Thomas Etzemüller

Imagination und Intervention: Zur Geschichte der Moderne

Ich arbeite seit mehreren Projekten an einer Kulturgeschichte der Moderne, die den Zusammenhang von Wahrnehmung und Intervention in den Mittelpunkt stellt. Fundamentale Veränderungen im Gefolge der Industrialisierung wurden von unterschiedlichen Akteursgruppen auf unterschiedliche Weise wahrgenommen und in spezifische Deutungsrahmen eingebaut. Diese Deutungsrahmen wiederum legten bestimmte Modi der Intervention nahe.

Das analytische Modell lautet also nicht: Probleme entstehen, werden erkannt und dann mehr oder weniger adäquat gelöst, sondern:

Realität wird wahrgenommen und im Prozess der Wahrnehmung gerahmt; diese Rahmung ist stets ein Zuschnitt, eine Gestaltung der Realität, die also immer nur in modellierter Form dem Zugriff zur Verfügung steht. Problemlösungen sind also nicht primär danach zu beurteilen, ob sie aus heutiger Perspektive "objektiv" angemessen waren, sondern welcher Deutung sie ihre Form verdanken.

Bislang habe ich das in folgenden Projekten untersucht:

  • Westdeutsche Sozialgeschichte (Einsatz für die Nation als Ordnungsstruktur im "Zeitalter der Extreme"; ca. 1930-1970)

  • Bevölkerungsdiskurs (Verteidigung der sozialen Stellung der bürgerlichen Mittelschichten gegen Unterschichten und Migranten; ca. 1798 bis heute)

  • Rassenanthropologie (Naturalisierung der herrschenden Sozialordnung; ca. 1850-1970)

  • Social engineering (Entwurf von "Technologien des Selbst", um destruktive Folgen der Industrialisierung abzuwehren; ca. 1918-1970).

Diese Projekte arbeiten eine strukturelle Ähnlichkeit der Kontingenzbewältigung in der Moderne über heterogene Professionen heraus. Weitere Projekte dazu laufen bzw. sind in der Vorbereitung:

  • Imaginary Landscapes (Gestaltung von Landschaften, um "vernünftige" Ordnungsvorstellungen zu realisieren; ca. 1800 bis heute)

  • "Gestalt" (die Bedeutung von imaginär/realen "Gestalten" als Technik der Rahmung; 1800 bis heute).

In den bisherigen Projekten standen vor allem Experten im Mittelpunkt, die zudem nicht der künstlerischen Avantgarde angehörten, sondern vor allem Wissenschaftlern und Technokraten. Sie zeichnete eine Mischung aus tiefer Sorge vor den Entwicklungen der Gegenwart sowie einem Optimismus, diese Verwerfungen zukünftig bewältigen zu können, aus. Das grundlegende Ordnungsmodell lehnte sich in allen Fällen - transnational und über die politischen Lager hinweg - an den wirkmächtigen Gegensatz von "organischer" Gemeinschaft und "atomisierender" Gesellschaft an, d.h. am Ziel, die Kontingenz moderner Gesellschaften einzuhegen (nicht: stillzustellen).

Ich konzentriere mich dabei auf weniger spektakuläre Versuche, Lösungen im Umgang mit Kontingenz, Unsicherheit und Wandel zu finden, sozusagen auf die Alltagsmaschinerie der Gesellschaftssteuerung. Ich werde weniger gesellschaftliche und intellektuelle Debatten rekonstruieren oder eine Ereignisgeschichte spezifischer Technologien schreiben, sondern die Steuerungspraxis in den Blick nehmen: Wie wurde gerahmt? Wie wurden Ordnungsvorstellungen mit Evidenz versehen? Wie also wurde Denken in Praktiken zu realisieren versucht? Man kann das vielleicht als praxeologische Ideengeschichte bezeichnen, bei der weniger der Inhalt von Texten, Abbildungen usw. zählt als vielmehr deren Form und impliziten Wirkungen, die sie durch ihre Einbettung in übergreifende Strukturen (Diskurse, scripte, Genreregeln usw.) gewinnen.

Vgl. dazu:

La storia del "moderno". I problemi della sua concettualizzazione, in: Dipper, Christof/Pombeni, Paolo (Hg.): Le ragioni del moderno, Bologna 2014, S. 221-238 (dt. Ms. als PDF)

Hatte die Moderne ein "Janusgesicht"? Eine kritische Betrachtung aus (nord-)europäischer Perspektive, in: Hachtmann, Rüdiger/Reichardt, Sven (Hg.): Detlev Peukert und die NS-Forschung, Göttingen 2015, S. 112-125

Gegenwartsdiagnose heißt: etwas als etwas sichtbar machen. Überlegungen zum Zusammenhang von Wahrnehmung, Visualisierung und Intervention in "Gestalten" der Moderne (Arbeitstitel), in: Alkemeyer, Thomas/Buschmann, Nikolaus/Etzemüller, Thomas (Hg.): Konstellationen des Diagnostischen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung der Gegenwart in der Neuzeit (Arbeitstitel) (i.V.)