Trasjanka - Projektbeschreibung

Der Terminus „Trasjanka“ bezeichnet eine bisher weitgehend unerforschte Form der „ge­mischten“ Rede in Weißrussland, in welcher sich weißrussische und russische sowie beiden Sprachen gemeinsame Elemente und Strukturen in kurzer, schneller Folge, d.h. auch inner­halb von einzelnen Sätzen abwechseln. Die Zahl derer, die sie verwenden, geht sicher in die Millionen, bei insgesamt ca. 10.000.000 Einwohnern. Staatssprachen in Weißrussland sind das Weißrussische und das Russische, wobei das letztere trotz rechtlicher Gleichstel­lung der beiden Sprachen faktisch politisch und sozial deutlich dominiert. Gewiss entstand die Trasjanka in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, in Zeiten der Industriali­sierung und massiven Urbanisierung Weißrusslands in einem Prozess der sprachlichen Adaption weißrussischer Land-Stadt-Migranten an das Russische, das in den Städten domi­nierte. Inzwischen könnte sie jedoch als gemischte Varietät für breite, eher apolitische Mas­sen eine „Kompromisslösung“ (Ausgleichsvarietät) im weißrussischen Sprachenstreit (Weiß­russisch vs. Russisch) darstellen, der besonders in der ersten Hälfte der 90er aufflackerte. Gleichzeitig könnte sie ein Zeichen der Neutralität (oder zumindest der Nichteinmischung) gegenüber dem mit dem Sprachenstreit korrelierenden Problem einer Hinwendung Weißruss­lands als selbständiger Staat zu einem vereinten Europa oder als nicht unbedingt selbstän­diger Staat an Russland bzw. einer generellen Neutralität im Konflikt zwischen Opposition und Regierung sein.

Das Vorhaben verfolgt drei Kernziele: Das erste Ziel ist die linguistische Beschrei­bung der gemischten Varietät in ihren lautlichen, grammatischen (morphologischen und syntaktischen) und lexikalischen Strukturen. Das qualitativ-strukturelle und quantitative „Mischungsverhältnis“ aus weißrussischen, russischen und gemeinsamen sowie ggf. trasjan­kaspezifischen Elementen und Strukturen ist dabei zu erfassen, die Frage nach dem sog. linguistischen Status und nach Homogenität bzw. Heterogenität des Phänomens hinsichtlich Region, Generation, Geschlecht, sozialer Status u.a. zu beantworten. Das zweite Ziel ist die Bewertung der Trasjanka vom sprachsoziologischen Standpunkt. Die wichtigste Frage ist dabei, ob die Trasjanka über ein Identifikationspotential verfügt und inwiefern ihre Verwen­dung Ausdruck einer sozialen, nationalen bzw. ethnischen (oder auch „subnationalen“ / „subethnischen“) Identität ist und aufgrund dessen „überleben“ kann. Als Gegenhypothese ist zu prüfen, ob die Trasjanka als reines Übergangsphänomen des Sprachwechsels der weiß­russischen Gesellschaft vom Weißrussischen zum Russischen anzusehen ist. Das dritte Ziel ist der Vergleich der Trasjanka mit Formen der gemischten galicisch-kastilischen Rede im spanischen Galicien, wo sich sowohl in sprachlich-struktureller (Kontakt ähnlicher, verwand­ter Sprachen) als auch in historischer, politischer und sozialer Hinsicht (dominierte vs. domi­nierende Varietät) viele Parallelen andeuten.

Das Vorhaben hat interdisziplinären Charakter, mit sprachwissenschaftlichen und so­ziologischen sowie östlichen (slawistischen) und westlichen (iberoromanistischen) Aspekten, mit Schwerpunkt auf dem östlichen Phä­nomen der Trasjanka bzw. auf Weißrussland. Hauptgrundlage für den slawistisch-linguistischen Teil des Vorhabens ist die Aufzeichnung von Trasjankagesprächen als Instanzen einer informellen, mündlichen Varietät in sieben Städten Weißrusslands (ges. ca. 100 Informanten mit jeweils mehreren Gesprächen). Diese Aufzeichnungen werden transkribiert, das transkribierte Material im Ein­zelnen linguistisch beschrieben und in einem indizierten Korpus (unter Einsatz von Daten­banktechniken) gespeichert, was qualitative und quantitative Analysen ermöglicht. Grundlage für den sprachsoziologischen Teil des Vorhabens ist eine breit angelegte Informantenbefra­gung (ca. 1.400 Informanten) im Umfeld derselben sieben Städte Weißrusslands, in welchen für den linguistischen Teil die Daten erhoben werden. Die Befragung umfasst einen „ge­schlossenen“ Frageteil und einen offenen Interviewteil. Die Daten werden sowohl sprachlich (wie im linguistischen Teil) als auch soziologisch analysiert, um Spracheinstellungen (primär aus dem Fragebogen) mit Sprachverhalten (aus dem Interviewteil) korrelieren zu können. Der romanistische Teil wird sich weitgehend am sprachsoziologischen Erhebungsverfahren orientieren. Im Umfeld des Projekts sind fünf Dissertationen vorgesehen.