OME-Lexikon

Kiew/Kyïv

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Kiew

Amtliche Bezeichnung

ukr. Київ, translit. Kyjiv

Anderssprachige Bezeichnungen

russ. Киев, translit. Kiev; poln. Kijów

Etymologie

Laut Gründungslegende in der altrussischen Nestorchronik (1116) wurde die Siedlung Kiew von den einer ostslawischen Fürstenfamilie angehörenden Brüdern Kyj, Šček und Choryv und ihrer Schwester Lybed im 5./6. Jahrhundert gegründet. Die Geschwister bauten demnach ihrem ältesten Bruder Kyj zu Ehren eine Burg und nannten sie Kiew.[1]

2. Geographie

Lage

Kiew liegt im nördlichen Teil der zentralen Ukraine auf 50° 27' nördlicher Breite, 30° 30' östlicher Länge.

Topographie

Kiew liegt am Dnepr (Dnipro), der eine eingeschränkt schiffbare Verbindung zum Schwarzen Meer herstellt.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Die Stadt ist seit 1932 administratives Zentrum der Region Oblast Kiew. Sie ist eigenständig und nicht Teil des Oblast Kiew. Seit August 1991 ist Kiew Hauptstadt der Ukraine.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Kiews Schutzpatrone sind der Erzengel Michael und der Apostel Andreas, der auf einem Hügel am Dnepr ein Kreuz errichtet haben soll.

Gebräuchliche Beinamen

Kiew wird auch als „Mutter aller russischen Städte“ (Nestorchronik), „Jerusalem des Ostens", „Hauptstadt der goldenen Kuppeln“ und „Herz der Ukraine“ bezeichnet.[2]

Archäologische Bedeutung

Ergebnisse archäologischer Forschungen haben gezeigt, dass die „Stadt von Kyj“ am Altkiewer Berg (Starokyjivs’ka) im 5./6. Jahrhundert entstand.

Mittelalter

Kiew war zunächst Hauptsiedlungsort des ostslawischen Poljanenstammes, dann der Kiewer Rus und wirtschaftliches, politisches und geistiges Zentrum des Fürstentums Kiew (9. Jahrhundert). Laut Nestorchronik wurde die Stadt erstmals im Jahr 862 erwähnt. Kiew führte Befreiungskriege gegen Byzanz und das Chasarenreich. Das Stadtgebiet war in eine Oberstadt (Verwaltungs- und geistiges Zentrum) und eine Unterstadt (russ. Podol, ukr. Podil; Gewerbebereich) geteilt, in der vor allem Händler und Handwerker wohnten.

Unter der Herrschaft Wladimirs I. des Heiligen (um 956–1015) wurden in Kiew Paläste und Befestigungsanlagen errichtet. Nach seinem Tode fiel die Stadt an seinen Sohn Jaroslaw den Weisen (1019–1054), der Kultur und Bildung aktiv förderte. Der Herstellung von Wirtschafts- und politischen Beziehungen dienten dynastische Eheschließungen. Die Tochter des Kiewer Großfürsten Vsevolod I. (1030–1093), „Adelheid von Kiew“ (Jewpraksia, Eupraxia 1071–1109), wurde mit dem deutschen König Heinrich IV. (1050-1106) vermählt. Die Tochter des Fürsten Danilo von Halyč (Reg. 1215–1264), Sophia (ca. 1244-1290), heiratete den Grafen Heinrich V. von Schwarzburg-Blankenburg (ca. 1235-1287). So wurden die Verbindungen Kiews, wo Händler aus aller Welt Waren anboten und sich viele Geistliche und Pilger sowie Gesandte der wichtigsten Fürstenhöfe Europas aufhielten, zu den deutschen Ländern und Westeuropa verstärkt.

Um 1200 schwächten Herrschaftskämpfe das Reich, das sich in Teilgebiete aufspaltete. 1240 wurde Kiew von den Mongolen und Tataren zerstört. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Deutsche über Wolhynien nach Kiew ausgewandert; nach Abschneidung der Verbindungen ließ die Auswanderung nach. Zum Wiederaufbau der Städte und des Gewerbes nach 1240 wurden erneut unter anderem Deutsche angeworben.

Als bedeutende Stadt des Großfürstentums Litauen (Eroberung Kiews 1362) erhielt Kiew 1494 das Magdeburger Stadtrecht, das bis 1857 in Kraft blieb. Es wurde die Grundlage der Selbstverwaltung Kiews und fand Eingang in das Rechtssystem des ukrainischen Staates.

Neuzeit

Mit der Lubliner Union 1569 wurde Kiew Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Der unter Führung des kosakischen Hetmans Bogdan Chmel'nyc'kyj (1595-1657) stehende Aufstand (1648-1657) führte in den polnisch-russischen Krieg, an dessen Ende das Land längs des Dnepr geteilt wurde und die Stadt Kiew laut Vertrag von 1667 unter russische Herrschaft kam. Nach beginnendem neuzeitlichem Zuzug von Deutschen Anfang des 18. Jahrhunderts setzte eine verstärkte deutsche Ansiedlung infolge des Ansiedlungsmanifests Katharinas der Großen von 1763 ein; auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Deutschen in der Ukraine und Kiew kontinuierlich.[3] Kiew wurde Hauptstadt des Gouvernements Kiew (bis 1919), in dem laut erster gesamtrussischer Volkszählung von 1897 14.707 Deutsche lebten (insgesamt 3.559.229 Einwohner).[4]

Zeitgeschichte

1917 wurde Kiew Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik, 1918 der Ukrainischen Nationalrepublik und 1934 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (USSR). Nach der „Schlacht um Kiew“ im Zweiten Weltkrieg (Mitte August bis Ende September 1941) dauerte die nationalsozialistische Besatzung der schwer zerstörten Stadt vom 19. September 1941 bis zum 6. November 1943. In dieser Zeit wurden in Kiew sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten, darunter vor allem Juden, in großer Zahl getötet. Die vorliegenden Schätzungen bewegen sich zwischen 100.000 und 200.000 Opfern. Allein bei dem Massaker in der nahe gelegenen Schlucht Babyn Jar (russ. Babij Jar) am 29./30. September 1941 wurden etwa 33.000 Juden ermordet. 1942 wurde am Nordrand der Stadt ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen errichtet. Kiew wurde nach Kriegsende wieder aufgebaut. 1986 geriet die Hauptstadt der Ukraine infolge der sog. Tschernobyl-Katastrophe weltweit in die Medien. Seit dem 24. August 1991 ist Kiew Hauptstadt der unabhängigen Ukraine. Die „Orange Revolution“ (2005) und der sog. „Euromajdan“ (2013/14) haben die Stadt global bekannt gemacht.

Wirtschaft

In der Handelsstadt Kiew kreuzten sich die Wege über die Nord-Süd-Flüsse und über die Ost-West-Landwege. Die via regia führte über Mainz, Erfurt und Breslau/Wrocław nach Kiew.[5]Es bestanden Verbindungen nach Polen, Ungarn, Deutschland, Frankreich und England; der Handelsweg Von den Warägern zu den Griechen, von Skandinavien nach Byzanz und in den vorderen Orient, führte durch Kiew. Nach Thietmar von Merseburg (11. Jahrhundert) gab es hier über 400 von Kaufleuten unter anderem aus Holland, Deutschland, Böhmen, Ungarn, Skandinavien und dem Orient besuchte Kirchen und acht Märkte.[6] Seit Beginn des 13. Jahrhunderts gründeten kleine Gruppen Deutscher aus Mainz, Lübeck und Wien Handelskolonien in Kiew (Podol; Podil), Volodymyr und Volyn.

Mit beginnender neuzeitlicher Ansiedlung seit Anfang des 18. Jahrhunderts eröffnete der deutsche Apotheker Johann Geiter 1728 in der Unterstadt die erste privat geführte Apotheke Kiews; das erhaltene Haus beherbergt heute ein Apothekenmuseum. Während die Deutschen zunächst vor allem Militärangehörige waren, kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Handel- und Gewerbetreibende dazu. Die Kiewer Deutschen waren vielfach wohlhabend. Zahlreiche ihrer Geschäfte lagen an der zentralen Chreščatykstraße, wo viele Aushängeschilder deutsche Beschriftungen hatten.

Bedeutend wurden die 1840 von Johann Sigismund Eismann (1794–1862) gegründete Ziegelei und die 1860 von Wilhelm Richert errichtete Bierbrauerei, die sich zu einem modernen Betrieb entwickelte (seit 1954 Sektkellerei Stolichniy [Stoličnyj]). Firmen aus dem Deutschen Reich unterhielten in der Stadt Zweigbetriebe oder Vertretungen (Deutz Motorenbau, Siemens, Singer u. a.). Am Stadtrand gab es deutsche Bauernwirtschaften.

Bevölkerung und Gesellschaft

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten 400.000 Deutsche in der Ukraine.[7] Die frühesten genaueren Angaben über die Bevölkerungsverhältnisse liegen als Ergebnisse der ersten allgemeinen Volkszählung des Russischen Reiches von 1897 vor. Danach lebten im Gouvernement Kiew 79,2 % Ukrainer, 12,1 % Juden, 5,9 % Russen, 1,9 % Polen sowie Deutsche (ohne Angabe). Im Kreis Kiew (einem von zwölf Kreisen des Gouvernements) lebten 56,2 % Ukrainer, 11,1 % Juden, 26,9 % Russen, 3,4 % Polen und 1,1 % Deutsche.[8] Die Stadt Kiew hatte 1897 insgesamt 247.723 Einwohner, darunter 1.408 Aussiedler aus Österreich-Ungarn, 436 aus dem Königreich Preußen, 352 Personen aus anderen deutschen Staaten und 207 Franzosen. Der Adel zählte 18.704 Personen, davon gaben als Muttersprache an: 11.741 (62,8 %) Russisch, 5.583 (29,8 %) Polnisch, 907 (4,8 %) Ukrainisch und 263 (1,4 %) Deutsch. Die Kaufleute und ihre Familien zählten 5.064 Personen, Russisch sprachen 2.307 (45,6 %), Jiddisch (bzw. Hebräisch) 2.238 (44,2 %), Deutsch 198 (3,9 %), Ukrainisch 152 (3,0 %), Polnisch 85 (1,7 %).[9] Insgesamt gaben in Kiew 4.354 Personen (1,8 %) Deutsch als Muttersprache an.[10] Heute ist Kiew mit über 2,8 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Ukraine.[11]

Religions- und Kirchengeschichte

Handelskontakte mit Byzanz führten 988 zur Übernahme des griechisch-orthodoxen Glaubens durch den Großfürsten Wladimir I. den Heiligen, der sich von byzantinischen Priestern taufen und eine Massentaufe von Bewohnern Kiews im Dnepr durchführen ließ, worauf er das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Heute befindet sich am Dneprufer ein Denkmal des Apostels Andreas, ein Kreuz in den Händen haltend. Gegenwärtig zählt Kiew fast 200 Gotteshäuser unterschiedlicher Religionen und Glaubensrichtungen.

Das von den Mönchen Antonios und Theodosios 1051 gegründete Kiewer Höhlenkloster (Pečerska Lavra; seit 1990 UNESCO-Weltkulturerbe) verschaffte der Stadt über Jahrhunderte die Führungsrolle in der osteuropäischen Christenheit; von hier aus verbreitete sich das Christentum über ganz Russland. Diese älteste und größte Klosteranlage Kiews ist bis heute geistliches Zentrum und Anziehungspunkt der orthodoxen Christenheit. Der Klosterkomplex, dessen Name auf ausgedehnte, einst von Mönchen bewohnte Höhlen zurückgeht, besteht aus über 70 Gebäuden aus unterschiedlichen Epochen (11.-19. Jahrhundert). Die durch Galerien miteinander verbundenen, von Mauern umgebenen Obere und Untere Lavra erstrecken sich auf 28 Hektar. Im Kloster arbeiteten und lebten Künstler, Wissenschaftler und Architekten. In der Oberen Lavra befindet sich der über 96 Meter hohe Glockenturm, der bis heute der höchste nicht nur in Kiew, sondern in der gesamten Ukraine und Russland ist. In der Unteren Lavra sind Wirtschaftsgebäude, eine Akademie sowie vier weitere Kirchen zu finden.

Die ab 1767 belegten evangelischen Gottesdienste der anfangs etwa 300 Seelen umfassenden deutschen Gemeinde fanden zuerst im Wohnhaus des Apothekers statt. 1794/95 wurde in der Spas’kaja-Straße (Podol) die schlichte Holzkirche der hl. Katharina errichtet. Nach dem Brand von 1811 begann 1812 der Bau einer weiteren Holzkirche auf einer Anhöhe („Deutscher Berg“) im Stadtteil Lipki (= „unter den Linden“). Die nun steinerne St.-Katharinen-Kirche (Architekten Johann Waldemar [Ivan] Strom [1823-1887], und Paul Johann Schleifer [1814-1879]) wurde 1857 eingeweiht. Auf dem Kirchengelände wurde 1852 eine lutherische Schule mit deutscher Unterrichtssprache eingerichtet. 1874 wurde die Zahl der evangelischen Deutschen Kiews mit 2.330 ermittelt, 1904 gab es 4.700.[12] Die deutsche evangelische Gemeinde löste sich unter dem politischen Druck der Stalinzeit 1937 auf, die Kirche wurde 1938 geschlossen, ab 1973 war hier die Direktion des Staatlichen Museums für Volksarchitektur und Brauchtum der Ukraine (Nacional'nyj muzej narodnoji architektury ta pobutu Ukrajiny) untergebracht. 2000 wurde die St.-Katharinen-Kirche renoviert; sie ist heute im Besitz der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde.[13]

Die Volkszählung von 1897 erfasste erstmals auch die konfessionelle Zugehörigkeit: In Kiew lebten 187.935 (75,9 %) Orthodoxe, 32.093 (13,0 %) Juden, 19.230 (7,8 %) Römisch-Katholische, 4.708 (1,9 %) Protestanten, 1.835 (0,74 %) Altgläubige, 1.757 (0,70 %) Muslime. Bei der Befragung gaben 68,7 % der Orthodoxen, 10,1 % der Protestanten, 6,2 % der Juden und 4,7 % der Katholiken das Russische als Muttersprache an. Für 29,0 % der Orthodoxen und 1,8 % der Katholiken stellte das Ukrainische die Muttersprache dar. Das Jiddische als Muttersprache gaben 93,0 % der Juden an, das Polnische 83,7 % der Katholiken und 3,3 % der Protestanten. Als deutsche Muttersprachler bezeichneten sich 78,8 % der Protestanten und 2,6 % der Katholiken.[14]

Besondere kulturelle Einrichtungen

Kiew ist mit mehr als 140 Museen und etwa 130 Bibliotheken das bedeutendste Kulturzentrum der Ukraine. Im Chanenko-Kunstmuseum (ehemals „Museum für Westliche und Orientalische Kunst“) ist das Oberteil der bemalten Holzfigur der hl. Ursula von Köln („Kölner Meister“, Ende 15. Jh.) aufbewahrt. Zu den bedeutendsten Kunstwerken gehört das „Porträt der Ehefrau“, das Paul Schleifer seiner Gemahlin Karolina (geb. Schnauffert) gewidmet hat und das im Nationalen Kunstmuseum aufbewahrt wird.[15]

Bildung und Wissenschaft

In Kiew befinden sich heute 99 Hochschulen, Akademien und Colleges. Herausragend sind die Nationale Taras-Schewtschenko-Universität (gegründet 1834 als St.-Wladimir-Universität) und die Nationale Technische Universität der Ukraine („Polytechnisches Institut Kiew“, gegründet 1898).

Die Deutschen bildeten eine gut ausgebildete Bevölkerungsgruppe – mit Unterschieden im Ausbildungsniveau zwischen Protestanten und Katholiken – und waren im akademischen Bereich überproportional vertreten.

In den Jahren 1919-1922 unterrichtete Heinrich Neuhaus (1888-1964; Klaviervirtuose, Schriftsteller, Kunstwissenschaftler) am Kiewer Konservatorium. Zu den bekannten Kiewer Musikern und Komponisten deutscher Herkunft gehören auch Felix Blumenfeld (1863-1931) oder Hans Bullerian (1885-1948).

Die St.-Wladimir-Universität integrierte sich rasch in die europäische Wissenschaftslandschaft und bot auch deutschen Gelehrten Forschungs- und Karrieremöglichkeiten. Rektoren waren unter anderem der Ökonom Nikolai Karl Paul von Bunge (1823-1895), der Botaniker Ernst Rudolph von Trautvetter (1809-1889) und der Jurist Nikolai Edler von Rennenkampff (1832-1899).

Der erste Rektor der Universität Mihajlo Maksymovyč (1804-1873) würdigte den Gründer und Direktor des Botanischen Gartens (1839) Ernst Rudolph von Trautvetter, der sich „in Kiew ein ewiges Andenken geschaffen“ habe. Nachfolger 1879-1894 wurde der Botaniker Johannes Theodor Schmalhausen (1849-1894).[16]

Auf den Gebieten Pharmazie und Medizin sind die Wissenschaftsbeziehungen gut erforscht: Den Lehrstuhl für Physiologie des Menschen übernahm 1842 Karl Eduard Miram aus Mitau/Jelgava (1811-1887); 1843 wurde Wilhelm Gustav Becker (1811-1874) Extraordinarius für allgemeine Therapie; 1845 übernahm Alexander Walter aus Reval (1817/18-1889) den Lehrstuhl für Anatomie und Mikrographie. Eine bedeutende Persönlichkeit für Kiew wurde der 1846 aus Dresden zugezogene Arzt und Pathologe Friedrich Georg Mering (1822-1887), 1854 Professor, 1860 geadelt, ab 1871 Sprecher der Kiewer Duma.

Der aus einer moldawischen Herrscherfamilie stammende Petro Mohyla (um 1595-1647) gründete als Abt des Kiewer Höhlenklosters 1632 auf dem Klostergelände die höhere orthodoxe Schule. Als Metropolit setzte er sich für Kirchenreformen ein und hielt jährliche Synoden mit Klerikern und Laien ab. 1701 wurde dem Mohyla-Kollegium der Status einer Akademie zuerkannt, die ein wichtiger Ort orthodoxer und kirchenslawischer Bildung und Kultur wurde und mit westeuropäischen Universitäten in Kontakt stand. Unter den Absolventen der Mohyla-Akademie waren 14 Hetmane, unter anderem Petro Dorošenko (1627-1698), Ivan Masepa (1644-1709) und Pylyp Orlyik (1672-1742), zudem Historiker, Schriftsteller und Philosophen, unter anderem Grygorij Skovoroda (1772-1794), Meletij Smotryz’kyj (1577-1633) und Feofan Prokopovyč (1681-1736). Der in Königsberg geborene Innozenz Giesel (um 1600-1683) war Student, Professor und von 1646 bis 1652 Rektor der Mohyla-Akademie, wo er zur Orthodoxie konvertierte und Archimandrit des Höhlenklosters wurde. Seine 1674 publizierte Chronik des Kiewer Reiches (Synopsis) erfuhr zahlreiche Neuauflagen.[17] 1751 wurde in der Mohyla-Akademie die deutsche Sprache als akademisches Pflichtfach eingeführt; deutschsprachige Wissenschaftsliteratur (Samuel von Pufendorf, Christian Thomasius, Johannes Micraelius) wurde in der Mohyla-Akademie intensiv rezipiert.

Architektur

Als befestigter Eingang in die Stadt dienten mehrere Tore; das mächtigste war das bis heute im Stadtbild erhaltene, 1017-1024 nach dem Vorbild des Stadttors von Konstantinopel erbaute „Goldene Tor“. Als wichtige Bauwerke Kiews gelten darüber hinaus die mit 13 Kuppeln versehene Sophienkathedrale (seit 1990 UNESCO-Weltkulturerbe) mit Mosaiken aus dem 12. Jahrhundert, die barocke Andreaskirche und die 1999/2000 rekonstruierte Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale (Baubeginn 1073).

Das Kiewer Stadtbild wurde durch ausländische, darunter auch deutsche bzw. deutschstämmige, Architekten mitgeprägt. Von Johann Gottfried Schädel (1746-1748) stammen das Saborovski-Tor, der Glockenturm der Sophienkathedrale und der „Große Glockenturm“ der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale. Der Sohn Paul Schleifers, Georg Schleifer (1855–1913), hatte maßgeblichen Einfluss auf den Bauboom und die Infrastruktur (Wasserversorgung, Straßenbahn, Stadttheater) Kiews und plante Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts das als „Kiewer Paris“ bezeichnete Viertel. Von ihm stammen das Solovyov-Theater (erbaut zusammen mit Eduard Bradtmann [1856-1926]) und die Hotels „Continental“ und „Frankfurt“. Zu erwähnen ist auch der Ingenieur und Unternehmer Amand Struve (1835-1898), der 1868-1870 die damals längste Eisenbahnbrücke überhaupt (1.068 m) über den Dnepr baute.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

In Kiew gibt es mehrere Orte des Gedenkens an das Massaker von Babyn Jar sowie die Gedenkstätte „Nationalmuseum der Geschichte des Zweiten Weltkrieges 1941-1945“ (ukr. Національний музей історії Великої Вітчизняної Війни 1941-1945 років; translit. Nacional'nij muzej istoriji Velykoji Vitčyznjanoji Vijny 1941-1945 rokiv). Zu erwähnen sind ferner der Poštova-Friedhof mit Gräbern von ca. 20.000 deutschen Soldaten sowie der Bajkov-Friedhof mit Gräbern bekannter Persönlichkeiten.

Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Nikolaus Arndt, Helmut Holz (Mitarb.): Deutsche in der Nordukraine – Wolhynien und Kiew. Begleitheft zu einer Ausstellung des Historischen Vereins Wolhynien e. V. Wiesentheid 1999.
  • Natalija O. Bilous (Hg.): Samovrjaduvannja v Kyjevi: istorija ta sučasnist’. Materialy mižnarodnoji konferenciji, prysvjachenoji 500-riččju nadannja Kyjevu mahdeburz’koho prava Kyjiv 26./27. lystopada 1999 [Selbstverwaltung in Kiew: Geschichte und Gegenwart. Materialien der internationalen Konferenz „500 Jahre Verleihung des Magdeburger Rechts an die Stadt Kiew“]. Deutsch-ukrainische Konferenz anläßlich des 500-jährigen Jubiläums der Verleihung des Magdeburger Rechts an die Stadt Kiew. Kyjiv 2000.
  • Bohdan Čyrko: Nacional’ni menšosti na Ukrajini u 20-30 roky [Nationale Minderheiten in der Ukraine in den 20er-30er Jahren]. In: Ukrajins’kyj istoryčnyj žurnal 1 (1990), S. 5-9.
  • Hleb Ivakin: Opovidi pro starodavnyj Kyjiv [Erzählungen über das alte Kiew]. Kyjiv 1982.
  • Ivan Kulynyč, Natalija Kryvec’: Narysy z istoriji nimec’kych kolonij v Ukrajini. Instytut istoriji Ukrajiny [Aufsätze zur Geschichte der deutschen Kolonien in der Ukraine. Institut für Geschichte der Ukraine]. Kyjiv 1995.
  • Werner Paul (Hg.): Kiew. Annäherung an eine Stadt. München 1989.
  • Günther Schäfer: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr. 3. Aufl. Berlin 2011 (Trescher-Reihe Reisen).
  • Tatjana Terjoschina, Claus-Jürgen Roepke (Hg.): Kiew. St. Katharinen-Kirche, Gemeinde, Glaube. Festschrift zur Wiedereinweihung der Kirche. München 2000.
  • Petro Toločko: Drevnij Kiev [Das alte Kiew]. Kiev 1976.

Schriftenreihe

  • Wissenschaftsbeziehungen im 19. Jh. zwischen Deutschland und Russland auf den Gebieten der Chemie, Pharmazie und Medizin. 7 Bde. Aachen 2008-2011 (Relationes 1-7); vgl. dazu die Datenbank: URL: http://drw.saw-leipzig.de/personendatenbank.html.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Erich Donnert: Das Kiewer Russland. Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. Leipzig 1983, S. 23-25.

[2] J. S. Komarov: Mij Kyjiv. Navč. Posib [Mein Kiew. Lehrhandbuch]. Kyjiv 2011, S. 2.

[3] Maj Pančuk, Olena Kowalčuk, Bogdan Čirko: Nacional’na Nimec’ka menšyna v Ukrajini y 1920-30-ch rokach [Die nationale deutsche Minderheit in der Ukraine in den 1920er und 1930er Jahren]. In: Nimec’ki poselenci v Ukrajini: istorija ta s’ohodennja: Monohrafija. [Deutsche Siedler in der Ukraine: Geschichte und Gegenwart: Monographie] Kyjiv 2006, S. 320-324, hier S. 320.

[4] URL: pollotenchegg.livejournal.com/tag/census%201897 (Abruf 13.12.2014).

[5] Claus Remer: Die Ukraine im Blickfeld deutscher Interessen. Ende des 19. Jahrhunderts bis 1917/18. Frankfurt/M. 1997 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 763), S. 12f.

[6] Donnert: Das Kiewer Russland (Anm. 1), S. 138.

[7] Pančuk, Kowalčuk, Čirko: Nacional’na Nimec’ka (Anm. 3), S. 320.

[8] URL: http://pollotenchegg.livejournal.com/tag/census%201897 (Abruf 13.12.2014); Fedir Ernst: Kyjiv. Providnyk [Kiew. Reiseführer]. Kyjiv 1930.

[9] Fedir Ernst: Kyjiv. Providnyk [Kiew. Reiseführer]. Kyjiv 1930, S. 35.

[10] Viktor Krieger: Deutsche aus Russland gestern und heute. Volk auf dem Weg. 7. Aufl. Stuttgart 2006, S. 9.

[11] URL: http://www.citypopulation.de/php/ukraine-kievcity_d.php (Abruf 13.12.2014).

[12] Tatjana Terjoschina: «Fürchte dich nicht, du kleine Herde“. Die Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Kiew. In: Terjoschina/Roepke: Kiew, S. 63-92, hier S. 81 und 83. Die ebenfalls bei Terjoschina genannte Zahl von „rund 13.000 Seelen“ (S. 69) bei Beginn des Ersten Weltkriegs ist offenbar auf das Gouvernement bezogen.

[13] Leonid Novohat’ko: Nimci i nimec’ka kul’tura v Ukrajini [Deutsche und deutsche Kultur in der Ukraine]. Kyjiv 2003.

[14] Vsevolod Naulko: Chto i vidkoly žyve v Ukrajini [Wer wohnt seit wann in der Ukraine]. Kyjiv 1998, S. 8, 14; URL: pollotenchegg.livejournal.com/tag/census%201897 (Abruf 28.05.2014).

[15] T. Ananjewa, O. Drug, A. Mokroussowa, I. Abramowa: Das „Porträt der Ehefrau“ von Paul Schleifer; Abbildung in: Der historische Almanach. Heft 3, Kiewer Album, Kiew 2004, S. 16.

[16] Viktor Korotky, Wasiliy Ul’janovs’kyj: Z imenem svjatoho Volodymyra. Kyjivs’kyj universytet u dokumentach ta spohadach učasnikiv u 2 kn. [Im Namen des heiligen Wladimir. Die Kiewer Universität in Dokumenten, Materialien und Erinnerungen der Mitglieder in 2 Bänden]. Kn. [Bd.] 1. Kyjiv 1994, S. 98.

[17] Innozenz Giesel: Synopsis. Kiev 1681. Faksimile mit Einleitung hg. von Hans Rothe. Köln u. a. 1983 (Bausteine zur Geschichte der Literatur bei den Slaven 17).

Zitation

Victoria Soloschenko, Matthias Weber: Kiew/Kyjiv. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32288 (Stand 21.08.2015).

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