Sprachideologische Debatten in Belarus’ 1995-2008. Eine Analyse von Pressetexten

Mark Brüggemann,Oldenburg

1. Möglichkeiten und Grenzen der Fragestellung
Die Lage der weißrussischen Sprache in Belarus’ unter der Präsidentenherrschaft von Aljaksandr Lukašenka, der seit 1994 im Amt ist, ist uneindeutig. Diachron betrachtet, übernahm die Republik Belarus’, 1991 als unabhängiger Staat gegründet, das sprachliche Erbe der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR), in der jahrzehntelang das Russische den städtischen Alltag dominiert hatte und auch auf dem Land als Zweitsprache verbreitet gewesen war (vgl. HENTSCHEL 1997, 232). In synchroner Betrachtungsweise erscheint das Weißrussische Anfang des 21. Jahrhunderts in einer eigentümlichen Zwischenposition zwischen Mehrheits- und Minderheitssprache (ZAPRUDSKI 2007, 112). Es ist einerseits eine der anerkannten slavischen (Literatur-)Sprachen, Sprache der Titularnation des weißrussischen Staates und eine der beiden Staatssprachen von Belarus’ – neben dem Russischen. Andererseits haben in Umfragen nur zwischen 11 und 37% der Bevölkerung angegeben, tatsächlich im Alltag Weißrussisch zu sprechen (ZAPRUDSKI 2007, 112). Aufgrund dieser geringen tatsächlichen Sprachverwendung ist das Weißrussische zu den bedrohten Sprachen gezählt worden, bei RZETELSKA-FELESZKO 1997 etwa zusammen mit dem Sorbischen.

Neben diesem Auseinanderklaffen von offiziellem Status und tatsächlicher Verwendung der weißrussischen Sprache wird häufig auf die Politisierung der Sprachenfrage in Belarus’ hingewiesen. In der Bevölkerung von Belarus’ und bei ausländischen Beobachtern des politischen Geschehens in Weißrussland gilt das Weißrussische oft als Sprache der Anti-Lukašenka-Opposition, von den Machthabern dargestellt als Sprache von Gegenmacht und Instabilität sowie als Quelle gewalttätiger Aktionen (GOUJON 1999, 673). Die heutigen Hauptfunktionen der weißrussischen Literatursprache, so wird in diesem Zusammenhang konstatiert, seien eine symbolische und metasprachliche, weniger eine kommunikative (MEČKOVSKAJA 2002, 129f).

Herrscht im Allgemeinen über die Rolle der weißrussischen Sprache als politischer Faktor in Belarus’ Konsens, so sind die Akzentsetzungen in wissenschaftlichen und publizistischen Beiträgen unterschiedlich, wenn es um die Frage geht, wo denn die Hauptursache für den geringen Gebrauch des Weißrussischen zu suchen sei. Während die einen Autoren vor allem der weißrussischen Staatsführung vorwerfen, mit ihrer Politik den Verfall der weißrussischen Sprache und Kultur zu bezwecken oder zumindest nicht zu unterbinden (z.B. BIEDER 2000, 663), heben andere stärker hervor, dass weder die staatliche Sprachenpolitik unter Lukašenka noch die sowjetische Sprachenpolitik allein für die geringe praktische Bedeutung der weißrussischen Sprache verantwortlich zu machen sei (so etwa IOFFE 2003, 1041).

Aus dem Einblick in die unterschiedlichen Bewertungen der sprachlichen Situation im heutigen Belarus’ sowie der Sprachenpolitik des unabhängigen Staates Weißrussland seit 1991 entstand die Idee für mein Dissertationsprojekt. Ausgehend vom grundsätzlichen Respekt sowohl für den Teil der weißrussischen Gesellschaft, für den der Erhalt der weißrussischen Sprache einen eigenständigen Wert darstellt, als auch für den Teil, der ein eher pragmatisches als emotionales Verhältnis zur Verwendung von Sprache(n) hat, soll die Dissertation einen Beitrag zum besseren Verständnis der politischen und sozialen Bedeutung der weißrussischen Sprache in der Gesellschaft von Belarus’ leisten. Um dies zu erreichen, soll ein differenziertes Bild von den Argumentationsstrategien geliefert werden, mit denen Sprachschützer, Politiker, Intellektuelle und einfache Bürger im Pressediskurs über die weißrussische Sprache und ihre Rolle in der Gesellschaft operieren.

Ein Forschungsprojekt wie das hier vorgestellte, das sich der Slavistik zurechnet, aber kein im engeren Sinne linguistisches ist, mag zu Recht auf gewisse Vorbehalte stoßen. Noch verstärkte Berechtigung erhält diese Skepsis durch das auf den ersten Blick recht heterogene Spektrum von Einzelthemen, die in der Arbeit angesprochen werden sollen und im Grunde einer jeweils eigenständigen Erforschung bedürften. Dazu sei gesagt, dass Erkenntnisinteresse meiner Dissertation nicht die Untersuchung der tatsächlichen Sprachenverwendung, Sprechereinstellungen oder Sprachenpolitik in Belarus’, sondern die Repräsentation dieser und anderer Aspekte im Diskurs ausgewählter Printmedien ist. Es soll also sozusagen die sprachliche Metametaebene erforscht werden, unabhängig von der Tatsache, dass die – tatsächlichen oder vermeintlichen – sprachlichen Fakten, auf die im Pressediskurs Bezug genommen wird, Gegenstände jeweils eigener, im engeren Sinne sprachwissenschaftlicher, Arbeiten waren, sind oder sein könnten.

Der Diskurs über Sprache ist gegenüber dem sprachlichen Ist-Zustand keineswegs ein weniger lohnendes Forschungsobjekt. Die Begriffe, Vorstellungen und Argumentationsweisen, die sich in ihm manifestieren, stehen in enger Wechselwirkung mit dem Bewusstsein und tatsächlichen Verhalten der sprachlichen und sprachenpolitischen Akteure. Werden zum Beispiel bestimmte sprachliche Zusammenhänge im Diskurs einflussreicher nationaler Medien über Sprache verschwiegen, so können diese – obwohl wissenschaftlich nachgewiesen und im internationalen Expertendiskurs common sense – aus Bewusstsein und Handeln der Sprecher und sprachenpolitischen Entscheidungsträger ausgeschlossen bleiben. Umgekehrt kann der Mediendiskurs auch verstärkende Wirkung auf Bewusstsein und Handeln sprachlicher und sprachenpolitischer Akteure haben – Themen und Zusammenhänge, die in der metasprachlichen Debatte immer wieder angesprochen werden, verfestigen sich als „Wissen“, das nicht mehr in Frage gestellt wird und handlungsleitende Wirkung hat.

Zur Auswahl der Presseartikel, die in die geplante Dissertation eingehen sollen, ist anzumerken, dass diese in der Tat eine recht große thematische Heterogenität aufweisen. Der Verfasser ist sich dieser Problematik bewusst, hofft aber, in der entstehenden Forschungsarbeit den Nachweis nicht schuldig zu bleiben, dass die darin behandelten Einzelaspekte der Sprachdebatte alle mit der Frage zusammenhängen, die für die Dissertation von Interesse ist: Welche Rolle soll die weißrussische Sprache im öffentlichen Leben von Belarus’ spielen?

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Debatten über Sprach- und Sprachenpolitik1 sowie das Verhältnis von Sprache, Nation und Staat in Belarus’. Für die Analyse wurden die Tageszeitung „Zvjazda“, die Wochenzeitung „Naša Niva“, die ein- bis zweimonatlich erscheinende Zeitschrift „Arche“ sowie „Naša Slova“, das wöchentlich erscheinende Bulletin der Gesellschaft für weißrussische Sprache (Tavarystva Belaruskaj Movy, abgekürzt TBM) ausgewählt. Den Untersuchungszeitraum bilden grundsätzlich die Jahrgänge 1995 bis 2008; 1995 als Ausgangsjahr wurde ausgewählt, da der weißrussische Präsident in diesem Jahr das so genannte Staatssprachen-Referendum durchführen ließ, das meist als Beginn einer neuen Phase der staatlichen Sprachenpolitik in Weißrussland gesehen wird (vgl. etwa GUTSCHMIDT 2000). Um gleichzeitig dem Anspruch eines Beitrags mit möglichst aktuellem Anwendungswert – im Sinne eines besseren Verständnisses der Debatte um Sprache und Nation in Belarus’ - zu genügen, sollen neu hinzukommende Pressebeiträge zum behandelten Themenkomplex bis in die Schreibphase der Dissertation hinein gesichtet und ausgewertet werden. Dabei sind allerdings einige Einschränkungen zu berücksichtigen: Erstens existiert die ausgewertete Zeitschrift „Arche“ erst seit 1998. Zweitens war dem Verfasser „Naša Slova“, das Bulletin der TBM, nur bis einschließlich 2004 zugänglich, abgesehen von vereinzelten Ausgaben, die aus den darauf folgenden Jahren eingesehen werden konnten. („Naša Slova“ ist z.Zt. auch nicht im Internet zugänglich.) Drittens war eine Komplettauswertung der Druckausgaben von „Zvjazda“ und „Naša Niva“ nur bis einschließlich 2006 möglich; Artikel aus den Jahren 2007 und 2008 sind den Internetseiten der beiden Zeitungen entnommen, die zwar nahezu täglich, aber nicht völlig lückenlos eingesehen werden konnten.

Als recht problematisch bei der Konzeption der Arbeit erwies sich die Auswahl geeigneter Printmedien für die Analyse der sprachideologischen Debatten. Einerseits war es ein Desiderat, ein möglichst großes Spektrum von veröffentlichten Meinungen zur politischen und gesellschaftlichen Rolle der weißrussischen Sprache abzudecken, von deutlich pro-russischen über gemäßigte bis hin zu dezidiert national-weißrussischen Positionen. Andererseits konnte aus forschungspraktischen Gründen nur ein sehr kleiner Teil der in Belarus’ erscheinenden Printmedien ausgewählt werden.

Bei der ersten Sichtung der auflagenstärksten und bekanntesten weißrussischen Zeitungen und Zeitschriften wurde eine Korrelation des Standpunkts des jeweiligen Mediums in der Sprach(en)debatte mit staatlicher bzw. nicht-staatlicher Herausgeberschaft einerseits, tatsächlicher Sprachverwendung des jeweiligen Mediums andererseits vermutet. Für die tatsächliche Sprachverwendung kamen das Russische sowie zwei Varianten des Weißrussischen in Frage – zum einen die offiziell im weißrussischen Bildungssystem gelehrte Variante, die so genannte „Narkamaǔka“, zum anderen die „Taraškevica“ oder klassische Variante des Weißrussischen, die an den Zustand der weißrussischen Sprache vor einer unter Stalin 1933 durchgeführten Reform anzuknüpfen versucht2. Ausgehend von der genannten, natürlich etwas simplizistischen Vermutung wurde ein tendenziell klar pro-russischer/gesamtslavischer Standpunkt für staatliche Printmedien, die auf Russisch herausgegeben werden, angenommen. Eine in der Tendenz deutlich weißrussisch-nationale Position dagegen vermutete der Verfasser in dem Teil der nichtstaatlichen weißrussischen Presse, die auf Weißrussisch, und zwar in der Taraškevica, erscheint. Zwischen diesen beiden Polen vermittelnde Standpunkte dagegen wurden für russischsprachige nichtstaatliche, zweisprachige und weißrussischsprachige staatliche, zweisprachige nichtstaatliche sowie durchgängig in offiziellem Weißrussisch erscheinende nichtstaatliche Printmedien angenommen. Als „ideales“ Printmedium für die in meinem Dissertationsprojekt angestrebte Analyse wäre dann auf der einen Seite des Spektrums „Belarus’ Segodnja/Sovetskaja Belorussija“ (SB) auszuwählen gewesen, die mit Abstand auflagenstärkste staatliche Zeitung, die in russischer Sprache erscheint (vgl. DOROCHOW 2005, 27). Auf der anderen Seite hätte „Naša Niva“ (NN) gestanden, die älteste weißrussischsprachige Zeitung, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in den Debatten der national gesinnten Intelligenz spielte, 1991 mit dem Ziel der weißrussischen „kulturellen Emanzipation“ wiedergegründet wurde und in der „Taraškevica“ erscheint, seit 2005 unter Ausschluss vom staatlichen Vertriebssystem (vgl. ABOUT NASHA NIVA). Um zwei vermittelnde Standpunkte in die Untersuchung zu integrieren, hätten z.B. die weißrussischsprachige staatliche Zeitung „Zvjazda“ (ZV) und die russischsprachige nichtstaatliche Zeitung „BelGazeta“, die sowohl über die Politik der weißrussischen Staatsführung als auch über die national gesinnte Opposition mit kritischer bis ironischer Distanz berichtet, untersucht werden können. Es stellte sich dann aber bei der ersten Sichtung der weißrussischen Presse heraus, dass die Sprachenproblematik in Belarus’ von den auflagenstarken russischsprachigen Printmedien – und zwar sowohl den staatlichen als auch den nichtstaatlichen – nur äußerst selten thematisiert wird, so dass die Materialbasis für den dort vermuteten Teil des Meinungsspektrums sehr dünn gewesen wäre. Wie sich erwies, war das Erscheinen des jeweiligen Mediums auf Weißrussisch Grundvoraussetzung für ein einigermaßen kontinuierliches Interesse der Zeitung oder Zeitschrift an der Situation der weißrussischen Sprache. Dementsprechend musste die Verwendung des Weißrussischen auch zur notwendigen Bedingung für das Heranziehen der Zeitung oder Zeitschrift zur Diskursanalyse gemacht werden.

Im intermediären Bereich des Spektrums der Sprachverwendungen stellte sich zudem heraus, dass es praktisch keine nicht-staatlichen Zeitungen von allgemeiner Thematik und überregionaler Verbreitung gibt, die einsprachig in der offiziellen Variante des Weißrussischen herausgegeben werden. Zeitungen und Zeitschriften mit kultureller Thematik dagegen, die die Kriterien der nicht-staatlichen Herausgeberschaft sowie des Erscheinens in der offiziellen Variante des Weißrussischen erfüllen, werfen das Problem relativ geringer Verbreitung auf; außerdem – und dies ist sogar das größere Problem – ist hier die weißrussische Sprache wiederum nur ein gelegentlich behandeltes Thema. Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde zur Analyse des potenziell intermediären Bereichs der Meinungen zur Rolle des Weißrussischen „Naša Slova“ (im Folgenden NS abgekürzt) ausgewählt, das wöchentlich in offiziellem Weißrussisch erscheinende Bulletin der TBM. In diesem wiederum stellt sich hinsichtlich der behandelten Themen die Situation umgekehrt dar: Da die weißrussische Sprache prinzipiell Hauptgegenstand des Interesses von NS ist, muss hier eine strenge Auswahl der für die geplante Arbeit interessanten Beiträge erfolgen. Aus NS sollen nur Artikel in die Analyse einbezogen werden, die in irgendeiner Form einen allgemeinen Beitrag zur Debatte um aktuelle sprachpolitische Probleme des Weißrussischen leisten; nicht berücksichtigt werden Meldungen mit reinem Neuigkeitswert, sprachhistorische Betrachtungen ohne expliziten Bezug zur Gegenwart, Texte zur weißrussischsprachigen Literatur und zu weißrussischsprachigen Schriftstellern sowie normative („sprachratgeberische“) Beiträge, sofern darin nicht prinzipielle Fragen des weißrussischen Sprachkorpus und seiner Abgrenzung zu den Nachbarsprachen aufgeworfen werden.

In Erwartung eines stärker politisierten Diskurses über Rolle und Zustand der weißrussischen Sprache wird neben der in der „Taraškevica“ erscheinenden Wochenzeitung „Naša Niva“ (im Folgenden NN abgekürzt) auch die ebenfalls grundsätzlich in der klassischen Orthographie herausgegebene, ein- bis zweimonatlich erscheinende Zeitschrift „Arche“ (im Folgenden AC) untersucht. Grund für dieses Hinzuziehen eines zusätzlichen Printmediums mit oppositionellem Charakter ist, dass AC als Zeitschrift der Selbstverständigung der humanistischen Intelligenz in Belarus’ dient und entsprechende Debattenbeiträge zur politischen, kulturellen und auch sprachlichen Geschichte und aktuellen Entwicklung in Belarus’ publiziert. Gegenüber dem Nachteil einer möglicherweise zu starken Berücksichtigung „oppositioneller“, politisierter Standpunkte zur Sprachenproblematik in der vorliegenden Arbeit überwiegt nach meiner Ansicht der Vorteil, den die Hinzunahme von AC in die Untersuchung bietet: eine Bereicherung der Analyse um Debattenbeiträge, die auch explizit als solche gedacht sind, und die grundsätzliche Fragen des Verhältnisses von Sprache und Nation in Belarus’ unabhängig von der jeweiligen sprach- und sprachenpolitischen Tagesaktualität diskutieren.

2. Zur Anlage der Untersuchung

Ziel der geplanten Studie ist es, anhand der untersuchten Pressetexte in AC, NN, NS und ZV herauszuarbeiten, was im Untersuchungszeitraum 1995 bis 2008 über die Rolle der weißrussischen Sprache in der weißrussischen Gesellschaft gesagt worden ist, was verschwiegen wurde, welche Aspekte des Verhältnisses von Sprache und Gesellschaft besonders thematisiert wurden, wie dabei argumentiert worden ist usw. Letztlich zielt die Arbeit damit auf eine kritische Hinterfragung dessen, wie in den genannten Medien – die nach den in 1. genannten Kriterien ausgewählt worden sind – „Wissen“ über die gesellschaftliche Rolle der weißrussischen Sprache nach 1995 diskursiv erzeugt wird (zur Produktion von Wahrheit als diskursivem Effekt vgl. JÄGER 1999, 129). Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, legt eine solche Fragestellung ein qualitatives Vorgehen nahe. Erkenntnisprinzip qualitativer Forschung ist das Verstehen komplexer Zusammenhänge, indem der Forscher versucht, die Perspektive der dem Untersuchungsfeld angehörenden Personen (in unserem Fall der Diskutanten in der Sprachendebatte) methodisch kontrolliert nachzuvollziehen (FLICK et al. 2000, 23). Während quantitativ ausgerichtete Untersuchungen in der Regel eine eher enge, ex ante formulierte Forschungsfrage aufweisen, die in im Feld zu überprüfende Einzelhypothesen zerlegt wird, wird von Vertretern der qualitativen Sozialforschung eine möglichst große Offenheit für die Relevanzkriterien und Deutungsmuster, die innerhalb des untersuchten Feldes existieren, gefordert (vgl. MEINEFELD 2000, 266). Die explizite Formulierung des eigenen Vorwissens in Form von Hypothesen, so die Anhänger des qualitativen Paradigmas, lege den Forscher von vornherein auf bestimmte Aspekte seines Untersuchungsgegenstandes, die er selbst für relevant hält, fest und schränke dadurch seine Offenheit für die tatsächlich im Feld auftretenden Strukturierungen ein. Vertreter einzelner Schulen der qualitativen Forschung wie z.B. der grounded theory gehen in ihrem Postulat der Offenheit so weit, dass sie den Sozialforscher auffordern, sich von sämtlichem Vorwissen über den Untersuchungsgegenstand möglichst frei zu machen und sogar von der Rezeption des wissenschaftlichen Forschungsstandes zu Aspekten des eigenen Themas abzusehen (vgl. MEINEFELD 2000, 268).

Eine solche „radikale“ Position übersieht jedoch, wie MEINEFELD 2000, 269 zu Recht argumentiert, dass die von qualitativen Forschern geforderte „Unvoreingenommenheit“ gegenüber dem Feld ein letztlich unerreichbares Ideal ist, da der Wissenschaftler das von ihm untersuchte Feld immer auf der Basis seines – und sei es auch noch so diffusen – Vorwissens strukturieren wird. Und gerade wenn es um die Untersuchung von Argumentationsmustern und –strategien zu einer bestimmten gesellschaftlich relevanten Frage geht, bleiben auch qualitativ angelegte Studien eher oberflächlich und langweilig, wenn sie den wissenschaftlichen Spezialdiskurs als Hintergrund völlig ausblenden (so etwa TIESTE 2006, 58; zum Begriff des wissenschaftlichen Spezialdiskurses vgl. JÄGER 1999, 8).

Im Bewusstsein dieser Problematik ist der Verfasser der geplanten Studie bemüht, einen „gemäßigt“ qualitativen Ansatz zu verfolgen. Die Darstellung des Forschungsstandes im einleitenden Teil der Dissertation soll dazu dienen, die Interpretation der Debatte über die Rolle der weißrussischen Sprache nachvollziehbar zu machen und in einem breiteren Kontext zu verorten. Ziel ist das bessere Verstehen des in den Printmedien Gesagten. Zur Minimierung der Gefahr, dem Untersuchungsgegenstand die als Vorwissen bestehenden Relevanzkriterien überzustülpen, ist im Forschungsprozess parallel zur Erarbeitung wissenschaftlicher Literatur bereits sehr früh mit der Sammlung und Lektüre der Pressebeiträge begonnen worden, so dass das eigene Vorverständnis, welche Aspekte der Sprachenproblematik für die Forschungsfrage relevant seien, und das tatsächliche Auftreten oder Nichtauftreten dieser Aspekte in der Pressedebatte immer wieder miteinander verglichen werden konnten. Dass auch die Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung diskursiv produzierte Konstruktionen von Wirklichkeit sind, die nicht einfach als objektive Wahrheit dem (nicht nur von Wissenschaftlern geführten) Pressediskurs gegenübergestellt werden können, wird dabei vorausgesetzt (vgl. TIESTE 2006, 59).

Die Darstellung des Kontextes der Debatte über die Rolle des Weißrussischen nach 1995 in der Dissertation soll sich wie folgt gliedern: Zunächst wird ein Überblick über den Forschungsstand zu allgemeinen – d.h. nicht speziell auf Belarus’ bezogenen – Aspekten der interessierenden Problematik gegeben. Dabei geht es um das Verhältnis von Sprache zu Nation, Kultur und Staatlichkeit, die wissenschaftliche Diskussion über Sprach- und Sprachenpolitik, Mehrsprachigkeit und gemischtes Sprechen. Kapitel 2 der Studie wirft dann ein Licht auf den landesspezifischen Kontext der Sprachendebatte und liefert einen Abriss über historische sowie nach 1991 eingetretene Aspekte der sprachlichen Situation in Belarus’. Der Hauptteil mit der Analyse der Pressediskurse, gegliedert nach den wichtigsten Aspekten der Debatte, folgt in Kapitel 3, während im abschließenden Kapitel 4 die Erkenntnisse zusammengefasst und im allgemeinen politischen und historischen Kontext verortet werden sollen.

3. Literatur

ABOUT NASHA NIVA = www.nn.by/?c=sp&i=8 (Zugriff: 10.8.07)
BIEDER, H. 2000: Die weißrussische Standardsprache am Ende des 20. Jahrhunderts. In: Zybatow, L. (Hrsg.) 2000.Sprachwandel in der Slavia. Die slavischen Sprachen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert 2. Frankfurt/M. etc., 211-240
DOROCHOW, W. 2005: Massenmedien in Belarus. Presse – Rundfunk – Agenturen – Online-Medien. Berlin
FLICK, U. et al. 2000: Was ist qualitative Forschung? In: Flick, U. et al. (Hrsg.) 2000: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek, 13-29
GOUJON, A. 1999: Language, nationalism, and populism in Belarus. In: Nationalities Papers 27/4, 661-677
GUTSCHMIDT, K. 2000: Sprachenpolitik und sprachliche Situation in Weißrußland seit 1989. In: Panzer, B. (Hrsg.) 2000.Die sprachliche Situation in der Slavia zehn Jahre nach der Wende. Frankfurt/M. etc., 67-84
HENTSCHEL, G. 1997: Rußland, Weißrußland, Ukraine: Sprachen und Staaten der „slavischen Nachfolge“ von Zarenreich und Sowjetunion. In: Hentschel, G. (Hrsg.) 1997.Über Muttersprachen und Vaterländer. Frankfurt/M. etc., 211-240
IOFFE, G. 2003: Understanding Belarus: Questions of Language. In: Europe-Asia Studies 55/7, 1009-1047
JÄGER, S. 1999: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Duisburg
MEČKOVSKAJA, N. 2002: Jazykovaja situacija v Belarusi načala XXI v. In: Mečkovskaja, N. 2003, 126-143
MEINEFELD, W. 2000: Hypothesen und Vorwissen in der qualitativen Sozialforschung. In: Flick, U. et al. (Hrsg.) 2000: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek, 265-275
RZETELSKA-FELESZKO, E. 1997: Zagrożone języki słowiańskie: łużycki i białoruski. In: Lětopis 44, 194-197
TIESTE, K. 2006: Rechtspopulismus in politischen Talkshows. Die Präsentation der Regierungsbeteiligung der FPÖ im deutschen Fernsehen – Diskursanalytische Untersuchungen. Münster
ZAPRUDSKI, S. 2007: In the grip of replacive bilingualism. The Belarusian language in contact with Russian. In: International Journal of the Sociology of Language 183, 97-118