Autonomie, Markt und Ideologie im belarussischen Literaturfeld des ersten Drittels des 20. Jh.s und der Jahrtausendwende

Projektbeschreibung

Das Projekt soll am Beispiel der belarussischen Literatur das Profil und die Entwicklung institutioneller und ästhetisch-poetologischer Autonomie 'kleiner' Literaturen untersuchen und die Ergebnisse für eine theoretische Schärfung des Autonomiemodells nach Pierre Bourdieu nutzen. Die leitende Hypothese, dass nämlich in 'kleineren' Literaturen Autonomisierungsprozesse stattfinden, für deren Erfassung das etablierte Modell nur bedingt greift, sind das Ergebnis umfangreicher Vorarbeiten auf theoretischer Ebene (Feldtheorie nach Bourdieu) und auf Objektebene (belarussische Literatur). Diese Vorarbeiten deuten darauf hin, dass Bourdieus Konzeptualisierung von Autonomie bzw. Autonomisierung gewissermaßen einen "Extremfall" beschreibt, hinter dem die Entwicklung vieler Literaturen faktisch "zurückbleibt".

Unter dieser Perspektive wird das Feldmodell heuristisch für die Untersuchung zweier entscheidender Entwicklungsphasen der belarussischen Literatur (nämlich der 'Konstituierungsphase' zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der nachsowjetischen 'Rekonstituierungsphase' seit Anfang der 1990er Jahre) genutzt.

Auf institutioneller und auf ästhetisch-poetologischer Ebene sind Phänomene und Prozesse zu identifizieren, die in der spezifischen Logik des belarussischen Literaturfeldes Autonomie bzw. Autonomisierung indizieren könnten. Sie sind auf ihre Korrelation mit dem (in Gegensatz zur feldtheoretisch etablierten Systematik) weniger von marktökonomischen denn von ideologischen Parametern dominierten Machtfeld sowie auf daraus resultierende Korrelationen untereinander hin zu befragen und entsprechend zu systematisieren.

Auf diese Weise ist aus dem Beispiel der belarussischen Literatur Reflexionspotential abzuleiten, das eine systematische Revision des etablierten Autonomiekonzepts erlaubt, gleichzeitig sind über die Fokussierung des Autonomisierungsprozesses neue Erkenntnisse über die belarussische Literatur zu gewinnen, u.a. hinsichtlich ihrer Überführung von einer (nicht gefestigten) "nationalen" Literatur in das sowjetische Modell und aus diesem heraus (Totalisierung und Enttotalisierung). Schließlich liefert die Untersuchung erstmals systematisierbare Erkenntnisse über den belarussischen Literaturbetrieb bzw. -markt.

Promotionsprojekte

  • Kristina Kromm
  • Natallia Pakhomchyk

Projektpartner

  • Dr. P.I. Navumenka (BGU Minsk, PhilFak)
  • Dr. A. Bja­zlep­kina (BGU Minsk, JourFak)
  • Dr. Hanna Zapartyka (BDAMLi Minsk)
  • Prof. Dr. David Rot­man (Zentrum für soziale und politische Forschung CSPI, Minsk)

Projektbezogene Vorarbeiten (Auswahl)

  • Kohler, G.-B. / P.I. Navumenka / R. Grüttemeier (Hg.) 2012: Kleinheit als Spezifik. Beiträge zu einer feldtheoretischen Analyse der belarussischen Literatur im Kontext ‚kleiner‘ slavischer Li­teraturen. Oldenburg (= Studia Slavica Oldenburgensia 20). ISBN: 978-3-8142-2270-7. [In er­wei­terter Form erschienen in russischer, ukraini­scher, belarussischer und englischer Spra­che: Pogljady na specyfičnasc’ „malych“ litaratur: belaruskaja i ŭkrainskaja litaratury. Uklad. G.-B. Ko­ler, P.I. Navumenka. Minsk: paruks pljus, 2012. ISBN: 978-985-90192-8-9].
  • Kohler, G.-B. 2010: ‚National disposition and the author’s trajectory. Reflections on Polish and Croatian literature. In: Dorleijn, G.J. / R. Grüttemeier / L. Korthals Altes (eds.), Authorship revi­si­­ted. Conceptions of authorship around 1900 and 2000. Leu­ven, 11-38. (= Groningen stu­dies in cultural change 38). ISBN 978-90-429-2377-5.
  • Kohler, G.-B. 2007: Institutional autonomy 1840 versus aesthetic autonomy 1900? Moments of tension in Croatian literature with respect to the idea of ‘nation’ in the poetic self-positionings of authors. In: Dorleijn, G.J. / R. Grüttemeier / L. Korthals Altes (eds.), The autonomy of litera­ture at the fins de siècles, 1900 and 2000. A Critical Assessment. Leuven, 1-27 (= Gro­ningen studies in cultural change 32). ISBN 978-90-429-2044-6.
  • Kohler, G.-B. 2013: Fehlpositionierung und Autopalimpsest. Michas’ Zarėckis Roman­frag­men­te Kryvičy (1929) und Smerc’ Andrėja Berazoŭskaha (1931) im Kontext der Entauto­no­mi­sierung des belarussischen Literaturfeldes. In: Zeitschrift für Slawistik 58/1 (2013), 3-30.
  • Kohler, G.-B. / P.I. Navumenka 2012: Interference of autonomization and deauto­no­mi­zation in the Belarusian literary field. Indication of ‚smallness‘, or something different? In: Vesnik BDU. Seryja 4: Filal. Žurn. Ped. 2013/3, 3-11. ISSN 0372-5375.
  • Koler, G.-B. / P.I. Naumenko 2013: Aspekty i strategii institucional’noj i ėstetičeskoj avtono­mi­za­cii v „malych“ literaturach (na materiale belorusskoj literatury pervoj treti XXst.). In: Belor­us­skaja literatura kak model’ razvitija „malych“ (slavjanskich) literatur. Materialy k tematičeskomu bloku na XV Meždunarodnom s’’ezde slavistov (Minsk 20.-27.08.2013). Sost. G.-B. Koler, P.I. Naumenko. Minsk, 7-90. ISBN 978-985-6939-68-9.