Phonische Variation in weißrussisch-russisch gemischter Rede

Jan Patrick Zeller

Der Begriff Trasjanka ist eine Laienkategorie zur Bezeichnung weißrussisch-russisch gemischter Rede (WRGR) im urbanen Belarus. Trotz ihrer weiten Verbreitung verfügt WRGR über ein sehr niedriges overtes Prestige und wird oft als ‚unreines’ Russisch/Weißrussisch bezeichnet. Die Ursprünge dieses gemischten Sprechens liegen in einer rasanten Urbanisierung Belarus’ während der 1960er und 1970er Jahre, die zur Folge hatte, dass große ehemals ländliche Bevölkerungsteile sich in einer sozial und sprachlich russisch dominierten Umgebung wiederfanden. Der linguistische Status von WRGR ist unklar und bis vor kurzem kaum systematisch, d.h. quantitativ untersucht worden. Obwohl mit Weißrussisch und Russisch hier zwei anerkannte Standardsprachen involviert sind, erinnert deren enge Verwandtschaft und hohe strukturelle Affinität an eine Dialektkontaktsituation, wie sie von Trudgill (1986) beschrieben wird. Trudgill zufolge ist nach einer initialen Phase der Diffusion, in der Elemente der interagierenden Dialekte als freie Varianten auftreten, erst in der dritten Generation eine weitestgehend einheitliche neue Varietät zu erwarten. In der zweiten Generation dagegen kann die Distribution dieser Elemente sozialen Parametern folgen oder innerhalb eines Sprechers je nach Sprechsituation variieren. WRGR befände sich in diesem Schema am Übergang zur dritten Generation.

Während in jüngster Vergangenheit einige Ansätze hinsichtlich der morphologischen Seite der Trasjanka unternommen worden sind (z.B. Hentschel 2008), ist die phonetische und phonologische Seite noch ununtersucht. Zwischen den phonetisch-phonologischen Systemen des Weißrussischen und des Russischen bestehen einige saliente Unterschiede:

  • das sogenannte Jakane: Im Weißrussischen werden nach palatalisierten Konsonanten die Vokalphoneme /a/, /o/, /e/ in unbetonten Silben zu [a] neutralisiert. Im Russischen liegt dagegen sogenanntes Ikane vor: /a/, /e/, /o/ und /i/ werden zu [i] neutralisiert
  • Affrikatisierung der historischen Plosive /t'/ and /d'/ im Weißrussischen
  • Existenz zweier Phoneme /r'/ und /r/ im Russischen, während im Weißrussischen nur /r/ vorkommt
  • der Plosiv /g/ im Russischen, dem im Weißrussischen der Frikativ /h/ entspricht

In WRGR variieren diese phonetischen Merkmale beider Standardsprachen sowie Merkmale weißrussischer Dialekte. Auf der Grundlage des Oldenburger Korpus zur WRGR (Teilkorpora aus 7 weißrussischen Städten, insgesamt ca. 210.000 Wortformen, familiäre Gesprächskontexte) wird mithilfe instrumental-phonetischer Methoden eine statistische Analyse durchgeführt, die untersucht, ob sich diese Variation an soziolinguistischen Parametern wie Generation, Geschlecht, soziale Herkunft orientiert und ob sich Tendenzen zu einer Verfestigung der WRGR in Richtung eines neuen Lektes ausmachen lassen.

Literatur:

HENTSCHEL, G. (2008): On the development of inflectional paradigms in Belarusian trasjanka: theexample of demonstrative pronouns. In: G. Hentschel; S. Zaprudski (eds.): Belarusian Trasjanka andUkrainian Suržik. Structural and social aspects of their description and categorization. Oldenburg: BIS, 99-133

TRUDGILL, P. (1986): Dialects in contact. Oxford: Blackwell

 

Sprachen und Rede in Belarus

Gemischte Rede "Trasjanka"