„Die belarussisch-russische Mischvarietät „Trasjanka“ als Kommunikationsmittel bei belarussischen Jugendlichen und Kindern (Schülern)“

Natallia Krauchanka

 

Offiziell ist die Republik Belarus zweisprachig, mit zwei Staatssprachen, Belarussisch und Russisch, die de jure gleichberechtigt sind, von denen de facto jedoch das Russische den öffentlichen Raum dominiert. In der alltäglichen Praxis ist die Sprachsituation im Land aber um einiges komplizierter. Neben den beiden genannten Sprachen ist in Belarus eine weitere Varietät, vor allem in der mündlichen Rede sehr verbreitet – die so genannte Trasjanka. Unter Trasjanka wird eine gemischte Rede verstanden, in der sowohl belarussische als auch russische sowie hybride Elemente und Strukturen auftreten. Diese Varietät ist ein Reflex des langen und intensiven belarussisch-russischen Sprachkontakts.

Seit Ende 2008 wird von der Oldenburger Slavistik gemeinsam mit dem Oldenburger Institut für Sozialwissenschaften sowie Belarussisten und Soziologen der Belarussischen Staatsuniversität Minsk ein Forschungsprojekt durchgeführt, um diese Mischvarietät zu untersuchen. Das Projekt wird von der Volkswagenstiftung gefördert.

Die geplante Dissertation stellt eine ergänzende Untersuchung zu diesem Projekt dar, deren zentrale Frage ist: Inwieweit ist die gemischte Rede bei den jüngsten Sprechern in Belarus vertreten? Diese Frage ist insofern relevant, als dass die heutigen Jugendlichen und Kinder in der Regel schon die zweite Generation nach derjenigen Generation sind, mit der man gemeinhin die Entstehung oder zumindest die weite Verbreitung der Trasjanka verbindet, der Generation der Massen von Land-Stadt-Migranten, die die massive Industrialisierung und Urbanisierung in Belarus nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hatte. Die jüngste Generation wäre somit die dritte Generation von Trägern einer gemischten Varietät.

In der Soziolinguistik wird oft die Meinung vertreten, dass sich in der dritten (oder vierten) Generation, zumindest vorläufig, das Schicksal von gemischten Formen der Rede entscheidet.

1) Eine gemischte Redeform kann entweder ein Übergangsphänomen darstellen, wenn etwa eine Sprachgemeinschaft von einer Sprache / einem Dialekt A zu einer Sprache / einem Dialekt B wechselt: Der Wechsel kann mit der dritten (vierten) Generation zum Abschluss kommen.

2) Oder es kann sich gerade in der dritten Generation eine gewisse Stabilisierung in der gemischten Rede, die aus Elementen aus A und B besteht, ergeben, d.h. eine neue Sprache, eine neue gemischte Varietät C kann sich entwickeln.

Alle Kenner der belarussischen Sprachsituation sind sich darüber einig, dass sich in der belarussischen Gesellschaft ein Wechsel von der belarussischen zur russischen Sprache vollzieht. Dies ist aber zunächst ein Phänomen des Gebrauchs der Standardsprachen, bis in den Bereich der Bildung. Zur Trasjanka wird von einigen die Meinung vertreten, dass sie ein vorübergehendes Epiphänomen eines solchen Sprachwechsels sei. Demgegenüber steht die Annahme, dass sich die gemischte Rede als areale, belarussische Subvarietät dauerhaft etablieren kann, abgesehen davon, ob ein solcher Wechsel letztendlich zum Abschluss kommt oder auch nicht. Insofern würde der Nachweis von gemischter Rede bei den jüngsten Sprechern, der dritten Generation, die letztere Annahme stützen.

Grundlage der Untersuchung ist ein Korpus aufgezeichneter Rede von Kindern aus sieben belarussischen Städten. Dieses Korpus umfasst ca. 50.000 Wortformen. Die sieben Städte wurden so gewählt, dass in jeder der drei belarussischen Dialektgruppen (der nordöstlichen, der zentralen und der südwestlichen) eine westliche und eine östliche Stadt berücksichtigt werden, sowie außerdem die Hauptstadt Minsk.

Nach der Annotation der Daten hinsichtlich grammatisch-morphologischer Kriterien und hinsichtlich der „Herkunft“ der Wortformen aus dem Belarussischen, aus dem Russischen oder aus dem gemeinsamen Bestand beider Sprachen sollen anhand von quantitativen Methoden folgende Fragen beantwortet werden:

1) Inwieweit ist die Rede belarussischer Schüler gemischt belarussisch-russisch, inwieweit (eher) „rein“ belarussisch oder russisch?

2) Kann dies differenziert werden nach einschlägigen soziolinguistischen und pragmatischen Kriterien wie der sozialen Herkunft der Schüler, Alter, Geschlecht, Region, Gesprächspartner, Gesprächsgegenstand?

3) Inwieweit ist die Rede der Schüler vergleichbar mit der Rede der Erwachsenen, die in dem gesamten „Trasjanka-Projekt“ untersucht wird?

4) Inwieweit lassen sich Einsichten der aktuellen Forschung zum Kodewechsel und Kodemischen und zu sogenannten Mischsprachen bzw. „fused lects“ auf die gemischte Rede der Schüler anwenden?