammatik, deren Versprechungen aus der Perspektive von Unterrichtsforschung schon deshalb skeptisch zu begegnen sind, weil sie theoretische und empirische Fragen der Kontingenz unterrichtlicher Kommunikation und Themenkonstitution ausblenden.