Literatur, Markt und Ideologie. Zum Autonomiestatus des belarussischen Literaturfeldes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
(Promotionsprojekt von Natallia Pakhomchyk)

In dieser Zeit befindet sich das belarussische Literaturfeld in der initialen Formierungsphase und stellt bezüglich des Modells der französischen Literatur der Hälfte des 19. Jahrhunderts einen ‚distanten‘ Fall vor.

Die Spezifik des Verfahrens, mittels des das belarussische Literaturfeld mit den anderen sozialen Feldern zusammenwirkt, ist auf die in den wechselnden heterogenen “fremden” Machtfeldern (Koler, Naumenko 2013) politische, gesellschaftliche, kulturelle Einbettung, die Relevanz der nationalen Parameter, die Umstellung ins Sowjetsystem sowie die Voraussetzungen der instabilen Wirtschaftspolitik (Vorrevolutionäre Phase 1905-1916, Kriegskommunismus 1917-1921, NEP 1921-1928, Zwangskollektivierung 1929-1931) usw. zurückzuführen.

In diesem sozialen Raum bestimmen (hypothetisch) andere Profitmöglichkeiten auch das andere Profil der Autonomie der Literatur. Der belarussische Wechselkurs zwischen den unterschiedlichen Kapitalsorten ist anscheinend günstiger/profitabler für diejenigen, die die “ideologischen” Ressourcen in höherem Maß besitzen. Es problematisiert das Prinzip der “umgekehrten Ökonomie”, aufgrund dessen das Profil der literarischen Autonomie nach französischen Modell bestimmt wird. Entsprechend der vorläufigen Beobachtungen gab es im belarussischen literarischen Feld dieser Zeit Positionierungen, deren symbolischer Wert durch das Risiko, ideologische Profite nicht zu bekommen, vergrößert wurde.

Der systematischen Überprüfung dieser sowie der anderen Hypothesen wird die Aufgabe gewidmet, die Bedingungen der Funktionierung des belarussischen Literaturmarktes in der Perspektive der Wechselwirkungen zwischen der ökonomischen Prinzipien in der sozialen Makrostruktur und des Profils der literarischen Autonomie zu bestimmen.

Bei der Analyse der institutionellen Autonomie ist die systematische Erhebung bislang fehlender Daten, die Aufschluss über den Literaturmarkt, das Literatursystem, Leserprofil und literarische Wertbildungsprozesse in Belarus geben können, vorgesehen.

Aufgrund der Korrelation zwischen den Bedingungen der literarischen Produktion und den ökonomischen Prinzipien in der sozialen Makrostruktur sowie den Prinzipien, mittels derer die Dominanz der Positionen in Rahmen dieser Makrostruktur sich begründet, werden die Parameter, nach denen die literarischen Phänomene als Indikatoren von Autonomie auf der ästhetisch-poetologischen Ebene eingeschätzt werden, präzisiert. Hier ist eine exemplarische Analyse der Positionierungen als potenzielle Manifestierungen von Autonomie sowie ihrer ästhetisch-poetologischen Verfahren vorgesehen.

Der “theoretisch-methodische Ansatz” des Dissertationsprojekts ist vor allem die heuristische Nutzung der Feldtheorie von Bourdieu sowie des Neoinstitutionalismus. Außerdem werden in der Phase der Analyse der ästhetisch-poetologischen Autonomie die mit den während der vorläufigen Phasen bestimmten Parametern der Korrelation zwischen den außerliterarischen und innerliterarischen Prinzipien, die i.e.S. literaturwissenschaftlichen Arbeitsweisen verwendet.

Außer Erkenntnissen über die Funktionsbedingungen des belarussischen Marktes, symbolischer Güter‘ und dem Reflexionspotential für die systematische Erweiterung bzw. Flexibilisierung des Feldmodells wird auch die Entwicklung des feldtheoretischen Kontexts hinsichtlich der Erfassung von in sozialistischen Kontexten sich entwickelnden literarischen Phänomenen erwartet.