Gisela Gloor, Cuenca (Ecuador)                                                    Betreuer: Prof. Dr. Rainer Grübel

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„Chronotop und Körperzeit in Anna Karenina

In Tolstojs Roman Anna Karenina ist die chronotopische Profilierung der Figuren von entscheidendem Einfluss auf den Text. Dass sich der Körper nicht nur im Raum, sondern auch auf einer Zeitachse bewegt, ist ein in der russistischen Forschung bislang weitgehend unbeachteter Aspekt. Tolstoj verweist mit dem Entwurf von Raumzeit und der sie konstituierenden Körperzeit im voraus auf die Verräumlichung der Kultur in der russischen Moderne.

Die Arbeit ist in einen theoretischen (I), einen textanalytischen (II) sowie einen interpretatorischen (III) Teil unterteilt.

(I) Die Theorie referiert zunächst philosophische Konzepte der Zeit, wobei sich eine dualistische Struktur beobachten lässt, die sich von den Ägyptern bis heute (z.B. in den Gender Studies) fortsetzt. Eine Korrelationsreihe, die sowohl der Zeit und dem Körper gemeinsam ist, beinhaltet Dualismen von Männlich vs. Weiblich, Dynamisch vs. Statisch, Zyklisch vs. Telisch. Weiterhin wird nach den wechselseitigen Dominanzen natürlich gegebener oder kulturell geformterZeit gefragt. Die Chronotop-Theorie Michail Bachtins weist der „Raum-Zeit“ eine axiologisch und genrebildend zentrale Bedeutung zu. Das Verhältnis von Leib und Zeit wird mittels des Begriffs Körperzeit zunächst analog zum Chronotopen angelegt und untersucht, wobei sich hier Abweichungen v.a. hinsichtlich der möglichen Analyseebenen ergeben.

(II) Beim anschließenden textanalytischen Teil richtet sich die Auswahl der untersuchten Chronotope nach deren Ergiebigkeit bezüglich Dynamizität bzw. Statik. Beispiele dafür sind das Haus und der Weg als prototypisch statische bzw. dynamische Erscheinungen. Diesen untergeordnet sind andere raumzeitprägende Motive. Das Primat der zyklischen über die telische Zeit sowie der Statik über die Dynamik weist das Weibliche als unmarkiert und das Männliche als markiert aus.

Am Körper als semiotischem Symptom soll die Zeitbezogenheit der Körper stets im Blick behalten werden. Es interessieren Körperattribute, Körpersprache, Sinnlichkeit (z.B. das Essen als zyklisch wiederkehrender Vorgang, als Akt der Einverleibung), Sexualität (z.B. Leidenschaftslosigkeit als Verzicht auf Körperzeitverhalten mit dem Effekt der Statik) sowie Geburt und Tod, die auf die Zeitlichkeit des Körpers verweisen. Das Altern wird durch Unglück beschleunigt, während glückliche Personnages langsamer leben. Dieses Phänomen wird mit Hilfe eines Verfahrens, das ich Zeitfalten nenne, erzielt. Das Primat der weiblichen über die männliche Zeit dehnt sich auf die Personnages und deren Körper metonymisch aus; sowohl Männer als auch Frauen mit vielen weiblichen Attributen leben glücklicher.

(III) Als axiologisch relevant erweisen sich zum jetzigen Stand der Arbeit drei ethische Ausprägungen: das Alte Testament (das auch das Motto des Romans liefert), Platon (insbesondere das Verhältnis von Körper und Geist, z.B. in Phaidon) sowie Rousseaus Zivilisationskritik.

Die zentrale These der Arbeit ist, dass sowohl die Komposition (Ästhetik) als auch die Textintention (Ethik) maßgeblich durch Zeit und Körper determiniert werden.

Zwei Hauptfiguren, eine weibliche und eine männliche, dominieren die Ereignisse im Roman. Anna trägt durch die Erringung des Romantitels sowie ihren Stellenwert in der Komposition den ästhetischen Sieg über den nur ethisch erfolgreicheren Levin davon. Dies kann als Primat des Gestaltungs- über das moralische Prinzip gewertet werden.

Grobgliederung der Arbeit:

I. Theoretischer Teil                 1. Chronotop-Theorie

                                             2. Zum Begriff Körperzeit

II. Textanalytischer Teil            3. Verfahren der Zeitrepräsentation in Anna Karenina

                                             4. Der Körper in Bewegung

                                             5. Körper und Ethik

III. Interpretatorischer Teil         6. Chronotop und Körperzeit in der Komposition

                                             7. Relevanz von Chronotop und Körperzeit für das Genre

Stand: August 2009/gg