Thomas Etzemüller

Projektskizze

"'Bevölkerung': Die 'Bevölkerungsfrage' und die soziale Ordnung der Gesellschaft, ca. 1798-1987"

 

Nach wie vor aktuell ist in der politischen Öffentlichkeit die Diskussion, ob die deutsche Bevölkerung demographisch überaltert oder gar ausstirbt. Ähnliche Diskussionen gibt es in anderen Ländern, und zwar, wie in Deutschland, seit über 100 Jahren. In der Geschichtswissenschaft spielen die historische Demographie und die Geschichte der Bevölkerungswissenschaft bzw. der Bevölkerungspolitik eine größere Rolle. Das Projekt wird demographische Prozesse ausblenden und stattdessen an der Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft angesiedelt. Es geht von folgenden Hypothesen aus:

1. "Bevölkerung" ist ein Konstrukt. Es gibt keinen von der Natur vorgegebenen Gegenstand, sondern demographische Prozesse müssen als solche identifiziert und dann in Statistiken bzw. Graphiken sichtbar und operationalisierbar gemacht werden. Ohne ausgefeilte Techniken der Visualisierung wäre die Bevölkerungsfrage nicht verhandelbar.

2. Demographische Prozesse an sich sind nicht wertgeladen. Sie können erst dann in der Form eines Problems diskutiert werden, wenn sie mit gesellschaftspolitischen Wertungen geladen werden.

3. Deshalb handelt die demographische Frage von der Ordnung der Gesellschaft. Die Diskussion demographischer Entwicklungen als Problem zielt automatisch auf Lösungen des Problems, die stets auf der politischen Ebene verortet sind: Menschen müssen zu einem anderen generativen Verhalten bewegt oder aber soziale Institutionen umgebaut werden. Den Maßstab für "Ordnung" bildet dabei die bürgerliche Gesellschaft.

4. Es hat den Anschein, als würde die Bevölkerungsfrage von Experten in Form zahlloser Einzelprobleme bewußt und reflektiert diskutiert. Tatsächlich aber ist die Diskussion durch eine Matrix formatiert, die der Beobachtung demographischer Entwicklungen eine spezifische Struktur verleiht und die Protagonisten sprechen macht, ohne daß sie darüber reflektieren können.

5. Die Bevölkerungsfrage ist ein transnationales Phänomen, das seinen Platz in der industriellen Moderne hat. Alle westlichen Gesellschaften, die sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in Industrienationen transformierten, entdeckten die Bevölkerungsfrage als spezifisches Problem der Moderne. Die Umbrüche der Industrialisierung wurden von vielen Zeitgenossen als destruktiv wahrgenommen. Die angeblich ehemals festgefügte Gesellschaft schien durch Bevölkerungswachstum, Verelendung und "entfremdende" Lebensweisen zu desintegrieren. Über eine Neuordnung der "Bevölkerung" sollten diese Verwerfungen beseitigt werden. Der Bevölkerungsdiskurs ist deshalb unlösbar an die Wahrnehmung der Moderne als (krisenhafter) Veränderung gekoppelt.

[…]

Es deutet sich an, daß die Bevölkerungsfrage durchgehend ein Projekt der Mittelschicht gewesen ist, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlte. Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert ging es nicht mehr um eine Abgrenzung zum Adel, vielmehr drohten die sozial und politisch immer mächtiger werdenden Unterschichten, sich emanzipierende Frauen und zunehmende Migration die bürgerliche Wertewelt und Sozialstruktur anzugreifen. Nach dem Ersten Weltkrieg standen zusätzlich handfeste soziale Konkurrenz- und Abstiegsängste auf der Agenda. Fast alle Texte zur Bevölkerungsfrage beschrieben deshalb seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine ideale, harmonische, bürgerliche Welt in Form einer "organischen Gemeinschaft", die sich ideell bzw. sozial aufzulösen, d.h. zur "Gesellschaft" zu verwandeln drohte. Diese Idealwelt wurde mit rassenhygienischen Argumenten zur "natürlichen Ordnung" erhoben, Bevölkerungspolitik sollte sie restabilisieren. Die "überbordende" Fertilität der "falschen" Sozialschichten und "Rassen" bedrohte die Ordnung dabei im Innern wie von Außen; die Geschlechterfrage erschien als Kernproblem, denn ausschließlich Frauen wurde die Verantwortung für die demographisch/eugenischen Fehlentwicklungen zugeschrieben. Wir haben es also mit einer Verflechtung des Systems Wissenschaft - dominiert von bürgerlichen Wissenschaftlern, jedoch seinen spezifischen wissenschaftlichen Regeln folgend - und einer sozialen Formation zu tun. Keine der beiden Seiten dominierte, aber die Wissenschaft erhiellt mit bürgerlichen Abstiegsängsten eine zusätzliche Legitimation, während Angehörige der Mittelschicht die Ergebnisse der Wissenschaft zur sozialen Distinktion gegenüber konkurrierenden Sozialschichten nutzen konnten. Erst in dieser Verflechtung gewinnt "Bevölkerung" ihre spezifische Gestalt, und das macht die Wissenschaftsgeschichte auf eine besondere Weise zu einer Gesellschaftsgeschichte.

Seit den 1950er Jahren verlor die biologisierende Beschreibung der Gesellschaft an Überzeugungskraft. Es begannen sich Konzeptionen abzuzeichnen, die auf die Autonomie von Individuen setzten und die die "Gesellschaft" nicht mehr als primär destruktiv begriffen. Stabilität sollte nicht mehr durch "organische" Einheiten, sondern durch eine dynamische Balance zahlloser einzelner Elemente erreicht werden. In den ersten beiden Phasen stand eine geschlossen gedachte Gemeinschaft im Vordergrund; "nützliche" Individuen mußten eingepaßt, "schädliche" eliminiert werden. In der dritten Phase stehen Individuen im Vordergrund, die überzeugt werden sollen, ihr (generatives) Verhalten auf eine imaginierte Gesamtheit hin auszurichten; diese Gesamtheit wird nun als statistischer Korpus, als Population, beschrieben. Statt biologistisch/sozialer Wertprämissen ist es nun eine eher ökonomisierende Denkweise, mit der das Verhalten der Menschen beurteilt wird. Als Kontinuität zeichnet sich unter diesem Wechsel der Begrifflichkeiten, Weltbilder und Techniken aber ab, daß "Bevölkerung" stets dem diente, was Foucault "Biopolitik" genannt hat. Die Menschen wurden in den ersten beiden Phasen als eine Art "Biomasse" organisiert, ihre Strukturierung und Klassifizierung samt intervenierender Eingriffe in den Gesamtkörper konnten jedes einzelne Individuum konkret treffen und reduzierten sie deshalb zu "nackten Leben" (Agamben). Die Pflege von "Biomasse" war die eine Seite, ihre Vernichtung als menschlicher "Abfall" (Bauman) die andere. Die Grundlagen hierzu sind seit dem frühen 19. Jahrhundert gelegt worden. Für die dritte Phase jedoch, für die Humangenetik, ist vor allem der Begriff des "Humankapitals" relevant, zu dessen Verwaltung und Optimierung die einzelnen Menschen befähigt werden sollen, während "Marktkräfte" die Gesamtregulierung übernehmen. Da es aber selbst in den ersten beiden Phasen stark um die Pflege der "Bevölkerung" ging, erweisen sich die einflußreichen Ansätze Giorgio Agambens und Zygmunt Baumans, die die Frage der Biopolitik zu stark auf das "Töten" bzw. "Jäten" zuschneiden, für das hier beantragte Projekt insgesamt als weniger ergiebig.

Operationalisierung:

"Bevölkerung", so die Projektthese, wird stets in einer spezifischen Gestalt wahrgenommen. In den ersten beiden Phasen war dabei das Bild eines biologisch geschlossenen "Volkskörpers" dominant - bedroht durch eugenische Degeneration -, in der dritten Phase das Bild einer statistischen Gesamtheit, bedroht durch Risikozonen. Bevölkerung konnte nur deshalb eine bestimmte Gestalt annehmen, weil diskursive und nichtdiskursive Praktiken das Sprechen über "Bevölkerung" auf eine spezifische Weise organisiert haben. Von der Ressourcenfrage der Frühen Neuzeit verwandelte sich "Bevölkerung" zu einem Instrument, den Zustand der modernen Gesellschaft zu verhandeln. Allerdings handelte es sich bei der Profilierung ihrer Gestalt um einen langwierigen Prozeß. Zunächst wurde die Bevölkerungsfrage in den "esoterischen" Zirkeln der Experten verhandelt. Sie entdeckten für immer größere Bereiche der Gesellschaft die Relevanz der Bevölkerungsfrage; dadurch vergrößerte sich gleichzeitig die Zahl der Disziplinen, die sich der Bevölkerungsfrage annahmen. In Graphiken, Karten, Photographien oder Tabellen wurde der Gegenstand immer detaillierter sichtbar gemacht. Dadurch nahm die noch recht offene Bevölkerungsfrage allmählich die zunächst unscharfe Gestalt "Bevölkerung" an, und je länger und intensiver diese verhandelt wurde, je mehr Experten eine spezifische Gestalt zu sehen lernten, je mehr sie durch Popularisierung und Lehrbücher dogmatisiert in die "exoterische" Öffentlichkeit wanderte, desto präziser wurde die Gestalt. Damit wurden alternative Formen, "Bevölkerung" zu sehen, allmählich an den Rand gedrängt. In der Nachkriegszeit dann, mit der abnehmenden Attraktivität "organischer" Denkmuster, veränderte sich in der Humangenetik auch die Gestalt der "Bevölkerung", die nun als "Genpool" oder "Population" beschrieben wird. Das bedeutet, daß die Genese der "Bevölkerung" als ein bis heute unabgeschlossener Prozeß angenommen wird, da "Bevölkerung" durch die Praktiken von Experten mit unterschiedlicher Sozialisation und Weltsicht an neue Situationen adaptiert wird - sei es durch Humangenetiker oder in der Ausweitung auf die "Dritte Welt".

Die Bevölkerungsfrage läßt sich nicht in ihrer ganzen Breite analysieren, sie muß auf sinnvolle Untersuchungsfelder und analytische Linien zugeschnitten werden. Dies soll durch zwei Teilprojekte geschehen.

Teilprojekt 1 (Bearbeiter/in: N.N.) wird […] ausgewählte Experten der Bevölkerungsfrage untersuchen. Es soll für den gesamten Zeitraum eine Gruppe von voraussichtlich 66 Experten prosopographisch - davon vertieft die Nachlässe von voraussichtlich 27 dieser Experten - ausgewertet werden, um ein genaueres Bild ihrer Lebenswelt und Wertvorstellungen zu erhalten. Die vorläufig ausgewählten Experten decken den gesamten Untersuchungszeitraum ab - was mehrere vergleichende Generationenschnitte erlaubt -, sie zählen zu den einflußreichen Vertretern des Bevölkerungsdiskurses, sie decken das demographisch/eugenische Feld in seiner Breite ab und es steht hinreichend biographisches bzw. archivalisches Material zur Verfügung.

Dienstliche wie private Briefwechsel, Tagebuchaufzeichnungen und autobiographische Texte werden Aufschluß darüber geben, wie die soziale und Wertewelt dieser Experten aussah, wie sie die Umbrüche der Moderne wahrnahmen und wie diese gesellschaftspolitischen Positionierungen ihre Sicht auf die Bevölkerungsfrage prägten. Hier liegt aber eine Herausforderung für das Projekt. Da der Begriff des "Bürgertums" nach wie vor problematisch ist, läßt sich die These, daß eine bestimmte Sozialschicht die Bevölkerungsfrage als Medium nutzte, um die bürgerliche Gesellschaftsordnung zu verteidigen und soziale Veränderungen zu verhandeln, nicht mit Hilfe unstrittiger Kategorien aus den genannten Quellen erheben. Das biographische Material sowie die publizierten Texte sind vielmehr genau auf die Selbststilisierung und auf "bürgerliche" Werte der Protagonisten zu untersuchen indem ihre Wertewelt indirekt über den Spiegel ihrer negativen Beschreibungen der "Anderen" erschlossen wird (dabei ist zu berücksichtigen, daß sie sich selbst eher als "Mittelschicht" bezeichneten).

Methodisch wird es sich um eine Mischform zwischen Prosopographie und qualitativer (hermeneutischer) Analyse handeln. Die soziale Struktur der Untersuchungsgruppe sollen prosopographisch geklärt werden, indem alle untersuchten Experten einem überindividuellen Fragenkatalog unterworfen werden. Auf dieser Basis soll dann die detaillierte qualitative Auswertung zahlreicher Egodokumente aufbauen, um die Projektthesen zu prüfen.

[…]