Literaturgeschichte Weißrusslands

An der belarussischen Literatur, deren schiere historische Existenz sich mit gewissen Gründen in Zweifel ziehen ließe (abgesehen von der kurzen Phase der Selbstkonstituierung als ‚Nationalliteratur‘ im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts), tritt die Konstruiertheit ‚nationaler‘ Literaturen in besonderer Weise in den Blick. Die traditionelle belarussische literarische Historiographie (zuletzt und gerade die nachsowjetische ‚Geschichte der belarussischen Literatur des 20. Jahrhunderts‘ in drei Bänden (fünf Büchern)) verdeutlicht exemplarisch, dass die Herstellung eines auf Kohärenz abzielenden Narrativs ‚nationaler Literatur‘ mit der Konstruktion von Kontinuität, der Glättung von Brüchen, der Nivellierung von Verwerfungen, der Ausblendung von Mehrdeutigkeiten und der Umdeutung von ‚Unvollständigkeiten‘ einhergeht.

Das Projekt macht den Versuch einer Neukonzeptualisierung belarussischer Literaturgeschichte. Es geht um den Entwurf eines Modells, das die mit den wechselnden Disjunktionen von Staatsraum, Kulturraum, Sprache und Ethnos einhergehenden Aporien und Verwerfungen nicht unterschlägt, nivelliert oder umdeutet, sondern als zentrale Kategorien literarischer Entwicklung im Übergangsraum Belarus fokussiert. Ein solches Modell verspricht einen doppelten Nutzen: Zum einen bietet es einen systematischen Zugang zur Literaturgeschichte Weißrusslands, der die rezenten theoretischen Diskussionen zur Literaturgeschichtsschreibung aufgreift und nutzt; der damit erzielte Theorietransfer macht zum anderen in Weißrussland selbst ein Konzept nachsowjetischer Literaturgeschichte jenseits des bloßen Austauschs von Vorzeichen denkbar.

In diesem Sinne haben sich die Autorinnen und Autoren der Literaturgeschichte im Rahmen verschiedener Workshops auf ein gemeinsames Konzept verständigt, das verschiedene derzeit aktuelle Ansätze verknüpft und sich im Wesentlichen auf drei zentrale Kategorien stützt:

Kultureller Raum: Als Geschichte nicht der ‚belarussischen Literatur‘, sondern der ‚Literatur Weißrusslands‘ wird das Narrativ konzeptualisiert als Geschichte der Literatur im ‚Raum Belarus‘, verstanden nicht als linearer oder gar konstanter, sondern als historisch veränderlicher sowohl in seiner territorialen Ausdehnung als auch in seiner Beschaffenheit, also hinsichtlich der Parameter, die ihn kennzeichnen (vgl. Zeyringer/Gollner 2012).

Chronologie: Verfolgt wird eine flexible Chronologie. Sie geht pragmatisch von einer Einteilung in Jahrhunderte aus, deren Grenzen als ‚fließend‘ begriffen werden und im Einzelnen zu bestimmen sind. Dies erlaubt großflächige Konzeptualisierungen im Sinne eines ‚langen 16.‘ (Braudel 1972), eines langen 18. (Baines 2004) und 19. (Hobsbawm 1964ff) oder auch eines ‚kurzen 20. Jahrhunderts‘ (Hobsbawm 2004) ebenso wie die Modellierung kürzerer Zeiträume, einzelner Ereignisse oder auch von Leerstellen. Neben der ‚großen Linearität‘ auf der Makroebene werden auf diese Weise nichtlineare Verläufe, Verdichtungen, Wiederholungen, Überlappungen, Sprünge, Brüche und ‚Haltepunkte‘ darstellbar (vgl. Hollier 1993; Bertrand et al. 2003; Wellbery 2004).

Institutionen: Der operative Zugriff auf das in ein ‚Narrativ der Brüche‘ zu überführende Material erfolgt aus der Perspektive der Feldtheorie (Bourdieu 2001) und setzt den in der Spur Bourdieus entwickelten (van Rees 1983) und literarhistorisch bereits erprobten (Grütte­meier/Leuker 2006) institutionellen Zugang dominant. Über den Wandel literarischer Institutionen lassen sich Objektivi­tät und Vergleichbarkeit zwischen den Zeiträumen herstellen und Diskontinuitäten und Leerstellen diagnostizieren. Gleichzeitig lassen sich über die Institutionengeschichte auch poetologische Entwicklungen darstellen und plausibilisieren.

 

Koordination und wissenschaftliche Leitung: Gun-Britt Kohler, Pavel Navumenka

Internationaler Workshop „Literaturgeschichte und Institutionen“ - 24.- 27. Mai 2017

Im Rahmen des Oldenburger-Minsker Projektes „Literaturgeschichte Weißrusslands“, an dem ausgewiesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Belarus u.a. mitarbeiten, findet von 24.05. bis 27.05.2017 der dritte Workshop des Autorenkollektivs statt.

Der Workshop „Literaturgeschichte und Institutionen“ befasst sich mit der Frage nach der historischen Veränderlichkeit literarischer Institutionen und ihrer Funktionen im Raum Belarus vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die Vorträge der Autorinnen und Autoren der geplanten Literaturgeschichte werden kontextuiert durch Kurzpräsentationen relevanter theoretischer Texte und Case-studies aus anderen Literaturen; darüber hinaus bieten Vorträge einiger Gäste, u.a. Dr. Marie Vrinat-Nikolov (INALCO, Paris), die Gelegenheit zur Diskussion allgemeiner aktueller Fragen der Literaturgeschichtsschreibung ‚kleinerer‘ Literaturen.

 

Zum Programm in deutscher Sprache bitte hier klicken - in belarussischer Sprache hier.

Internationaler Workshop "Literaturgeschichte Weißrusslands" - 5. bis 7. November 2015

Der Workshop verfolgt das Ziel, im Kreise ausgewiesener Spezialisten aus Belarus und unter Nutzung der Expertise ausgewählter KollegInnen benachbarter Disziplinen die Kon­zeption einer ‚Geschichte der Literatur Weißrusslands‘ (Arbeitstitel) zu erarbeiten. Im Zentrum steht dabei die Verschränkung insbesondere im westlichen Diskurs in jüngerer Zeit erörterter aktueller Probleme von Theorie und Praxis der Literatur­geschichts­schrei­bung mit spezifischen Herausforderungen einer (nachsowjetischen) Kon­zeptuali­sierung belarussischer Literaturgeschichte.

Längerfristiges Ziel, im Hinblick auf welches der geplante Workshop einen ersten konkreten Schritt darstellt, ist die Herausgabe einer einbändigen ‚Literaturgeschichte‘ parallel in Belarus und in Deutschland unter der Verantwortung der Antragstellerin und ihrem Minsker Koopera­tionspartner, Dr. Pavel I. Navumenka (Belarussische Staatliche Universi­tät, Philologische Fakultät, Lehrstuhl für Geschichte der belarussischen Literatur und Kultur). Sie verfolgt die Intention einer dop­pelten Transferleistung: Einerseits geht es darum, eine dezidiert problemorientierte ‚Litera­tur­geschichte‘ vorzulegen, die aktuelle theoretische Diskurse am Gegenstand exemplifiziert und so nachhaltig in Belarus implementiert, andererseits soll im deutschsprachigen Raum der Zugang zum Objekt selbst – zur Literatur Weißrusslands – erleichtert werden, um die Auseinander­setzung mit diesem in der (literaturwissenschaftlichen) Slavistik noch wenig beleuch­te­ten Gegenstand zu stimu­lieren.

 

Zum Programm in deutscher Sprache bitte hier klicken - in belarussischer Sprache bitte hier.