Alkemeyer, T.: Körpersozialisationen. Über die Körperlichkeit der Bildung und die Bildung über den Körper

Für Sozialisation, Lernen und Bildung spielen die praktischen Beziehungen zwischen den Körpern und ihren materiell-symbolischen Umgebungen nicht nur in evident körperthematischen Sozialbereichen wie Sport, Musik oder Tanz eine entscheidende Rolle, sondern auch dort, wo es allein um das Erlernen kognitiver Fähigkeiten zu gehen scheint: Jedes Bildungsgeschehen trägt Züge eines physischen Trainingsprozesses, der mit einer Umwandlung des Körpers – seiner Form wie seiner Wahrnehmungsfähigkeiten – verbunden ist. Allerdings bleiben die körperlich-materialen Dimensionen der Praxis in der Sozialisations-, Lern- und Bildungsforschung überwiegend unthematisiert – mit der Folge, dass sie das Bildungsgeschehen nur umso subtiler beeinflussen. Dieser weitgehenden Körper- und Dingvergessenheit der Bildungsforschung wird im vorliegenden Beitrag mit einem an den Praktiken des Sports geschärften analytischen Blick begegnet, der sich insbesondere für die Materialität, Körperlichkeit und Sinnlichkeit des empirischen Bildungsgeschehens interessiert. Den Schluss bilden einige Überlegungen zu der Frage, wie Konzepte einer kulturellen Bildung aussehen könnten, die diese Dimensionen offensiv berücksichtige

Abstract

The practical relations between bodies and their material-symbolic environments do not only play a crucial role in social fields as sport, music, and dance, in which the body is explicitly thematized. Rather, they are also of decisive relevance in fields, in which it appears to be only cognitive competences that are learnt: Every educational process bears traits of a physical training, which is accompanied by a transformation of the body – its form as well as its abilities of perceiving. Still, common research on socialization, learning, and education does not pay much attention to these dimensions of practice. As a consequence of this negligence, however, these de-thematized dimensions influence educational processes in even more subtle ways. The present article meets this predominant ignorance of the materiality, corporeality, and sensuality of empirical educational processes with an analytical optic, which is primarily interested in these very dimensions. The article is completed by some considerations on the problem of how concepts of cultural education can be modeled, which firmly reflect upon these generally forgotten dimensions.

Alkemeyer, T.: Literatur als Ethnographie. Repräsentation und Präsenz der stummen Macht symbolischer Gewalt

Zusammenfassung

Texte bilden Wirklichkeit nicht ab, sondern konstruieren sie. Auf der Basis dieser Einsicht werden literarische Darstellungen als spezifische Wirklichkeitskonstruktionen aufgefasst, die über eigene, im wissenschaftlichen Diskursuniversum vernachlässigte, ästhetische Erkenntnispotentiale verfügen. Diese Textformen können im Rahmen qualitativer Sozialforschung für das Verständnis der schweigsamen Dimensionen des Sozialen produktiv gemacht werden. Der Beitrag nähert sich den Erkenntnispotentialen von Literatur sowohl über eine historische Rekonstruktion des schwierigen Verhältnisses von Literatur und Sozialwissenschaften als auch über beispielhaft illustrierte, theoretische Überlegungen zur Wirkung literarischer Repräsentationen auf die Körperlichkeit und Sinnlichkeit der Leser.

Abstract

Texts don't reflect but construct reality. On the basis of this understanding it is attempted to show that literary representations (as specific constructions of reality) have aesthetic potentials for cognition and understanding - potentials which have so far been neglected in scientific discourse. They can be made productive within the framework of qualitative social investigations and thus promote the tacit dimensions of the social world. This contribution not only looks into the cognitive potentials of literature by addressing the issue through a historical reconstruction of the difficult relations between literature and social sciences but also through theoretical considerations – illustrated exemplarily - on the evoking power of literary representations aimed at the corporeality and sensuality of readers.

Alkemeyer, T.: Zwischen Verein und Straßenspiel. Über die Verkörperungen gesellschaftlichen Wandels in den Sportpraktiken der Jugendkultur

Der Beitrag setzt sich mit der "Somatisierung des Sozialen" in neuen Straßenspielen der Kinder- und Jugendkultur auseinander. In diesen Spielen werden die historischen Prozesse der "Verhäuslichung" der Kindheit und des Sporttreibens unter neuen gesellschaftlichen Vorzeichen wieder umgekehrt. Dies bedeutet keine Rückkehr zu den Straßenspielen der Vergangenheit, vielmehr werden Modelle sportiver Körperlichkeit und Praxis, die historisch in den "verhäuslichten" Sonderräumen des organisierten Sports ausgebildet wurden, nun in (urbanen) Kinder- und Jugendöffentlichkeiten für sich und andere inszeniert. Eine zentrale These des Beitrags ist, dass diese neuen Bewegungs- und Spielkulturen weiterreichende gesellschaftliche Transformationen nicht nur nach-, sondern "vorahmen" und deshalb eine soziologisch interessante Indikatorfunktion haben.

Alkemeyer, T.: Zwischen Verein und Straßenspiel. Über die Verkörperungen gesellschaftlichen Wandels in den Sportpraktiken der Jugendkultur. In: Hengst, H./Kelle, H. (Hg.): Kinder - Körper - Identitäten. Theoretische und empirische Annäherungen an kulturelle Praxis und sozialen Wandel. Weinheim und München: Juventa 2003, S. 293-318.

Alkemeyer, T.: Formen und Umformungen. Die Bedeutung von Körpersoziologie und Historischer Anthropologie für eine kritisch-reflexive Sportpädagogik

Es wird argumentiert, dass eine Körper-, Bewegungs- und Sportpädagogik ihren Gegenstand verfehlt, wenn sie sich nicht mit den Einsichten in die Geschichtlichkeit der menschlichen Natur und die gesellschaftliche Konstitution des Körpers auseinandersetzt. Die Dispositive der Schule und des Schulsports werden als Manifestationen einer modernen Aufmerksamkeit für den Körper sowie als Vergesellschaftungsagenturen betrachtet, die stumm, ohne Worte und Begriffe, ihren Teil zur Zivilisierung und Disziplinierung, besonders aber zur Bildung (körperlicher) Habitus beitragen, die die Schülerinnen und Schüler in der sozio-kulturellen Ordnung halten. Weitergehend wird im Anschluss an Überlegungen Bourdieus und Foucaults darüber nachgedacht, wie eine kultursoziologisch und historisch-anthropologisch orientierte Bewegungspädagogik aussehen könnte, die darauf abzielt, die gesellschaftlichen Prägungen und Habitus der beteiligten Akteure praktisch zu thematisieren und zu reflektieren. Das Ziel einer solchen Pädagogik bestünde darin, den Akteuren die Chance zu geben, sich eigene Formen zu verleihen und das komplizierte Wechselspiel von Fremd- und Selbstbestimmung so weit wie möglich kompetent mitzubestimmen. Gleichzeitig wird sichtbar, welche Anschlussmöglichkeiten sich daraus für einen erweiterten Ästhetikdiskurs und neue Modelle einer ästhetischen Bildung im Medium von Körperpraxen ergeben.

Alkemeyer, T. (2003): Formen und Umformungen. Die Bedeutung von Körpersoziologie und Historischer Anthropologie für eine kritisch-reflexive Sportpädagogik. In: Elk Franke, Eva Bannmüller (Hrsg.): Ästhetische Bildung, Butzbach-Griedel: Afra Verlag, S. 38-64.

Alkemeyer, T./Wiedenhöft, A.: Der Körper der Nation - die Nation als Körper. Repräsentationen und Habitus-Konstruktionen in der deutschen Turnbewegung des 19. Jahrhunderts

Der Beitrag problematisiert die Beziehung von Körper und Nation anhand der deutschen Turnbewegung des 19. Jahrhunderts. Er bringt konstruktivistische Sozialtheorien (Anderson, Bourdieu, etc.) mit Erkenntnissen aus der Geschichte der deutschen Sportpädagogik in Verbindung und schlägt eine Brücke zwischen der Konstitution von Körpern und der von Nationen. Das Turnen dient, so eine zentrale Annahme, dem Prozess der "Hineinnahme" des Nationalen in die Individuen, seiner Einverleibung mit Hilfe einer Turnpädagogik, die sich im 19. Jahrhundert formiert. Gleichzeitig fungieren die turnenden Körper aber auch als Ort der Veräußerlichung von inneren Bildern und Mythologien. Diese Analyse beruft sich auf das Konzept der kulturellen Performanz, das über die in den Kulturwissenschaften verbreitete Idee des kulturellen Textes insofern hinausgeht, als Kultur nicht nur als einheitliches Zeichenkorpus verstanden wird, sondern als Ergebnis immer wieder neuer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Wenn der Körper nicht nur als Text, sondern auch als Bewegung erfasst wird, kann man diese Bewegungen als vergesellschaftete Weisen des Körpergebrauchs beschreiben, wobei beispielsweise das aufrechte Gehen und Stehen als körpersprachlicher Ausdruck des im 19. Jahrhundert entstehenden bürgerlichen Selbstverständnisses erfasst werden kann.

Alkemeyer, T. (unter Mitarbeit von Anja Wiedenhöft) (2003): Der Körper der Nation - die Nation als Körper. Repräsentationen und Habitus-Konstruktionen in der deutschen Turnbewegung des 19. Jahrhunderts. In: Brigitte Prutti /Sabine Wilke (Hrsg.): Körper - Diskurse - Praktiken, Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, S. 19-59.

Alkemeyer, T.: Verkörperungen. Über die Aufführung gesellschaftlicher Selbst- und Weltbilder im Sport

Gestützt auf empirische Untersuchungen im Rahmen des Berliner Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" werden Prozesse der Verkörperung von Imaginärem im Sport untersucht. Abweichend von der traditionellen geisteswissenschaftlichen Annahme, dass sich moderne Gesellschaften vorwiegend durch Texte oder Monumente repräsentieren, wird davon ausgegangen, dass deren Selbst- und Weltbilder auch in den mimetischen Prozessen körperlicher Praxis dargestellt, erzeugt und beglaubigt werden. Solche kulturellen Aufführungen beispielsweise des Sports und der populären Kultur sind insbesondere konstitutiv für neue Lebens- und Vergemeinschaftungsformen jenseits traditioneller Institutionen. Insofern laufen die Thesen den allseits bekannten Individualisierungsansätzen entgegen, ohne dass Individualisierungs- und Pluralisierungserscheinungen radikal negiert werden.

Alkemeyer, T. (2003): Verkörperungen. Über die Aufführung gesellschaftlicher Selbst- und Weltbilder im Sport. In: Bernd Wirkus (Hg.): Fiktion und Imaginäres in Kultur und Gesellschaft, Konstanz: Universitätsverlag, S. 189-217.

Alkemeyer, T.: Bewegen als Kulturtechnik

In dem Beitrag werden die Bewegungen des menschlichen Körpers in einer historisch-anthropologischen und soziologischen Perspektive untersucht. Unter Berufung vor allem auf die "Körpersoziologie" Pierre Bourdieus wird gezeigt, wie die Akteure sich durch Bewegungen praktisch mit der sozialen Welt auseinandersetzen und dabei einen Habitus erwerben. Insofern die Bewegungen in diesen Austauschprozessen eine soziale Form erhalten und zu Kulturtechniken transformiert werden, erlangen sie ihrerseits den Status von körperlichen Existenzweisen des Sozialen und Trägern kultureller Bedeutung. Die Bewegungspraxen eines neuen "Straßensports" und der populären Kultur werden darüber hinaus als kulturelle Aufführungen und Stilrituale untersucht, mittels derer sich die Akteure im öffentlichen Raum darstellen, einen zwanglosen Zusammenhang mit gleich gesinnten Personen erzeugen und sich eine sichtbare soziale Existenz verleihen. Schließlich wird die These vertreten, dass die neuen informellen Bewegungskulturen Jugendlicher (Skateboardfahren, Risikosport usw.) Strukturen zeigen, die in verblüffender Weise den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen des so genannten Neo-Liberalismus entsprechen.

Alkemeyer, T.: Bewegen als Kulturtechnik. In: Neue Sammlung. Viertel-Jahreszeitschrift für Erziehung und Gesellschaft, 43. Jg., Heft 3, S. 347-357.

Alkemeyer, T.: Semiotische Aspekte der Soziologie: Soziosemiotik

Ausgehend von einem Überblick über die Soziologie als wissen-schaftliche Disziplin werden die wechselseitigen Verbindungen zwischen Soziologie und Semiotik beleuchtet. Um die Koexistenz und Kovariation von Zeichenstrukturen und sozialen Strukturen zu untersuchen, werden zwei Perspektiven verfolgt: eine von der Semiotik und eine von der Soziologie ausgehende. Die erste betrifft den Stellenwert von Zeichen, Kodes und Medien für soziologisch relevante Untersuchungsgegenstände und Problemstellungen. Die zweite Perspektive untersucht demgegenüber die gesellschaftliche Bedingtheit, Variation und Verteilung von Zeichenprozessen, den kontext- und situationsabhängigen Gebrauch von Zeichen, Kodes und Medien. Vor diesem Hintergrund werden strukturalistische Kulturtheorien sowie mikro- und makrosoziologische Ansätze (Symbolischer Interaktionismus, Ethnomethodologie, die Theorie kommunikativen Handeln von Jürgen Habermas, die Figurations- und Prozesssoziologie von Norbert Elias, die Kultursoziologie Pierre Bourdieus) dargestellt, in denen auf die Wechselwirkungen zwischen Zeichenprozessen und sozialen Prozessen reflektiert wird. In einem Ausblick wird u .a. dafür plädiert, die Auswirkungen von Kommunikationsmedien und -technologien auf das soziale Leben zu berücksichtigen und stärker als es bislang in Soziologie und Semiotik üblich war, die vielfältigen, an den Körper gebundenen performativen Prozesse (Spiele, Rituale, Events des Sports und der Popkultur usw.) zu beachten, in denen sich Gesellschaften, (Teil-)Kulturen, Milieus und Szenen konstituieren.

Alkemeyer, T. (2003): Semiotische Aspekte der Soziologie: Soziosemiotik. In: R. Posner, K. Robering, Th. A. Sebeok (Hrsg.): Semiotik, Semiotics. Ein Handbuch zu den Zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. Berlin, New York: de Gruyter, S. 2757-2846.

Alkemeyer, T./Boschert, B./Schmidt, R./Gebauer, G. (Hg.): Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur

Auschnitt:

Aus der Perspektive von Zivilisations- und Disziplinierungstheorien erscheint es so, als habe die Priorität, welche Arbeit, Erwerb und Beruf im Leben der Bürger genießen, die Unterwerfung und Zurückdrängung der menschlichen Triebwünsche geradezu erzwungen. Seit dem 18. und 19. Jahrhundert stehen im bürgerlich- antifeudalen Programm der Zivilisierung Arbeit und Leistung gegen aristokratischen Müßiggang, Nüchternheit gegen Rausch und rationale Zeitökonomie gegen feudale Verschwendung (vgl. König 1992, 13). Dieses Programm hat sich auch im bürgerlichen Körperideal des aufrechten Gangs (vgl. Warneken 1990), in den bürgerlichen Körpererziehungsprogrammen seit den Philanthropen (vgl. König 1989, 68ff.) und der Erziehungsphilosophie des Begründers der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, niedergeschlagen. Die im sportlichen Wettkampf zu erlernende Beherrschung der Begierden und Leidenschaften wird hier als Voraussetzung für [...]

[...] Seit Ende der 1970er Jahre sind in der körpertheoretischen Diskussion immer wieder zwei einander ergänzende Bilder bemüht worden: das apokalyptische Bild vom "Schweigen des Körpers" und dem "Schwinden der Sinne" (Kamper/ Wulf 1984) einerseits und die Metapher einer "Wiederkehr des Körpers" (Kamper/Wulf 1982) andererseits. Aber welcher Körper soll da eigentlich zunächst zum Schweigen gebracht worden sein, um dann angeblich wiederzukehren? Folgt man sozial- und kulturwissenschaftlichen Körpertheorien, dann kann es sich dabei nicht um einen "Körper-an-sich", sondern allein um ein historisch bestimmtes Bild und eine spezifische Erfahrung des Körpers handeln. Eine gängige These besagt, durch Maschinisierung, Automatisierung und Computerisierung der Produktion, durch Telekommunikationsmedien, die Kommunikation auch ohne Ko-Präsenz erlauben, schließlich durch Verkehrs- und Transportmittel, die den Körper bewegen, ohne daß sich dieser bewegt, sei der Körper zunehmend aus Zentralbereichen moderner Gesellschaften verdrängt worden. Diese These ist auf den ersten Blick durchaus plausibel. Doch zeigt sich bei genauerem Hinsehen [...]

Alkemeyer, T./Boschert, B./Schmidt, R./Gebauer, G. (Hg.): Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur. Konstanz: Universitätsverlag 2003.

Alkemeyer, T.: Die ‚Verflüssigung’ des Gewohnten. Technik und Körperlichkeit im neuen Wagnissport

In dem Beitrag wird der konventionelle Sport mit "postkonventionellen" Bewegungsspielen wie Inline-Skating unter dem Aspekt des Umgangs mit den jeweiligen Sportgeräten verglichen. Während konventionelle Sportgeräte (z.B. der Barren im Turnen) buchstäblich Gegen-Stände sind, an denen sich die Akteure "abarbeiten", dabei ihren Körper an das (technische) Gerät anpassen, ihn formen und sich auf diese Weise geschlechtsspezifisch kodierte Körpernormen und -ideale einverleiben, entwickeln Inline-Skater, Mountainbiker oder BMX-Radfahrer ein geradezu symbiotisches Verhältnis zu ihren Hightech-Geräten. Der Körper erscheint nicht mehr als Maschine, die unter Nutzung des Sportgeräts möglichst reibungslos funktionieren soll - diese Vorstellung ist beispielsweise unter Triathleten verbreitet -, vielmehr avanciert die Technik zum Mittel einer willkommenen Verbesserung des Körpers und der Erweiterung der eigenen Fähigkeiten. Technik wird hier zum Medium neuer Körpererfahrungen und Empfindungen, zum Identifikationsobjekt und zum Erkennungsmerkmal von Spieler-Gruppen, die sich als "Code-Communities" bilden. Das technisierte Spiel hat Indikatorfunktion: es verweist auf gesellschaftliche Veränderungen im Umgang mit Technik. Und es wirkt als Katalysator für Verschiebungen im Verhältnis von Technik und Körper. Die Bereitschaft der Spieler, ihre Körper mit technischen Artefakten verschmelzen zu lassen, weist auf eine zunehmende Akzeptanz der Technisierung des Körpers auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen hin.

Alkemeyer, T.(2003): Die ‚Verflüssigung’ des Gewohnten. Technik und Körperlichkeit im neuen Wagnissport. In: Stefan Poser, Karin Zachmann (Hg.): Homo faber ludens. Geschichten zu Wechselbeziehungen von Technik und Spiel (=Technik interdisziplinär, Band 4). Frankfurt/M.: Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften 2003, S. 175-200.

Alkemeyer, T./Schmidt, R.: Habitus und Selbst. Zur Irritation der körperlichen Hexis in der populären Kultur

Der Beitrag macht mit Bezug auf Bourdieu und Foucault auf mikrologische Akte der Verflüssigung habitueller Prägungen in neuen Spielen zwischen Sport und Popkultur aufmerksam. Diese neuen, riskanten Körper-Praxen des Gleitens, Rollens und Schwebens, der "Autoformation" (Foucault) und Selbstgestaltung werden in Beziehung zu neuen gesellschaftlichen Anforderungen im Zeichen neo-liberaler "Flexibilisierung" gesetzt.

Alkemeyer, T./Schmidt, R.: Habitus und Selbst. Zur Irritation der körperlichen Hexis in der populären Kultur. In: Alkemeyer, T./Boschert, B./Schmidt, R./Gebauer, G. (Hg.): Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur. Konstanz: Universitätsverlag 2003, S. 77-102.

Alkemeyer, T.: Soccer as Mass Rituals and Interactive Event: On the Formation of
Performative Communities in Modern Societies

Although the laws of the market long ago made soccer the spectacle it is today, its theatrical function is connected to two other functions that have been pushed into the background in European theater since the 19th century: the celebration and the ritual.

Alkemeyer, Thomas: Soccer as Mass Rituals and Interactive Event: On the Formation of Performative Communities in Modern Societies. In: Proceedings of the International Symposium on Soccer and Society, May 24th and 25th 2002, Sendai College of Physical Education, Japan: ITO Publishing Company 2004, S. 57-71.

Alkemeyer, T.: Verkörperte Weltbilder

Der Sammelband „Kunst der Aufführung – Aufführung der Kunst“ geht auf eine internationale Tagung zurück, zu der das Forschungsprojekt „Ästhetik des Performativen“ im Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ an der Freien Universität Berlin im Jahr 2003 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen sowie ästhetische Praktikerinnen und Praktiker geladen hatte. Ihm liegt die These zugrunde, dass sich der Begriff der Aufführung angesichts neuer Formen der Performativierung des öffentlichen Lebens und der Entgrenzung der Kunst als eine sinnvolle methodische Klammer eignet, um unterschiedliche kulturelle Praxen – von der Architektur über Neue Medien bis hin zu Sport und Politik – zu untersuchen. In dem Beitrag „Verkörperte Weltbilder“ wird der Aufführungsbegriff für eine kulturwissenschaftlich-soziologische Analyse des Sports nutzbar gemacht. Unter dem Aspekt der Körperlichkeit werden insbesondere die Ähnlichkeiten und Unterschiede von sportlichen Aufführungen und postdramatischem Theater herausgearbeitet.

Alkemeyer, Thomas: Verkörperte Weltbilder. Sport als aufgeführte Mythologie. In: Erika Fischer-Lichte/Clemens Risi/Jens Roselt (Hg.): Kunst der Aufführung – Aufführung der Kunst (=Theater der Zeit, Recherchen 18). Berlin 2004, S. 210-225.

Gebauer, G./Alkemeyer, T./Boschert, B./Flick, U./Schmidt, R.: Treue zum Stil. Die aufgeführte Gesellschaft

Im Auftauchen neuer Spiele und Bewegungsweisen, wie sie vor allem im urbanen Kontext sichtbar werden, zeigen sich gesellschaftliche Veränderungsprozesse. In neuen Sportarten, wie Triathlon und Inline-Hockey, entsteht eine Welt, in der alte Grenzen zerfließen, institutionelle Haltungen aufgegeben und bewährte Ordnungen umgearbeitet werden. Hier bilden sich Gemeinschaften aus, in denen sich Zugehörigkeit über das Vorführen von Bewegungen, Geräten, Kleidung, Musik immer wieder aufs Neue herstellt. Sie orientieren sich an den Merkmalen eines gemeinsamen Stils. Nicht die Leistung, nicht der Dienst an der Mannschaft bildet das Credo der neuen Spiele, sondern die Treue zum Stil. Die Beiträge entwickeln am Beispiel neuer urbaner Lebensstile und deren performativer Praktiken eine Theorie des Wandels von Gesellschaft, deren Körperverhältnissen, Bewegungen und Spielformen.

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der FU Berlin, Thomas Alkemeyer ist Professor für Sportsoziologie an der Universität Oldenburg, Uwe Flick ist Professor an der Alice Salomon-Fachhochschule in Berlin, Bernhard Boschert (Dr. phil.) und Robert Schmidt (Dr. phil.) sind wissenschaftliche Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen" an der FU Berlin.

Gebauer, G./Alkemeyer, T./Boschert, B./Flick, U./Schmidt, R.: Treue zum Stil. Die aufgeführte Gesellschaft. Bielefeld: Transcript.

Alkemeyer, T.: Bewegung, die Verkörperung des Sozialen und die Möglichkeiten praktischer Selbst-Erkenntnis

Bewegungen werden in diesem Beitrag auf der Grundlage einer historischen Anthropologie und Soziologie des Körpers nicht als bloße Mittler zwischen "Mensch" und "Welt", sondern als fundamentale Existenzweisen des Sozialen verstanden. Während der "klassische" Sport als eine institutionell gerahmte Form der praktischen Verkörperung von Gesellschaftlichem aufgefasst wird, erscheinen die neuen informellen Bewegungskulturen von Jugendlichen demgegenüber als Praxen einer gesuchten Irritation verfestigter körperlicher Habitus. Zwar entsprechen die Strukturen dieser Bewegungskulturen auf eine verblüffende Weise aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, in ihren Praxen werden aber auch Potenziale der "Selbstführung" und einer praktischen Reflexivität erkennbar, die Selbstkorrekturen ermöglicht. Im Anschluss an diese Beobachtung wird über die Chancen einer nicht kognitivistisch verengten, sondern (bewegungs-)praktischen "Sozioanalyse" des Selbst reflektiert, die es den Akteuren gestattet, die Grenzen der eigenen Kultur und damit des Selbst auszuloten und so die Bedingung dafür zu schaffen, sich so weit als möglich ein eigenes Maß und eigene Form zu geben, anstatt den Prozessen der Inkorporierung des Sozialen "bewusstlos" ausgeliefert zu sein.

Alkemeyer, .T.: Bewegung, die Verkörperung des Sozialen und die Möglichkeiten praktischer Selbst-Erkenntnis. In: Sukale, Michael/Stefan Treitz (Hg.): Philosophie und Bewegung. Interdisziplinäre Betrachtungen. Münster: LIT 2004, S. 161-200

Alkemeyer, T.: Zur „Verkörperung“ des Sozialen und zur Formung des Selbst in Sport und populärer Kultur

Aus einer anthropologisch fundierten soziologischen Perspektive wird Bewegung nicht nur als Mittler zwischen Körper und Gesellschaft, sondern weitergehend auch als eine eigene Existenzweise des Sozialen verstanden. Die Funktion der Bewegung besteht in dieser Perspektive in der Einübung und Darstellung des Sozialen, während der Körper als Speicher eines praktischen Wissens von der Welt dient.

Alkemeyer, T.: Zur „Verkörperung“ des Sozialen und zur Formung des Selbst in Sport und populärer Kultur. In: Klein, G. (Hg.): Bewegung. Sozial- und kulturwissenschaftliche Konzepte.: Bielefeld: transcript 2004, S. 43-78.

Alkemeyer, T.: Mensch-Maschine auf zwei Rädern: Helden des Motorrad-Rennsports wie Valentino Rossi oder Giacomo Agostini verkörpern die Utopie der geglückten Aussöhnung zwischen Mensch und Technik

Für Sekunden rasen sie vorbei, begleitet vom satten Sound PS-starker Triebwerke: bunte, bewegliche Skulpturen, gebildet aus symbiotisch mit ihren Maschinen verschmolzenen menschlichen Körpern. Kaum lassen sich die Bestandteile dieser Mischwesen aus Körper und High Technology voneinander unterscheiden. Die Übergänge sind fließend. Technisch und stilistisch sind beide Seiten einander assimiliert; sie bilden gemeinsam eine Gestalt. Eng anliegende Ledermonturen und Helme mit verspiegelten Visieren, die das Gesicht verbergen, lassen die Fahrer künstlich erscheinen, während Design und Lackierung die Motorräder ihren Fahrern ähnlich machen. Die Menschen werden technisch, die Technik wird menschlich. [...]

Alkemeyer, T.: Mensch-Maschine auf zwei Rädern:
Helden des Motorrad-Rennsports wie Valentino Rossi oder Giacomo Agostini verkörpern die Utopie der geglückten Aussöhnung zwischen Mensch und Technik. In: NZZ am Sonntag, 10.10.2004, Nr. 41, S. 40

Alkemeyer, T.: Die Exklusivität des Triathlons. Am Ironman Switzerland misst sich die neue Elite des Freizeitsportes. Mit Training und Technik arbeitet sie an einem neuen Körperbild

Vor fünfzehn Jahren tauchten sie erstmals im Stadtbild auf: sehnige Körper in hautengen Trikots, weit vornübergebeugt auf Rennmaschinen, die nur noch entfernt an die Räder des Radrennsports erinnerten, die Unterarme abgestützt auf neuartigen Lenker-Konstruktionen - windschnittige Wesen aus Fleisch und Technik, die der alten Schule des Sporttreibens einen neuen Kult der Innovation und der Selbststilisierung [...]

Alkemeyer, T.: Die Exklusivität des Triathlons
Am Ironman Switzerland misst sich die neue Elite des Freizeitsportes. Mit Training und Technik arbeitet sie an einem neuen Körperbild.
In: NZZ am Sonntag, 25.07.2004

Alkemeyer T./Gebauer G.: Die neue Welt, in der man gleitet. Der Sport der Jungen verlagert
sich aus den Institutionen in die Öffentlichkeit – und stellt die Körpergeschichte auf den Kopf

Man spielt heute anders als früher; und man spielt an anderen Plätzen. Noch vor einer Generation war das Spielen von Jugendlichen aus dem öffentlichen Geschehen der Stadt verschwunden. Es hatte sich als Wettkampf- und Breitensport in die ideale Welt von genormten Hallen, Stadien, Schwimmbecken und Spielfeldern zurückgezogen. Um zu diesen Orten der Stoppuhren, Bandmasse, Regelbücher und Ergebnislisten Zugang zu erhalten, musste man Mitglied eines Vereins werden oder Eintritt bezahlen. Hier, hinter den Mauern der Sportinstitutionen, waren die Athleten geschützt vor störenden Einflüssen, Unverständnis, Zufällen und Gaffern.

Heute schwirren die Jugendlichen in den öffentlichen Räumen der Städte herum, ähnlich wie die Reiher, Raben und Füchse, die sich inzwischen den menschlichen Ballungsräumen hinzugesellen. Als Streetballer, Skateboarder, Inline-Skater, BMX-Fahrer codieren sie die Landkarte der Stadt für ihre Zwecke um. Wenn sie Zuschauer brauchen, schaffen sie sich ihre Bühne mitten [...]

Alkemeyer T. & Gebauer G.: Die neue Welt, in der man gleitet
Der Sport der Jungen verlagert sich aus den Institutionen in die Öffentlichkeit – und stellt die Körpergeschichte auf den Kopf.
In: NZZ am Sonntag, 8. Juni 2003

Alkemeyer, T.: Heilung durch Sport

Mit dem Näherrücken des Spektakels in Athen melden sich die üblichen KritikerInnen zu Wort, die den olympischen Geist von Kommerz, Massenmedien oder korrupten olympischen Autoritäten vertrieben wähnen. Die Crux solcher Kritik? Sie möchte die Wirklichkeit an ihren Idealen blamieren.

Andersherum käme wohl mehr heraus. Zudem: Was ist das überhaupt, dieser «olympische Geist», der da im Hintergrund einer kritischen Moralhuberei nur in desto hellerem Glanz erstrahlt? Das Olympische Studienzentrum in Lausanne, Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), definiert ihn als «eine Lebensphilosophie, die die Erziehung von Körper und Geist durch den Sport beinhaltet». Aha! [...]

Alkemeyer, T.: Heilung durch Sport
In: Die Wochenzeitung; 12.08.2004; Seite 12

Alkemeyer, T.: Mensch-Maschinen mit zwei Rädern. (Praxis-)Soziologische Betrachtungen zur Aussöhnung von Körper, Technik und Umgebung

Charakteristisch für das Motorradfahren ist die Symbiose von Körper, High- Technology und Landschaft. Es handelt sich um eine technologische, die organischen Kräfte des Körpers weit überbietende Bewegungsform, die die romantische Kritik an der technischen Zivilisation bereits in sich aufgenommen hat und eine (Wieder-)Versöhnung von Natur und Kultur, Technik und Körperlichkeit nicht nur verspricht, sondern unmittelbarsinnlich spürbar werden lässt.

Alkemeyer, T.: Mensch-Maschinen mit zwei Rädern. (Praxis-)Soziologische Betrachtungen zur Aussöhnung von Körper, Technik und Umgebung. In: SportZeiten, 4. Jg., H. 3, 2004.

Alkemeyer, T./Rigauer, B./Sobiech, G. (Hg.): Organisationsentwicklungen und De-Institutionalisierungsprozesse im Sport

Gegenwärtige Entwicklung des Sports zeichnen sich einerseits durch immer weitere organisatorische Differenzierungen auf der Ebene von Verbänden, Vereinen, Kommunen, Volkshochschulen und Krankenkassen aus. Andererseits werden zunehmend Alternativen zum organisierten Sport gesucht und erprobt. Zwar bilden Vereine nach wie vor das Kernsegment des Breiten- und des Leistungssports, gerade im Zuge ihrer Wachstumserfolge sehen sie sich jedoch Konflikten und Spannungen ausgesetzt, die sowohl mit der Spezifik des Sportvereins als Organisationstyp zusammenhängen, wie auch mit der Konkurrenz durch einfallsreich vermarktete Formen des Fitness-, Straßen- und Outdoor-Sports.

In dem Sammelband werden diese gleichzeitigen Entwicklungen theoretisch und empirisch aus soziologischen, politik- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven in vier Kapiteln (Organisation und Gesellschaft; Organisation und Geschlecht; Verein und Verband; Verein und Szene) in den Blick genommen. Autorinnen und Autoren sind: Uwe Schimank, Annette Zimmer, Sylvia Wilz, Ilse Hartmann-Tews, Claudia Combrink, Georg Anders, Sebastian Braun, Michael Nagel, Jürgen Baur, Ulrike Burrmann, Burkhard Strob, Bernhard Boschert und Robert Schmidt.

Alkemeyer, T./Rigauer, B./Sobiech, G. (Hg.): Organisationsentwicklungen und De-Institutionalisierungsprozesse im Sport. Schorndorf: Karl Hofmann 2005.

Alkemeyer, T.: Verkörperungen. Aufführungen von Identität im Sport

Der Beitrag schlüsselt in einem ersten Teil den aktuellen Boom von Identitätsdiskursen von jenen Problemlagen differenzierter, moderner Gesellschaften her auf, die ihn bedingen und verursachen. In einem zweiten Teil wird die Bedeutung der Praktiken des Körpers in Sport und anderen “cultural performances” für die Stiftung und Beglaubigung personaler wie partizipativer Identitäten aufgeschlüsselt.

Alkemeyer, Thomas: Verkörperungen. Aufführungen von Identität im Sport. In: Kratzemüller, B. et.al. (Hg.): Sport and the construction of identities. Proceedings of the XIth International CESH-Congress Vienna, September 17th – 20th 2006. Wien: Turia + Kant 2007, S. 61-71.