Wahrnehmung und Deutung von Vertreibungen

Im 20. Jahrhundert  kam es zu zahlreichen und umfangreichen Zwangsmigrationen. Meistens im Zusammenhang mit Kriegen, waren die jeweiligen Kontexte, Intentionen und Abläufe höchst unterschiedlich. Wie wurden sie von Zeitgenossen und Nachgeborenen wahrgenommen und gedeutet?

In einem Forschungsprojekt zur deutschen Haltung zu Zwangsmigration als politischem Instrument in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe ich speziell  die deutsche Rezeption des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches von 1923 untersucht. Dieser erste völkerrechtlich anerkannte Bevölkerungsaustausch wurde in Deutschland höchst unterschiedlich bewertet. Das Spektrum der Beurteilungen reicht von der prinzipiellen Verurteilung einer humanitären Katastrophe über die Anerkennung einer unvermeidlichen Konfliktlösung bis hin zum Modell ethnischer Entmischung. Nicht selten ist die Position von der Haltung zur Lage der eigenen deutschen Minderheiten in Osteuropa bestimmt. Die Motive der alliierten Ententemächte für den Bevölkerungsaustausch werden dagegen kaum zur Kenntnis genommen.

Vertriebenendenkmäler, die es in zahlreichen Städten und Gemeinden der Bundesrepublik gibt, sind eine bislang kaum untersuchte Quelle für die Deutung der Vertreibung und ihre geschichtspolitische Instrumentalisierung (=> DFG-Projekt Vertriebenendenkmäler).