RICHARD PALUCH

Promotionsstipendiat

Promotionsprojekt

Sorgefall: Technisierte Selbstversorgung. Eine sozialwissenschaftliche Analyse der Interaktionsbeziehungen von Personen mit einer Hörgeräteversorgung bezogen auf die Technisierung der Sorge

Zusammenfassung des Dissertationsvorhabens

In der Dissertation wird untersucht, wie der Einsatz von Hörsystemen die Umweltbeziehung und das Interaktionsverhalten von Personen mit einer Hörbeeinträchtigung strukturiert. Wenn Personen mit einer Hörbeeinträchtigung ein Hörgerät tragen, verändert sich – so die Hypothese – das Verhältnis zu anderen und zu sich selbst. Zum einen wird herausgearbeitet, welche unterschiedlichen Dimensionen der Sorge existieren. Zum anderen, welche Bedeutung der auditiven Sinneswahrnehmung für die Ordnung des Sozialen zukommt.

Kurzbeschreibung der eigenen Forschungstätigkeit

Meine Forschungsfrage lautet: „Wie prägt eine technische Hörgeräteversorgung die Umweltbeziehung und die Interaktionsbeziehungen von Personen und ihr Verhältnis zu sich selbst?“.

Um die Interaktionsbeziehungen von Personen mit einer Hörbeeinträchtigung soziologisch zu analysieren, beziehe ich mich auf die leibphänomenologisch geprägte Sozialtheorie Gesa Lindemanns. Statt nur mechanisch körperliche Vorgänge in den Blick zu nehmen, soll hier die leibliche Erfahrung in den Fokus gerückt werden. Menschen sind in dieser Arbeit insofern als leibliche Selbste definiert, die sich jetzt (zeitlich) und hier (räumlich) auf ihre Umwelt beziehen, sich wechselseitig sinnlich wahrnehmen, komplexe Gesamthandlungen koordinieren und Technik auf unterschiedliche Weise verwenden.

Diese sozialtheoretische Konzeption erlaubt es zudem, die Überlegungen Simmels aufzunehmen und weiterzuführen. Im Anschluss an Simmel sind interindividuelle Wechselwirkungen durch erfahrbare Sinneseindrücke charakterisiert. Eine Person wird durch ihre sinnlich wahrnehmbare Anwesenheit in Interaktionen und damit auch in soziale Strukturen eingebettet, ohne dass ein aktives Handeln oder Verhalten erforderlich wäre. Auf diese Weise kann aufgezeigt werden, inwieweit soziale Beziehungen, der Habitus, die kulturelle bzw. gesellschaftliche Prägung (etc.) die Sinneswahrnehmung gestalten können.

Vom empirischen Zugang her gehe ich qualitativ vor. Als Daten dienen sowohl Interviews mit Expertinnen als auch mit Versorgten sowie Feldaufenthalte in entsprechenden institutionellen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Die Daten werden mithilfe der Grounded Theory analysiert.

Meine heuristischen Hypothesen sind: 1. die Interaktion mit der Umwelt unterscheidet sich bei Personen, die eine Hörbeeinträchtigung haben, von der Umweltbeziehung derjenigen ohne Hörbeeinträchtigung; 2. Hörgerätealgorithmen haben einen Einfluss auf die körperlich-leibliche Selbstwahrnehmung; 3. Ziel der audiologischen Medizin ist die Sorgebeziehung auf eine Wartung von Technologien zu begrenzen.

Publikationen

Baumgartner, H., Paluch, R., Fuhrmann, K., Rennies, J., Meis, M. & Appell, J.-E. (2014). Usability evaluation of self-fitting interfaces for personalized sound systems. 17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, CD-ROM. ISBN 978-3-939296-06-5.

Paluch, R., Krüger, M., Schulte, M., Meis, M. & Holube, I. (2015). Einfluss von Fingerfertigkeit und Nahsehschärfe auf die Bedienung von HdO- und IdO-Hörgeräten. 18. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, CD-ROM. ISBN 978-3-9813141-5-1.

Paluch, R., Latzel, M. & Meis, M. (2015). A new tool for subjective assessment of hearing aid performance: Analyses of interpersonal communication. Proceedings of the International Symposium on Auditory and Audiological Research, volume 5, pp. 453-460.

Paluch, R. (2016). Sorgefall: Technisierte Selbstversorgung. Eine sozialwissenschaftliche Analyse der Interaktionsbeziehungen von Personen mit einer Hörgeräteversorgung bezogen auf die Technisierung der Sorge. In: Henkel, A., Karle, I., Lindemann, G. & Werner, M. (Hrsg.): Dimensionen der Sorge. Baden-Baden: Nomos, pp. 159-166.

Paluch, R., Krüger, M., Grimm, G. & Meis, M. (2017). Moving from the field to the lab: Towards ecological validity of audio-visual simulations in the laboratory to meet individual behavior patterns and preferences. 20. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie. CD-ROM. ISBN 978-3-9813141-7-5.

Beis, D., Paluch R. & Raich, J. (shared authorship). Raumwahrnehmung und a priori-Raum. Anmerkungen zum interdisziplinären Diskurs. In: Schlette, M., Fuchs, T. & Kirchner, A.M. (Hrsg.). Anthropologie der Wahrnehmung. Schriften des Marsilius-Kollegs, Bd. 16 (im Erscheinen).

 

Kontakt

Richard Paluch MA

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