Deutscher Polendiskurs

Das deutsch-polnische Verhältnis im 20. Jahrhundert ist nur verständlich vor dem Hintergrund des deutschen Polendiskurses seit dem 19. Jahrhundert. In einem Längsschnitt von 1795 bis 1945 erweist sich das deutsche Polenbild, das stark vom liberalen deutschen Bürgertum geprägt wurde, als bemerkenswert kohärent und widerstandsfähig. In negativer Abgrenzung diente es den Deutschen zur Selbstvergewisserung und nationalen Identitätsbildung.
LIT: Scholz, Stephan: Die Entwicklung des Polenbildes in deutschen Konversationslexika zwischen 1795 und 1945 (= Zeitgeschichte – Zeitverständnis. 7), Münster u.a. 2000.

Einen Sonderfall stellt der deutsche Katholizismus dar, der neben dem nationalen Abgrenzungsmuster, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts allgemein durchsetzte, immer auch über konfessionell bestimmte Deutungs- und Bewertungsmuster verfügte. Im Vergleich zum bürgerlichen Liberalismus gestaltete sich das Verhältnis des deutschen Katholizismus zu Polen komplexer. In der Zeit zwischen 1830 und 1849 schwankte es zwischen konfessioneller Solidarität und antirevolutionärer Abgrenzung.
LIT: Scholz, Stephan: Der deutsche Katholizismus und Polen (1830-1849). Identitätsbildung zwischen konfessioneller Solidarität und antirevolutionärer Abgrenzung (= Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau. 13), Osnabrück 2005.

Das lässt sich auch in der zweiten Jahrhunderthälfte aus katholischen Jugendbüchern herauslesen. Auch hier zeigt sich ein spezifisches, der Zielgruppe entsprechend noch stärker stereotypisiertes Polenbild, das in seiner grundsätzlich positiven Form nicht nur im Kontrast zum dominierenden deutschen Polenbild steht, sondern auch die politisch-antirevolutionären Prinzipien des Katholizismus modifiziert oder sogar konterkariert.
LIT: Scholz, Stephan: „Respekt vor den braven Polen!“ – Das Polenbild im katholischen Jugendbuch der Reichsgründungs- und Kulturkampfära, in: Dmitrów, Edmund; Weger, Tobias (Hg.): Deutschlands östliche Nachbarschaften, Frankfurt/M u.a. 2009 (= Die Deutschen und das östliche Europa. 3), S. 267-289.