Forschung

Schwerpunkte in Forschung und Lehre

  • Soziologie des Körpers und des Sport
  • Soziologische Praxistheorien
  • Zusammenhänge von Sportwissenschaft, sozial- und kulturwissenschaftlichen Praxistheorien und Konzepten praktischen Wissens
  • Soziologie der Lebensstile
  • Ethno-/Praxeografische Forschung
  • Abstimmungs- und Subjektivierungsprozesse im Spitzensport
  • Körper und Lernen
  • Sport und Technik
  • ANT, STS

Aktuelles Forschungsprojekt/Habilitationsprojekt

Techniken der Reflexivität - Medien des Wissens. Praxissoziologische Annäherungen an Spiel- und Leistungsanalysen im Hochleistungsfußball (Arbeitstitel)

Kurzexposé

Das Habilitationsprojekt beschäftigt sich auf der Basis einer ethnografischen Studie mit technischen Innovationen im Hochleistungssport und fokussiert am Beispiel des Fußballs die Implikationen des Eindringens verschiedener technischer Artefakte zur Spiel- und Leistungsanalyse in und für die Praktiken des Spielens und Trainierens sowie die sich in ihrem Rahmen ereignenden Abstimmungs- und Subjektivierungsprozesse.

Seit Beginn des Jahrtausends ist in verschiedenen Sportarten des Hochleistungsbereichs – insbesondere in den Mannschaftssportarten – ein verstärkter Einsatz unterschiedlicher Tracking- und Monitoring-Artefakte (z.B. Schrittzähler, GPS-gestützte Bewegungssensoren) zu verzeichnen, mit deren Hilfe die Leistungen der Athleten in Zahlen und Werten detailgenau und vermeintlich objektiv dokumentiert werden. Überdies erweist sich seit mehreren Jahren die regelmäßige Analyse von Videoaufzeichnungen vergangener Spiele und Trainingseinheiten mittels Analysesoftware und eigens zu diesem Zweck engagierten Spielanalysten als tragender Pfeiler des Trainings. Auf der Grundlage der Aufzeichnungen werden nicht nur die Aktivitäten der Spieler reflexiv eingeholt, sondern auch neue Spielweisen oder Taktiken erarbeitet. Die verschiedenen Artefakte zur Leistungs- und Spielanalyse ermöglichen die Generierung neuer, technisch vermittelter Wissensbestände über die Leistung einer Mannschaft und ihrer einzelnen Spieler. Sie erlauben es, sportliche Leistungen und Weisen des Zusammenspielens neu zu beobachten und so bislang unausgeschöpfte Potenziale auszuloten.

Das Projekt ist im Schnittfeld von soziologischen Praxis- und Subjektivierungstheorien sowie theoretischen Zugängen aus den Bereichen der Wissenssoziologie sowie den Science and Technology Studies (STS) verortet und geht grundlegend von einer Gleichzeitigkeit von Ordnungs- und Subjektbildungen in Praxisvollzügen aus. Unter Praktiken werden Bündel aus Aktivitäten verstanden, deren Vollzug an Menschen (und deren Wissen bzw. Verstehen) gebunden, zugleich aber auch auf eine Infrastruktur an nicht-menschlichen ‚Mitspielern‘ wie z.B. natürlichen Dingen, technischen Artefakten, Medien und Räumlichkeiten angewiesen ist. Über videogestützte teilnehmende Beobachtungen und qualitative Interviews wird herausgearbeitet, wie sich Praktiken des Trainierens und Spielens durch das Hinzukommen der Artefakte zur Spiel- und Leistungsanalyse sowie die mit ihrer Hilfe erzeugten Wissensbestände verändern und diese neuen  ‚Mitspieler‘ die Selbst- und Weltverhältnisse, die Wahrnehmungen und Affekthaushalte der menschlichen Teilnehmer dieser Praktiken formieren. Inspiriert durch Arbeiten aus den Bereichen der STS sowie der Soziologie visuellen Wissens gilt ein besonderes Interesse den durch die technischen Innovationen ermöglichten Praktiken der videogestützten Spiel- und Leistungsanalyse, den ihnen eingelagerten Prozessen der Wissenserzeugung qua (bewegten und unbewegten) Bildern sowie deren Konsequenzen für das Fußballspielen und -trainieren sowie die sich in einer Mannschaft ereignenden Abstimmungsprozesse. Es wird beleuchtet, wie ausgewählte Videosequenzen im Mannschaftskollektiv gedeutet und im Hinblick nicht nur auf Leistungsdefizite, sondern auch auf Potenziale zur (kreativen) Weiterentwicklung des Spiels einzelner Spieler sowie der gesamten Mannschaft gelesen werden. Die Videoaufnahmen ermöglichen es einerseits dem Trainer, die Stärken und Schwächen eines vergangenen Spiels unter vom Zeitdruck der spielerischen Praxis entlasteten Bedingungen sowie der Möglichkeit der Wiederholung zu beobachten, am Bild Verbesserungspotenziale auszuloten und diese für die Spieler verständlich zu machen. Darüber hinaus legen die Aufzeichnungen den Spielern eine neue Form der Selbst- und Spielbeobachtung aus einer Außenperspektive nahe und ermöglichen es, sie stärker für die Deutungspraktiken zu responsibilisieren. Anhand der Videos erlernen die Spieler eine Art Trainerblick und werden selbst zu Experten für die Spiel- und Leistungsanalyse sowie die Diagnose von Verbesserungspotenzialen subjektiviert.

Anschließend an diese Beobachtungen wird in dem Habilitationsprojekt herausgearbeitet, wie die Spieler über verschiedene Trainingsverfahren und Vermittlungsschritte in unterschiedlichen Trainingsarrangements befähigt werden, das anhand der Videos verfügbar gemachte neue Wissen in Bewegung (rück-) zu übersetzen und in der eigentlichen Spielpraxis zu aktualisieren. Darüber hinaus wird erforscht, wie angesichts der technisch induzierten Vervielfältigungen von Perspektiven auf Spiel- und Trainingsprozesse unterschiedliche Wissensquellen miteinander ins Gespräch gebracht werden:  Wie werden spezifische Spiel-Deutungen gegenüber anderen durchgesetzt? Kommt es dabei zu Konflikten? Welche Rolle spielen dabei (institutionalisierte) Machtverhältnisse und welche Implikationen haben die technischen Innovationen für die Wissens- oder Deutungshoheit sowie die Subjektivierung des Trainers im Mannschaftsgefüge? Mit dem Projekt ist somit auch ein kritischer Anspruch verbunden: Die beschriebenen Innovationen werden nicht nur funktionalistisch im Sinne einer Optimierung der Praktiken des Spielens und Trainierens sowie der Bildung immer leistungsfähigerer Fußballer-Subjekte gedeutet. Vielmehr wird auch eruiert, welche neuen Formen der Unsicherheit durch die immer umfassender werdende Leistungskontrolle und Datenerhebung für die ‚Betroffenen‘ erzeugt werden und welche Innovationen diese möglicherweise auch verweigern oder sich in einer nicht-vorgesehenen Weise zu eigen machen.