Namensgebung der Universität Oldenburg nach Carl von Ossietzky (1889 – 1938)



1972

  • 6. Juni 1972  
    Ein studentisches Mitglied der Strukturkommission des Gründungsausschusses der Universität bringt in Zusammenhang mit der bevorstehenden Verabschiedung der Grundordnung eine Vorlage ein, in der die Benennung der Universität nach Carl von Ossietzky vorgeschlagen wird. Begründung: der im Satzungsentwurf festgelegte gesellschaftliche Auftrag der Universität, ihre Arbeit in den Dienst des Friedens und der Demokratie zu stellen, solle auch durch die Namensgebung deutlich werden.
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  • 25. Oktober 1972   
    Die Strukturkommission legt dem Gründungsausschuss ihren Entwurf für die Grundordnung vor. Er trägt die Überschrift "Satzung der Carl-von-Ossietzky-Universität-Oldenburg".

1973 

  • 21. April 1973  
    Die Nordwest-Zeitung (NWZ) startet eine Leserbefragung zur Namensgebung  und stellt neben von Ossietzky vier weitere Persönlichkeiten (Graf Anton Günther, Wilhelm Heinrich Schüßler, Gustav Stresemann, Karl Jaspers)  sowie den Namen „Universität Oldenburg“ zur Abstimmung. Das Resultat: Über die Hälfte der 3111 Teilnehmer spricht sich für „Universität Oldenburg“ aus.  

1974    

  • 1. Februar 1974  
    Der Gründungsausschuß beschließt ohne Gegenstimmen (bei drei Enthaltungen) die Grundordnung, deren § 1 die Benennung der Universität nach Carl von Ossietzky vorsieht.
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  • 7. Februar 1974  
    Das Kultusministerium genehmigt die Grundordnung mit Ausnahme des § 1. Begründung: eine Namensgebung könne nicht Gegenstand eines Satzungsgebungsverfahrens sein.
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  • 6. Juni 1974   
    Gespräch des Konzilvorstandes mit Kultusminister Peter von Oertzen (SPD). Seine ablehnende Haltung begründet das Ministerium formal: Eine Namensgebung sei nicht mehr zeitgemäß.
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  • 28. August 1974  
    Der neue Wissenschaftsminister Joist Grolle (SPD) hält an der Position von Oertzens in der Frage der Namensgebung fest.
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  • 16. Oktober 1974  
    Einen Tag nach Semesterbeginn bringen Studenten in großen Lettern den Namenszug "Carl-von-Ossietzky-Universität" weithin sichtbar am Turm des Allgemeinen Verfügungszentrums (AVZ) an. Das Rektorat wertet diese Initiative als demonstrativen Akt, der dem geschlossenen Willen der Universität Ausdruck verleihen soll.

1975

  • 14. Mai 1975  
    Um eine Abstimmungsniederlage der SPD/FDP-Regierung zu vermeiden, kündigt Joist Grolle aufgrund einer Eingabe der Oldenburger Bürgervereine und einer von der CDU verlangten Abstimmung zur Frage der Namensgebung an, er werde die Lettern vom Universitätsgebäude entfernen lassen, um gegen die Eigenmächtigkeit der Universität vorzugehen.
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  • 27. Juni 1975  
    Unter Schutz von 200 Polizisten entfernen Maler im Auftrag des Staatshochbauamtes den Schriftzug.
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  • 2. Juli 1975   
    Über Nacht haben Studenten den Namenszug „Carl-von-Ossietzky-Universität" mit wetterfesten Kunststoffbuchstaben an gleicher Stelle wieder angebracht. Das Ministerium erklärt, es werde die Buchstaben nicht noch einmal entfernen lassen.
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  • August/September 1975  
    Der Versuch, einen von der Universität eingebrachten und vom Wissenschaftsminister akzeptierten Kompromiß bei der Landesregierung und im Parlament durchzusetzen, scheitert an der Ablehnung der FDP, die an der Regierung beteiligt ist. Der Kompromiß sieht die Bezeichnung "Universität Oldenburg - Carl-von-Ossietzky-Universität" vor.

1976  

  • 18. Dezember 1976  
    Erste Informationsveranstaltung des Bürgerkomitees "Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg", das sich am 5. August gebildet hat. In Briefen äußern sich u.a. Alfred Andersch, Heinrich Albertz, Willy Brandt, Axel Eggebrecht, Ossip K. Flechtheim, Helmut Gollwitzer, Günter Grass, Robert Kempner, Siegfried Lenz, Rosalinde von Ossietzky-Palm zum Anliegen der Universität.

1978    

  • 4./5. Mai 1978  
    Zusammen mit der internationalen Liga für Menschenrechte, dem DGB-Landesbezirk Niedersachsen und dem Bundesjugendring veranstaltet die Universität Oldenburg demonstrativ „Ossietzky-Tage“ anlässlich des 40. Todestages des Friedensnobelpreisträgers. Im Rahmen der Veranstaltung werden der Gewerkschafter Willi Bleicher und Bundesverfassungsrichter Dr. Helmut Simon mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte ausgezeichnet. Ein weitgehend durch Spenden von Universitätsangehörigen finanziertes Mahnmal wird enthüllt. Es trägt ein Zitat Ossietzkys, das er unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges schrieb:  
    "Wissenschaft und Technik waren nicht in erster Linie da zu helfen. 
      
    Sie schufen Werkzeuge der Vernichtung, Werkzeuge gräßlichsten Mordens. 
      
    Wir müssen die Wissenschaft wieder menschlich machen".
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  • 14. Juni 1978  
    Das 88köpfige Konzil der Universität beschließt mit einer Gegenstimme, in Selbstverwaltungsangelegenheiten, die Universität Oldenburg nach Carl von Ossietzky zu benennen. Die Universität nimmt damit das gleiche Recht wahr wie die Universität Göttingen, die sich ohne gesetzliche Grundlage nach ihrem Gründer Carola Wilhelmina nennt.
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  • 16. Juni 1978  
    Das von Eduard Pestel (CDU) geführte Wissenschaftsministerium beanstandet den Beschluss des Konzils als rechtswidrig.
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  • 14. Juli 1978  
    Die Universität Oldenburg erhebt beim Verwaltungsgericht Oldenburg gegen das Verbot der Namensführung Klage.

1979  

  • 5. April 1979  
    Inge Wettig-Danielmeier, hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, plädiert in einem Gastkommentar in der Hochschulzeitung UNI-INFO für die Zulassung der von der Universität Oldenburg gewünschten Namensgebung.

1980  

  • Februar 1980  
    Das Verwaltungsgericht Oldenburg entscheidet, dass nur der Landtag berechtigt sei, über Namen von Universitäten zu entscheiden und verwirft damit die Beschlüsse von Konzil und Senat. Das Verwaltungsgericht bezieht sich in seiner Begründung auf das inzwischen geänderte Niedersächsische Hochschulgesetz (NHG), das erstmals die Bezeichnungen der niedersächischen Universitäten rechtlich festlegt.
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  • 7. Mai 1980  
    Der Landtag lehnt einen Entschließungsantrag der SPD ab, die Namensgebung für die Universität nach Carl von Ossietzky zuzulassen.  

1981    

  • 4. bis 10. Mai 1981  
    Zum 2. Mal veranstaltet die Universität Ossietzky-Tage, die in den 80er Jahren sechsmal stattfinden. Ab 1982 stehen nicht nur Carl von Ossietzky und seine Zeit im Zentrum der Tage, sondern auch aktuelle gesellschaftspolitische Themen, die der besonderen Diskussion in einem demokratischen Staat bedürfen wie „Beherrschung der Informationstechnik – Verantwortung der Wissenschaft“ (1984), „1945 – Die Stunde Null?“ (1986), „Perspektiven – Gesellschaftliche Entwicklung und Aufgaben der Wissenschaft aus Sicht der DDR und der BRD“ (1987), „Republikaner ohne Republik“ (1988), „Carl von Ossietzky und die politische Kultur der Weimarer Republik“ (1989)
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  • 12. April 1981  
    Rosalinde von Ossietzky-Palm, die Tochter Carl von Ossietzkys, überläßt der Universität Oldenburg den Nachlass ihres Vaters. Der Nachlass ist Grundstock für das an der Universitätsbibliothek eingerichtete "Ossietzky-Archiv".

1988      

  • 4. – 8. Mai 1988   
    An den Ossietzky-Tagen „Republikaner ohne Republik“ nehmen u.a. der Friedensnobelpreisträger und SPD- Bundesvorsitzende Willy Brandt, der Zukunftsforscher Robert Jungk und der Lyriker Erich Fried teil.
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  • Sommer 1988  
    Die interdisziplinär zusammengesetzte Ossietzky-Forschungsgruppe beginnt mit den Arbeiten zu einer kommentierten Gesamtausgabe der Werke Carl von Ossietzkys. Finanziell gefördert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Drei Jahre später übernimmt eine weitere Gruppe der Universität mit Unterstützung der VW-Stiftung auch die Herausgabe einer kommentierten Gesamtausgabe der Werke Kurt Tuscholskys, dem Vorgänger Carl von Ossietzky als Leiter der "Weltbühne".

1991      

  • 28. April 1991  
    Der Niedersächsische Landtag beschließt mit Zustimmung aller Fraktionen die Novellierung des Niedersächsischen Hochschulgesetzes, die es der Universität ermöglicht, sich den gewünschten Namen zu geben.
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  • 29. Mai 1991  
    Das Konzil beschließt für die Universität Oldenburg die Bezeichnung "Carl von Ossietzky Universität Oldenburg".
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  • 3. Oktober 1991  
    Festakt zur Namensgebung der Universität nach Carl von Ossietzky mit Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD), der sich Namens der Landesregierung bei Rosalinde von Ossietzky-Palm dafür entschuldigt, „was das Land Niedersachsen dem Namen Ihres Vaters angetan hat.“

1994    

  • 8. Oktober 1994  
    Präsentation der achtbändigen kritischen Ossietzky-Gesamtausgabe in Frankfurt, die bei Rowohlt erscheint.
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