Forschungswerkstatt Schule und LehrerInnenbildung

Dählmann, Fangmann, Visser

Warum schweigen Schülerinnen im Unterricht?

Die Lehrerin begründete ihr Interesse an der Fragestellung mit der Beobachtung, dass es in fast allen Lerngruppen Schülerinnen gibt, die sich fast gar nicht oder nur sehr sporadisch mündlich am Unterricht beteiligen, obwohl sie wissen, dass die Beurteilung ihrer Beteiligung zu einem nicht unerheblichen Teil in die mündliche Note und somit auch in die Gesamtnote eingeht. Sie empfand die Beurteilung der mündlichen Leistung schweigender Schülerinnen als eine heikle und mit großer Sensibilität durchzuführende Aufgabe. Von der Untersuchung erhoffte sie sich, zu einem vertieften Verständnis dieses Phänomens und zu einer den Schülerinnen gerechter werdenden Beurteilung zu gelangen.
Für die Untersuchung in einer achten Gymnasialklasse (reine Mädchenklasse) stellte sich das Problem, Auskünfte von Personen zu erhalten und diese noch dazu zur Offenlegung von Beweggründen für ein Verhalten (schweigen) zu veranlassen, das sich einer verbalen Äußerungsform widersetzt. Das Forscherinnen-Team hat dieses Problem mit "Fingerspitzengefühl" auf folgende Weise gelöst:

  1. Vorstellung des Vorhabens in der Klasse - Brainstorming zum Thema "Schweigen im Unterricht"
  2. Unterrichtsbeobachtung: Identifizierung schweigender Schülerinnen
  3. Erläuterung des weiteren Vorgehens und Einholen der Bereitschaft zur Mitwirkung von vier als schweigsam eingestuften Schülerinnen
  4. Die vier Schülerinnen legen Cluster und erläutern diese anschließend. Die Gespräche werden aufgenommen, transkribiert und ausgewertet.

Ergebnisse:

  • Schülerin 1: Als Ursache des Schweigens werden von ihr eine generelle Schulunlust, Desinteresse an Themen, zu schnelles Vorangehen der Lehrerin und Konzentrationsmangel genannt.
  • Schülerin 2: Sie begründet ihr Schweigen mit Konzentrationsmangel, Desinteresse am Fach bzw. an den Themen und Inhalten des Unterrichts und Verständnisschwierigkeiten.
  • Schülerin 3: Sie gibt als Gründe für ihr Schweigen eigene Unsicherheit, Müdigkeit, Abgelenktheit und Verständnisprobleme an.
  • Schülerin 4: Die Schülerin bezeichnet sich als einen von Natur aus schüchternen und ruhigen Menschen.

Die Befunde führten bei der Lehrerin zu einem vertieften Verständnis der Schülerinnen und zu einer größeren Sicherheit bei der Leistungsbeurteilung. Sie wurden auch in pädagogische Maßnahmen umgesetzt:

  • Bei Schülerin 1 konnte die Lehrerin zuvor bei ihr bestehende Vermutungen über die Gründe des Schweigens revidieren. Sie versuchte, diese Schülerin durch Gespräche aus ihrer Passivität herauszuführen.
  • Bei Schülerin 2 bestand eine Diskrepanz zwischen der Ursachenanalyse der Lehrerin und derjenigen der Schülerin. Diese war aber nicht so eindeutig, daß sich die Lehrerin zu einer Revision ihrer Annahmen genötigt sah. Sie konnte daran festhalten, daß die Schülerin kognitiv überfordert war, eine Ursache, die die Schülerin so nicht angibt.
  • Schülerin 3 setzt sich selbst stark unter Leistungsdruck, sie schätzt ihre schulischen Leistungen geringer ein als die Lehrerin. In diesem Fall schien es geboten, das Selbstwertgefühl zu stärken und ihr das eigene Leistungsvermögen zu verdeutlichen.
  • Bei Schülerin 4 ist ein behutsames Vorgehen erforderlich. Die Lehrerin ermunterte sie häufiger zu Beiträgen und konnte feststellen, dass sich diese Schülerin mit der Zeit vermehrt am Unterricht mündlich beteiligte.