Literatur, Markt, Ideologie: Autonomie 'kleiner' Literaturen

Am Beispiel der belarussischen Literatur untersucht das Projekt das Profil und die Entwicklung institutioneller und ästhetisch-poetologischer Autonomie 'kleiner' Literaturen und nutzt die Ergebnisse für eine theoretische Schärfung des Autonomiemodells Pierre Bourdieus. Leitend ist zunächst die Hypothese, dass die Erfassung von sich in 'kleineren' Literaturen vollziehenden Autonomisierungsprozessen über das etablierte Modell nur bedingt gelingt, weil sie nicht notwendigerweise die von Bourdieu beschriebenen Symptome aufweisen (Brechungseffekte externer Einflüsse; umgekehrte Ökonomie etc.). Diese Hypothese ist das Ergebnis umfangreicher Vorarbeiten auf theoretischer (Feldtheorie nach Bourdieu) wie auch auf Objektebene (belarussische Literatur), die darauf hindeuten, dass Bourdieus Konzeptualisierung von Autonomie bzw. Autonomisierung am Beispiel der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts gewissermaßen einen Extremfall beschreibt, hinter dem die Entwicklung vieler (nicht nur ‚kleiner‘) Literaturen faktisch zurückbleibt.

Unter dieser Perspektive nutzt das Projekt das Feldmodell heuristisch für die Untersuchung zweier entscheidender Entwicklungsphasen der belarussischen Literatur, nämlich

In beiden Phasen sind auf institutioneller und auf ästhetisch-poetologischer Ebene Phänomene zu identifizieren, die in der spezifischen Logik des belarussischen Literaturfeldes – eines Feldes, das anders als in der etablierten feldtheoretischen Systematik in ein weniger durch marktökonomische denn durch ideologische Parameter bestimmtes Machtfeld eingebettet ist – Autonomie bzw. Autonomisierung indizieren könnten. Dies ist durch die Teilprojekte zu prüfen und zur Systematik Bourdieus in Beziehung zu setzen. Auf diese Weise bietet das Beispiel der belarussischen Literatur Reflexionspotential für eine systematische Revision des etablierten Autonomiekonzepts. Gleichzeitig sind über die Fokussierung von Autonomisierungsprozessen neue Erkenntnisse über die belarussische Literatur zu gewinnen, u.a. hinsichtlich ihrer Überführung von einer (nicht gefestigten) "nationalen" Literatur in das sowjetische Modell und aus diesem heraus (Totalisierung und Enttotalisierung).

Beide Teilprojekte werden flankiert von Untersuchungen, die Aufschluss über Systematik und Funktionsweise des jeweiligen Literaturbetriebs bzw. –marktes bieten:

  • Dem Teilprojekt zur zeitgenössischen Literatur sind quantitative (Landesweite Befragung von 1000 + 300 potentiellen Literaturkonsumenten) und qualitative (Interviews mit Autoren, Verlegern, Buchhändlern) Erhebungen zugeordnet, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für politische und soziologische Forschungen (Minsk) konzipiert und durchgeführt werden.

In Zusammenarbeit mit dem Nationalen Literaturarchiv (Minsk) wird das Teilprojekt zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ergänzt durch einen kommentierten Sammelband, der Archivdokumente der zentralen literarischen und literaturrelevanten Organisationen und Institutionen versammelt und systematisiert. Der Band beinhaltet außerdem relevante normative Dokumente, die den Literaturbetrieb regeln.

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