OME-Lexikon

Namslau/Namysłów

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Namslau

Amtliche Bezeichnung

poln. Namysłów

Etymologie

Der Name "Namysłów" leitet sich vermutlich von dem altslawischen Eigennamen Namysł her.

2. Geographie

Lage

Namslau liegt auf 51° 5' nördlicher Breite und 17° 42' östlicher Länge, ca. 60 km östlich von Breslau/Wrocław und 55 km nördlich von Oppeln/Opole an der Weide (Widawa), einem Nebenfluss der Oder.

Region

historisch: Niederschlesien; heute: sog. Oppelner Schlesien

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen. Namslau ist eine Kreisstadt in der Woiwodschaft Oppeln und Hauptort der gleichnamigen Stadt- und Landgemeinde.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Stadtwappen zeigt auf gelbem Grund das Brustbild des schwarzen schlesischen Adlers mit Mondsichel, darunter einen roten sechszackigen Stern als Symbol der Jungfrau Maria (Stella Maris), der Patronin der Stadt. Das Wappen in dieser Form war bereits im 13. Jahrhundert als Siegel in Gebrauch.

Mittelalter

Eine Siedlung "Namizlow" wird in Quellen 1233 im Zusammenhang mit der Besiedlung des Gebiets durch den Deutschen Orden genannt. Für 1239 ist in Namslau ein herzoglicher Wirtschaftshof belegt. 1249 verlieh Boleslaw II. von Schlesien Namslau das Stadtrecht. Bis Ende des 13. Jahrhunderts gehörte die Stadt zum Herzogtum Breslau, von 1312 bis 1323 war sie Hauptstadt des kurzlebigen Herzogtums Namslau. 1348 fiel die Stadt an die böhmische Krone. Während der Hussitenkriege wurde sie 1418 und 1428 erfolglos belagert.

Frühe Neuzeit

1526 gelangte Namslau wie ganz Schlesien unter die Herrschaft der Habsburger. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt von den Schweden nach längerer Belagerung erobert und stark beschädigt. 1703 verkaufte Kaiser Leopold I. die Burg von Namslau an den Deutschen Orden, der dort eine Kommende einrichtete (bis zur Säkularisierung 1810). 1742 fiel die Stadt an Preußen und wurde Sitz des gleichnamigen Kreises.

19. Jahrhundert

1806/07 wurde Namslau mehrfach von napoleonischen Truppen besetzt. 1810 wurde sie Garnisonstadt und Sitz des 2. Schlesischen Ulanenregiments. Im selben Jahr wurde das Schloss säkularisiert und verkauft.

20. Jahrhundert

Mit der Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg fiel der Ostteil des Kreises Namslau (Reichthal/Rychtal mit dem sog. Reichthaler Ländchen) an Polen.

Als einziger Landkreis Niederschlesiens nahm Namslau 1921 an der Volksabstimmung teil. Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in Namslau ein Nebenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen. Am 21. Januar 1945 eroberte die Rote Armee die Stadt, während der Kämpfe wurde die Innenstadt stark beschädigt. Am 30. April 1945 kam die Stadt unter polnische Verwaltung, die deutschen Einwohner wurden großteils vertrieben, an ihrer Stelle siedelten sich polnische Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten Polens an.

Wirtschaft

Namslau etablierte sich schon im Mittelalter als Zentrum der Leinenherstellung und des Handels. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts wurden dort zwei Jahrmärkte veranstaltet. Zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt trug die Verlagerung der Handelsroute von Breslau nach Krakau/Kraków über Namslau Mitte des 15 Jahrhunderts bei.

Nach der Zerstörung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg und dem großen Brand von 1688 erfolgte ein wirtschaftlicher Niedergang, von dem sich Namslau erst im 19. Jahrhundert langsam erholte. Hierzu trug der Bau der Eisenbahnlinie nach Breslau (1868) und Oppeln (1889) bei. In den städtischen Mühlen, Sägewerken und Ziegeleien wurden v. a. regionale land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse verarbeitet. Bekannt wurde Namslau insbesondere durch die Großbrauerei Haselbach, die an die bis ins frühe 14. Jahrhundert zurückreichende lokale Tradition des Bierbrauens anknüpfte. Die nach 1945 verstaatlichte Brauerei existiert noch heute (Browar Namysłów).

Bevölkerungsentwicklung

1787 zählte Namslau 2.561 Einwohner. Im Laufe des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl auf 6.183 (1905) und 1939 auf 8.184.[1] In der Volksabstimmung von 1921 sprachen sich 97,5 % der Bevölkerung für den Verbleib bei Deutschland aus.[2] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Bevölkerung größtenteils vertrieben, an ihrer Stelle siedelten sich polnische Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten an. 1961 lag die Einwohnerzahl bei 8.553, 1971 bei 11.200[3] und 2012 bei 16.097[4] Personen.

Religions- und Kirchengeschichte

1525/26 wurde in Namslau die Reformation eingeführt, was die Übernahme der städtischen Pfarrkirche St. Petrus und Paulus sowie des Franziskanerklosters zur Folge hatte (erst nach der Durchsetzung der Gegenreformation 1654 rekatholisiert). Die Protestanten errichteten erst in preußischer Zeit (1752–1754) ein Bethaus. Bis 1945 war die Mehrheit der Bewohner von Namslau evangelisch (53,5 %).[5]

Die ersten Quellenhinweise auf jüdische Einwohner stammen aus dem 14. Jahrhundert. Nach dem kaiserlichen Edikt von 1582 mussten Juden Namslau verlassen; erst nach dem Dreißigjährigen Krieg ließen sich erneut einzelne Familien in der Stadt nieder. 1787 lebten 40 Juden in Namslau (1,6 % der Einwohner)[6], 1794 entstand hier ein jüdischer Friedhof, dessen Spuren sich bis heute erhalten haben. 1856 wurde die Synagoge in der Bahnhofstraße (heute ul. Dubois) erbaut, zudem gab es eine jüdische Schule. In dieser Zeit erreichte auch die Gemeinde in Namslau ihre maximale Größe (239 Personen, 5,7 %). Sie verkleinerte sich in den späteren Jahrzehnten kontinuierlich. 1939 waren nur noch 16 Personen jüdischen Glaubens verzeichnet.

Kunstgeschichte/Architektur

Der mittelalterliche Stadtkern hat die Form eines langgestreckten Dreiecks mit dem Schloss an der Westspitze und einem gitterförmigen Straßennetz mit dem Ring (Marktplatz) im Zentrum. Ab 1350 entstand die erste Stadtmauer mit dem Breslauer Tor im Westen und dem Krakauer Tor im Osten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Mauern zu Bastionsbefestigungen erweitert. Die historische Bebauung der Altstadt ist fragmentarisch erhalten geblieben, zu den ältesten Teilen gehören einige Häuser am Ring aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Das L-förmige Rathaus mit markantem Turm wurde 1374–1389 vom Baumeister Peter errichtet; Teile der gotischen Bausubstanz haben sich trotz zahlreicher Umbauten seit dem 15. Jahrhundert erhalten.

Ein Vorgängerbau an der Stelle der heutigen katholischen Pfarrkirche St. Petrus und Paulus, einer gotischen Hallenkirche (1370–1410), wurde 1321 erstmals erwähnt. Zwischen 1525 und 1655 war die Kirche evangelisch. In den folgenden Jahrhunderten wurden mehrmals Renovierungsarbeiten vorgenommen, zuletzt 1887–1893 die Regotisierung der Kirche.

Das ehemalige Franziskanerkloster ist 1285 und 1321 als Konvent der Jungfrau Maria erwähnt. Die gotische Backsteinkirche entstand in mehreren Etappen zwischen 1321 und dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Um 1675 wurde sie barockisiert und nach der Säkularisierung vom Militär, später von der Stadt als Lager genutzt. Seit der Renovierung 1957–1959 ist sie wieder katholische Pfarrkirche. Das Klostergebäude wurde um 1675 anstelle eines gotischen Vorgängerbaus errichtet.

Die Burg von Namslau wird erstmals 1312 erwähnt. Seit 1360 erfolgte auf Anweisung Kaiser Karls IV. der Bau einer gemauerten Anlage, die im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts um einen Westflügel und ein Torgebäude erweitert wurde. Im 18. Jahrhundert entstand der Südflügel; die Burg war 1703–1810 Sitz der Namslauer Kommende des Deutschen Ordens. Nach der Säkularisierung des Ordens gelangte sie in Privatbesitz, wurde mehrmals umgebaut und restauriert. 1895 erwarb sie der Brauereibesitzer Anton Haselbach. Als Kunstliebhaber legte er eine Sammlung von über 4.000 Graphiken mit topographischen Ansichten aus Schlesien an. Heute gehört die Burg zur Brauerei.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Mateusz Goliński, Elżbieta Kościk, Jan Kęsik: Namysłów – z dziejów miasta i okolic [Namslau – aus der Geschichte der Stadt und des Umlands]. Namysłów 2006.
  • Kazimierz Kuliński: Pieczęcie i herby miasta Namysłowa [Siegel und Wappen der Stadt Namslau]. Namysłów 2006.
  • Beata Lejman: Namysłów/Namslau. In: Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld (Hg.), Sławomir Brezicki, Christine Nielsen (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München, Berlin 2005, S. 639-643.
  • Mateusz M. Magda: Tajemnice Ziemi Namysłowskiej [Geheimnisse des Namslauer Landes]. Namislavia, Namysłów 2011.
  • Dietmar Popp, Ulrike Lorenz, Jerzy Ilkosz, Markus Bauer (Hg.): Zeitreisen. Historische Schlesien-Ansichten aus der Graphiksammlung Haselbach. Ausstellungskatalog. Marburg, Wrocław 2008.
  • Hugo Weczerka: Namslau. In: Ders. (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Schlesien. Stuttgart 1977 (Kröners Taschenausgabe 316), S. 326-328.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Einwohnerzahlen nach Weczerka: Namslau, S. 328.

[2] http://www.herder-institut.de/startseite/dokumente-und-materialien/moduluebersicht/zweite-polnische-republik/materialien.html?tx_himmat_pi1%5BshowUid%5D=169&cHash=64c5894541f8d9b304ebee841028f938 (Abruf 03.06.2013).

[3] Einwohnerzahlen nach Weczerka: Namslau, S. 328.

[4] GUS. URL: www.stat.gov.pl (Stand 30.07.2012).

[5] Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. URL: http://www.verwaltungsgeschichte.de/namslau.html (Abruf 03.06.2013).

[6] Einwohnerzahlen nach Onlineportal zur Geschichte der Juden in Polen: http://www.sztetl.org.pl/pl/article/namyslow/5,historia/?action=view (Abruf 03.06.2013).

Zitation

Beata Lejman, Tomasz Torbus: Namslau/Namysłów. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/57502.html (Stand 21.10.2015).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uni-oldenburg.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.