Datenbank belarussicher Literaturzeitschriften

Literaturzeitschriften, gefasst als professionelle Medien materieller und symbolischer Literaturproduktion im Allgemeinen (vgl. Dorleijn/van Rees 2001) und als Medien, in denen und über welche konkurrierende Gruppierungen den Kampf um die Vormachtstellung im Literaturfeld austragen im Besonderen, stellen für Autoren im Belarus der 1920er Jahre die Positionierungsform par excellence dar (vgl. Kohler 2016) und strukturieren gewissermaßen das Feld (Navumenka 2012). In der spezifischen Konstellation der 1920er Jahre sind sie überdies jener Ort, an dem individuelle Strategien und institutionelles Handeln in besonderer Weise zusammentreffen.

Umso erstaunlicher ist es, dass eine systematische Erschließung der belarussischen Literaturzeitschriften der 1920-30er Jahre bislang aussteht; die Zeitschriften wurden bislang weder systematisch indiziert noch digitalisiert. Das Projekt „Datenbank belarussischer Literaturzeitschriften der 1920er und 1930er Jahre“ begegnet diesem Forschungsdesiderat mit der Digitalisierung und Aufbereitung der Inhaltsverzeichnisse der vier wichtigsten Literaturzeitschriften der 1920er und 1930er Jahre, Polymja (1922 bis heute), Maladnjak (1923-1932), Uzvyšša (1927-1931) und Kalos’se (1934-1939). Die zunächst der Not gehorchende Einschränkung auf die Inhaltsverzeichnisse dieser Literaturzeitschriften (eine texterkennungsbasierte Kodierung ist aufgrund der Druckqualität der Zeitschriften sowie der inkonsistenten Orthographie bislang nicht realisierbar, d.h. die Digitalisate müssen händisch abgeschrieben werden, um sie kodieren zu können) erweist sich dabei als produktiv, weil sie den Blick auf das Inhaltsverzeichnis als ‚Paratext‘ des Literaturperiodikums und auf seine hohe Aussagekraft in Bezug auf institutionelle, konzeptuelle, poetologische und quantitative Aspekte lenkt.

Der derzeit in der Erprobung stehende Prototyp der Datenbank umfasst insgesamt 201 Inhaltsverzeichnisse (1922-1939) mit insgesamt 3616 Items. Das die Kodierung leitende Erkenntnisinteresse ist einstweilen, Aufschluss zu erhalten

  • über die reziproken Exklusions- und Inklusionsmechanismen zwischen den Zeitschriften sowie über Autorenbewegungen und Hierarchisierungen;
  • über die Entwicklung und Ausdifferenzierung der Literaturkritik sowie des literarischen Gattungssystems;
  • über die formale und konzeptuelle Professionalisierung der Textsorte Literaturzeitschrift

Ein Projektantrag, über den Mittel zur Anreicherung und Weiterentwicklung der Datenbank eingeworben werden sollen, ist in Vorbereitung. Vorgesehen ist die Ergänzung des Korpus um weitere kleinere Literaturzeitschriften, um die literarische Zeitungsbeilage Čyrvony sejbit sowie nach Möglichkeit um die Literaturzeitschriften der nationalen Minderheiten, Jungėr Arbejter und Štėrn (jidd.) und Orka (poln.). Die Realisierbarkeit der Berücksichtigung der literarischen Rubrik der Zeitung Zvjazda (Forum für russischsprachige Publikationen) wird geprüft. Avisiert wird außerdem die schrittweise Integration ukrainischer Literaturzeitschriften, die für das belarussische Literatursystem einen zentralen Referenzpunkt darstellen.

Weitere Informationen zur "Datenbank belarussischer Literaturzeitschriften" finden Sie auf den Konferenzplakaten für die Digital Humanities 2017, Montréal - bitte hier klicken und die TEI Konferenz 2016, Wien - bitte hier klicken.

 

Projektleitung: Gun-Britt Kohler in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit: Ingo Börner (Universität Wien); studentische Hilfskraft: Samra Dzikezi