Syntagmatische Aspekte der gemischten weißrussisch-russischen Rede: Kodewechsel, Kodemischung und verwandte Phänomene.

Sviatlana Tesch 

Der Terminus „Trasjanka“ bezeichnet die „gemischte“ Rede in Weißrussland, in welcher sich weißrussische und russische Elemente und Strukturen in kurzer Folge, d.h. auch innerhalb von einzelnen Sätzen (Äußerungen) abwechseln. Schon die semantische Seite der Etymologie des Terminus „Trasjanka“, ‘mit Stroh gestrecktes Heu, also schlechtes Viehfutter’ deutet die negative Konnotation an. Die Trasjanka wird in der Öffentlichkeit häufig entweder als „verdorbenes Russisch“ oder als „verdorbenes Weißrussisch“ stigmatisiert.

Die Trasjanka stellt zunächst eine „Laienkategorie“ dar. Sie ist also keine nach sprachwissenschaftlichen (kontaktlinguistischen) Kriterien abgegrenzte Kategorie (Soziolekt, Register o. dgl.). Vielmehr bringt sie die Einsicht von breiteren Teilen mehr oder weniger sprachbewusster Laien zum Ausdruck, die das Nebeneinander, das Mischen von weißrussischen Elementen und Strukturen einerseits und russischen andererseits erkannt haben und eben in der Öffentlichkeit in der Regel verurteilen.

Wenn die Trasjanka als „Varietät“ bzw. „Mischvarietät“ bezeichnet wird, so ist das im weiteren Sinne als „potentielle Varietät“ zu verstehen. Ob die Trasjanka etwas „eigenständiges, wenn auch gemischtes Drittes“ neben dem Weißrussischen und Russischen ist, ist einer der zentralen Fragen der Arbeit. Klar ist, dass der „Grad der Mischung“ in der Trasjanka über eine Verwendung des Russischen mit weißrussischem „Akzent“ (weißrussische phonische Interferenzen in der Rede oder im System einer weißrussischen Variante des Russischen) und gelegentlichen lexikalischen Weißrussismen, d.h. über einen usuell fixierten weißrussischen „Natiolekt“ des Russischen (wie manchmal in der Literatur gesagt wird) , hinausgeht. Sie ist ein Produkt des Sprachkontakts zwischen dem in Weißrussland seit mehr als einem Jahrhundert politisch und sozial dominierenden Russischen und dem autochthonen Weißrussischen und ist in sehr verbreitet.

Die Trasjanka und der weißrussische Natiolekt des Russischen liegen in einem „Spannungsfeld“ zwischen weißrussischer Hochsprache, die nur von relativ wenigen gesprochen wird, und weißrussischen Dialekten einerseits und der russischen Hochsprache sowie substandardlichen Formen des Russischen andererseits.

Die Dissertation ist eingebettet in ein Forschungsprojekt, das derzeit an der Sprachwissenschaft der Oldenburger Slavistik betrieben wird und von der Volkswagenstiftung gefördert wird. In der geplanten Dissertation stehen das Phänomen des Kodewechsels und des Kodemischens sowie andere abstrakte syntagmatische Relationen wie Kongruenz und Rektion von Kasus und Präposition im Vordergrund. Das zentrale Ziel der Arbeit ist also kontaktlinguistischer Art. Es soll geprüft werden, welche Typen des Kodewechsels in  „Trasjanka-Gesprächen“ mit welcher Häufigkeit nachzuweisen sind. Dies sind nach Muysken (2000) die Alternation, die Insertion und die sog. „kongruente Lexikalisierung“, wobei der erste Typ sowohl intrasentenziell (innerhalb einer Äußerung) sowie intersentenziell (an der Äußerungsgrenze) auftreten kann, die beiden letzteren jedoch nur intrasentenziell. Das gewonnene Bild über den Wechsel von weißrussischen, russischen, gemeinsamen und ggf. hybriden  Wortformen (Morphemen) soll anschließend auf dem Hintergrund  des Kodewechsel-Kodemischung-Modell von Auer (1998)  bewertet werden hinsichtlich dessen, ob es Hinweise auf ein neues drittes System vorliegen. Dies soll über die Ermittlung von Präferenzen des Gebrauchs bestimmter russischer oder weißrussischer (oder gemeinsamer Elemente), Konstruktionen, aber auch des Gebrauchs abstrakter grammatischer Muster wie Kongruenz und Rektion erreicht werden.