Semester: Sommersemester 2014

4.03.814 Giambattista Vicos „Neue Wissenschaft“ (Scienza Nuova, 1725/44) und kleinere Schriften als praktische Philosophie


Veranstaltungstermin

  • Dienstag: 08:00 - 10:00, wöchentlich

Beschreibung

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, seien Sie herzlich begrüßt und eingeladen, an diesem Vico-Seminar teilzunehmen. Anhand der beiden Frühschriften "De nostri temporis studiorum ratione" (Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung, 1708) und "Liber Metaphysicus. De antiquissima Italorum sapientia" (Das Buch der Metaphysik. Die uralte Weisheit der Italiker, 1710) sowie dem Hauptwerk "Scienza Nuova" (Prinzipien einer Neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker, 1744) des italienischen Philosophen Giambattista Vico (1688-1744) sollen einige Kernpunkte seiner neuen Wissensmethodologie, politischen Philosophie und praktischen Idee zur Gerechtigkeitserziehung markiert werden.
Dabei steht die Formierung eines verantwortlichen Gemeinschaftssinns als das allgemein anzustrebende Wohl der Mitbürger („commune civium bonum“) im Vordergrund der Argumentation, denn auf dieser praktischen Grundlage stellt sich heraus, dass der Mensch als historisches Wesen dazu befähigt ist, sich eine sinnvolle Lebensführung zu erarbeiten, die ihn von Unwissenheit befreit und zum Erkennen dauerhafter Güter wie Tugend, Mäßigung und Klugheit befähigt. Diese praxisbezogene Konzeption wird durch den freien Willen getragen, der nach Vicos katholischem Verständnis dem Menschen durch Gott gegeben wurde, um als Souverän den Weg des eigenen Selbst zu gestalten und die Dinge machen zu können, die das Subjekt anstrebt oder beansprucht, wünscht und die ihm gefallen. Umgekehrt weist diese enorme und außerordentliche Bestimmung der Freiheit auf die in ihr verborgenen Gefahren des Übels und des unrichtigen Umgangs mit der errungenen Selbstbestimmung als Möglichkeit zur Verderbnis und zum Absturz ins Chaos hin.
Dass Vico die Doppelrolle oder Antinomie der Freiheit identifizierte, die ihrerseits mit seiner in der Neuen Wissenschaft dargelegten Lehre vom geschichtlichen Aufstieg und vom Verfall der Nationen korrespondiert (Corso-Ricorso-Dialektik), verdankt sich der frühen Beschäftigung mit René Descartes´ Erkenntnistheorie. Aber das beim französischen Philosophen vernachlässigte Problem der Moral und Geschichte entstand dadurch, dass die Erforschung des Wahren einseitig auf das Studium der Gewissheit der physikalisch-naturwissenschaftlich erklärbaren Welt beschränkt wurde. Demgegenüber zeichnet sich der Bereich der menschlichen Natur als Bezirk wechselnder Ungewissheiten, Unsicherheiten und Unbestimmtheiten aus, weshalb die frühe Kritik an Descartes‘ Methode als der Beginn einer neuen Methodologie zu betrachten ist, die sich speziell den Gebieten moralischer, kultureller, historischer, ästhetischer und politischer Erfahrungen des Menschen widmet. Insofern wäre zu überlegen und zu diskutieren, ob sich Vicos Frühschriften "Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung" und "Liber Metaphysicus" als Ausgangspunkte einer kritischen Moralphilosophie bezeichnen lassen. Beide Schriften entfalten nicht nur Analysen der Tugenden und der Laster, sondern in ihnen werden die wandelungsfähige Natur des menschlichen Geistes und seine Leidenschaften gezeigt, wodurch Grundstränge gegeben sind, die in der späteren Neuen Wissenschaft thematisch weiterentwickelt werden.
Dabei stützt sich Vico in seinem Spätwerk auf die methodische Annahme einer ratio ingeniosa, einer erfinderischen Phantasie, welche den Menschen befähigt, die Motive der Nützlichkeit, die am Anfang des sozialen Zusammenlebens stehen, mit Hilfe der Topik herauszufinden. Weiterführende Fragen, die bei der Lektüre der Neuen Wissenschaft entstehen, könnten sich auf das sehr wichtige, aber auch komplexe verum ipsum factum-Axiom beziehen, in dessen Konvertierbarkeit zugleich das wechselseitige Verständnis von Philosophie und Philologie und von Moral und Praxis eingegangen ist. Ebenso wäre Vico zu befragen, wie und ob der moralisch oder sozial „gefallene Mensch“ mit Hilfe der Philosophie wiederaufgerichtet werden könnte?

Erwartungen: Neugierde und Freude, sich auf neue Gedanken eines wenig intensiv gelesenen Philosophen einzulassen. Interesse an der europäischen Aufklärungsphilosophie, an griechischer und römischer Geschichte, Moral- und Erkenntnisphilosophie; allgemeine Kenntnisse im Bereich der Geschichtsphilosophie und regelmäßige Teilnahme.

Organisationsform: Kurze Impulsreferate, genaue und vorbereitende Lektüre der Texte und Sitzungen; bei Interesse können Leistungsnachweise in Form von Essays erbracht werden.

DozentIn

TutorIn

Studienmodule

  • phi210 Geschichte der Philosophie
  • phi220 Praktische Philosophie - Ethik, Recht, Gesellschaft
  • phi320 Praktische Philosophie und ihre Konsequenzen für die Gesellschaft
  • phi510 Geschichte der Philosophie
  • phi520 Philosophie der Gesellschaft

Für Gasthörende / Studium generale geöffnet:
Ja

Lehrsprache
deutsch

empfohlenes Fachsemester
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