Profil des Arbeitsbereichs für Sozialstrukturanalyse und Europaforschung

Die Forschungsaktivitäten des Arbeitsbereichs konzentrieren sich auf drei Bereiche: Zum einen soll ein Beitrag zur stärkeren Berücksichtigung der europäischen Dimension der Sozialstrukturanalyse geleistet werden, zum anderen soll der Übergang zu einer innovationsorientierten, global ausgerichteten Wissensgesellschaft als entscheidender Bestimmungsfaktor sozialstruktureller Wandlungsprozesse analysiert werden. Drittens soll an einer hochwertigen, auch berufsqualifizierenden Ausbildung in den Bachelor- und Masterstudiengängen im Bereich der Sozialwissenschaften und an den Lehramtsstudiengängen mitgewirkt werden.

Die Forschungsaktivitäten des Arbeitsbereichs sind in verschiedene regionale, nationale und internationale Kontexte eingebunden – etwa in das neu gegründete interdisziplinäre Forschungszentrum der Universität Oldenburg (Centre for Europeanisation and Transnational Regulations Oldenburg, CETRO)

 

1. International vergleichende und europäische Sozialstrukturanalyse

Der erste Forschungsschwerpunkt des Arbeitsbereichs stellt die Europäisierung und Internationalisierung nationaler Gesellschaften in den Mittelpunkt und will damit ein Beitrag zur Überwindung des methodologischen Nationalismus der Ungleichheitsforschung leisten. Komplementär zu und in Kooperation mit dem politikwissenschaftlich geprägten SFB „Staatlichkeit im Wandel“ soll die Transformation nationaler Gesellschaften aus einer stärker soziologischen und ökonomischen Perspektive untersucht werden. Hierbei wird eine Kooperation insbesondere mit Oldenburger und Bremer Kollegen angestrebt. Geeignete institutionelle Formen hierfür könnten die Gründung eines interdisziplinären Forschungszentrums der Universität Oldenburg, die Beantragung einer sozial- und wirtschaftswissenschaftlich ausgerichteten DFG-Forschergruppe zum Thema „Europäisierung nationaler Gesellschaften“ und eine assoziierte Mitgliedschaft in dem Bremer SFB sein.

Das Forschungsinteresse an der Europäisierung nationaler Gesellschafts- und Wirtschaftsräume geht von der Beobachtung aus, dass Vergesellschaftungsprozesse – etwa die Bildungs-, Beschäftigungs- und Sozialschutzsysteme als zentrale Determinanten sozialer Ungleichheiten - nicht mehr ausschließlich im nationalen Rahmen analysiert werden können. Durch die Europäisierung der Rechtsprechung, der Geld-, Haushalts-, Regional- und Agrarpolitiken und der Güter-, Dienstleistungs-, Kapital- und Arbeitsmärkte werden soziale Ungleichheiten zunehmend auf europäischer Ebene erzeugt und reguliert. Auch die Wahrnehmung sozialer Ungleichheiten beschränkt sich nicht mehr nur auf den nationalen Raum. Sowohl die Erzeugung und die Definition von Ungleichheiten als auch der Umgang mit ihnen finden zunehmend in supranationalen Arenen statt. Die bislang vorrangig nationalen Interpretations- und Regulierungsmuster sozialer Ungleichheiten verändern sich zum einen durch die Verdichtung der europäischen Regulationsstrukturen und die damit einhergehenden politischen Verflechtungen und Abhängigkeiten (Europäisierung von oben) und zum anderen durch grenzüberschreitende Kommunikations- und Austauschbeziehungen und durch wechselseitige Lernprozesse (Europäisierung von unten).

Diese Öffnungsprozesse bedeutet eine erhebliche theoretische und empirische Herausforderung für die Sozialstrukturanalyse, da diese soziale Ungleichheiten bislang weitgehend im nationalen Rahmen oder im internationalen Vergleich analysiert hat. Hierfür gibt es überzeugende Gründe: Der Sozialstaat hat sich im 20. Jahrhundert zum zentralen Garanten von Wohlfahrt und sozialer Sicherheit entwickelt. Die Wahrnehmung und Artikulation sozialer Risiken und Ungleichheiten ebenso wie ihre politische Bearbeitung erfolgen auch in einer global vernetzten Welt noch weitgehend auf nationaler Ebene. Nationalstaaten sind die größte bislang bekannte Ebene, auf der Gleichheitsnormen und Strukturen solidarischen Handelns wirksam verankert sind. Nur auf nationalstaatlicher Ebene gibt es Adressaten für sozialpolitische Erwartungen und Ansprüche. Wenn die soziale Lage der Bevölkerung in erheblichem Maße von den Entscheidungen europäischer Institutionen bestimmt wird, wenn soziale Mobilität zunehmend auch im europäischen Kontext erklärt werden muss und wenn Menschen ihre soziale Position auch in einem supranationalen Bezugsrahmen verorten, dann trifft der methodologische Nationalismus der Ungleichheitsforschung auf Grenzen.

Das theoretische Interesse an der Europäisierung sozialer Ungleichheiten und ihrer Bestimmungsfaktoren wird in unterschiedlichen Studien über den Wandel nationaler Wohlfahrtsstaaten umgesetzt:

Gemeinsam mit dem SOFI Göttingen und zahlreichen weiteren europäischen Partnern wird erstens an der Professur von 2007-2010 der deutsche Teil des EU-Forschungsprojektes „Resources, rights and capabilities: in search of social foundations for Europe“ (Koordinator: Robert Salais; IDHE Cachan; gefördert durch die Europäische Kommission. Hierbei geht es um die soziale Dimension Europas und die Suche nach neuen Grundlagen eines europäischen Sozialmodells.

Zweitens wird im Anschluss an ein DFG-Projekt zur Offenen Methode der Koordinierung (2004-2007) ein Projekt zur „Entwicklung der mitteleuropäischen Sozial- und Beschäftigungsordnungen“ beantragt (gemeinsam mit Partnern aus Ungarn, Tschechien und Polen). In diesem Projekt soll untersucht werden, (1) welche Beschäftigungsordnungen und welche Formen sozialer Sicherung sich in den mittel- und osteuropäischen Ländern entwickelt haben, (2) auf welche Aspekte sozialdemokratischer, liberaler, konservativer und familienorientierter Wohlfahrtsstaaten hierbei zurückgegriffen wurde und (3) welchen Beitrag die EU zur koordinierten Modernisierung der nationalen Systeme sozialer Sicherung leisten kann.

Drittens arbeitet der vorgesehene Stelleninhaber gerade an einem weiteren Projektantrag zum Thema „Wachstum und Beschäftigung in Europa. Der Neustart des Lissabon-Prozesses“. Hierbei geht es um die Erfolgsaussichten der so genannten Lissabon-Strategie, die auf die Stärkung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit als Voraussetzung für mehr Arbeitsplätze, eine nachhaltige Entwicklung und sozialen Zusammenhalt abzielt. Hierbei soll die Phase seit 2005 untersucht werden, die durch eine klarere Verantwortung der Mitgliedstaaten für die Erreichung der 2000 vereinbarten Ziele („national ownership“) gekennzeichnet werden kann.

Viertens könnte das Interesse an der Europäisierung und Internationalisierung nationaler Gesellschaften als Kristallisationspunkt für die Schaffung eines sozial- und wirtschaftswissenschaftlich ausgerichteten Forschungsverbunds genutzt und durch die Beantragung einer DFG-Forschergruppe zum Thema „Europäisierung nationaler Gesellschaften“ institutionell stabilisiert werden. Eine solche Forschergruppe ist „ein enges Arbeitsbündnis mehrerer herausragender Wissenschaftler, die gemeinsam eine Forschungsaufgabe bearbeiten.“

In einer solchen Forschungsgruppe ginge es um die Transformation nationalstaatlicher Ordnungsmuster angesichts der zunehmenden Erweiterung und Entgrenzung von Wirtschaft und Gesellschaft. Angesichts europa- und weltweiter Liberalisierungsprozesse und aufgrund der Regulierungstätigkeiten der Europäischen Union gehen nationalstaatliche Entgrenzungsprozesse mit einer Europäisierung und Internationalisierung von Handlungszusammenhängen einher. Nationalstaatliche Ordnungen stehen durch den zunehmenden grenzüberschreitenden Wettbewerb und durch die Verdichtung europaweiter Regulationsstrukturen vor gänzlich neuen Herausforderungen. Dies kann zur Entstrukturierung nationalstaatlicher Ordnungen, zu erheblichen Verunsicherungen und zu entsprechenden Krisen führen. Beispiele hierfür sind die zunehmende Rechtsunsicherheit, die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem politischen System, die Angst vor Globalisierung, Armut und sozialem Abstieg und die zunehmende Skepsis gegenüber dem Voranschreiten des europäischen Integrationsprozesses.

Gegenstand des geplanten Forschergruppe könnten deshalb erstens die Auswirkungen der nationalstaatlichen Entgrenzung von Handlungsräumen und zweitens die Frage sein, was die Europäische Union zur Bewältigung dieser Unsicherheit und Krisen beitragen kann. Die übergreifende Frage nach der Transformation nationaler Ordnungen kann in unterschiedlichsten Feldern (Bildung, Beschäftigung, Sozialschutz, industrielle Beziehungen, private Lebensformen, Corporate Governance …) untersucht werden, um die Ursachen von Entstrukturierungsprozessen und zunehmenden Unsicherheiten, die damit einhergehenden Krisenphänomene, die Versuche zur Überwindung dieser Krisen und den Beitrag der EU zur Entwicklung neuer Ordnungsmuster und Regulationsstrukturen zu klären.

2. Konturen der Wissensgesellschaft

Der zweite Schwerpunkt der Professur bündelt die arbeits-, innovations- und regionalsoziologischen Forschungsaktivitäten. Hierbei geht es um die Frage nach den Entwicklungsdynamiken einer globalen, innovationszentrierten Gesellschaft, die durch die Erosion und Diversifizierung der bisherigen nationalstaatlichen Regulierungsformen von Arbeit, durch lernende Organisationen und durch neue, territorial eingebundene Formen der Wissensproduktion gekennzeichnet ist. Die entsprechenden Projekte sind in verschiedene regionale, nationale und internationale Kontexte eingebunden.

Inhaltlich geht dieser Forschungsschwerpunkt davon aus, dass sich die heutige Gesellschaft durch die zunehmende Bedeutung grenzüberschreitender Informations-, Kommunikations-, Waren- und Finanzströme und durch eine zunehmende Innovationsdynamik und Fragilität grundlegend von einer weitgehend nationalstaatlich regulierten, durch Massenproduktion und Massenkonsum gekennzeichneten Industriegesellschaft unterscheidet. Es geht um die Analyse des Wandels von einer vorrangig nationalstaatlich regulierten Industriegesellschaft zu einer globalen, organisationsbestimmten und innovationsbestimmten Wissensgesellschaft, die durch die Institutionalisierung der Bereitschaft zur Infragestellung eingelebter Wahrnehmungs- und Handlungsmuster gekennzeichnet ist.

Übersicht 1: Konturen der Wissensgesellschaft


Dieser Wandel kann auf organisatorischer, institutioneller und individueller Ebene analysiert werden: Erstens eröffnen sich Unternehmen in einer globalisierten Wissensgesellschaft neue, grenzüberschreitende Möglichkeiten. Hierzu müssen sie bewährte Routinen und Entscheidungsprogramme, bürokratische Vorschriften, akkumulierte individuelle und organisatorische Erfahrungen und Fähigkeiten auf den Prüfstand stellen und neue, flexiblere, stärker vernetzte Organisationsstrukturen entwickeln. Zweitens geht dies einher mit einer zunehmenden Bedeutung von Institutionen, die die Innovationsfähigkeit von Unternehmen durch kollektive Wettbewerbsgüter wie qualifizierte Arbeitskräfte und technologisches Wissen unterstützen oder zwischenbetriebliche Kooperationsprozesse erleichtern. Dies kann am Beispiel regionaler und nationaler Innovationsordnungen gezeigt werden. Drittens gehen veränderte Arbeits- und Organisationsformen mit einer Flexibilisierung und Destabilisierung von Erwerbsbiografien, einer Pluralisierung und Fragmentierung von Arbeitsverhältnissen und der Entwicklung neuer arbeitspolitischer Arrangements einher.

Die damit skizzierten „Konturen der Wissensgesellschaft“ (vgl. Übersicht 1) werden derzeit im Rahmen zweier Forschungsprojekte näher betrachtet: In dem von der Volkswagenstiftung geförderten Projekt „Regionales Lernen in multinationalen Unternehmen“ wird in Kooperation mit der Robert-Schuman-Universität (Straßburg) und dem Fraunhofer-Institut für Innovationsforschung (Karlsruhe) das Spannungsfeld zwischen regionalen Innovationssystemen und organisatorischen Innovationsstrategien untersucht. Hierzu werden zum einen ausgewählte Innovationsprojekte von fünf deutschen und fünf französischen Unternehmen und zum anderen die jeweiligen regionalen Rahmenbedingungen analysiert. In dem Projekt "Produktentwicklung in multinationalen Unternehmen. Zwischen institutio­neller und organisatorischer Einbettung heterogenen Wissens", das von der DEutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, soll betrieblichen Umgang mit unterschiedlichen Kooperationsformen im Rahmen betrieblicher Innovationsprojekte in deutschen und britischen Automobil- und Medizintechnikunternehmen untersucht werden.

Ein gemeinsamer Aspekt der beiden soeben skizzierten Forschungsperspektiven ist ihre inter- und supranationale Ausrichtung. Dies gilt auch für zahlreiche weitere Forschungsaktivitäten in Oldenburg. Deshalb werden diese Projekte in ein neu gegründetes interdisziplinäres Forschungszentrum (Centre for Europeanisation and Transnational Regulations Oldenburg, CETRO) eingebracht. Dieses Zentrum soll der Koordination, Organisation und Unterstützung von international vergleichend angelegten und europawissenschaftlichen Forschungsprojekten dienen. Es unterstützt die Profilbildung der beteiligten Professuren, indem es die Mitglieder bei Drittmitteleinwerbungen hilft, Synergieeffekte zwischen den beteiligten Disziplinen fördert und ein sichtbares Label schafft und die Sichtbarkeit der Oldenburger Forschungsaktivitäten in diesem Bereich erhöht.

Weiterhin werden Kooperationsbeziehungen mit außeruniversitären Akteuren in der Region angestrebt (Wirtschaftsverbände, Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen …).

3. Beitrag zur Lehre des Instituts für Sozialwissenschaften

Die Ausbildung in Sozialstrukturanalyse hat drei Ziele: Erstens sollen die Studierenden die grundlegenden Konzepte der Ungleichheitsforschung und die Ansätze zur Analyse der deutschen und europäischen Sozialstrukturen kennen lernen. Hierzu gehört es auch, die jeweiligen Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Theorieangebote zu erkennen. Weiterhin sollen die Studierenden befähigt werden, die methodischen Grundlagen der empirischen, insbesondere der international vergleichenden Sozialstrukturanalyse zu beurteilen und die Grenzen nationalstaatlich fokussierter Ansätze einzuschätzen. Drittens sollen die Studierenden Kenntnisse über die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland im historischen und internationalen Vergleich erwerben.