KRITISCHE THEORIE HEUTE

Wie sich die Bilder gleichen - "in diesem Tal der Tränen". Oder: über die Notwendigkeit, das Bild der Komposition dialektisch zu reproduzieren.

Elvira Seiwert

Abendvortrag und Workshop im Rahmen des Philosophischen Kolloquiums und der Adorno-Forschungsstelle

Und wie wäre ein Ausweg, der wirklich einer wäre, aus diesem Tal zu denken?

Nach der 'negativen Metaphysik' Adornos, die Hermann Schweppenhäuser einmal unter eben der Überschrift "in hac lacrimarum valle" reflektierte, scheint Rettung möglich allein im Moment des Zerfalls jenes allmächtigen Identitätsprinzips, das die Welt im Innersten zusammenhält, und dabei stets aufs Neue das immer Gleiche reproduziert.

Und die Musik, die dazu spielt? Gehorcht der gleichen Konfirmation und Konfektion, bedient nach den Regeln des Musikbetriebs, speist ab mit Markennamen etwa, die für die Sache stehen, die selbst nicht mehr vorkommt. Von daher Adornos kategorische Forderung: "Gegen Furtwängler und Walter - und gegen Toscanini! Und Karajan."

Statt dessen? Plädoyer für eine Reproduktion von Musik, die, als Sabotage, dem "Zerfall" der immergleichen Bilder und Cliches Vorschub leistete und, gemäß einer zentralen Forderung von Adornos Reproduktionstheorie, "Kopien" lieferte eines - paradox - "nicht vorhandenen", durch Reproduktion erst zu konstruierenden "Originals", wie es sich durch musikwissenschaftliche Prozeduren alleine nicht gewinnen läßt.

Zur Person:

Elvira Seiwert, Jahrgang 1957. Studium der Musik, Philosophie, Germanistik insbesondere in Kassel, wo seinerzeit der Ausbruch aus universitärer Hermetik proklamiert und Interdisziplinarität (mit Ulrich Sonnemann) visioniert wurde. Nach dem Untergang der Vision: Hörfunkarbeit,  öffentlich-rechtlich, querbeet. Aktualisierung zumal der Rundfunkarchiv-Bestände als Unruhe-Depots verklungener Musikgeschichte. Promotion und Habilitation zu Thomas Mann, Adorno, Beethoven und einer Archäologie der Musikreproduktion. Jüngste Veröffentlichungen zum Thema: Enthüllungen. Zur musikalischen Interpretation im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit, Springe 2017; Quasi una phantasmagoria oder Die verschwiegene Musik, in "Zeitschrift für kritische Theorie", 2017.

Abendvortrag: Mittwoch, der 7.2.2018, 18-20 h
Workshop: Donnerstag, der 8.2.2017, 10-16 h
in der CvO Universität Oldenburg
Raum: N.N.

Bitte melden Sie sich an bei: maxi.berger(at)uni-oldenburg.de
Literatur für den Workshop wird nach Anmeldung bekannt gegeben.

Kritische Theorie heute

ist eine Workshop-Reihe der Adorno-Forschungsstelle der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet.

Kritische Theorie lebt von ihrer beständigen Reflexion auf die historisch gewordene soziale Gegenwart. Der Zeitkern, mit dem sie ihren Begriff von Wahrheit versieht, zwingt sie dazu, ihre zentralen Begriffe und Theoreme auf ihr Erklärungspotential hin zu überprüfen und bezüglich ihrer Gegenstände immer wieder neu auszurichten. Ziel der Workshop-Reihe "Kritische Theorie heute" ist es darum, klassische Texte der Kritischen Theorie und neuere Forschungsarbeiten zu diskutieren, um so bestimmen zu können, worin ihr Beitrag zur Philosophie und Gesellschaftstheorie heute besteht.

Die Reihe wird organisiert von Dr. Philip Hogh und Dr. Maxi Berger.