Arbeitsgruppe Sozialwissenschaftliche Theorie

SCHWERPUNKT: SOZIALWISSENSCHAFTLICHE THEORIE

Das Lehr- und Forschungsprogramm ist an zwei Strängen orientiert: Theorievergleich und empirieorientierte Theorieentwicklung. Der Theorievergleich zielt darauf, in einer metatheoretischen Perspektive implizite Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Ansätzen in der soziologischen Theoriebildung herauszuarbeiten, denn nur auf dieser Grundlage lassen sich rational nachvollziehbar die Differenzen zwischen verschiedenen Theorien darstellen. Dies gilt insbesondere für die beiden großen Richtungen soziologischer Theoriebildung: die Handlungstheorien in der Tradition von Simmel, Weber und Schütz sowie die Systemtheorien in der Tradition von Parsons und Luhmann.

Auf der Grundlage einer kritischen Bestandsaufnahme sollen die Probleme und Desiderata soziologischer Theorien expliziert und Fragestellungen für eine Weiterentwicklung der allgemeinen soziologischen Theorie entwickelt werden. Das Verfahren der Theorieentwicklung schließt neben einer kritischen Reflexion der Traditionsbestände explizit eine empirieorientierte Weiterentwicklung soziologischer Theorie ein.

Die strikte Orientierung der empirischen Forschung an theoretischen Grundlagenfragen führt auf elementare ethische und rechtlich-politische Grenzfragen. Dazu gehören nicht zuletzt die modernen anthropologischen Grenzfragen, die sich vor dem Hintergrund der Erfolge der Lebenswissenschaften stellen. Aus einer soziologischen Perspektive ist dies die Frage danach, welche Funktion der Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung für die Zuerkennung des Personstatus zukommt.

1. Theorievergleich

Für die Durchführung eines rationalen Theorievergleichs ist es erforderlich, zwischen verschiedenen Ebenen soziologischer Theoriebildung zu unterscheiden.

  1. Sozialtheorie,
  2. Theorien begrenzter Reichweite/Theorien mittlerer Reichweite,
  3. Gesellschaftstheorie.

Unter Sozialtheorien sind diejenigen Annahmen zu verstehen, durch die festgelegt wird, was überhaupt unter sozialen Phänomenen verstanden werden soll, und welche Konzepte zentral gestellt werden: z.B. Handlung, Interaktion oder Kommunikation und System. Theorien begrenzter Reichweite sind solche über abgegrenzte soziale Phänomene. Im Unterschied dazu handelt es sich bei Gesellschaftstheorien um solche Theorien, die sich auf historische Großformationen beziehen wie etwa: die moderne Gesellschaft, die kapitalistische Gesellschaft oder die funktional differenzierte Gesellschaft.

Ad 1

Bei sozialtheoretischen Annahmen handelt es sich um grundlegende Theorien über die Beschaffenheit des Gegenstandes sowie um methodologische Konzepte, d.h. um Annahmen darüber, wie der Gegenstand zu beobachten ist und empirische Daten zu interpretieren sind. Durch solche Theorien wird konstitutiv festgelegt, was und wie etwas überhaupt als soziologisches empirisches Datum erscheinen kann. Sozialtheoretische Konzeptionen enthalten sowohl anthropologische als auch subjekttheoretische und ethische Vorannahmen, die im Weiteren als unbefragte Voraussetzungen in die theoretische Reflexion einfließen. Ein kritisch-systematischer Vergleich sozialttheoretischer Annahmen legt auch diese Dimensionen soziologischer Theorie frei und macht sie damit einer kritischen Infragestellung zugänglich. Insgesamt folgt daraus, auch die Philosophische Anthropologie (Plessner) in die soziologische Theoriebildung zu integrieren.

Ad 2

Theorien begrenzter Reichweite setzen solche beobachtungsleitenden Annahmen voraus. Es werden in einer bestimmten theoretischen Perspektive begrenzte Ausschnitte der sozialen Wirklichkeit untersucht. Im Resultat kann etwa eine Theorie über moderne Organisationen bzw. über die Entscheidungsprozesse in Organisationen entstehen oder eine Theorie darüber, aus welchen Gründen sich die Chancen für Angehörige unterer Schichten verschlechtert haben, einen gesellschaftlichen Aufstieg zu erfahren usw. Bei solchen Theorien ist der Versuch, sie direkt durch empirische Daten in Frage zu stellen, durchaus sinnvoll. Die eingeführte Form dafür ist der Falsifikationismus. Ob dieser die einzige Möglichkeit darstellt oder ob es die Möglichkeit geben sollte, dass gemäß der unterschiedlichen Konstruktion von Theorien auch unterschiedliche Empirebezüge begründet werden, wird bewusst offen gelassen. Denn nur dann kann etwa eine Theorie wie diejenige der "Theorie sozialer Systeme" eine faire Chance im Theorievergleich erhalten. In jedem Fall ergibt sich daraus bei der Durchführung von Vergleichen die Anforderung, Sozialtheorien daraufhin zu untersuchen, welche Angaben sie darüber enthalten, wie der Empiriebezug zu organisieren ist, um zu Theorien begrenzter Reichweite zu gelangen.

Ad 3

Soziologische Gesellschaftstheorien bauen mehr oder weniger locker auf Theorien begrenzter Reichweite auf. Sie haben den Anspruch ausgehend von empirischen Befunden zu einer integrierenden Gesamtsicht einer bestimmten Gesellschaftsformation zu gelangen. Nachdem bis in die 1980er Jahre hinein kritisch an Marx anschließende gesellschaftstheoretische Entwürfe dominierten, hat sich im Laufe der 1990er Jahre die Theorie funktionaler Differenzierung nahezu vollständig durchgesetzt. Diese Entwicklung hatte sowohl fachinterne als auch fachexterne Implikationen. Disziplinintern ging die Durchsetzung der Theorie funktionaler Differenzierung einher mit einer weitgehenden Verabschiedung eines zentralen Aspekts der gesellschaftstheoretischen Diskussion: Die normativ aufgeladene Frage nach dem Entwicklungssinn gesamtgesellschaftlicher Prozesse wurde zunehmend ausgeklammert. Auf diese Weise wird ein Problembereich soziologischer Theoriebildung aufgegeben, der seit Simmels und Webers Theorien der modernen Gesellschaft zum Kernbestand des Fachs gehört hatte. Hier ist es die Aufgabe des Theorievergleichs die vorhandenen Traditionsbestände zu sichten und für eine an empirischer Forschung orientierte Weiterentwicklung aufzubereiten. Hinsichtlich des Theorievergleichs geht es insbesondere darum, in welchem konzeptuellen Zusammenhang Sozialtheorie und Gesellschaftstheorie stehen. Bezogen auf die Dimension normativer Wertung, die in den klassischen Gesellschaftstheorien enthalten war, wäre der Vermutung nachzugehen, inwiefern der Aufstieg der philosophischen Ethik nicht eine zentrale Funktion von Gesellschaftstheorie ersetzt hat, nämlich eine praktisch wertende Stellungnahme zu gesellschaftlichen Entwicklungen abzugeben. Bis in die 1980er Jahre hinein war dies die Domäne der Gesellschaftstheorie, aus der sie zunehmend von der philosophischen Ethik (einschließlich der Bioethik) verdrängt worden ist.

2. Theorieentwicklung

Bei der Theorieentwicklung lassen sich generell zwei Verfahren unterscheiden: die selbstreferentielle Theorieentwicklung und die empirieorientierte Theorieentwicklung. Im Rahmen des selbstreferentiellen Verfahrens wird Theorie auf der Grundlage der Rezeption anderer Theorien entwickelt. Es hat sich seit einigen Jahrzehnten als einzig anerkanntes Verfahren in der soziologischen Theoriebildung durchgesetzt und zu einer strikten Trennung von allgemein soziologischer Theoriebildung und empirischer Forschung geführt. Dies gilt insbesondere für die Ebenen von Sozialtheorie und Gesellschaftstheorie. Empiriebezogene Theorieentwicklung ist gegenwärtig auf Theorien begrenzter Reichweite beschränkt, wobei in methodologischer Hinsicht die Orientierung an der Differenz von Verifikation und Falsifikation dominiert. In der Forschung der Arbeitsgruppe "Soziologische Theorie" wird der Aspekt der empirieorientierten Weiterentwicklung von Theorien begrenzter Reichweite tendenziell zurückgestellt, denn dieser fällt einerseits stark in die verschiedenen Bereiche der speziellen Soziologien hinein. Die Forschung konzentriert sich deshalb auf die empirieorientierte Weiterentwicklung soziologischer Sozial- und Gesellschaftstheorie.

2.1. Sozialtheorie

Die gegenwärtig in der Soziologie anerkannten Sozialtheorien arbeiten mit einem analytischen Elementarmodell des Sozialen, innerhalb dessen sich zwei Ebenen unterscheiden lassen: 1. eine dyadische Ego-Alter-Konstellation, in der die Beteiligten ihre aufeinander bezogenen Erwartungen deuten und dadurch ihr Verhalten aufeinander abstimmen; 2. in dieser Beziehung entsteht eine emergente Ordnung, die nicht mehr auf das Verhalten eines der Beteiligten zurückgeführt werden kann.

Im Rahmen dieser Konzeption sozialer Emergenz lassen sich mindestens drei offene Forschungsprobleme für Theorievergleich und -entwicklung ausfindig machen:

  1. Wie wird der Kreis derjenigen beschränkt, die füreinander als alter Ego auftreten können?
  2. Welche subjekttheoretischen, bzw. anthropologischen Annahmen gehen in die verschiedenen Theorien ein?
  3. Wie lässt sich der Sachverhalt der Emergenz begreifen?

Ad 1

Die erste Frage wird in der soziologischen Theoriebildung zumeist als gelöst vorausgesetzt, indem ausschließlich lebende und bewusst agierende Menschen als solche Entitäten betrachtet werden, die füreinander soziale Personen sein können. Dies affirmiert unreflektiert den Konsens moderner Gesellschaften, wonach nur lebende Menschen als handelnde Akteure zu werten sind. Diese Annahme wurde immer wieder durch prominente Vertreter des Fachs problematisiert (etwa Luckmann) und wird in jüngster Zeit vor allem durch die Ergebnisse der internationalen Wissenschafts- und Technikforschung in Frage gestellt. Diese Herausforderung soll in einer auf Theoriebildung abzielenden empirischen Forschung aufgenommen werden. Thematisch führt diese Frage auf die aktuellen anthropologischen Grenzfragen einschließlich ihrer ethischen und politischen Dimensionen. Wenn in modernen Gesellschaften nur lebende Menschen füreinander soziale Personen sein können, führt die sozialtheoretisch inspirierte Frage danach, wie der Kreis derjenigen geschlossen wird, die füreinander ein Alter Ego sein können, auf die Frage nach den Grenzen des Menschlichen, d.h., auf die Fragen: Wann beginnt das menschliche Leben in gesellschaftlich institutioneller Hinsicht? Wann endet es? Und: wie werden diese Grenzfragen praktisch entschieden? In vergleichbarer Weise stellen sich die Fragen nach den anthropologischen Grenzen hinsichtlich der als unüberschreitbar geltenden Grenzen zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Mensch und Tier.

Ad 2

Die Öffnung des Kreises möglicher sozialer Personen macht deutlich, dass es nicht nur theoretisch, sondern auch mit Blick auf empirische Forschungen von Bedeutung ist, die subjekttheoretischen bzw. anthropologischen Voraussetzungen soziologischer Theorien zu klären. Welche Akteurskonzepte, welche Form von Rationalität wird in sozialwissenschaftlichen Theorien als gültig unterstellt? Denn solche Annahme präformieren den empirischen Blick.

Ad 3

Die dritte Frage - Wie lässt sich der Sachverhalt der Emergenz begreifen? - führt auf das Theorieschisma der Soziologie, nämlich die Differenz von Handlungs- und Systemtheorie. Zwar werden in der aktuellen Diskussion Handlungstheorien und Systemtheorien nicht mehr als unvereinbar einander gegenüber gestellt, aber es ist bislang noch nicht gelungen eine Synthese zu erreichen. Die theoretische Analyse des Emergenzproblems dient dazu, die Frage zu klären, ob eine Synthese der beiden Ansätze möglich, oder ob es eher angemessen ist, einen dritten Weg zwischen den etablierten Optionen zu versuchen.[1] Insbesondere gilt es zu klären, ob und inwiefern die dyadische Ego-Alter-Konstellation analytisch ausreicht, oder ob nicht eine grundlegende Erweiterung um einen dritten Akteur vorzunehmen ist.

Sozialtheorien sind hoch abstrakt, denn sie sollen dem Anspruch nach für die Analyse aller Gesellschaften gültig sein. Derart abstrakt universale Konzepte sind in den Sozialwissenschaften immer wieder in die Kritik geraten. Historisch begleitet eine solche Kritik die Erkenntnisansprüche der Geistes- und Sozialwissenschaften seit ihrem Entstehen. Sie beginnt in Deutschland mit der Aufdeckung der Kulturgebundenheit von Erkenntnis im deutschen Historismus (Dilthey, Misch) und setzt sich in den 1970er Jahren fort mit der Kritik an einem impliziten "male bias" der abstrakt und neutral gedachten Subjekte der soziologischen Theorie. Aktuell wird eine vergleichbare Kritik an der Universalität des Konzepts der Moderne formuliert, das die westliche Moderne als einzig mögliche Form der Moderne begreift. Um einen impliziten "male white European bias" bei der Formulierung abstrakter sozialtheoretischer Konzepte zu vermeiden, ist es erforderlich, die Forschung international vergleichend anzulegen. Es wird also zum einen danach gefragt, ob und inwiefern sich die oben genannten anthropologischen Grenzfragen zumindest in den technologisch hoch entwickelten Zentren, d.h. in Europa, Israel, den USA und Japan sowie China, Indien und Brasilien, in der gleichen Weise stellen. In vergleichbarer Weise muss auch das Problem der Emergenz von Ordnung in einer kulturell und gesellschaftlich vergleichenden Perspektive untersucht werden. Nur so können Emergenzkonzepte vermieden werden, die strukturell eurozentrisch sind und evtl. schon den Blick auf die us-amerikanische Gesellschaft verzerren.

2.2. Gesellschaftstheorie

Gesellschaftstheorien charakterisieren soziale Großformationen als Ganzes, wie etwa die funktional differenzierte Gesellschaft oder die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft. Solche Charakteristika dienen nicht zuletzt dazu, den Entwicklungssinn sozialer Prozesse zu bestimmen. Vor diesem Hintergrund können die schon erwähnten anthropologischen Grenzfragen in einer gesellschaftstheoretischen Perspektive untersucht werden. Dies führt auf die allgemeine Frage, welche Bedeutung den Lebenswissenschaften, einschließlich der Neurowissenschaften, für die Gestaltung des sozialen Lebens in den modernen Gegenwartsgesellschaften zukommt, etwa für die Frage, wie der Personstatus zuerkannt und aberkannt wird. Die allgemeine Frage nach der Bedeutung der Lebenswissenschaften für die Gestaltung des sozialen Lebens gehört zu den zukünftig an Bedeutung gewinnenden Feldern in der internationalen soziologischen Debatte, was etwa in prominenten Zeitschriftenneugründungen zum Ausdruck kommt.[2]

Wenn man diese Fragen in der Perspektive der gesellschaftlichen Funktion der anthropologischen Differenz untersucht, ergibt sich empirisch ein vierfach gegliedertes Untersuchungsfeld:

                                                 Maschine

         Lebensanfang                                                 Lebensende

                                                     Tier

Die leere Mitte der vierfachen Abgrenzung ist dasjenige, das durch die vierfache Abgrenzung bestimmt wird: die Identität von Personsein und lebendiger Mensch-sein. Diese Abgrenzung hat sowohl einen sachlichen Gehalt, denn Menschen gelten faktisch als diejenigen, die personal existieren, als auch einen ethischen bzw. normativen Gehalt, denn es soll gerade nicht auf den aktuellen Vollzug personaler Leistungen ankommen, ob Menschen Personen sind. Vielmehr werden Menschen als Personen auch dann anerkannt, wenn sie komatös sind und noch nicht einmal einfachste kognitive Leistungen vollbringen können.

Entsprechend dieser Aufteilung ergeben sich vier Forschungsschwerpunkte, die sowohl in sozialtheoretischer als auch in gesellschaftstheoretischer Perspektive zu bearbeiten sind. Es ist nicht primär Aufgabe der Soziologie selbst zur Praxis der Grenzziehungen Stellung zu nehmen. Vielmehr kommt der Soziologie zunächst die Aufgabe zu, das Verhältnis von normativen und faktischen Aspekten in der Praxis der Grenzziehung zu untersuchen. Dazu gehört in empirischer Hinsicht eine den Standards der empirischen Wissenschaftsforschung entsprechende Untersuchung der involvierten neurowissenschaftlichen Forschungspraxis, der Robotik, sowie der Forschungs- und therapeutischen Praxis der Medizin.

Das Ziel ist es, auf der Grundlage solcher Forschungen zu gesellschaftstheoretisch relevanten Aussagen über den Richtungssinn möglicher technisch-gesellschaftliche Entwicklungen zu kommen, die eine differenzierte empirisch begründete wertende Stellungnahme erlauben. Mit dieser bescheidener gewordenen Ambition, wird die ehemals allumfassende gesellschaftstheoretische Stellungnahme abgelöst durch einen soziologischen Beitrag zur empirischen Ethik. Mit diesem Ansatz wird zugleich ein Anschluss an eine internationale Debatte hergestellt, die unter dem Stichwort "empirical ethics" stattfindet. Empirische Ethiken setzen darauf, die Entstehung von Normen und Werten in sozialen Interaktionen in die ethische Reflexion einzubeziehen. Die Orientierung an abstrakten ethischen Theorien soll entweder ganz aufgegeben oder zumindest einer empirischen Aufklärung unterzogen werden. Diesem Ansatz gemäß kann eine wertende Stellungnahme als solche nur im Verbund einer interdisziplinären Stellungnahme durch Naturwissenschaften, Theologie, Ethik und Soziologie erfolgen.

Über die Universität hinaus können die Ergebnisse solcher Studien im Sinne einer ethischen Expertise sowohl für die politischen Entscheidungsträger als auch für die medizinische Praxis fruchtbar gemacht werden.

 

[1] Diesen Fragen muss sich die soziologische Theoriebildung stellen und zwar orientiert an dem durch die Theoriekonstruktion ermöglichten Problembewusstsein. Dazu gehört vor allem die Einsicht in den spezifischen Charakter, den sozialtheoretische Annahmen im Verhältnis zu empirischen Daten haben. Das heißt, es geht darum, in der empirischen Forschung neue Formen des Empiriebezugs zu erproben, die die Orientierung an der Differenz Verifikation/Falsifikation ersetzen können. Als Alternative dazu hat sich die Orientierung an der Differenz Präzision/Irritation bewährt, die in weiteren Forschungen methodenkritisch zu erproben ist. Praktisch beinhaltet dies auch eine Weiterentwicklung interpretativer Methoden. Diese können nicht einfach angewendet, sondern sie müssen in einer doppelten Weise modifiziert werden: Zum einen gilt es, die in ihnen implizit enthaltenen sozialtheoretischen Annahmen reflexiv zu explizieren, und zum anderen darum, die impliziten Anteile des Falsifikationismus zu identifizieren und durch die Orientierung an der Differenz Irritation/Präzision zu ersetzen. Erst dadurch werden sie für eine Weiterentwicklung sozialtheoretischer Annahmen verwendbar.

[2] Etwa die von der London School of Economics ausgehende Begründung der Zeitschrift "Biosocieties".