OME-Lexikon

Kelling/Câlnic

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Kelling, Kellenk (siebenbürgisch-sächsisch)

Amtliche Bezeichnung

rum. Câlnic

Anderssprachige Bezeichnungen

ung. Kelnek; lat. Kelnuk

2. Geographie

Lage

Kelling liegt auf 45° 53' nördlicher Breite und 23° 39' östlicher Länge, auf 331 m über NHN, 13 km von Mühlbach/Sebeș entfernt.

Topographie

Kelling liegt in einem südlichen Seitental des Zekesch-Bachs (rum. Secaș).

Region

Siebenbürgen

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Rumänien. Kelling gehört zum Kreis Karlsburg (rum. Alba).

3. Geschichte und Kultur

Mittelalter

Der seit der Jungsteinzeit immer wieder bewohnte Ort wurde im 11. Jahrhundert von szeklerischen Grenzwächtern der terra Sebus besiedelt; Ende des 12. Jahrhunderts wurden an ihre Stelle siebenbürgisch-sächsische Wehrbauern gerufen. Kelling wird 1269 erstmals urkundlich erwähnt: Stephan V. (1239−1272), Sohn des ungarischen Königs Béla IV. (1206−1270), verlieh damals als junior rex dem comes Chyl de villa Kelnuk zwei Besitzungen für treue Dienste während der mit seinem Vater ausgetragenen Kämpfe; Gräf Cheel/Chyl ließ hier einen Wohnturm errichten. Im 13.–14. Jahrhundert bauten die Erbgräfen (comites, Ortsvorsteher aus der Zeit der Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen) ihren Besitz im Zekesch-Tal (rum. Valea Secașului) unter anderem durch Gründung siebenbürgisch-sächsischer Sekundärsiedlungen (u. a. Weingartskirchen/Vingard, Spring/Șpring, Gergeschdorf/Ungurei, Ringelkirch [untergegangen], Kut/Cut, Reichau/Răhău) auf Adelsboden aus. Sie heirateten in den siebenbürgischen Adel ein; zu ihren Nachkommen in der Familie Geréb de Vingard gehören ein Woiwode und ein Bischof von Siebenbürgen. 1291 wird der Zimmermann Henc von Kelling erwähnt, der mit anderen bei der Wiederherstellung des Dachstuhls des Doms zu Weißenburg (später Karlsburg) mitwirkte. Kelling gehörte 1330 zum Mühlbacher Dekanat; Ortspfarrer Michael war deren Dechant. Administrativ war der Ort Teil des Mühlbacher Stuhls. 1411 verkaufte Johannes Geréb von Weingartskirchen einen Teil seines Besitzes in Kelling an die Gemeinde, 1430 sein gleichnamiger Sohn sein Amt samt Hof und Haus; er war der letzte Erbgräf von Kelling. Die Burg gelangte in die Hände der freien Bauerngemeinde und wurde ausgebaut. Während ihres Kriegszugs durch Südsiebenbürgen 1438 belagerten die Osmanen die Burg, die auf Vermittlung des muntenischen Fürsten Vlad II. Dracul (1395–1447) kampflos übergeben wurde. Trotzdem wurden zahlreiche Kellinger getötet oder in Gefangenschaft abgeführt.

Neuzeit

Nach der Schlacht bei Mohács 1526 wurde auch Kelling Opfer der Thronkämpfe zwischen Ferdinand I. von Habsburg (1503–1564) und Johann I. Szapolyai (1487–1540). Kriegswirren, Plünderungen und Seuchen suchten den Ort heim.[1] Die Kirchenreform wurde um 1550 auch in Kelling durchgeführt, Michael Fritsch-Tusch war wohl der erste lutherische Ortsgeistliche. Nach den Kriegswirren am Ende des 16. Jahrhunderts –darunter der Einfall Michaels des Tapferen (1558–1601) 1599 – verblieben in Kelling nur noch neun Hauswirte.[2] 1724 wurden 50 siebenbürgische Hauswirte, 21 rumänische „Sedler“ (ohne Hausbesitz) und 5 als Goldwäscher tätige Roma (rum. băieși; im Ort deutsch als „Eisenzigeuner“ bezeichnet) gezählt.[3] 1658 wurde Kelling von osmanischen Truppen zerstört; die Burg konnte sich jedoch behaupten. Unter habsburgischer Herrschaft kehrte eine gewisse Ruhe ein. Die Reformen Josephs II. (1741–1790) trafen Kelling insbesondere durch die Auflösung der so genannten Gemeinde-Zubehöre (1789), was den Verlust des Dorfes Dallen/Dealu samt den von dessen Bewohnern zu leistenden Diensten bedeutete. 1849 wurden die ungarischen Revolutionstruppen zwischen Zekeschdorf/Cunţa und Kelling von den Kaiserlichen und den verbündeten russischen Truppen besiegt. 1901 wurde ein neues Schulgebäude errichtet, 1902 die „Erste Unterwälder Rebschule“ gegründet, die den Weinbau voranbrachte.

Zeitgeschichte

Die Agrarreform von 1923 traf insbesondere das Gemeineigentum (Wälder, Weiden, Kirchenbesitz), jene von 1945 enteignete die deutschen Landwirte. 1945 wurden auch aus Kelling die arbeitsfähigen Deutschen zur „Wiederaufbauarbeit“ in die Sowjetunion deportiert. Nach der Vergenossenschaftung von Grund, Vieh und Geräten (1952 Gründung einer Kollektivwirtschaft) verfiel die landwirtschaftliche Produktion. Hingegen übernahm der 1947 gegründete staatliche Landwirtschaftsbetrieb den Wein- und Obstbau und baute beides aus.

Die deutsche Bevölkerung siedelte seit den 1960er-Jahren, verstärkt nach 1977 und, in einer Art Massenexodus, in den frühen 1990er-Jahren in die Bundesrepublik Deutschland aus.

Bevölkerungsentwicklung

1850 lebten auf dem Gebiet der heutigen Ortschaft 1.115 Einwohner. 442 waren Rumänen, 481 Deutsche und 198 Roma. 1910 lebten 1.702 Personen in Kelling. 1930 waren von 1.872 Einwohnern 949 Rumänen, 835 Deutsche und 82 Roma.[4] 2011 wurden 1.184 Rumänen, 407 Roma und kein Deutscher verzeichnet.[5]

Religions- und Kirchengeschichte

1550 traten die bis dahin römisch-katholischen Kellinger Deutschen geschlossen zum Luthertum über. Nach der Niederlassung von Rumänen entstand auch eine griechisch-orthodoxe Gemeinde, die 1750 345 Mitglieder zählte[6] und sich 1828 eine eigene Kirche baute. 1957–1971 wurde in Kelling eine neue griechisch-orthodoxe Kirche errichtet.

Kunstgeschichte

Die Gräfenburg von Nordwesten [Fotos und Zeichnungen: Hermann Fabini].
Innenhof mit Torturm.
Isometrische Darstellung der Burg.
Grundriss und Ansicht der Burg.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ließ Gräf Cheel einen befestigten Wohnturm („Siegfried“) errichten, der im 14.–15. Jahrhundert mit Ringmauer, Torturm und Bergfried befestigt sowie um ein Gesindehaus im Burghof ergänzt wurde und als befestigter Gräfenhof diente. Bei archäologischen Grabungen wurden Münzen aus der Zeit zwischen 1235 und 1272, der Regierungszeit der ungarischen Könige Bela IV. und Stephan V., gefunden.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts führte die Bauerngemeinde an der von den Gräfen übernommenen Burg verschiedene Bauarbeiten durch. Im Burghof wurde eine kleine Saalkirche mit halbkreisförmiger Chor-Apsis errichtet; das Westportal verziert eine spätgotische Steineinfassung. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Wassergraben zugeschüttet und ein zweiter niedrigerer Bering gebaut. 1733 erhielt die Kirche Emporen mit bemalten Brüstungen. 1961–1964 wurde die Bauernburg von der staatlichen Denkmalpflege (rum. Direcţia Monumentelor Istorice) restauriert und 1998 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen.

Im Osten der Burganlage befindet sich die ursprünglich mittelalterliche Dorfkirche, die keine Wehranlagen hat. Sie wurde 1868–1869 im neugotischen Stil umgebaut und mit einer Carl-Hesse-Orgel ausgestattet.

Die Dorfanlage, die evangelische Kirche und das Pfarrhaus (aus dem 15. Jahrhundert, umgebaut im 19. Jahrhundert) stehen unter rumänischem Denkmalschutz.[7]

Besondere kulturelle Institutionen

Die Burg wurde 1995 von der evangelischen Kirche an den Verein „Ars Transilvaniae“ (Klausenburg/Cluj-Napoca) verpachtet, der in ihren Mauern ein internationales Tagungs- und Kulturzentrum (rum. Centrul Cultural Internaţional, patronat de Institutul de Arheologie şi Istoria Artei al Academiei Române din Cluj-Napoca) unterhält. Der Verein organisiert auch die sog. Kellinger Tage mit Vorträgen und einem Feuerwerk, das die Identifikation der heutigen Bevölkerung des Ortes mit dessen Vergangenheit unterstützt.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Hans Acker: Heimatbuch Kelling. Geschichte einer sächsischen Gemeinde im siebenbürgischen Unterwald. Bissingen 1986.
  • Erwin Amlacher: Wehrbauliche Funktion und Systematik siebenbürgisch-sächsischer Kirchen- und Bauernburgen. Ein Beitrag zur europäischen Burgenkunde. München 2002 (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks, Wiss. Reihe, 95), S. 390–397.
  • Hermann Fabini: Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen. 2 Bde. Hermannstadt, Heidelberg 1998–1999, Bd. 1, S. 342−346, Bd. 2 (Abbildungen), S. 144−146.
  • Radu Heitel: Cetatea din Câlnic [Die Burg Kelling]. Bucureşti 1968.
  • Otto Mittelstrass: Beiträge zur Siedlungsgeschichte Siebenbürgens im Mittelalter. München 1961 (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 6), S. 116–122.
  • Marius Porumb, Ciprian Firea: Cetatea Câlnic. Die Burg Kelling. Câlnic Fortress. La Fortresse de Câlnic. Bucureşti 2007.
  • Harald Roth: Câlnic. In: Ders. (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Siebenbürgen. Stuttgart 2003 (Kröners Taschenausgabe 330), S. 44.
  • Viktor Roth (Hg.), Alexander von Reitzenstein, C. Theodor Müller, Heinz R. Rosemann (Bearb.): Die deutsche Kunst in Siebenbürgen Berlin 1934 (Schriften der Deutschen Akademie 2).
  • Nicolae-Marcel Simina: Cetatea din Câlnic (jud. Alba). Considerații pe marginea cercetării arheologice [Die Burg Kelling, Kreis Karlsburg. Betrachtungen aufgrund archäologischer Forschungen]. In: Arheologia medievală 3 (2000), S. 95–116.

Anmerkungen

[1] Ein Hauswandspruch von 1543 fasst dieses Schicksal zusammen: „In dem Leben hier auf Erden ist doch nichts als Sterblichkeit, bös Exempel, viel Beschwerden, Klage, Plage, Müh und Streit, Kummer, Sorgen, Angst und Not, Krankheit und zuletzt der Tod.“ (Acker: Kelling, S. 58f.).

[2] Acker: Kelling, S. 64.

[3] Acker: Kelling, S. 64.

[4] Ernst Wagner: Historisch-statistisches Ortsnamenbuch für Siebenbürgen. Mit einer Einführung in die historische Statistik des Landes. Köln, Wien 1977 (Studia Transylvanica 4), S. 362f.

[5] Ergebnisse der Volkszählung von 2011, Band II, Kapitel 8: Ethnische und konfessionelle Struktur der sesshaften Bevölkerung, nach Kreisen und diesen zugehörigen Gemeinden gegliedert: http://www.recensamantromania.ro/noutati/volumul-ii-populatia-stabila-rezidenta-structura-etnica-si-confesionala (Abruf 02.12.2015).

[6] Acker: Kelling, S. 65.

[7] URL: http://patrimoniu.gov.ro/images/LMI/LMI2010.pdf (Abruf 14.12.2015), Nr. 350–356.

Zitation

Hermann Fabini, Konrad Gündisch: Kelling/Câlnic. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32282 (Stand 17.12.2015).

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