OME-Lexikon

Tyrnau/Trnava

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Tyrnau

Amtliche Bezeichnung

slowak. Trnava

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Tirnavia, Tyrnavia; ung. Nagyszombat

Etymologie

Die lateinische Bezeichnung sowie die daraus abgeleiteten deutschen und slowakischen Namen sind auf den durch die Stadt fließenden Bach Trnávka (altslaw. Tŕň = Dorn) zurückzuführen. Der ungarische Ortsname „Nagyszombat“ (= „Großer Samstag“) entstand in Anlehnung an in der Stadt abgehaltene Samstagsmärkte.

2. Geographie

Lage

Tyrnau liegt auf 48o 23' nördlicher Breite, 17o 36' östlicher Länge, 49 km nordöstlich von Pressburg/Bratislava und 47 km nordwestlich von Neutra/Nitra.

Topographie

Die Ortschaft liegt im Tyrnauer Hügelland (Trnavská pahorkatina) zwischen den Kleinen Karpaten (Malé Karpaty) und dem Tal der Waag (Váh).

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Slowakische Republik, Tyrnauer Landschaftsverband (Trnavský kraj). Die Stadt ist Zentrum der 1977 errichteten slowakischen Kirchenprovinz und Sitz des Erzbistums Tyrnau.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen zeigt auf blauem Feld ein goldenes Rad mit sechs Speichen, welches ein Christogramm symbolisiert. In der Mitte des Rades ist ein Christusbildnis zu sehen. Die griechischen Buchstaben A und Ω symbolisieren den Anfang und das Ende der Welt, die Buchstaben R und C stehen für Regia Civitas (königliche Stadt).

Historische Beinamen

Erzbischof Péter Pázmány (1570–1637) gründete in Tyrnau zahlreiche katholische Institutionen, weshalb man dieses Zentrum der ungarischen Gegenreformation auch "das kleine Rom" oder "das slowakische Rom" nannte.

Mittelalter

Die Siedlung wurde 1211 erstmals schriftlich erwähnt. Tyrnau war ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum des Komitats Pressburg. Seine Rolle im Handel hängt mit der ortsansässigen jüdischen Gemeinschaft und einer hier eingerichteten Zollstation zusammen. König Béla IV. (1235–1270) verlieh Tyrnau durch einen Freibrief (1238) den Titel einer Königlichen Freistadt. Nach dem Mongolensturm (1241) kamen bayerische und österreichische Siedler in die Stadt, was zur Veränderung der ethnischen Zusammensetzung führte: Deutsche stellten nunmehr die Mehrheit. 1382 starb Ludwig I., König von Ungarn (1342–1382), in Tyrnau. 1432 wurde die Stadt von Hussiten unter Blažek Borotín geplündert. Gemäß einer Verfügung von König Matthias Corvinus (1458–1490) wurden in jährlichem Wechsel Deutsche und Slowaken, die damals die zweitgrößte ethnische Gruppe der Stadt bildeten, zum Vorstand der Stadt gewählt.

Neuzeit

Der Erzbischof und das Domkapitel von Gran/Esztergom verlegten auf der Flucht vor den Osmanen 1532 ihren Sitz nach Tyrnau, wo er bis 1820 verblieb. Erzbischof Miklós Oláh (1553–1568) siedelte Jesuiten an, gründete eine Schule und machte die Stadt durch seine humanistische Hofhaltung zu einem geistigen und kulturellen Zentrum. Mit der Ansiedlung von vor den Osmanen flüchtenden Ungarn etablierte sich in Tyrnau eine ungarische Bevölkerungsmehrheit; 1574 wurde das Statut der Stadt in ungarischer Sprache verfasst. 1545 und 1550 wurden von Ferdinand I. von Habsburg (1526–1564) zwei ungarische Reichstage einberufen. Während des 15-jährigen Krieges (1591–1606) und während des Bocskai-Aufstandes (1604–1606) wurde Tyrnau für kurze Zeit von feindlichen Truppen besetzt. 1645 wurde die Stadt von dem siebenbürgischen Fürsten Georg I. Rákóczi erobert. Am 26. Dezember 1704 fand im Rahmen des sog. Rákóczi-Aufstandes die Schlacht bei Tyrnau statt, in der die Kuruzen unter Franz II. Rákóczi eine Niederlage gegen habsburgische Truppen (Labanzen) erlitten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt von französischen Truppen besetzt.

Zeitgeschichte

Nach dem Ersten Weltkrieg kam Tyrnau infolge des Friedensvertrages von Trianon (1918) zur Tschechoslowakischen Republik; 1939–1945 gehörte es zur Slowakei. 1996 wurde die Stadt Zentrum der neu gegründeten Verwaltungsregion Tyrnauer Landschaftsverband der 1993 unabhängig gewordenen Slowakischen Republik.

Verwaltung

1238 wurde Tyrnau von Béla IV. mit einem Privileg ausgestattet. An der Spitze der königlichen Freistadt (libera Civitas) stand ein jährlich gewählter Stadtrichter (iudex), der sie gemeinsam mit einem aus zwölf Mitgliedern bestehenden Stadtrat (iurati cives) leitete. Die Stadtbürger erhielten Steuerfreiheit im mittelalterlichen Königreich Ungarn.

Bevölkerungsentwicklung

1840 hatte Tyrnau 6.800 Einwohner, davon nach Sprachzugehörigkeit 38 % Slowaken, 33 % Deutsche und 15 % Ungarn. 1880 hatte die Stadt 10.824 Einwohner, davon 56 % Slowaken, 25,5 % Deutsche, 14,2 % Ungarn, und 1910 14.501 Einwohner, davon 53 % Slowaken, 15 % Deutsche, 30,3 % Ungarn.[1] 2011 hatte Tyrnau 65.578 Einwohner, davon 98,8 % Slowaken, 0,7 % Tschechen, 0,2 % Ungarn und 0,3 % Sonstige.[2]

Wirtschaft

Die vorteilhafte Lage an Verkehrswegen zwischen Böhmen, Mähren, der Zips, Schlesien, Polen, Ungarn und weiteren Regionen förderte bereits im Mittelalter den Handel in Tyrnau. Der Aufschwung der Stadt im 19. Jahrhundert erfolgte mit dem Ausbau der Infrastruktur. Zwischen Tyrnau und Pressburg begann 1846 die erste ungarische Pferdebahn den Personentransport. Zahlreiche internationale Industriebetriebe und slowakische Unternehmen haben heute in Tyrnau Niederlassungen.

Religions- und Kirchengeschichte

In der Neuzeit wurden in Tyrnau zahlreiche Diözesansynoden und Provinzsynoden abgehalten (u. a. 1561, 1566, 1633, 1734). Im 16. Jahrhundert manifestierten sich sowohl lutherische als auch calvinistische Strömungen, verloren jedoch im 17. Jahrhundert unter dem Einfluss der Gegenreformation wieder an Gewicht. Die konfessionelle Zugehörigkeit der Bewohner stellt sich folgendermaßen dar: 1840 waren 94,1 % der Einwohner römisch-katholisch, 0,6 % griechisch-orthodox, 4 % protestantisch und 1,3 % jüdischen Glaubens. 1910 waren 80,8 % der Einwohner römisch-katholisch, jeweils 0,2 % griechisch-katholisch und griechisch-orthodox, 4,7 % protestantisch und 14 % jüdisch.[3] 2001: 71,85 % römisch-katholisch, 0,2 % griechisch-katholisch, 0,11 % griechisch-orthodox, 2,93 % evangelisch, 6,54 % andere, 18,37 % Konfessionslose bzw. unbekannte Religionszugehörigkeit. 2011: 60 % römisch-katholisch, 0,3 % griechisch-katholisch, 0,15 % griechisch-orthodox, 2,3 % evangelisch.[4]

Besondere kulturelle Institutionen

In Tyrnau sind das Ján-Palarik-Theater und die Ján-Koniarek-Galerie ansässig.

Bildung und Wissenschaft

Kardinal Péter Pázmány, Erzbischof von Gran, gründete 1635 eine Universität in Tyrnau, die 1777 nach Ofen/Buda verlegt wurde (Vorläuferin der dortigen Loránd-Eötvös-Universität und der katholischen Péter-Pázmány-Universität). 1992 öffnete die Universität Tyrnau (Trnavská univerzita) ihre Tore. Seit 1997 existiert zudem die staatliche St.-Kyrill-und-Method-Universität (Univerzita sv. Cyrila a Metoda). 1787 fertigte Anton Bernolák in Tyrnau die erste slowakische Sprachkodifikation an.

Kunstgeschichte

Teile der Burgmauer aus dem 13.–14. Jahrhundert haben sich erhalten. Die katholischen Sakralbauten des Stadtzentrums haben zur Bezeichnung Tyrnaus als "Kleines Rom" und "Slowakisches Rom" geführt: Die spätgotische St.-Nikolaus-Kirche (erbaut 14./15. Jahrhundert) ist der älteste Sakralbau der Stadt; sie wurde zwischen 1542 und 1820 von den Graner Erzbischöfen als Kathedrale genutzt. Die Basilika ließ Péter Pázmány 1629–1637 zu Ehren Johannes' des Täufers errichten; sie diente zwischenzeitlich als Universitätskirche. Der doppeltürmige, einschiffige Bau schließt in einem Sanktuarium. Die barocke Jesuitenkirche stammt aus dem 17. Jahrhundert. Die Hl.-Anna-Kirche wurde im 18. Jahrhundert mit einem seltenen elliptischen Grundriss erbaut; unter dem Altar der hl. Maria befindet sich die Reliquie der Märtyrer von Kaschau/Košice/Kassa. Der erzbischöfliche Palast wurde von Nikolaus Oláh 1542–1562 im Renaissancestil erbaut. Ein Wahrzeichen der Stadt ist der Stadtturm (1574) am Dreifaltigkeitsplatz. Das 1793 errichtete Rathaus wurde Ende des 18. Jahrhunderts im klassizistischen Stil umgestaltet.

Musik

Der ungarische Komponist Zoltán Kodály (1882–1967) war 1899 Abiturient des katholischen Gymnasiums der Stadt, wo er sein Chorwerk Stabat Mater komponierte.

Literatur

1578 gründete Miklós Telegdi in Tyrnau die Domkapitel-Druckerei, die bis 1609 bestand. Zwischen 1648 und 1777, bis zur Verlegung der Universität nach Ofen/Buda, arbeitete in der Stadt die Universitätsdruckerei. Hier erschien 1626 die erste vollständige ungarische Version der Heiligen Schrift, die von dem Jesuitenmönch György Káldy übersetzt wurde. Péter Pázmány schrieb einen Teil seines gegenreformatorischen Werks Az isteni igazságra vezérlő kalauz [Leitfaden für die göttliche Wahrheit] (Pressburg 1613) in Tyrnau.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • István Bitskey: Katholische Erneuerung im europäischen Kontext. Der Fall Oberungarns im 17. Jahrhundert. In: Klára Papp, János Barta, Attila Bárány, Attila Györkös (Hg.): The First Millennium of Hungary in Europe. Debrecen 2002, S. 349-364.
  • Jaroslav Dubnický: Ranobarokový univerzitný kostol v Trnave [Die frühbarocke Universitätskirche in Tyrnau]. Bratislava 1948.
  • István Käfer: Az egyetemi nyomda négyszáz éve [Vierhundert Jahre Universitätspresse], 1577–1977. Budapest 1977.
  • Stefan Kazimir: Vývoj ekonomicko-sociálnej štruktúry mesta Trnavy v poslednej tretine 16. storočia a v 17. storočí [Die Entwicklung der wirtschaftlichen und sozialen Struktur der Stadt Tyrnau im letzten Drittel des 16. und im 17. Jahrhundert]. In: Historický Časopis 18 (1970), S. 48-90.
  • Vladimír Rábik: Topografia mesta Trnava v stredoveku [Die Topographie der Stadt Tyrnau im Mittelalter]. In: Jaroslava Žuffová (Hg.): Pamiatky Trnavy a Trnavského kraja 10. Trnava 2007, S. 7-16.
  • Vladimír Rábik: Trnava [Tyrnau]. In: Martin Štefánik, Ján Lukačka (Hg.): Lexikon stredovekých miest na Slovensku. Bratislava 2010, S. 523-551.
  • Michal Stetina: Trnavské tlačiarne [Tyrnauer Drucker] 1578–1968. Bratislava 1970.
  • 1238–1938. Túto knihu vydala rada mesta Trnavy na pamat' 700 ročného jubilea [Dieses Buch wurde vom Rat der Stadt Tyrnau anlässlich des 700-jährigen Jubiläums veröffentlicht]. Trnava 1938.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Ernő Deák: Königliche Freistädte - Munizipalstädte. Das Städtewesen der Länder der ungarischen Krone (1780–1918). Teil 2: Ausgewählte Materialien zum Städtewesen A. Wien 1989 (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Veröffentlichungen der Kommission für Wirtschafts-, Sozial- und Stadtgeschichte 4), S. 176.

[2] Vgl. http://www.trnava.sk/userfiles/download/attachment/Obyvate%C4%BEstvo2011-2polrok.pdf (Abruf 17.04.2013).

[3] Vgl. Deák (wie Anm. 1), S. 177.

[4] Vgl. http://www.trnava.sk/userfiles/download/attachment/ourak_demo_Trnava_Obce_SODB-2011.pdf (Abruf 17.04.2013).

Zitation

Tamás Fedeles: Tyrnau/Trnava. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54445.html (Stand 17.04.2013).

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