OME-Lexikon

Martinsberg/Pannonhalma

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Martinsberg

Amtliche Bezeichnung

ung. Pannonhalma (früher Szentmárton, Győrszentmárton)

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Mons Sacer Pannoniae, monasterium, castrum Sancti Martini de Pannonia; slowak. Rábsky Svätý Martin

Etymologie

Die lateinische Bezeichnung der Stadt geht auf die Ende des 10. Jahrhunderts gegründete Benediktinerabtei, die deutsche Bezeichnung Martinsberg auf den hl. Martin von Tours zurück, den Schutzpatron des Mönchsklosters. Die heutige ungarische Namensform Pannonhalma (Berg/Hügel Pannoniens) wurde von dem Benediktinermönch Izidor Guzmics zur Zeit der ungarischen Spracherneuerung (1824) geprägt.

2. Geographie

Der Martinsberg bei Raab [Aquarell (1842) von Jakob Alt (1789−1872)].
Luftbild der Abtei [Foto: Wikimedia Commons. Civertan CC BY-SA 2.5].

Lage

Martinsberg liegt auf 47o 32' nördlicher Breite, 17o 44' östlicher Länge, 20 km südsüdöstlich von Raab/Győr und 132 km westlich von Budapest.

Topographie

Ortschaft im Nordwesten Ungarns im Hügelland von Sokoró (Sokorói-dombság).

Region

Nord-Transdanubien (Észak-Dunántúl)

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Ungarn; Komitat Raab-Wieselburg-Ödenburg (Győr-Moson-Sopron Megye). Sitz der Benediktinerabtei Pannonhalma (Pannonhalmi Bencés Főapátság).

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Offizielles Stadtwappen ist seit 1995 ein zweigeteilter dreieckiger Schild, dessen oberes blaues Feld den hl. Martin auf einem Ross sitzend mit einem Schwert in der rechten und einem Umhang mit der linken Hand zeigt. Vor der Figur ist ein kniender Bettler zu sehen. Im unteren grünen Feld sind rechts eine goldene Weinrebe, links ein offenes Buch und mittig das Gebäude der Abtei von Martinsberg auf einem grünen Hügel dargestellt.

Archäologische Bedeutung

Auf dem Gebiet wurden römische, avarische und hunnische Relikte gefunden.

Mittelalter

Zu Ehren des hl. Martin von Tours, der in der etwa 120 km entfernt gelegenen römischen Provinzstadt Savaria/Sabaria (heute Steinamanger/Szombathely) 334 geboren worden sein soll, gründete Großfürst Géza (972–997) im Jahr 996 die Benediktinerabtei mit Mönchen aus Bayern. Der Aufbau der Abtei wurde von König Stephan I. (997/1000–1038) beendet, der sie privilegierte und direkt dem Heiligen Stuhl unterstellte. In der doppelchörigen Bauweise der ersten Kirche zeigen sich architektonische Einflüsse des Heiligen Römischen Reiches. Die Benediktinerabtei von Martinsberg war die bedeutendste im mittelalterlichen Königreich Ungarn und genoss die Privilegien der Abtei von Montecassino. Einer der herausragenden Äbte, Uros (1207–1243), führte groß angelegte Bau- und Befestigungsarbeiten durch, dank derer die Siedlung dem Angriff der Tataren (1242) standhielt. Das nahe der Abtei gelegene Dorf wurde während des Mongolensturms zerstört und begann sich erst im Zuge seines Wiederaufbaus im 14. Jahrhundert zu entwickeln. 1338 hatte der Ort eine eigenständige Pfarrei und wurde Mitte des 15. Jahrhunderts zur Minderstadt (lat. oppidum) erhoben.

Neuzeit

Im Zuge einer von Abt Máté Tolnai (1500–1535) durchgeführten Reform wurde Martinsberg in den Rang einer Hauptabtei erhoben und bildete fortan das Zentrum der aus mehreren Mönchshäusern bestehenden Kongregation. Seit 1540 war das befestigte Mönchskloster als Vorburg für Raab/Győr ein wichtiges Glied des ungarischen Grenzverteidigungssystems. Während der osmanischen Besatzung wurde die Siedlung zerstört und die Mönche waren mehrfach zur Flucht gezwungen. Ende des 17. Jahrhunderts besiedelte die Hauptabtei das Dorf erneut. Zu dieser Zeit kamen neben Ungarn auch zahlreiche Deutsche aus Bayern und Niederösterreich sowie Tschechen aus Mähren nach Martinsberg, das infolge des anhaltenden Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums erneut zur Minderstadt erhoben wurde. Auf der Flucht vor den Napoleonischen Truppen verlegte der Raaber Bischof seinen Sitz 1809 für kurze Zeit nach Martinsberg.

Zeitgeschichte

Bis 1965 nannte sich der Ort offiziell Győrszentmárton, dann wurde er in Pannonhalma umbenannt. 1970 wurde er zur Großgemeinde, 2000 zur Stadt erhoben. Nach der Wende (1990) erhielt Martinsberg erneut eine Diözese; das Gebiet wird heute von einem zum Bischof geweihten Hauptabt geleitet. Im Sommer des Jahres 2011 wurde die Urne mit dem Herzen Ottos von Habsburg in der Abtei Pannonhalma bestattet.

Verwaltung

Selbstverwaltung der Stadt Martinsberg (Pannonhalma Város Önkormányzata).

Bevölkerung

1785 zählte die Siedlung 2.605 Einwohner, 1857 waren es 3.109, 1880 2.986 (davon 2 % Deutsche), 1941 3.125 (davon 0,3 % Deutsche) und 1980 4.096 (davon 0,1 % Deutsche). 2001 hatte Martinsberg 3.907 Einwohner, nach ethnischer Zusammensetzung 90,2 % Ungarn, 0,7 % Deutsche, 0,6 % Sinti und Roma sowie jeweils 0,1 % Slowaken und Rumänen. 2010 betrug die Bevölkerungszahl 3.917.[1]

Wirtschaft

Der stetig wachsende Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Stadt. Die Abtei verfügt über einen Buchverlag (Benediktiner-Verlag [Bencés Kiadó]); die nach eigenen Rezepten hergestellten Produkte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Religions- und Kirchengeschichte

Konfessionelle Zugehörigkeit der Bewohner (2001): römisch-katholisch: 80 %, helvetisch-reformiert: 2,2 %, evangelisch: 0,8 %, griechisch-katholisch: 0,4 %, andere: 1,6 %. 1,8 % gehören keiner Konfession oder Kirche an, die Konfession von 13,4 % der Bewohner ist unbekannt.

Bildung und Wissenschaft

 

In Martinsberg sind die allgemeine Miklós-Radnóti-Schule (Radnóti Miklós ÁltalánosIskola), das Benediktiner-Gymnasium Pannonhalma (Pannonhalmi Bencés Gimnázium) und die Kirchenmusikfachschule mit Kolleg (Egyházzenei Szakközépiskolaés Kollégium) angesiedelt.

Mit 400.000 Bänden zählt die Hauptabteibibliothek zu Europas größten kirchlichen Bibliotheken. Unter den Schätzen des Archivs der Hauptabtei befinden sich die Gründungsurkunden der Klöster Martinsberg (1001/1002, interpoliert) und Tihany (1055); Letztere gilt als erstes ungarisches Sprachdenkmal.

 

Bibliothek der Abtei [Foto (2013): Wikimedia Commons. Zairon CC BY-SA 3.0].

Kunstgeschichte

 

Die heutige Basilika der Benediktinerabtei wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in spätromanisch-frühgotischem Stil errichtet. Das südliche Seitentor der Basilika (porta speciosa) weist Einflüsse von Reims und Chartres auf. Die in spätgotischem Stil erbauten Gewölbe der Hallenkrypta, des Presbyteriums der dreischiffigen Kirche und des Kreuzgangs wurden Ende des 15. Jahrhunderts fertiggestellt. Seine heutige Form erhielt der Bau durch Umbauarbeiten im Stil des Barock und des Klassizismus.

 

Gewölbe der Basilika [Foto (2013): Wikimedia Commons. CC BY-SA 3.0].

Musik

Seit 2003 wird das Arcus-Temporum-Kunst-Festival Pannonhalma (Arcus Temporum Pannonhalmi Művészeti Fesztivál) veranstaltet, zudem finden regelmäßig klassische Musikkonzerte in der Abteikirche statt.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Die Abtei von Martinsberg und ihre Umgebung zählen seit 2011 zum UNESCO-Weltkulturerbe. 1992 wurde das Landschaftsschutzgebiet Pannonhalma geschaffen.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Gáspár Csóka, Kornél Szovák, Imre Takács: Die Erzabtei Pannonhalma. Pannonhalma 1998.
  • László Erdélyi: A pannonhalmi Szent Benedek-rend története. I-XII [Geschichte des Benediktinerordens Martinsberg. 12 Bde.]. Budapest 1902–1912.
  • József Hapák, Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Budapest 2008 (deutsche Ausgabe).
  • István Mészáros: Iskola Szent Márton hegyén. A Pannonhalmi Bencés Gimnázium története [Die Schule auf dem Berg des Heiligen Martin. Die Geschichte des Benediktinergymnasiums Martinsberg]. Pannonhalma 1990.
  • József Pál, Ádám Somorjai: Mille anni di storia dell'Arciabbazia di Pannonhalma [Die tausendjährige Geschichte der Erzabtei Martinsberg]. Roma, Pannonhalma 1997.
  • Imre Takács: Die Erneuerung der Abteikirche von Pannonhalma im 13. Jahrhundert. In: Acta Historiae Artium 38 (1996), S. 31-65.
  • Imre Takács (Hg.): Mons sacer, 996–1996. Pannonhalma 1000 éve, I–III. [Mons sacer 996–1996. Tausend Jahre Martinsberg. 3 Bde.]. Pannonhalma 1996.

Periodika

  • Pannonhalmi Szemle [Rundschau von Martinsberg]

Weblinks

Anmerkungen

[1] Magyarország történeti statisztikai helységnévtára. 19. Győr-Moson-Sopron megye [Historisch-statistisches Ortsverzeichnis für Ungarn. Bd. 19: Komitat Raab-Ödenburg-Wieselburg]. Red. József Kovacsics. Budapest 2002, S. 181; Zsuzsanna Józsa (Hg.): A Magyar Köztársaság helységnévtára 2003 [Ortsverzeichnis für die Republik Ungarn 2003]. Budapest 2003, S. 746; A Magyar Köztársaság helységnévkönyve 2010. január 1. Gazetteer of the Republic of Hungary 1st January, 2010. Budapest 2010, S. 26.

Zitation

Tamás Fedeles: Martinsberg/Pannonhalma. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54328.html (Stand 29.10.2015).

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