Thomas Etzemüller

Imaginary Landscapes: Landschaften als Projektionsflächen gesellschaftlicher Ordnungs- und Zukunftsvorstellungen, ca. 1750-2012

Das Projekt geht von der These aus, dass bestimmte (nicht alle) Landschaften als Projektionsflächen für gesellschaftliche Ordnungs- und Zukunftsvorstellungen dienen können: als Gestaltungsfläche für soziale Utopien oder als Erinnerungsort der eigenen nationalen Vergangenheit; sie können Gegenentwürfe zur modernen Zivilisation darstellen oder eine gewünschte soziale oder politische Ordnung geradezu naturalisieren. Diese Landschaften werden auf unterschiedliche Weise wahrgenommen, nämlich in Form spezifischer Projektionen, und dann oft baulich gestaltet, um die Projektionen materiell zu realisieren. In dem Projekt soll deshalb nicht versucht werden, vermeintlich "authentische" Landschaftsbilder von "verzerrenden" Wahrnehmungen zu befreien, sondern Projektionen werden auf ihre gesellschaftspolitischen Effekte hin untersucht.

Teilprojekt 1 (Bearbeiter: Thomas Etzemüller) untersucht drei Landschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, das deutsche Mittelrheintal, das schwedische Dalarna sowie Süd-/Nordengland. Es handelt sich in allen Fällen um Landschaften, die früh für den Tourismus erschlossen und in historisierende Meistererzählungen von der jeweiligen Nation eingebaut wurden. Imaginationen von "Freiheits-" bzw. "romantischen", patriotischen Landschaft wurden auf drei Regionen projiziert, die in Reiseführern, Kunstwerken usw. medialisiert wurden. Der Ausbau für den Fremdenverkehr ermöglichte dann den Nachvollzug dieser Medialisierung durch Reiseerlebnisse. Das Projekt wird deshalb auch exemplarisch die Bedeutung des Tourismus als Medium herausarbeiten, das Imaginationen und Landschaftsgestaltung verband bzw. die in einer Landschaft baulich realisierten Imaginationen popularisierte. In allen drei Fällen lässt sich zeigen, wie Landschaftswahrnehmung, Projektionen und Tourismus als Teil des inneren nation building fungierten.

Teilprojekt 2 (Bearbeiter: Dirk Thomaschke) wird für Deutschland und die USA Autobahnen, Park Ways und nationale Fernwanderwege als moderne Weisen, den nationalen Raum zu erfahren, untersuchen. Der in TP 1 beleuchtete Zusammenhang von innerem nation building, Gesellschaftsordnung und Landschaftswahrnehmung ist nicht zu trennen von zeitgenössischen Bewegungsformen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde intensiv diskutiert, wie man sich in einer Landschaft bewegen sollte, um sie ideell und körperlich angemessen erfahren zu können. Der „richtigen“ Form der Bewegung wurde die Aufgabe zugesprochen, inneren Zusammenhalt zu stiften; die Gestaltung der Landschaften wiederum präfigurierte Formen der Bewegung. Ohne Reisende keine Landschaften, doch die „richtigen“ Reisenden mussten auf „richtige“ Weise zur „richtigen“ Landschaft finden.

Das Projekt wird seit 2015 durch die DFG gefördert.

Erste Publikation:

  • Romantischer Rhein - Eiserner Rhein. Ein Fluß als imaginary landscape der Moderne, in: Historische Zeitschrift 295, 2012, S. 390-424