OME-Lexikon

Grüssau/Krzeszów

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Grüssau

Amtliche Bezeichnung

poln. Krzeszów

Weitere Bezeichnungen

tschech. Křešov, lat. „Gratia Sanctae Mariae“ (in einem Schreiben Herzog Bolkos I. [Regierungszeit 1278–1301] von 1291)

Etymologie

Die in den mittelalterlichen Dokumenten greifbaren Namen Gresebor, Grissobor, Cresowbor, Cressowe, Crissowe oder Crissorium werden in der Forschung bisher überwiegend mit der altslawischen Bezeichnung für einen dunklen Wald/Urwald (poln. bór) in Verbindung gebracht.[1]

2. Geographie

Lage

Grüssau liegt auf 50° 44‘ nördlicher Breite, 16° 03‘ östlicher Länge, ca. 450–470 m über NHN, ca. 8 km südöstlich von Landeshut/Kamienna Góra und ca. 30 km südöstlich von Hirschberg/Jelenia Góra, am Fluss Zider (Zadrna).

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Republik Polen, Woiwodschaft Niederschlesien (Województwo dolnośląskie). Grüssau ist ein Ortsteil der Gemeinde Landeshut/Kamienna Góra; in den Jahren 1945–1954 und 1973–1976 war es eine eigenständige Gemeinde.

3. Geschichte und Kultur

Mittelalter

Die Geschichte der Ortschaft ist eng mit der Geschichte des Klosters verbunden, dessen Stiftung von Heinrich II. dem Frommen (1196/1207–1241), Herzog von Schlesien, bereits 1240 geplant war, jedoch erst nach seinem Tod von seiner Witwe Anna von Böhmen (gest. 1265) verwirklicht werden konnte. Die am 8. Mai 1242 gegründete Propstei wurde mit Benediktinermönchen aus Opatowitz/Opatovice in Ostböhmen besiedelt, 1292 wurde das Kloster von Zisterziensern aus Heinrichau/Henryków übernommen. Infolge zahlreicher Schenkungen des Herrscherhauses und des schlesischen Adels gehörten im ausgehenden Mittelalter fast 40 Dörfer und zwei Städte, Liebau/Lubawka und Schömberg/Chełmsko Śląskie, zum Stiftsland. Diese Ländereien behielt das Stift – mit geringen Veränderungen – bis zur Säkularisierung 1810. Während der Hussitenkriege, 1426/1427, wurde das Kloster eingenommen und zerstört; erst 1454 waren die Gebäude vollständig wiederhergestellt.

Neuzeit

Mit dem Einzug der Reformation in Schlesien in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stagnierte das Klosterleben; die Zahl der Mönche nahm ab, die benachbarten Orte Landeshut und Schweidnitz/Świdnica wurden zu wichtigen Zentren der Reformation. Als besonders tragisch für die Abtei erwies sich der Dreißigjährige Krieg: 1620 wurde der Grüssauer Abt in Schömberg ermordet; in den folgenden Jahren wurde Grüssau mehrmals von den brandenburgischen und schwedischen Truppen heimgesucht, das Klostergebäude ausgeplündert und weitgehend zerstört. Mit der Amtszeit des Abtes Bernhard Rosa (1624–1696) ab 1660 begann eine Blütezeit des Ortes; die Kirchen wurden wiederhergestellt und modernisiert. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts folgte der Neubau der Klosterkirche; der Umbau des Klosters konnte wegen des Ausbruchs des Ersten Schlesischen Krieges (1740) nicht mehr vollendet werden. 1742 fiel Grüssau zusammen mit der Provinz Schlesien an Preußen.

19. und 20. Jahrhundert

1810 wurde die Abtei säkularisiert und die Kirche in eine Pfarrkirche umgewandelt. Die letzten Mönche verließen Grüssau 1820. Die Reform der preußischen Verwaltung gliederte Grüssau 1816 in den Landkreis Landeshut ein. Seit 1874 war Grüssau Sitz des gleichnamigen Amtsbezirks. 1919 siedelten sich in der ehemaligen Abtei Benediktinermönche aus dem Prager Emmaus-Kloster an. 1924 wurde der Konvent erneut in den Rang einer Abtei erhoben. 1940 wurde die Abtei von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als Durchgangslager für Umsiedler und internierte Juden genutzt. Im Frühjahr 1945 wurde Grüssau von russischen Truppen besetzt; 1946 mussten die letzten deutschstämmigen Mönche das Kloster verlassen und ließen sich in Bad Wimpfen nieder. 1947 wurden die Klostergebäude mit polnischen Benediktinerinnen aus Lemberg/Ľviv/Lwów besiedelt.

Bevölkerungsentwicklung

1939 zählte Grüssau 1.585 Einwohner, die überwiegend katholisch waren.[2] 1946 wurde die deutsche Bevölkerung, einschließlich der in der Abtei lebenden Mönche, vertrieben. In der Gemeinde siedelten sich Polen an, überwiegend Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Heute leben in der Gemeinde 1.527 Personen (Stand 2010).[3]

Wirtschaft

Die wirtschaftliche Entwicklung des landwirtschaftlich geprägten Ortes wurde seit dem Mittelalter durch die Abtei bestimmt. Im Besitz der Zisterzienser befanden sich zahlreiche Handwerksbetriebe wie Schmieden, Brauereien und Mühlen in Grüssau und Umgebung. Noch vor der Zerstörung des Klosters durch die Hussiten 1426 hatte sich Grüssau als ein Zentrum der Marienverehrung etabliert; die Wallfahrten belebten die lokale Wirtschaft. Die Verbreitung der Reformation in Schlesien im Laufe des 16. Jahrhunderts stürzte die Abtei in eine Wirtschaftskrise: Die adligen Schenkungen gingen zurück, die Zahl der Mönche sank auf zwölf. Die Wiederentdeckung des verschollenen Marienbildes im Jahr 1622 (s. Religionsgeschichte) brachte einen kurzen Aufschwung in der Pilgerbewegung, der jedoch vom Dreißigjährigen Krieg unterbrochen wurde. 1650 wurde die Marienwallfahrt wiedereingeführt; als eines der wichtigsten Zentren der Marienverehrung in Schlesien prosperierte Grüssau auch wirtschaftlich. Mit der Säkularisierung 1810 trat eine Stagnation ein; der klösterliche Besitz wurde verstaatlicht. 1899 erhielt Grüssau Eisenbahnanschluss durch den Bau der Strecke LandeshutAlbendorf/Wambierzyce. Auch heute ist die örtliche Wirtschaft vom Wallfahrtstourismus geprägt.

Religions- und Kirchengeschichte

Der Marienkult in Grüssau reicht bis in die Gründungszeit des Klosters im 13. Jahrhundert zurück. Vermutlich schon zu dieser Zeit wurde das Grüssauer Gnadenbild – eine Ikone der Barmherzigen Muttergottes vom Typus der Hodegetria aus dem 13. Jahrhundert, die 1426 vor dem Hussiteneinfall versteckt und während der Renovierung der Sakristei 1622 zufällig wiedergefunden wurde – zum Ziel von Pilgerfahrten. Im Zuge der Gegenreformation in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts blühte das religiöse Leben in Grüssau wieder auf. 1669 wurde die St.-Joseph-Bruderschaft gegründet, 1675–1678 ein Kalvarienberg errichtet. Nach der Schließung der Abtei im Zuge der Säkularisierung wurde Grüssau ab den 1920er Jahren erneut zum religiös-kulturellen Mittelpunkt der Region. Seit der Wende 1989 hat die Bedeutung des Ortes als Marienwallfahrtszentrum stark zugenommen; 1998 wurde die Grüssauer Marienkirche in den Rang einer Basilica Minor erhoben.

Kunstgeschichte und Architektur

Klosterkirche Grüssau von Südwest (Postkarte). [Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 140329].
Langhaus der Klosterkirche Grüssau nach Osten. [Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 232972].

Ehemalige Stiftskirche (heute Pfarrkirche St. Maria Himmelfahrt): Der gotische Vorgängerbau wurde 1292 durch den Breslauer Bischof Johannes Romka (gest. 1301) eingeweiht. Unter Abt Innozenz Fritsch (Amtszeit 1727–1734) wurde 1728–1735 die neue barocke Kirche errichtet; der Entwurf wird mit dem Kreis um Kilian Ignaz Dientzenhofer (1689–1751) in Verbindung gebracht, die Bauarbeiten leitete der Stiftsbaumeister Joseph Anton Jentsch (1698–1758) aus Hirschberg. Die bildhauerische Ausschmückung der Fassade wurde von Ferdinand Maximilian Brokoff (1688–1731) begonnen und von dessen Schüler Anton Dorazil (um 1695-1759) vollendet. Die Kirche ist eine Wandpfeilerkirche mit Emporengeschoss auf kreuzförmigem Grundriss mit fünfjochigem Langhaus und apsidial geschlossenem Chor. Hier befinden sich ein Deckengemälde von Georg Wilhelm Neunhertz (gest. 1749), das Hauptaltargemälde Mariä Himmelfahrt von Peter Johann Brandl (1668–1735), im Erdgeschoss des nördlichen Querhausarms die Loreto-Kapelle (1728) und östlich der Chorachse das Mausoleum („Fürstenkapelle“) der Herzöge von Schweidnitz-Jauer (1735–1747) mit den gotischen Sarkophagen der Herzöge Bolko I. und Bolko II. (1326–1368). Die konkav-konvex geschwungene Doppelturmfassade ist mit reichem Skulpturendekor versehen.

Ansicht des Klosters Grüssau (nach Zeichnung von F. B. Werner 1690-1778). [Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 4d5946].

Ehemalige Zisterzienserabtei (heute Benediktinerinnenkloster): Im Süden schließt an die Stiftskirche ein ursprünglich mittelalterlicher Vierflügelbau mit Klostergarten an, der 1662 von dem Baumeister Martin Schuppert umgebaut und auf drei Geschosse aufgestockt wurde. Von dem Entwurf Johann Gottlieb Fellers für einen Neubau des Klosters konnte 1774–1782 nur der Südflügel realisiert werden. Der stark verfallene gotische Westflügel wurde 1873 abgerissen. Das heutige Gebäude ist ein Zweiflügelbau, bestehend aus einem niedrigeren älteren Teil mit einem gotischen Kapitelsaal aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und einem höheren Barockteil. Im Ost-Risalit befindet sich eine zweigeschossige Bibliothek mit klassizistischer Ausstattung.

Katholische Kirche St. Joseph: Die Wandpfeilerkirche wurde 1692–1695 anstelle der mittelalterlichen Pfarrkirche für die neugegründete St.-Joseph-Bruderschaft erbaut; Stifter war Abt Bernhard Rosa. Die Arbeiten nach anonymem Entwurf wurden vom Stiftsbaumeister Martin Urban geleitet und nach Einsturz beider Fassadentürme 1693 (nicht wiederaufgebaut) durch Michael Klein (gest. 1725) vollendet. Das fünfjochige Langhaus wird von miteinander verbundenen Seitenkapellen mit Emporen flankiert, der langgestreckte Chor an der Nordseite schließt mit einer halbrunden Apsis. An den Wänden und am Gewölbe befindet sich ein Malereizyklus mit Szenen aus dem Marienleben sowie Darstellungen zum hl. Joseph von Michael Willmann (1630-1706), seinem Sohn Michael Willmann d. J. und dem Stiefsohn Johann Christoph Liska – neben Wahlstatt/Legnickie Pole wohl die qualitätsvollsten barocken Wandmalereien Schlesiens.

Der weiträumig in die Landschaft komponierte Grüssauer Kalvarienberg – manche der insgesamt 33 Stationen liegen drei bis vier Kilometer vom Kloster entfernt – entstand unter Abt Bernhard Rosa in den Jahren 1660-1696; 1703-1717 wurden die Kapellen umgebaut. Westlich des Klosters befindet sich die fünfte Station „Bethlehem“/„Betlejem“, ein über dem Wasser errichteter oktogonaler Holzpavillon mit erhaltenen barocken Fresken (ca. 1674).

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Henryk Dziurla: Krzeszów. Wrocław u. a. 1974.
  • Henryk Dziurla (Hg.): Krzeszów uświęcony łaską [Grüssau voller Gnade]. Wrocław 1997.
  • Grzegorz Grajewski: Krzeszów/Grüssau. In: Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld (Hg.), Sławomir Brzezicki, Christine Nielsen (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München, Berlin 2005, S. 495-502.
  • Stephan Kaiser: Kloster Grüssau/Klasztor Krzeszów. Kloster mit Marienkirche. Regensburg 1996 (Kleine Kunstführer 2301).
  • Katarzyna Rogalska: Kaplica Narodzenia Pańskiego w Krzeszowie jako kopia Groty Betlejemskiej na tle innych założeń tego typu w Europie [Die Kapelle zur Geburt Christi in Grüssau als Kopie der Grotte von Betlehem im Kontext ähnlicher Anlagen dieses Typs in Europa]. In: Dzieła i interpretacje [Werke und Interpretationen] 13 (2012), S. 27-44.
  • Ambrosius Rose: Grüssau. In: Hugo Weczerka (Hg.): Handbuch der Historischen Stätten. Schlesien. Stuttgart 1977 (Kröners Taschenausgabe 316), S. 167-168.
  • Ambrosius Rose: Kloster Grüssau. Stuttgart, Aalen 1974.

Anmerkungen

[1] Rose: Grüssau, S. 167.

[2] Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. URL: http://www.verwaltungsgeschichte.de/landeshut.html#ew39lhisgruessau (Abruf 27.11.2014).

[3] Angaben nach GUS - Główny Urząd Statystyczny [Hauptamt für Statistik]: http://www.stat.gov.pl/gus (Abruf 05.11.2014).

Zitation

Tomasz Torbus, Beata Lejman: Grüssau/Krzeszów. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32398 (Stand 28.10.2015).

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