OME-Lexikon

Tschanad/Cenad

1. Typonymie

Deutsche Bezeichnung

Tschanad, im 18. Jahrhundert auch Deutsch-Tschanad, Serbisch-Tschanad und Ungarisch-Tschanad

Amtliche Bezeichnung

rum. Cenad

Anderssprachige Bezeichnungen

ung. Csanád, früher Marosvár; serb. Čanad; lat. Morisena, Chanad

2. Geographie

Lage

Tschanad liegt auf 46º 7' nördlicher Breite, 20º 34' östlicher Länge, 43 km östlich von Szegedin/Szeged und 72 km nordwestlich von Temeswar/Timişoara am linken Ufer des Mieresch (rum. Mureş).

Region

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Ortschaft im heutigen Rumänien. Tschanad gehört zum Landkreis (judeţ) Temesch (rum. Timiş, ung. Temes). Es war Zentrum des römisch-katholischen Bistums Tschanad und eines ehemaligen ungarischen Komitats.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das heutige Wappen der Gemeinde ist dreigeteilt: Im rechten Feld steht vor goldenem Hintergrund ein römischer Legionär mit aufgesetztem Helm, einen Schild in der linken und einen Speer in der rechten Hand haltend. Das linke Feld zeigt weißes Pergament auf rotem Hintergrund, umgürtet mit einer Ähre, darüber ein weißes Kreuz. Im unteren, blauen Teil des Schildes befinden sich eine Burg mit zwei Basteien und einem Tor in der Mitte sowie eine hellblaue Welle, die den Fluss Mieresch symbolisiert. Über dem Wappenschild befindet sich eine Burg mit drei Basteien. Sie soll das römische castrum (auch Urbs Morisena) symbolisieren, das sich auf der Gemarkung von Tschanad befand.

Mittelalterliche Geschichte

Bild

Kalksteinsarkophag des hl. Gerhard (11. Jh.).
[Foto: W. Konschitzky, ©
Gerhardsforum Banater Schwaben e. V.]

 

Im 10. Jahrhundert bestand hier ein orthodoxes Kloster der Basilianer. König Stephan der Heilige (997/1000–1038) gründete in der Region nach dem Sieg über den dem byzantinischen Ritus anhängenden Stammesfürsten Ajtony (1028) ein römisch-katholisches Bistum (1030), das zum Erzbistum Kalotscha (ung. Kalocsa) gehörte und dessen erster Bischof der aus Venedig stammende Gerhard (Gellért) von Sagredo wurde. Er begann den Bau der dem hl. Georg geweihten Kathedralkirche und gründete eine Diözesanschule. 1046 wurde er von heidnischen Magyaren bei Ofen (ung. Buda) vom Gellértberg in die Donau geworfen, 1083 als Märtyrer heiliggesprochen. Tschanad wurde von Stephan auch zum Zentrum des gleichnamigen Komitats (ung. megye) bestimmt. Ort und Komitatsburg wurden 1241 von den Mongolen vernichtet. Das Domkapitel wirkte seit dem 13. Jahrhundert als glaubwürdiger Ort (locus credibilis) für die Authentifizierung von Urkunden. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ließ Bischof Albert Hangácsi (1459–1466) die Burg neu errichten. Die Ortschaft erlitt während des ungarischen Bauernaufstands von 1514 beträchtliche Zerstörungen; Bischof Nikolaus Csáky wurde hingerichtet.

Geschichte seit der frühen Neuzeit

Auf Befehl des siebenbürgischen Statthalters George Martinuzzi wurde die Burg 1551 kampflos den Osmanen übergeben, geriet abwechselnd in habsburgische und osmanische Gewalt und stand von 1613 bis 1685 ununterbrochen unter der Herrschaft der Osmanen. Im Sinne des Friedens von Karlowitz (1699) wurde die Burg 1701 abgebrochen und serbische Wehrbauern angesiedelt. Bischof Ladislaus Nádasdy (1710–1730) gründete das Bistum neu und warb deutsche Siedler vornehmlich aus dem Rhein-Mosel-Gebiet und aus dem Sauerland für das Diözesangebiet an. 1738 wurde der Bischofssitz nach Temeswar verlegt und das Bistum in Tschanad-Temeswar umbenannt. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Tschanad 3.244 Deutsche, die 44 % der Gesamtbevölkerung stellten.

Zeitgeschichte

1919 gehörte Tschanad für kurze Zeit zu Serbien. Aufgrund des Friedensvertrags von Trianon (1920) fiel der Ort an das Königreich Rumänien. 1923 zog der Bischof von Temeswar nach Szegedin, wohin auch der Bischofssitz 1931 offiziell verlegt wurde. 1982 wurde das Bistum in Szegedin-Tschanad umbenannt. Der rumänische Teil des Tschanader Bistums wurde dem 1930 gegründeten Bistum Temeswar angegliedert. 1944/45 flüchtete ein Teil der deutschen Bewohner in den Westen, die Zurückgebliebenen wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert.

Bild

Die römisch-katholische Hl.-Gerhards-
Kirche in Tschanad. [Foto: Walter
Konschitzky, © Gerhards-
Forum Banater Schwaben e. V.]

 

Nach 1967 begann die Aussiedlung deutscher Einwohner in die Bundesrepublik Deutschland. 1977 lebten nur noch 1.419 (28 %) Deutsche in Tschanad, von denen nach der Wende 1989/90 die Mehrzahl auswanderte, so dass ihr Anteil bis 2002 auf 48 sank. Nunmehr stellten sie noch 1 % der Gesamteinwohnerschaft (4.263), die zu 66 % aus Rumänen, zu 16 % aus Magyaren, zu 8,7 % aus Roma und zu 6,3 % aus Serben bestand. Konfessionell gliederte sich die Bevölkerung 2002 in 70,2 % griechisch-orthodoxe, 22,4% römisch-katholische, 3,2 % griechisch-katholische, 0,5 % reformierte und 3,7 % Bürger anderer Glaubensrichtungen.

2002 wurde die rumänisch-ungarische Grenzregion Csanád-Kis-Zobor gebildet, die von der EU gefördert wird.

Kunstgeschichte

Das einzige bedeutende Baudenkmal ist die 1869 eingeweihte römisch-katholische Gerhards-Kirche. Hier wird ein aus dem 11. Jahrhundert stammeder Kalksteinsarkophag aufbewahrt, in dem sich einst die Reliquien des heiligen Gerhard befunden haben sollen.

Literatur

In Tschanad ist vermutlich das philosophisch-theologische Werk Deliberatio supra hymnum trium puerorum des hl. Gerhard entstanden, das sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet (Signatur Clm. 6211).

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • László Blazovich (Hg.): Csanád megye levéltára 1710–1950 [Das Archiv des Komitats Tschanad 1710–1950]. Szeged 1984.
  • Nikolaus Engelmann: Zur Geschichte der Tschanad-Temeswarer Diözese. Homburg 1981.
  • Koloman Juhász: Das Tschanad-Temesvarer Bistum im frühen Mittelalter 1030–1307. Einfügung des Banats in die westeuropäische germanisch-christliche Kulturgemeinschaft. Münster 1930.
  • Koloman Juhász: Das Tschanad-Temesvarer Bistum im Spätmittelalter 1307–1552. Paderborn 1964.
  • Koloman Juhász: Das Tschanad-Temesvarer Bistum während der Türkenherrschaft 1552–1699. Untergang der abendländisch-christlichen Kultur im Banat. Dülmen 1938.
  • Martin Roos: Erbe und Auftrag. Die alte Diözese Csanád. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende der Türkenzeit.1030–1716. Temeswar 2009.
  • Gabriel Silagi: Untersuchungen zur 'Deliberatio supra hymnum trium puerorum' des Gerhard von Csanád. München 1967 (Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung 1).
  • Şerban Turcuş: Saint Gerard of Cenad or The Destiny of a Venetian around the Year One Thousand. Cluj-Napoca 2006 (Bibliotheca rerum Transsilvaniae 37).

Weblinks

Zitation

Tamás Fedeles: Tschanad/Cenad. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54443.html (Stand 09.01.2012).

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