OME-Lexikon

Schlesien

1. Toponymie

Anderssprachliche Bezeichnungen

latein. Silesia; poln. Śląsk; tschech. Slezsko; engl. Silesia, franz. Silésie

Etymologische Herleitung

Als namensgebend für Schlesien wird der Fluss Ślęża (dt. Lohe) und der gleichlautende Bergname (dt. Zobtenberg, erstmals 1108 „in monte Silencii“) vermutet. Seine Etymologie weist wohl in die Zeit vor der germanischen Besiedlung zurück, wurde aber früher gerne von Deutschen als „germanisch“, von Polen als „slawisch“ gedeutet.

2. Geographie

Lage

Schlesien bezeichnet das Land beiderseits der oberen und mittleren Oder/Odra, es umfasst den nördlichen Bereich der Sudeten/Sudety und die Mährische Pforte/Moravská brána (Wasserscheide zwischen Oder und March/Morava). Nach Südosten wird es von den Beskiden (poln. Beskidy, tschech. Beskydy) begrenzt, nach Nordosten von der Wasserscheide zwischen Oder und Warthe/Warta, nach Norden von der Niederung von Bartsch/Barycz und Obra. Die mit 1603 m höchste Erhebung Schlesiens ist die Schneekoppe/Śnieżka/Sněžka im Riesengebirge/Karkonosze/Krkonoše.

Klima

Schlesiens Klima ist kontinental geprägt, in den Bergen herrscht gemäßigtes Gebirgsklima. Im Westen ist das Klima milder als im Osten. Die ganzjährigen Niederschläge erreichen 480–720 mm, im Gebirge jedoch über 1.200 mm.

Staatliche und regionale Zugehörigkeit

Schlesien war Teil des Königreichs Polen (bis 1202 im Rahmen der polnischen „Senioratsverfassung“), ab 1327 sukzessiver Anschluss schlesischer Fürstentümer an die Krone Böhmens; 1335 (Vertrag von Trentschin/Trenčín), 1339 (Vertrag von Krakau/Kraków): Verzicht des polnischen Königs; 1348 „Incorporation“ Schlesiens unter die Krone Böhmens durch Kaiser Karl IV.; 1526 Übergang der Krone Böhmens mit den schlesischen Lehensfürstentümern an das Haus Habsburg; 1742 (Berliner Frieden): Übergang des größten Teiles von Schlesien an Preußen; der Rest als Österreichisch-Schlesien bei Habsburg (ab 1918 als Teil der Tschechoslowakei, dabei 1918 Abtrennung des nördlichen Teschener Schlesiens an Polen; seit 1993 der Tschechischen Republik); 1815 Erweiterung um die schlesische Oberlausitz; 1866 Preußisch-Schlesien Bestandteil des Norddeutschen Bundes, ab 1871 des Deutschen Kaiserreichs; 1919 südlicher Kreis Ratibor als „Hultschiner Ländchen“ an die Tschechoslowakei; 1922 Teilung Oberschlesiens: Osthälfte an Polen; 1945 Potsdamer Konferenz: größtenteils unter polnische Verwaltung; kleinere Teile des historischen Niederschlesiens (Westhälfte der schlesischen Oberlausitz links der Lausitzer Neiße) bei Deutschland.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

In den historischen Teilen Schlesiens wurden unterschiedliche Formen des piastischen Adlers verwendet, aus denen sich folgende Hauptvarianten ableiteten:

  • in Niederschlesien ein schwarzer Adler auf goldenem Grund, mit weißer Halbmondspange auf der Brust und einem Kreuz. Das Wappen der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien orientiert sich an der Darstellung am Grab Herzog Heinrichs IV.
  • in Oberschlesien, ausgehend vom Herzogtum Oppeln/Opole, ein goldener Adler auf blauem Grund, häufig mit Krone dargestellt.

Gebräuchliche oder historische Beinamen

In der frühneuzeitlichen Chronistik wurde Schlesien als „die Schlesie“ personifiziert. Die historische deutschsprachige Dialektbezeichnung lautete „Schläsing“ und wurde in der Literatur (etwa bei Karl von Holtei) zur „Mutter Schläsing“ personifiziert. Im „Wasserpolnischen“ (Schlonsakischen) existiert die Bezeichnung „Ślůnsk“.

Vor- und Frühgeschichte

Älteste Funde menschlicher Präsenz in Schlesien stammen aus der Altsteinzeit, die Erschließung begann in der Jungsteinzeit. Um 500 v. Chr. wanderten Skythen von Osten in das damals von der Lausitzer Kultur geprägte Schlesien ein, später Kelten von Süden und Südwesten. In der Völkerwanderungszeit setzten sich germanische Vandalen in Schlesien fest, unter denen der Stamm der Silingen hervortrat. Etwa ab dem 6. Jahrhundert erfolgte die Landnahme durch slawische Stämme. Das Bevölkerungswachstum förderte die Genese von Stammesverbänden (Slezanen, Opolanen, Trebowianen u. a.). Die Anfänge westslawischer Staatsbildung durch die Vereinigung von Stammesterritorien unter der Herrschaft von Fürsten können auf das 8./9. Jahrhundert datiert werden.

Allgemeine politische Geschichte

Mittelalterliche Geschichte (bis 1500)

Vor dem Jahr 1000 war das Land von mehreren westslawischen Stämmen besiedelt. Es geriet ins machtpolitische Schnittfeld seiner expandierenden Nachbarn, wurde um 900 von den böhmischen Přemysliden und dann nach 950 von den polnischen Piasten erobert und christianisiert. Dementsprechend ging im Jahr 1000 die Gründung des Bistums Breslau/Wrocław vom polnischen Erzbistum Gnesen/Gniezno aus. Innerhalb der Grenzen des neuen Bistums entwickelten sich im Wesentlichen die politischen Einzelterritorien Schlesiens, die im 11. Jahrhundert zusammen mit Großpolen/Wielkopolska, Masowien/Mazowsze, Kleinpolen/Małopolska und dem östlichen Pommern/Pomorze die Basis Polens bildeten. Den Anfängen unter böhmischer und polnischer Herrschaft folgten ab 1138 eine Zersplitterung des polnischen Staates und eine Phase der innerpolnischen und innerschlesischen Machtkämpfe:

Infolge der von Herzog Bolesław III. Schiefmund/Krzywousty († 1138) testamentarisch verfügten Senioratsverfassung, die das polnische Staatswesen in der Hand eines „princeps“ zusammenhalten sollte, wurde Schlesien eines von vier polnischen Teilherzogtümern (Großpolen, Kleinpolen, Kujawien-Masowien, Schlesien). Damals begann die Ausbildung einer eigenen schlesischen Piastenlinie, die sich weiter verzweigte, zunächst wohl 1173 und dann 1202 in eine niederschlesische Breslauer und eine oberschlesische Oppelner Linie. Nach dem Scheitern des gesamtpolnischen Einigungsversuchs Heinrichs I. des Bärtigen/Henryk Brodaty (1201–38) und nach dem Mongoleneinfall 1241 (Schlacht bei Liegnitz/Legnica) spaltete sich Schlesien in bis zu 17 Teilherzogtümer auf.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts sah sich Schlesien konfrontiert mit Herrschaftsansprüchen des nunmehr erstarkenden Polen unter dem 1320 in Krakau gekrönten König Wladislaw I. Ellenlang/Władysław Łokietek sowie mit dem politischen Druck des böhmischen Königs Johann von Luxemburg (1310–46). Die politisch wenig einflussreichen schlesischen Piastenherzöge gliederten nach 1327 ihre Gebiete Böhmen an, indem sie ihre Herzogtümer der böhmischen Krone übertrugen, um sie als Lehen zurückzuerhalten. Durch den 1339 ratifizierten Vertrag von Trentschin/Trenčín verzichtete Polens König Kasimir III. der Große/Kazimierz Wielki (1333–70) auf die Oberhoheit über Schlesien, das 1348 von dem späteren Kaiser Karl IV. feierlich Böhmen „inkorporiert“ und damit mittelbar an das Heilige Römische Reich angeschlossen wurde, ohne dass die zu Mediatfürsten absinkenden schlesischen Herzöge die Reichsstandschaft erlangt hätten. Schlesien war seitdem ebenso wie die Nieder- und Oberlausitz sowie Mähren ein Nebenland der böhmischen Krone, in dem sich im 15. Jahrhundert eigene ständische Repräsentationsformen und eine eigene Landesverwaltung ausbildeten. Dennoch wurde es aufgrund fortdauernder kirchenrechtlicher, dynastischer und politischer Beziehungen von zahlreichen zeitgenössischen Quellen weiterhin zu „Polonia“ gerechnet; auch bestanden enge wirtschaftliche und Handelsbeziehungen nach Polen fort. Im 15. Jahrhundert kamen die oberschlesischen Teilgebiete Sewerien/Siewierz (1443), Auschwitz/Oświęcim (1453) und Zator (1494) dauerhaft an Polen; das niederschlesische Crossen/Krosno Odrzańskie fiel an Brandenburg (1482), während das mährische und dann selbständige Troppau/Opava seit dem 15. Jahrhundert zu Schlesien gehörte.

Nachdem erste im Kontext der Hussitenkriege stehende Versuche, eine gesamtschlesische Militärorganisation zu errichten (Strehlener Einung 1427), erfolglos geblieben waren, gelang es durch die vom böhmischen König Matthias Corvinus (1469–90) geführte straffe Landesverwaltung, in dem zersplitterten Schlesien durch Schaffung der Zentralinstanz des Fürstentags und Einsetzung eines Oberlandeshauptmanns (1474) eine frühmoderne territoriale Organisation zu errichten. Unter seinem Nachfolger, dem Jagiellonen Ladislaus/Wladislaw II. wurden diese zentralen Einrichtungen durch das Große Landesprivileg (1498) bestätigt.

Von allen Ländern des östlichen Mitteleuropa war Schlesien durch die von den einheimischen Landesherren gelenkte Heranführung westlicher, hauptsächlich deutscher, aber auch flämischer und wallonischer Siedler und Stadtbürger im 12. und 13. Jahrhundert am stärksten geprägt worden. Frühe Stadtgründungen waren neben Breslau etwa Goldberg/Złotoryja, Löwenberg/Lwówek Śląski, Zobten am Berge/Sobótka oder Neisse/Nysa. Die mit der Besiedlung einhergegangene Erschließung des Landes stand im Kontext eines europäischen Ausgleichsprozesses, den für Schlesien v. a. Herzog Heinrich I. der Bärtige eingeleitet hatte. Neue Anbaumethoden, Agrar- und Handwerkstechniken wurden eingeführt, alteuropäische Rechtstraditionen mit Formen der urbanen Selbstverwaltung in einem sich damals ausbildenden engmaschigen Städtenetz setzten sich durch. Das neuartige ländliche Siedelrecht (Ius Teutonicum) wurde seit dem 14. Jahrhundert auch nichtdeutschen Siedlern bei Stadt- und Dorflokationen verliehen. Das von den Mongolen zerstörte Breslau wurde 1241 nach einer zweiten Lokation planmäßig wieder aufgebaut und spätestens 1261 mit Magdeburger Stadtrecht bewidmet. Besonderen Anteil an dieser Siedlungstätigkeit hatte der Zisterzienserorden, der 1175 von Pforta an der Saale ausgehend das Männerkloster Leubus/Lubiąż und 1203 von Bamberg aus das Frauenkloster in Trebnitz/Trzebnica gründete, um in Schlesien weitere Klöster zu etablieren (Heinrichau/Henryków 1227, Grüssau/Krzeszów 1242).

Niederschlesien war durch die Neubesiedelung und die Assimilierung der bisherigen Bevölkerung bis zum Ende des 15. Jahrhunderts weitgehend deutschsprachig geworden, während in Oberschlesien bis auf Troppau/Opava, Katscher/Kietrz, Bielitz/Bielsko und die in geschlossenem deutschem Sprachgebiet liegenden Städte sowie einzelne Dörfer nahezu alle deutsch besiedelten Orte wieder polnischsprachig geworden waren. Auch größere Städte (u. a. Oppeln/Opole, Ratibor/Racibórz, Teschen/Cieszyn) bewahrten überwiegend in der Führungsschicht stärkere deutsche Minderheiten.

Bild

Ducatus Silesiae, in: Willem & Jan Blaeu: Theatrum Orbis Terrarum […], Amsterdam 1645
[Wikimedia Commons]. Eingezeichnet sind die Grenzen der schlesischen Teilfürstentümer
(Herzogtümer Breslau/Wrocław, Brieg/Brzeg, Glogau/Głogów, Grottkau/Grodków, Jägerndorf/
Krnov, Jauer/Jawor, Liegnitz/Legnica, Münsterberg/Ziębice, Oels/Oleśnica, Oppeln/Opole,
Ratibor/Racibórz, Sagan/Żagań, Schweidnitz/Świdnica, Teschen/Těšín/Cieszyn, Troppau/
Opava, Wohlau/Wołów und Herrschaften Militsch/Milicz, Pleß/Pszczyna,
Trachenberg/Żmigród, Wartenberg/Syców).

 

Frühneuzeitliche Geschichte (bis 1800)

Um 1500 erwies sich Schlesien als ein Kristallisationskern des Humanismus in Literatur und Kunst, als ein Zentrum von Wirtschaft, Handel und städtischer Entwicklung. Als Nebenland Böhmens kam Schlesien gemäß dynastischem Erbvertrag, Anerkennung durch die schlesischen und Wahl durch die böhmischen Stände in Prag im Jahr 1526 an die Habsburger, deren Politik der Herrschaftszentralisierung und Staatsintegration bald in Widerstreit zu der politisch-konfessionell eigenständigen Politik der schlesischen Fürsten und Stände geriet. Die sich bereits seit 1522 bis zum Ende des 16. Jahrhunderts allmählich in fast ganz Schlesien ausbreitende Reformation, der sich zunächst die Stadt Breslau und bis 1600 alle weltlichen Teilherzöge anschlossen, konnte nicht zurückgedrängt werden. Dennoch brachten die Habsburger seit König Ferdinand I. (1526–64) ihre Herrschaftsgewalt gegen die Fürsten und Stände Schlesiens stärker zur Geltung und konnten auf Dauer den Einfluss der durch dynastische Verbindungen und Gebietserwerbungen ins Land drängenden protestantischen Hohenzollern reduzieren. Der Erfolg des Protestantismus bewirkte in Geistesleben und Bildungswesen eine Orientierung Schlesiens an den protestantischen nordwestlichen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs, am Luthertum bzw. am niederländischen Calvinismus, während das Land politisch und administrativ auf Prag und nach 1620 auf Wien orientiert blieb. Gesamtschlesische Fürstentage zu außergewöhnlichen Staats-, Finanz- und politischen Angelegenheiten wurden nach Breslau einberufen, v. a. um die von Habsburg geforderten Steuern zur Abwehr der Osmanen bereitzustellen (1529 erste Belagerung Wiens) und um die Landesverteidigung zu organisieren.

Nach den wenig dauerhaften Zusagen Kaiser Rudolfs II. (1576–1612) an die Protestanten im Majestätsbrief von 1609 und nach dem antihabsburgischen Widerstandsbündnis der schlesischen und böhmischen Stände im selben Jahr verschärfte sich die konfessionspolitische Auseinandersetzung. 1619 schlossen sich die schlesischen Stände dem „Winterkönig“ Friedrich V. von der Pfalz an. Nach der Niederschlagung der Rebellion 1620 (Schlacht am Weißen Berg) kam das Land zunächst glimpflich davon, doch wurde Schlesien während des Dreißigjährigen Krieges (1618–48) durch schwedische, sächsische und kaiserliche Heere verwüstet und die Bevölkerung durch Seuchen und Epidemien dezimiert. Durch Vermittlung protestantischer Mächte (v. a. Schwedens) erhielt der schlesische Protestantismus im Westfälischen Friedensvertrag (1648) einen gewissen Schutz. Jedoch wurde überall dort, wo der Kaiser unmittelbarer Landesherr war (in den Erbfürstentümern Breslau, Schweidnitz-Jauer, Glogau und Troppau), der Katholizismus zur Staatsreligion, die durch teils erzwungene Gegenreformation durchgesetzt wurde. Erst die auf massiven Druck des Schwedenkönigs Karl XII. (1697–1718) abgeschlossene Altranstädter Konvention (1707) brachte den Protestanten wieder eine gewisse Erleichterung.

Die anhaltende Krisenzeit des 17. Jahrhunderts mit politischer und konfessioneller Spannung, mit Notzeiten und existentieller Bedrohung leitete in dem ethnisch uneinheitlichen und durch lutherische, katholische und calvinistische Zentren strukturierten Schlesien eine Kulturepoche ein, in der das Land in der Literatur – Martin Opitz (1597–1639), Andreas Gryphius (1616–64), Daniel Casper von Lohenstein (1635–83) – eine Führungsrolle im Alten Reich übernahm; auch polnische Barockliteratur wurde in Schlesien verfasst und gedruckt (Adam Gdacjusz [Gdacius; 1610–88]). 1740 beendete der Einmarsch Friedrichs II. von Preußen (des Großen; Kg. 1740–86) nach Schlesien die österreichisch-böhmische Periode der Landesgeschichte.

In den drei Schlesischen Kriegen, 1740–42, 1744–45 und 1756–63 (Siebenjähriger Krieg), konnte Friedrich II. die Annexion Schlesiens behaupten und durch sie die Großmachtstellung Preußens in Europa begründen. Im Frieden von Berlin (1742) gewann Preußen von den 40.625 km² Schlesiens 35.786 km² sowie die böhmische Grafschaft Glatz/Kłodzko (1.636 km²) und die mährische Enklave Katscher; insgesamt lebten in diesen Gebieten ca. 1,2 Mio. Menschen. Nur das Herzogtum Teschen/Cieszyn und die Großteile der Herzogtümer Troppau/Opava und Jägerndorf/Krnov bis zur Oppa blieben im Besitz Habsburgs und bildeten (bis 1918) das Kronland Österreichisch-Schlesien Innerhalb der Hohenzollernmonarchie erhielt das einem eigenen Provinzialminister unterstellte Schlesien bis 1807 einen administrativen Sonderstatus. 1815 wurden Gebiete der Oberlausitz an das preußische Schlesien, das zu einer eigenen Provinz wurde, angegliedert.

Zur militärischen Sicherung des Landes und zur Straffung und Effizienzsteigerung der Verwaltung führte Friedrich II. Militär-, Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen durch (Kantonsystem, Kreiseinteilung, Verbesserungen im Justiz-, Finanz- und Steuerwesen, eine den Freihandel begünstigende Zollpolitik, Subventionen, Siedlungsprogramme, Ausbau der Wasserstraßen, protoindustrieller Aufbau). Die unterschiedlichen christlichen Konfessionen und schrittweise auch die jüdische Religion wurden toleriert. Die Förderung des Bergbaus (Bergordnung 1769) und die Errichtung staatlicher Hüttenwerke in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bildeten die Grundlage der späteren Industrialisierung Oberschlesiens. Mit den Napoleonischen Kriegen und dem Zusammenbruch Preußens (1806/07) gingen wiederum Not, ökonomische Rückschläge und finanzielle Bedrückung einher, zahlreiche Städte Schlesiens wurden von Verbündeten Frankreichs besetzt. Die für Schlesien 1810 durchgeführte Säkularisierung des beträchtlichen katholischen Kirchengutes sollte dem staatlichen Etat in der damaligen Finanznot Linderung verschaffen. Schlesien hatte einen nicht unerheblichen Anteil an den preußischen Reformen in Verwaltung, Rechtswesen und Armee, die im frühen 19. Jahrhundert durchgesetzt wurden.

Nach dem 1813 erfolgten Umzug König Friedrich Wilhelms III. (1797–1840) und seiner Familie nach Breslau wurde Schlesien zu einem der beiden Ausgangsländer der „Befreiungskriege“ (Aufruf „An mein Volk“; Sieg des Generalfeldmarschalls Blücher an der Katzbach/Kaczawa). Nach 1815 erfolgte eine Neugliederung der Provinz in zunächst vier (vorgesehen zusätzlich: Reichenbach/Dzierżoniów), dann drei Regierungsbezirke (Breslau = Mittelschlesien, Liegnitz = Niederschlesien, Oppeln = Oberschlesien).

Bild

Provinz Schlesien (1885/90), in: Richard Andrees allgemeiner Handatlas.
2. verb. Aufl., Bielefeld 1890 [Wikimedia Commons]. Eingezeichnet sind
die Regierungsbezirke und Kreise der preußischen Provinz Schlesien.

 

Geschichte im 19. Jahrhundert

Schlesien gehörte 1815–66 zum Deutschen Bund, ab 1834 zum Deutschen Zollverein, 1866–71 zum Norddeutschen Bund und ab 1871 zum deutschen Kaiserreich. War Schlesien im 18. Jahrhundert eine führende Proto-Industrieregion gewesen (Heimindustrie, Leinenexport), verfiel die Provinz angesichts der preußischen Freihandelspolitik, des Wegfalls von Absatzmärkten infolge der napoleonischen Kontinentalsperre und der effektiver produzierenden Konkurrenz, v. a. der englischen Leinen- und Baumwollindustrie, wirtschaftlich zusehends. Durch eine Blockadehaltung der Großgrundbesitzer wurde die Bauernbefreiung bis 1850 verschleppt, ein von preußischen Reformern befürworteter Staatsumbau kam nicht voran. Die sozialen Spannungen entluden sich 1844 im Weberaufstand im Eulengebirge, der in ganz Deutschland wegen seiner rücksichtslosen Niederschlagung Aufsehen erregte. Die Unzufriedenheit mit dem preußischen Absolutismus fand in Schlesien zugleich in demokratischen Organisationsgründungen, Maschinenstürmen und Bauernaufständen Ausdruck. Das städtische Bürgertum organisierte sich zunehmend in politischen, aber auch wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sozialen Vereinen. Das Eintreten der Demokraten für die von der Frankfurter Nationalversammlung verabschiedete Reichsverfassung führte zum Breslauer Maiaufstand von 1849.

Für Oberschlesien brachte das 19. Jahrhundert eine rasche Industrialisierung, verbunden mit einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum (Regierungsbezirk Oppeln 1819: 561.173 Einwohner; 1910: 2.207.981 Einwohner) und mit rapider Verstädterung. Auf der rechten Oderseite befanden sich die größten Steinkohlevorkommen Europas, außerdem Eisen- und Zinkerzvorkommen. In der Nähe der Kohleflöze entstanden riesige Hüttenindustrien. Kehrseite dieses Wachstums waren die sich im Anschluss an den Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche (1871–87) in Oberschlesien verstärkenden konfessionellen Spannungen. Auch viele polnische Oberschlesier fanden ihre parteipolitische Heimat in der 1870 gegründeten Deutschen Zentrumspartei (Zentrum), der politischen Organisation des Katholizismus im deutschen Kaiserreich, die sich gegen die preußisch-protestantische Vorherrschaft und die rücksichtslose Germanisierungspolitik richtete. Vielfach wurden diese Konflikte auch ethnisch interpretiert und begünstigten die polnische Nationalbewegung in Oberschlesien.

Schlesien war somit gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einer Vielzahl konfessioneller, ethnischer und sozialer Probleme geprägt, zugleich aber auch von einer Vielfalt religiöser Strömungen (etwa Freikirchen), Minderheiten (Juden, Polen, Tschechen) und von starken gesellschaftlichen Unterschieden zwischen einer kleinen Schicht reicher Großindustrieller und Großgrundbesitzer und einer sich immer stärker ausweitenden Schicht von Industrie- und Landarbeitern.

Geschichte im 20. Jahrhundert

Im Ersten Weltkrieg war Schlesien zwar kein unmittelbarer Kriegsschauplatz, die Region war aber von den sekundären Auswirkungen des Kriegs massiv betroffen (Nahrungsmittelrationierung, politische Restriktionen, Kriegsgefangenenlager, Hungerjahr 1917). Im Jahre 1918 kam es auch in Schlesien zu einem revolutionären Umbruch mit der Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten. Nach Ende des Ersten Weltkriegs trat Deutschland infolge des Versailler Vertrags in Oberschlesien den Südteil des Kreises Ratibor/Racibórz (Hultschiner Ländchen/Hlučínsko) an die Tschechoslowakei ab (insgesamt ca. 49.000 Einwohner und 316 km²), in Mittelschlesien kleinere Teile der Kreise Guhrau/Góra, Militsch/Milicz, Groß Wartenberg/Syców und Namslau/Namysłów an Polen (insgesamt ca. 26.000 Einwohner und 512 km²).

In Oberschlesien versuchten polnische Einheiten in drei militärischen Erhebungen (Schlesische Aufstände) 1919, 1920 und 1921 ihrer Forderung nach einem Anschluss an das wiederbegründete Polen Nachdruck zu verleihen. In der Volksabstimmung vom 20.03.1921 votierten in dem vorher zur Abstimmungszone erklärten umstrittenen Gebiet 59,4 % der Stimmberechtigten für den Verbleib bei Deutschland, 40,6 % für den Anschluss an Polen, während im Westen Oberschlesiens nicht abgestimmt wurde. Nach der Empfehlung einer Völkerbundskommission beschlossen die Alliierten 1921 die Abtretung eines Gebietes von 3.213 km² mit rd. 890.000 Bewohnern und einem großen Teil des Industriereviers an Polen (1922). Dieser östliche Teil des früher preußischen Oberschlesiens wurde mit der Nordhälfte des Teschener Schlesiens zur polnischen Woiwodschaft Schlesien (Województwo śląskie) mit Verwaltungssitz in Kattowitz/Katowice und weitgehenden Autonomierechten innerhalb der Republik Polen zusammengefasst.

Um den Schutz der jeweils beträchtlichen ethnischen Minderheiten zu gewährleisten, schlossen Deutschland und Polen unter dem Schutz des Völkerbundes 1922 die Genfer Konvention, die neben zahlreichen verwaltungs-, wirtschafts- und verkehrstechnischen Erleichterungen auch die Einrichtung eines Minderheitenamtes in Oppeln (im deutschen Teil) bzw. in Kattowitz (im polnischen Teil) vorsah.

An der relativen innenpolitischen Stabilität des preußischen Schlesiens bis zur Weltwirtschaftskrise hatte die Stärke der Weimarer Parteien Anteil (der SPD in Niederschlesien sowie des Zentrums in Oberschlesien). Während die NSDAP bei der Reichstagswahl von 1928 in Schlesien kaum Stimmen erhielt, erreichte sie 1930 in den niederschlesischen Regierungsbezirken Breslau und Liegnitz 24,1 % bzw. 20,9 % und lag damit weit über dem Reichsdurchschnitt; in Oberschlesien, wo die Radikalisierung innerhalb der Arbeiterschaft der KPD zugute kam, erreichte sie zunächst nur 9,5 % der Stimmen. Bei der Reichstagswahl von 1932 wurde die NSDAP mit 43,5 % bzw. 48,8 % zur stärksten politischen Kraft in Niederschlesien, in Oberschlesien erreichte sie 29,2 %. Die rechtsextremen Kräfte profitierten von der jahrelangen Propaganda, die Schlesien als „bedrohte“ Region hingestellt hatte.

Im seit 1918 tschechischen Schlesien rührten sich in den 1920er Jahren Proteste gegen die administrative Zusammenlegung mit Mähren, die 1928 realisiert wurde. Belastend wirkte sich der schwelende Konflikt zwischen Polen und der Tschechoslowakei um das Teschener Schlesien aus, das 1920 entlang einer neuen Grenze (entlang des Flusses Olsa/Olza/Olše und eines Gebirgskammes der Schlesischen Beskiden) geteilt worden war, wodurch neben dem polnischen Teschen/Cieszyn auch die Stadt Tschechisch-Teschen/Český Těšín entstanden war.

Nach der Machtergreifung der NSDAP im Deutschen Reich 1933 begann auch für das preußische Schlesien die Umgestaltung aller Ebenen von Staat und Gesellschaft im Sinne der NS-Ideologie. Politische Gegner wurden ab 1933 in Konzentrationslagern und Gefängnissen interniert, die insbesondere in den Großstädten anteilmäßig bedeutende jüdische Bevölkerung wurde immer stärkeren Diskriminierungen ausgesetzt. Mit dem Auslaufen der Genfer Konvention 1937 endete die rechtliche Sonderstellung der Juden im früheren Abstimmungsgebiet des Regierungsbezirks Oppeln (wohin zuvor zahlreiche ausreisewillige Juden aus dem gesamten Deutschen Reich geflohen waren), die nun ebenfalls von den antijüdischen Gesetzen und Verordnungen getroffen wurden. In der „Kristallnacht“ am 9./10. November 1938 wurden auch in Schlesien Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte jüdischer Eigentümer verwüstet und Tausende von Juden inhaftiert.

Ebenfalls 1938 wurden Ober- und Niederschlesien zu einer Provinz zusammengeschlossen, was auf Parteiebene der Struktur des einheitlichen NSDAP-Gaus Schlesien entsprach. Der größte Teil des tschechischen Schlesiens wurde 1938 als „Ostsudetenland“ dem Deutschen Reich einverleibt, während Polen den Süden des Teschener Schlesiens annektierte.

Im September 1939 wurde Schlesien zu einem wichtigen Aufmarschgebiet während des deutschen Angriffs auf Polen, für den der fingierte „Überfall auf den Reichssender Gleiwitz“ den Anlass geboten hatte. An den neu geschaffenen Regierungsbezirk Kattowitz wurden östlich kleinpolnische Gebiete angeschlossen, etwa Saybusch/Żywiec, Auschwitz/Oświęcim oder das Dombrowaer Industrierevier/Zagłębie Dąbrowskie. Während des Zweiten Weltkriegs erlebte die Bevölkerung starke Restriktionen. 1940 entstand in den Granitsteinbrüchen des Striegauer Berglands das Konzentrationslager Groß Rosen mit zahlreichen Außenlagern. Im annektierten Ostoberschlesien musste sich die Bevölkerung ab 1941 in der so genannten Deutschen Volksliste nach ethnischen Kriterien kategorisieren lassen. 1941 wurden Nieder- und Oberschlesien wieder zu getrennten Provinzen. Angesichts seiner lange frontfernen Lage wurde Schlesien zum „Reichsluftschutzkeller“, wohin viele Menschen und Güter aus bombenbedrohten Städten und Gegenden des Deutschen Reichs evakuiert wurden. Erst 1944 geriet Schlesien in den Aktionsradius alliierter Bomber. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Ostfront erreichten sowjetische Streitkräfte im Januar 1945 den Osten Schlesiens, und bereits Ende Januar war fast ganz Schlesien rechts der Oder besetzt. Aus diesem Gebiet sowie aus der Großstadt Breslau ordneten die NS-Behörden die gewaltsame Evakuierung der dort lebenden deutschen Zivilbevölkerung an. Repressionen, eisige Kälte und schlechte Vorbereitung forderten eine hohe Zahl an Opfern. Das zur „Festung“ erklärte Breslau kapitulierte erst am 6. Mai 1945, nachdem ein großer Teil der Stadt durch Räumungsaktionen der Wehrmacht und aufgrund der Belagerung zerstört worden war.

Auf der Konferenz von Potsdam (Juli/August 1945) wurde das ehemals preußische Schlesien mit Ausnahme des kleinen Gebiets westlich der Lausitzer Neiße (zur Sowjetischen Besatzungszone [SBZ]/Deutschen Demokratischen Republik [DDR]) unter polnische Verwaltung gestellt. Bereits im Mai 1945 hatten jedoch polnische Voraustrupps mit dem Aufbau einer polnischen Verwaltung begonnen. Waren zwischen Mai und August 1945 bereits viele Deutsche aus Schlesien geflohen bzw. von dort vertrieben worden, erfolgte aufgrund der Potsdamer Beschlüsse ab 1946 eine systematische Zwangsaussiedlung der verbliebenen deutschen Bevölkerung (ca. 1,4 Mio.), die bis 1947/48 andauerte. In Oberschlesien existierten 1945–46 Lager für Deutsche (etwa Lamsdorf/Łambinowice und Schwientochlowitz/Świętochlowice). In Oberschlesien versuchten die polnischen Behörden, viele Einheimische als „Autochthone“ zu halten, die nicht vertrieben wurden, für die aber der Gebrauch der deutschen Sprache stark beschränkt wurde. Nach Abschluss der Ausweisungen hatten Angehörige der deutschen Minderheit die Möglichkeit der Familienzusammenführung und Spätaussiedlung in die DDR bzw. in die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Nur eine verhältnismäßig kleine deutsche Minderheit verblieb in Polen, insbesondere in Oberschlesien, ca. 850.000 Autochthone mussten sich einer „Verifizierung“ unterziehen. Aus dem tschechischen Teil Schlesiens wurden die meisten deutschsprachigen Bewohner vertrieben.

Im nunmehr polnischen, stark vom Krieg gezeichneten Schlesien wurden zum Teil so genannte Umsiedler aus den infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1939 an die UdSSR gefallenen und nach 1945 bei dieser verbliebenen ehemals ostpolnischen Woiwodschaften, aus Zentral- und Südpolen sowie ehemalige polnische Arbeitsmigranten aus Belgien und Frankreich sowie Siedler aus Bosnien angesiedelt. Nach der „piastischen Idee“ wurde Schlesien als „urpolnisches Land“ oder eines der „wiedergewonnenen Gebiete“ herausgestellt (u. a. „Ausstellung der wiedergewonnenen Gebiete“ in Breslau/Wrocław 1948). Zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen wurde 1950 im Görlitzer Vertrag/Układ zgorzelecki der Grenzverlauf entlang der Lausitzer Neiße anerkannt, auf den die Vereinbarungen des wiedervereinigten Deutschlands mit der Republik Polen – der Grenzvertrag vom 17. November 1990 und der Nachbarschaftsvertrag vom 17. Juni 1991 – ebenso Bezug nahmen wie auf den Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen vom 7. Dezember 1970. In Schlesien hatten sich nach 1945 zahlreiche bürgerliche Oppositionelle und Angehörige der Heimatarmee/Armia Krajowa (AK) niedergelassen, in den 1950er Jahren setzte sich das kommunistische Regime auch hier durch. In den städtischen Zentren blühte ein neues kulturelles Leben (Hochschulen und Theater in Breslau, Filmproduktion in Kattowitz und Bielitz). Gleichzeitig begann die Errichtung neuer Industriekombinate in Ober- und Niederschlesien. Bei der Verwaltungsgliederung von 1975 wurden neue, kleinere Woiwodschaften (Hirschberg/Jelenia Góra, Kattowitz/Katowice, Liegnitz/Legnica, Oppeln/Opole, Waldenburg/Wałbrzych, Breslau/Wrocław, Grünberg/Zielona Góra) geschaffen, deren Grenzen nicht mehr denen der alten Landesteile entsprachen und eine stärkere Zentralisierung Polens ermöglichten. Die landesweiten politischen Unruhen (1956, 1968, 1980ff.) wirkten sich auch in Schlesien stark aus, in den 1980er Jahren war Schlesien ein wichtiges Aktionsfeld der politischen Opposition. In ihren Reihen setzte sich bereits damals ein Umdenken hinsichtlich des Umgangs mit dem kulturellen Erbe Schlesiens durch, das nach 1989 zur Geltung kam.

Nach dem Ende des kommunistischen Systems wurde 1990 die in Oberschlesien lebende deutsche Minderheit offiziell anerkannt sowie die Bildung regionaler Vereinigungen ermöglicht. Zugleich artikulierte sich eine schlesische Autonomiebewegung, die sich zwischen der deutschen und der polnischen Kultur positionierte. Der politische Umbruch zog tiefgreifende Reformen in Wirtschaft, Verwaltung und Sozialpolitik nach sich. Gerade in den einst starken Industrieregionen in Oberschlesien, aber auch um Waldenburg/Wałbrzych oder Neurode/Nowa Ruda machten sich Privatisierungen und Firmenschließungen für die Betroffenen schmerzlich bemerkbar. Seit 1999 sind die historischen schlesischen Gebiete im Wesentlichen auf die drei neu eingerichteten Woiwodschaften Niederschlesien (województwo dolnośląskie), Oppeln (województwo opolskie) und Schlesien (województwo śląskie) aufgeteilt; das ehemalige Grünberger Land/Ziemia zielonogórska gehört heute zur Woiwodschaft Lebuser Land/Województwo lubuskie.

Neben den genannten Umstrukturierungen entfaltete eine neue Kulturpolitik erhebliche Aktivitäten für die Pflege des deutschen Anteils am schlesischen Kulturerbe mit all seinen materiellen und geistigen Bestandteilen. Vielfach bildeten sich dadurch neue lokale und regionale Identitäten aus, die sich in einem aktualisierten Verständnis von Schlesien als einer multikulturellen, in seiner Geschichte von mehreren Nationen, ethnischen und religiösen Gruppen geprägten Region bündeln.

Bevölkerung und Gesellschaft

Schlesien erlebte insbesondere im 18.–20. Jahrhundert ein starkes Bevölkerungswachstum, das sich (für die preußische Provinz Schlesien und für Österreichisch-Schlesien) in folgenden Einwohnerzahlen äußert:

Preußische Provinz Schlesien (1742-1945)
Jahr Einwohner
 1742  ca. 1.100.100 
 1770  1.327.078
 1791  1.747.065
 1797  1.795.468
 1817  1.992.598
 1820  2.120.175
 1840  2.858.800
 1850  3.101.871
 1862  3.349.495
 1871  3.707.167
 1875  3.843.699
 1880  4.007.925
 1890  4.224.458
 1900  4.668.857
 1905  4.942.611
 1939  4.846.333
Österreichisch-Schlesien (1742-1918)
Jahr Einwohner
 1776  247.064
 1804  270.891
 1851  438.586
 1890  605.649
 1900  680.422
 1910  756.949

Religions- und Kirchengeschichte

Für die katholische Kirche in Schlesien bildete seit seiner Gründung im Jahre 1000 das Bistum Breslau die administrative Grundlage. Es war bis 1821 Suffraganbistum der polnischen Diözese Gnesen/Gniezno. Seit 1100 existierte ein eigenes Domkapitel. Eine Besonderheit bildete die 1290 bestätigte weltliche Herrschaft der Breslauer Bischöfe über die Herzogtümer Ottmachau/Otmuchów und Neisse/Nysa, die ihnen den Titel „Fürstbischöfe“ eintrug. Zentren kirchlicher Gelehrsamkeit und Frömmigkeit waren seit dem Mittelalter zahlreiche über das Land verteilte Klöster (s. o.). Von ihnen gingen nach der Reformation auch wichtige Impulse der katholischen Gegenreformation aus. Sie führte insbesondere in Oberschlesien zu einer durchgreifenden Rekatholisierung von zwischenzeitlich evangelisch gewordenen Gemeinden. 1930 wurde die Diözese Breslau zum Erzbistum erhoben. Die – nach 1945 polnische – Diözese Breslau wurde nach dem Zweiten Weltkrieg neu strukturiert, seit 1972 ist sie wieder Erzbistum.

Evangelische Kirchengemeinden verbreiteten sich seit der Einführung der Reformation vor allem nach dem Augsburger Bekenntnis rasch in ganz Schlesien; daneben existierten aber auch zahlreiche reformierte Gemeinden. Seit 1817 waren Lutheraner und Reformierte in der Altpreußischen Union (bis 1945) zusammengefasst; viele Altlutheraner, die sich der Union nicht anschließen wollten, emigrierten aus Schlesien nach Übersee. Nach 1945 wurde Breslau zum Sitz eines Bistums der Evangelisch-Augsburgischen Kirche; Gemeinden existieren u. a. in Breslau, Jauer/Jawor, Schweidnitz/Świdnica, Liegnitz/Legnica, Bad Warmbrunn/Cieplice-Zdrój und Brückenberg/Karpacz Górny (Wang). Ein separates Evangelisch-Augsburgisches Bistum hat seinen Sitz in Teschen mit einem traditionell starken Anteil polnischer Protestanten.

Neben den beiden großen Konfessionen waren in Schlesien christliche Sekten überproportional stark vertreten.

Juden lebten nachweislich seit dem 12./13. Jahrhundert in Schlesien; allerdings führten Verdächtigungen nach Pestepidemien und Hasspredigten im Spätmittelalter zur sukzessiven Ausweisung, so dass lediglich die privilegierten Gemeinden in Glogau und Zülz/Biała verblieben. Erst in der preußischen Zeit erhielten Juden Zug um Zug bürgerliche Rechte in Schlesien und ihre Zahl stieg bis 1880 deutlich an, um dann durch Wanderungen nach Berlin, aber auch nach Übersee, wieder zurückzugehen (1791: 9.066, 1817: 16.476, 1880: 52.682, 1913: 46.845). Das 19. Jahrhundert war geprägt von Auseinandersetzungen zwischen reformistischen und orthodoxen Tendenzen innerhalb des schlesischen Judentums. Das 1854 in Breslau gegründete Jüdisch-Theologische Seminar gehörte zu den führenden Einrichtungen seiner Art weltweit. Der Holocaust hat die einst blühende deutsch-jüdische Kultur in Schlesien weitgehend vernichtet. Im polnischen Schlesien existieren heute nur verstreute Gemeinden in größeren Städten.

Besondere kulturelle Institutionen

Bereits seit 1924 strahlte die Schlesische Funkstunde AG (ab 1934: Reichssender Breslau) Radiosendungen aus, später unterstützt durch Sendeanlagen in Gleiwitz/Gliwice und Reichenbach OL. Die Baulichkeiten der Schlesischen Funkstunde in Breslau nutzt seit 1945 das Polskie Radio Wrocław.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man im niederschlesischen Adelin/Zagrodno evakuierte Bestände des 1817 in Lemberg/Lwów/Ľviv von Józef Maksymilian Graf Ossoliński gegründeten National-Instituts Ossolineum/Zakład Narodowy im. Ossolińskich. Seit 1947 hat das Ossolineum seinen Sitz in Breslau im ehemaligen Klostergebäude der Kreuzherren mit dem roten Stern, dem späteren Matthiasgymnasium. Es widmet sich der Erforschung der polnischen Geschichte und Literatur und verfügt über umfangreiche Sammlungen (darunter wertvolle Handschriften, historische Karten, Drucke und Münzen) und eine Bibliothek.

Bildung

In zahlreichen schlesischen Kirchdörfern existierten seit dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit Volksschulen, in den Städten kirchliche Lateinschulen, unter denen beispielhaft die bei den Kirchen St. Magdalena (1267) und St. Elisabeth (1293) in Breslau zu nennen sind. Nach der Reformationszeit wurden zahlreiche bisherige Lateinschulen zu Gymnasien ausgebaut. Als prominente adelige Bildungseinrichtung bestand ferner ab 1708 die Ritterakademie zu Liegnitz, die ab 1811 auch bürgerlichen Schülern offen stand.

Nach der preußischen Übernahme Schlesiens galten dort die Grundsätze des preußischen Schulwesens (etwa das General-Landschulregiment von 1763), das seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert von der Aufklärung geprägt war und einer staatlichen Aufsicht unterstand.

Wissenschaftliches Zentrum in Schlesien vor 1945 war die 1811 gegründete Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau, entstanden aus der Zusammenlegung der im Jahre 1702 mit Hilfe der Jesuiten in Breslau errichteten Academia Leopoldina und der seit 1506 in Frankfurt (Oder) situierten Universität Viadrina. Sie umfasste fünf Fakultäten (evang. Theologie, kath. Theologie, Recht, Medizin, Philosophie) und zahlreiche Seminare und Institute. Seit 1910 bestand ferner die selbständige Technische Hochschule Breslau. Die Tradition dieser beiden Hochschulen wurde nach 1945 vor allem von den zwangsumgesiedelten Hochschullehrern aus dem ostpolnischen Lemberg/Lwów/Ľviv weitergefüht; das heutige Breslau gehört zu den bedeutendsten Hochschulstandorten Polens. Neuere Gründungen sind die Universitäten Oppeln, Kattowitz und Grünberg sowie die Technische Universität Gleiwitz.

Alltagskultur

Die soziale und wirtschaftliche Lage der ländlichen, von den Grundherren abhängigen Unterschichten Schlesiens im 18./19. Jahrhundert war schlecht. Bessere Lebensbedingungen hatten nur wenige freie Bauern und Kolonisten im Odertal, die von grundherrlichen Lasten befreit waren bzw. für die Sonderregelungen galten. Infolge der Bauernbefreiung konnte eine große Bevölkerungsgruppe ihren Grundbesitz nicht halten und musste in der Hausindustrie (Weberei) und als Landarbeiter ihr Auskommen suchen; andere wanderten saisonal oder dauerhaft ab (als Dienstboten v. a. nach Berlin, als Industriearbeiter ins Ruhrgebiet). Die Missstände galten erst im 20. Jahrhundert als überwunden.

Hinsichtlich der Hausformen dominierte in Niederschlesien das Querdielenhaus, bei größeren Höfen eine Vierseitanlage, sowie als Siedlungsform Reihen- und Waldhufendörfer. Im Riesengebirge waren die Bauden mit weit herabgezogenem Dach verbreitet; auf engstem Raum boten sie Platz für bis zu 15 Personen und die Verarbeitung eigener Produkte (Milch, Wolle). Landarbeiterfamilien waren auf den Gütern nach ca. 1800 in Mehrfamilienhäusern mit Gemeinschaftskochstellen und meist nur zwei Räumen pro Familie ebenfalls sehr beengt untergebracht. Hausrat, Möbel, Kleidung, Wandschmuck und andere Sachgüter waren meist entsprechend unzureichend.

So genannte Trachten als gruppengebundene Kleidung ländlicher Bevölkerung setzten einen gewissen Wohlstand zur Aneignung städtischer Kleidungselemente voraus und waren deshalb nur in Dörfern mit wohlhabenderer Bevölkerung anzutreffen; in Adaptation adeliger und städtischer Moden gab es im 19. Jahrhundert Frauentrachten mit Rock und Mieder, Haube und Umschlagtüchern, bei den Männern (Leder-)Hosen, Stiefel, Hemd, Weste, langschößige Jacken und Hut. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die örtlichen Trachten längst im Schwinden, lediglich als Markenzeichen bestimmter Berufsgruppen (Dienstmädchen, Händler) konnten sich einzelne Trachten(-elemente) noch halten, bis sie im Zuge zunächst bürgerlich-romantischer, später auch nationaler Idealisierung einen besonderen Wert erhielten und schließlich ab ca. 1920 Objekte gezielter Volkstumspflege wurden.

Auch die Nahrungsgewohnheiten waren durchgängig vor allem vom Mangel geprägt. Im 18. Jahrhundert waren Suppen, Getreidebreie und Kraut alltägliche Speisen; Fleisch gab es für die Unterschichten praktisch gar nicht. Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend das Roggenbrot – mit Butter, Mus oder Sirup bestrichen – durch, die warme Mahlzeit bildete entweder eine (Mehl-)Suppe, Kraut/Kohl, Kartoffeln mit saurer Milch u. ä. Bis zur Mitte des 19. Jahrhundert wurde die Kartoffel wichtigstes Grundnahrungsmittel. Als Getränk diente zunächst Dünnbier, das später durch Getreide- oder Zichorienkaffee ersetzt wurde. Der Konsum von billigem Branntwein war erheblich. Aus den wohlhabenderen Bauerndörfern Niederschlesiens ist auch Luxuskonsum überliefert (Bohnenkaffee, Wein, Fleisch, Feingemüse u. a.). Das galt auch für das städtische Bürgertum; die Nahrungsgewohnheiten der Arbeiter dort glichen denen der ländlichen Unterschichten, wobei letztere oftmals in bescheidenem Umfang Selbstversorgung betreiben konnten. Gerichte, die heute als schlesische Spezialitäten gelten wie Mohn- und Hefeklöße, Streuselkuchen, Karpfen mit Kraut, Kartoffelsalat und Weißwurst bzw. das „Schlesische Himmelreich“, stammen überwiegend aus dem späteren 19. Jahrhundert und waren zunächst entweder Festtagsgerichte oder den Wohlhabenden vorbehalten.

Auch in Schlesien waren Bräuche vor allem an kirchliche Feste, das Arbeitsleben und den Lebenslauf gebunden. Sie dienten der Demonstration von Zusammengehörigkeit und Ausgrenzung, dem kurzfristigen Ausgleich sozialer Ungleichheiten (Heischebräuche), der Kontaktanbahnung zwischen den Geschlechtern sowie der Markierung lebensgeschichtlich wichtiger Übergänge (rites de passage). Zu den bekannteren, in Oberschlesien bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nachweisbaren Bräuchen zählt das so genannte Todesaustragen am Sonntag Laetare; teilweise war dieser auch als Sommersingen bezeichnete Brauch mit einem Heischegang verbunden. Die Einsegnung am ersten Geburtstag eines Kindes war bei katholischen Oberschlesiern verbreitet und galt wegen der hohen Säuglingssterblichkeit bis ins 20. Jahrhundert gleichsam als zweite Taufe.

Populäre Erzähl- und Lesestoffe standen in Bezug zur oben umrissenen Lebenswirklichkeit der Menschen. Die sozial-disziplinierende Funktion von Droh- und Strafgeschichten ist ebenso offensichtlich wie die kompensatorische Funktion von Geschichten über sagenhafte Schatzfunde, die angeblich aus dem materiellen Elend erlösten. Zur schlesischen Identifikationsgestalt wurde im 19. Jahrhundert der Berggeist Rübezahl. Neben der mündlichen Überlieferung und in wechselseitiger Durchdringung standen verschiedene gedruckte Medien wie Andachtsbilder, Flugblätter, im 18. Jahrhundert auch die so genannten Volksbücher, im 19. Jahrhundert schließlich erreichten Zeitungen und Kalender breitere Bevölkerungskreise. In den 1920er/1930er Jahren begann der Siegeszug des Rundfunks, dem in der politisch umkämpften Grenzregion besondere Bedeutung zukam.

Niederschlesien links der Oder gehörte ab dem Ende des 13. Jahrhunderts zum Verbreitungsgebiet schlesischer Mundarten, die dem Ostmitteldeutschen zugerechnet werden und in Lexik und Phonetik zahlreiche Anklänge an das Polnische bzw. Tschechische aufweisen. Die Bedeutung der Mundart nahm im 19. Jahrhundert in größeren Städten zugunsten des Hochdeutschen kontinuierlich ab, in ländlichen Gebieten blieb das Schlesische bis in die Zwischenkriegszeit hinein verbreitet. In Oberschlesien war neben oberschlesischen Varianten des Mitteldeutschen das Polnische in der Form des ebenfalls als Schlesisch (po ślonsku), „Wasserpolnisch“ bzw. Schlonsakisch bezeichneten Dialekts verbreitet, das vor allem auf dem Land und in der städtischen Arbeiterschaft gesprochen wurde und zahlreiche Entlehnungen aus dem Deutschen aufweist. Seit 1989 erlebt das Schlesische als Ausdruck regionaler Identität und Eigenständigkeit eine kleine Renaissance. H. K.

Kunst

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Musik

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Literatur

Die Anfänge der Literatur in Schlesien sind in lateinischer und mittelhochdeutscher religiöser Dichtung zu finden. Überliefert sind Psalmen, Mariengrüße und -klagen sowie eine reiche, vielfach eigenständige Fachprosa. Im „Liber fundationis claustri Sancte Marie Virginis in Henrichow“ (Heinrichauer Gründungsbuch/Księga Henrykowska; 1268–72) ist der erste polnische Satz überliefert („Daj, ać ja pobruszę, a ty poczywaj!“ – Lass mich mahlen, und du ruh’ dich aus!). Verbreitet waren auch Spielmannsepik sowie die Legende der hl. Hedwig. Minnedichtungen von Heinrich von Pressela (Breslau) und die von Herzog Bolko I. in Auftrag gegebene „Kreuzfahrt des Landgrafen Ludwig des Frommen von Thüringen“ (Anfang 14. Jahrhundert) deuten auf ein eigenes literarisches Leben in Schlesien hin.

Mit dem Buchdruck ab 1475 in Breslau begann auch in Schlesien eine literarische Entwicklung, die mit dem wirtschaftlichen Erstarken des städtischen Patriziats und der Reformation zusammenfiel. Zunächst waren es religiöse Schriften, die mehrfach nachgedruckte Hedwigslegende (Baumgarten 1504) sowie Gesangbücher (Dyon 1525), die Schlesien als Literaturlandschaft prägten. Wesentliche Impulse gewann Schlesien durch bedeutende, seit dem Mittelalter bestehende Gymnasial- und Privatbibliotheken. Erwähnenswert ist auch der polnische Buchdruck, etwa die Schriften des aus Kreuzburg O.S./Kluczbork stammenden Pfarrers Adam Gdacjusz (Gdacius) aus der Offizin Johann Christoph Jakobs in Brieg/Brzeg.

Herausragend sind die humanistischen Landeskunden von Barthomoläus Sthenus (um 1513) und Nicolaus Henel von Hennenfeld (1613). Daneben blühte in Schlesien die panegyrische lat. Dichtung, meist zum Lob Breslaus.

Entscheidend für die gesamte deutsche Literatur wurde Martin Opitz mit seiner Poetik „Buch von der deutschen Poeterey“ (1624), in der er analog zu den volkssprachlich hochstehenden Dichtungen in Italien, Frankreich und England eine Literatur in deutscher Sprache forderte. Durch Lyriker und Dramatiker wie Daniel Czepko, Friedrich von Logau, Andreas Gryphius, Christian Hoffmann v. Hoffmannswaldau, Daniel Casper von Lohenstein wurde Schlesien bis etwa 1700 zu einem Zentrum deutscher Dichtung. Die lange übliche Gliederung schlesischer Dichtung in „Dichterschulen“ ist methodisch überholt. Der Übergang vom Barock zur Frühaufklärung, Anakreontik und Erlebnisdichtung wurde durch die Dramen Johann Christian Hallmanns, die Anthologie von Benjamin Neukirch und die Gedichte Johann Christian Günthers vollzogen.

Schlesischen Dichtern des 18. Jahrhunderts gelang der Sprung in die überregionale Bedeutung nicht. Weitere Verbreitung fand nur die Lyrik Anna Louisa Karschs.

Nach 1800 bündelte Joseph von Eichendorff romantische Themen und Stoffe und wurde durch seinen eingängigen und zugleich seelische Tiefe vermittelnden Stil zu einem bis heute rezipierten Dichter. Gustav Freytag war mit historischen Romanen sehr erfolgreich, kam aber durch seine stereotype Charakterisierung polnischer und jüdischer Figuren zu stark vereinfachten „Kulturbildern“.

Zwischen Naturalismus, Adaption griechischer Klassik und Wissenschaft bewegten sich Gerhart und Carl Hauptmann. Für den Expressionismus setzten Max Herrmann-Neisse, Georg Heym und Kurt Heynicke Maßstäbe, die politische Literatur wurde durch Alfred Hein, Arnold Zweig und Franz Jung repräsentiert. Landschaft und Gesellschaft Oberschlesiens wurden etwa durch Valeska von Bethusy-Huc, Hans Marchwitza, Hans Niekrawietz und August Scholtis beschrieben.

Nach 1945 waren es Heinz Piontek, Dagmar Nick, Horst Bienek, Hans Lipinsky-Gottersdorf u. a., die sich mit dem Verlust der Heimat literarisch auseinandersetzten.

Bis heute ist Schlesien sowohl in Romanen (Christoph Hein, Theodor Buhl) als auch in Reiseberichten (Roswitha Schieb) literarisches Thema. Auch für die polnische Literatur wird Schlesien entdeckt (z. B. Tadeusz Różewicz, Marek Krajewski, Olga Tokarczuk, Henryk Waniek). D. H.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Bereits in der deutschen und polnischen Chronistik des 16. Jahrhunderts wurde die Frage der „germanischen“ und „slawischen“ Prägung der Ureinwohnerschaft und Erstbesiedlung Schlesiens zwischen Deutschen und Polen kontrovers dargestellt. Aus dem Indigenat wurde jeweils ein Besitzrecht für die entsprechende Nation abgeleitet. Seit der Reformation waren die Geschichtsdeutungen geprägt von protestantischen und katholischen Positionen, die nach 1741 in eine protestantisch-preußische bzw. katholisch-habsburgische Sichtweise übergingen.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden in der regionalen Geschichtskultur deutsche nationale Aspekte überbetont und von Geschichtswissenschaft und Publizistik eine „Bollwerk-Funktion“ des Landes herausgestellt, während auf polnischer Seite (insbesondere im Zuge der Auseinandersetzung um Oberschlesien) die historisch-kulturellen Bezüge zur polnischen Kultur und zum polnischen Staat betont wurden.

Die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik Deutschland stand anfangs in einer nationalistischen Kontinuität; in Kreisen der Wissenschaft setzte sich erst ab den 1970er Jahren ein modernisiertes Bild Schlesiens durch. In landsmannschaftlichen Kreisen werden traditionelle Erinnerungsmuster bis heute weiter kultiviert.

Im kommunistischen Polen wurde nach 1945 die Rückkehr Schlesiens zum „piastischen Mutterland“ gefeiert und Schlesien als Teil der „wiedergewonnenen Gebiete“ in die nationale Erinnerung integriert; entsprechend wurden in der Erinnerung polnische Aspekte in den Vordergrund gerückt. Dennoch setzte im Schatten der offiziellen Propaganda bei vielen Menschen bereits ein mentaler Wandel ein, der sich nach 1989 auch geschichtspolitisch als beziehungsgeschichtliches Paradigma artikulierte.

In der regionalen Gedächtniskultur spielten und spielen die Erinnerungen an militärische Auseinandersetzungen in Schlesien stets eine große Rolle: etwa die vergebliche Belagerung von Nimptsch/Niemcza durch Kaiser Heinrich II. (1017), die „Mongolenschlacht“ auf der Wahlstatt/Legnickie Pole bei Liegnitz (1241), die friderizianischen Schlachten bei Mollwitz/Małujowice (1741), Hohenfriedberg/Dobromierz (1745) und Leuthen (1757), der preußische Sieg über die napoleonischen Truppen an der Katzbach (1813) oder die Kämpfe um die „Festung Breslau“ (1945). Ein weiteres Element der regionalen Memoria sind 13 Nobelpreisträger mit schlesischen Wurzeln. M. W.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld (Hg.), Sławomir Brzezicki, Christine Nielsen (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München, Berlin 2005 [polnische Version: Zabytki sztuki w Polsce – Śląsk. Warszawa 2006].
  • Joachim Bahlcke (Hg.): Schlesien und die Schlesier. München 1996 (Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat 7).
  • Norbert Conrads (Hg.): Schlesien. Berlin 1994 (Deutsche Geschichte im Osten Europas).
  • Marek Czapliński, Elżbieta Kaszuba, Gabriela Wąs, Roscisław Żerelik: Historia Śląska. Wrocław 2002 (Acta Universitatis Wratislaviensis 2364).
  • Dan Gawrecki u. a.: Dějiny Českého Slezska 1740–2000 (2 Bde.). Opava 2003.
  • Arno Lubos: Geschichte der Literatur Schlesiens (3 Bde.). München 1960–1974.
  • C[zesław] Osękowski: Społeczeństwo Polski zachodniej i północnej w latach 1945−1956. Procesy integracji i dezintegracji, [Die Gesellschaft der polnischen West- und Nordgebiete in den Jahren 1945-1956. Integrations- und Desintegrationsprozesse]. Zielona Góra 1994.

  • Piotr Pregiel, Tomasz Przerwa: Dzieje Śląska. Wrocław 2005.
  • Hugo Weczerka (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Schlesien. Stuttgart 1977 (Kröners Taschenausgabe 316).

Weblinks

Wichtige Literatur, Zeitschriften, Abbildungen und gedruckte Quellen zur Kultur und Geschichte Schlesiens finden sich in den regionalen Digitalen Bibliotheken:

Museen:

Zitation

Detlef Haberland, Heinke Kalinke, Matthias Weber, Tobias Weger: Schlesien. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2011. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54153.html (Stand 28.10.2015).

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