Katholizismusforschung

Der moderne Katholizismus, wie er sich bis weit ins 20. Jahrhundert in seiner ultramontanen Ausprägung gezeigt hat, hatte seine Konstituierungsphase in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einer Form des innerkatholischen Kulturkampfes setzte sich die ultramontane Richtung seit den 1830er Jahren gegen alternative, eher der Aufklärung verhaftete Richtungen zunehmend durch.

In meiner Doktorarbeit „Der deutsche Katholizismus und Polen (1830-1849)“ habe ich die Identitätsbildung des deutschen Katholizismus in seiner Auseinandersetzung mit Polen untersucht, einer Nation, die einerseits als streng katholisch wahrgenommen wurde und darin Vorbildcharakter besaß, andererseits aber durch ihre wiederholte Aufstandstätigkeit immer wieder ein Objekt der Abgrenzung bildete. Zwischen konfessioneller Solidarität und antirevolutionärer Abgrenzung bewegte sich daher das Verhältnis des deutschen Katholizismus zu Polen. Polen war ein Gegenstand, an dem die eigene religiöse und politische Identität in Frage gestellt wurde, sich aber in ihrer ultramontanen Ausprägung auch schärfen und befestigen konnte.
LIT: Scholz, Stephan: Der deutsche Katholizismus und Polen (1830-1849). Identitätsbildung zwischen konfessioneller Solidarität und antirevolutionärer Abgrenzung (= Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau. 13), Osnabrück 2005.

Die Eigenständigkeit des katholischen Diskurses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich auch aus katholischen Jugendbüchern herauslesen. Auch hier zeigt sich ein spezifisches, der Zielgruppe entsprechend noch stärker stereotypisiertes Polenbild, das in seiner grundsätzlich positiven Form nicht nur im Kontrast zum dominierenden deutschen Polenbild steht, sondern auch die politisch-antirevolutionären Prinzipien des Katholizismus modifiziert oder sogar konterkariert.
LIT: Scholz, Stephan: „Respekt vor den braven Polen!“ – Das Polenbild im katholischen Jugendbuch der Reichsgründungs- und Kulturkampfära, in: Dmitrów, Edmund; Weger, Tobias (Hg.): Deutschlands östliche Nachbarschaften, Frankfurt/M u.a. 2009 (= Die Deutschen und das östliche Europa. 3), S. 267-289.

Dass der deutsche Katholizismus des 19. Jahrhunderts schon früh eine eigene nationale Identität zu prägen versuchte, zeigt sich bei einer vergleichenden Untersuchung des konfessionellen Bonifatiusmythos. Konkurrierende nationale Modelle von Katholizismus, orthodoxem und liberalem Protestantismus standen sich in der kontroversen Auseinandersetzung um die Figur des Bonifatius gegenüber und versuchten einander zu verdrängen.

LIT: Scholz, Stephan: Bonifatius – Vater oder Feind der Nation? Ein Stereotyp an der Schnittstelle zwischen nationalem und konfessionellem Diskurs der Deutschen im 19. Jahrhundert, in: Nationale Wahrnehmung und ihre Stereotypisierung, hg. v. Hans Henning Hahn u. Elena Mannova unter Mitarbeit von Stephan Scholz, Frankfurt/M. u.a. i.E.