OME-Lexikon

Gran/Esztergom

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Gran

Amtliche Bezeichnung

ung. Esztergom

Anderssprachige Bezeichnungen

slowak. Ostrihom, lat. Solva, latinisiert Strigonium

Etymologie

Es gibt mehrere Erklärungen des lateinischen Namens, die wahrscheinlichste führt ihn auf den lateinischen Namen der Donau (Ister) zurück (am deutlichsten im slowak. Ortsnamen). Der deutsche Name leitet sich vom Fluss Gran (slowak. Hron) ab, der gegenüber auf der linken Seite in die Donau mündet.

2. Geographie

Lage

Gran liegt auf 47º 8' nördlicher Breite, 18º 44' östlicher Länge, etwa 50 km nordwestlich von Budapest.

Topographie

Gran liegt auf der rechten Seite der Donau/Duna westlich der Plintenburger Berge (Visegrádi-hegység), am Fuße der Pilischer Berge (Pilis hegység). Der Ort ist die nördlichste Stadt am Donauknie und heute ein Grenzübergang zwischen Ungarn und der Slowakei (zur Nachbarstadt Štúrovo).

Region

Zentral-Transdanubien (Közép-Dunántúl)

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Republik Ungarn; Komitat Komorn-Gran (Komárom-Esztergom Megye); Kleingebiet Gran; Sitz des Erzbistums Esztergom-Budapest bzw. des Primas von Ungarn.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das heutige Wappen der Stadt geht auf ein Siegel aus dem 12. Jahrhundert zurück. Im Vordergrund des unten abgerundeten Schildes ist eine Burgmauer mit dem Wappenschild der Árpáden zu sehen. Im oberen Feld befindet sich auf blauem Hintergrund eine viertürmige Burg mit einem Tor und einem Schloss dahinter. Die neunstreifige rot-weiße Flagge verweist auf die Dynastie der Arpaden.

Historische Beinamen

Gran ist seit der Staatsgründung Zentrum der römisch-katholischen Kirche Ungarns (caput, mater et magistra ecclesiarum Hungariae) und wird als "ungarisches Rom", seit dem 19. Jahrhundert auch als "ungarisches Zion" bezeichnet. In der Alltagssprache benutzen Einheimische die kurze Form Egom.

Archäologische Bedeutung

Die Siedlung ist seit frühen Zeiten kontinuierlich bewohnt. An diesem Ort errichteten die Römer eine Burg namens Solva, die ein wichtiges Element im römischen Grenzverteidigungssystem (limes) war.

Mittelalter

Keltische, awarische und hunnische Funde kennzeichnen den siedlungsfreundlichen Charakter des aus der Donau hochaufragenden Plateaus. Slawen errichteten hier im 9. und 10. Jahrhundert eine der wichtigsten Burgen des Fürstentums Neutra/Nitra und des Großmährischen Reiches. Nach der ungarischen 'Landnahme' stieg Gran zum Zentrum des werdenden Staates auf. Die Burg war bis 1256 zunächst Residenz der ungarischen Großfürsten, dann der Könige, zugleich Mittelpunkt des Komitats Gran und der 1001 gegründeten Erzdiözese. Auf der Reise ins Heilige Land wurden hier der römisch-deutsche Kaiser Friedrich I. Barbarossa und seine Begleiter von König Géza II. (1141–1162) empfangen. In Gran arbeitete bis Mitte des 13. Jahrhunderts die einzige Münzstätte des Landes. König Béla IV. (1235–1270) wurde in der Franziskanerkirche begraben. Der Erzbischof von Gran war Primas von Ungarn und krönte die ungarischen Könige. Zur Erzdiözese Gran gehörten die Bistümer Neutra/Nitra, Raab/Győr, Agram/Zagreb, Wesprim/Veszprém, Fünfkirchen/Pécs, Erlau/Eger, Waitzen/Vác, Wardein/Oradea, Tschanad/Cenad und Siebenbürgen/Transilvania/Erdély, das Missionsbistum Milkow/Milcov sowie die exemten, direkt dem Primas unterstellten Propsteien der Zipser und der Siebenbürger Sachsen. In der Bischofsstadt Gran ließen sich deutsche und wallonische (in den Quellen als Latini bezeichnete) Handwerker und Kaufleute nieder.

Bild

Die Belagerung von Gran 1595.
[Franz Hogenberg: Die Stat vnd schlos gran, Köln ca.
1595, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf,
urn:nbn:de:hbz:061:2-21508]

Neuzeit

Nach der Besetzung durch die Osmanen (1543) flüchtete der Erzbischof nach Tyrnau/Trnava, residierte aber in der Regel in Pressburg/Bratislava. Gran wurde zu einer wichtigen türkischen Festung ausgebaut und zum Zentrum eines Sandschak. 1594 wurde der Ort von ungarischen und habsburgischen Truppen belagert und 1595 eingenommen. 1605 fiel Gran wieder in türkische Hände, bevor es 1683 endgültig von den Habsburgern erobert wurde. 1706 wurde Gran kurzzeitig von den Aufständischen besetzt, die Franz II. Rákóczi anführte. 1708 wurde der Ort zur königlichen Freistadt erhoben. Nach der Rückkehr des Erzbischofs nach Gran (1820) erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung, der von den damals neu angesiedelten Deutschen und Slowaken mitgetragen wurde. 1876 erhielt Gran den Rechtsstatus einer Stadt mit geordnetem Magistrat.

Zeitgeschichte

Während des Ersten Weltkrieges wurde am Stadtrand, in der heutigen Gartenstadt, das größte Gefangenenlager der österreichisch-ungarischen Monarchie eingerichtet. Infolge des Friedensvertrages von Trianon (1920) verlor Gran einen großen Teil seines regionalen Einzugsgebietes. Während des Zweiten Weltkrieges erlitt die Stadt infrastrukturelle Schäden, auch zahlreiche öffentliche Versorgungsbetriebe wurden zerstört. 1944 wurde die Maria-Valeria-Brücke, die Gran mit Štúrovo verband, zerstört und erst 2001 neu gebaut. Die Deutschen wurden ab 1945 vertrieben, seit 2002 erinnert eine Gedenktafel an dieses Ereignis. Gran war während des antikommunistischen Volksaufstandes von 1956 ein Zentrum des Widerstandes, der in Fürstprimas József Kardinal Mindszenty seinen prominentesten Fürsprecher fand. Gran war zwischen 1989 und 2011 Sitz des Verfassungsgerichts der Republik Ungarn.

Bevölkerung

1785 hatte Gran 5.492 Einwohner, 1840 8.608, 1869 8.780 und 1910 16.863 (davon 93 % Ungarn, 4 % Deutsche, 1,7 % Slowaken). Heute (2011) beträgt die Bevölkerungszahl 30.858, davon sind 93 % Ungarn, 2,4 % Sinti und Roma, 1,4 % Deutsche und 1,3 % Slowaken.

Religions- und Kirchengeschichte

Konfessionelle Zugehörigkeit der Bewohner (Stand 2001): römisch-katholisch: 66 %, griechisch-katholisch: 1 %, reformiert: 7 %, evangelisch-lutherisch: 1 %, Andere: 1 %, keiner Konfession oder Kirche angehörig: 12 %, unbekannt: 12 %. Die Ordensgemeinschaft der Franziskaner ist seit dem 13. Jahrhundert ansässig.

Besondere kulturelle Institutionen

Die Stadt beherbergt folgende Einrichtungen: Christliches Museum (Keresztény Múzeum), Hl. Adalbert Zentrum (Szent Adalbert Központ), Balassa Bálint Museum (Balassa Bálint Múzeum), Graner Burgmuseum des Ungarischen Nationalmuseums (Magyar Nemzeti Múzeum Esztergomi Vármúzeuma), Burgtheater (Esztergomi Várszínház).

Bildung und Wissenschaft

In Gran ansässig sind eine Theologische Hochschule, das Franziskanergymnasium, eine Stätte für die Erzbischöfliche Priesterausbildung, das Archiv des Primas und Hauptdomkapitels sowie die Kathedralbibliothek.

Bild

Die Basilika von Gran/Esztergom.
[Foto: K. Gündisch]

Kunstgeschichte

Die im klassizistischen Stil von Josef Hild errichtete Basilika wurde 1856 geweiht. Integriert wurde damals die im Renaissancestil erbaute Bakócz-Kapelle aus dem 16. Jahrhundert. Die Basilika ist Ungarns größter und Europas fünfthöchster Sakralbau.

Musik

Die von Franz Liszt komponierte Graner Messe wurde bei der Einweihung der Basilika aufgeführt.

Literatur

Hier starb 1594 der Renaissancedichter Bálint Balassa; der Dichter und Übersetzer Mihály Babits (1883–1941) lebte über eine längere Zeit in Gran.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Margit Beke (Hg.): Esztergomi érsekek 1001–2003 [Die Bischöfe von Gran, 1001–2003]. Budapest 2003.
  • Pál Cséfalvy: Esztergom: The Cathedral, the Treasury and the Castle Museum. Budapest 2002.
  • István Horváth: Gran (Esztergom) zur Zeit Stephans des Heiligen. In: Alfried Wieczorek, Heinz-Martin Hinz (Hg.): Europas Mitte um 1000. Bd. 2. Stuttgart 2000, S. 576-580.
  • Ernő Marosi: Die Anfänge der Gotik in Ungarn. Esztergom in der Kunst des 12.–13. Jahrhunderts. Budapest 1984.
  • Emese Nagy: Esztergom, l'un des premiers centres royaux de la Hongrie. In: Zbornik Narodnoj Muzeja Beograd 9–10 (1979), S. 225-232.
  • Dóra Sallay (Hg.): Keresztény Múzeum - Christian Museum - Christliches Museum. CD-ROM. Esztergom 2004.
  • Ádám Somorjai (Hg.): Letters to the Presidents. Cardinal Mindszenty to the Political Leaders of the United States. Mindszenty bíboros követségi levelei az Egyesült Államok elnökeihez, 1956–1971. Budapest 2011.

Periodika

  • Komárom-Esztergom Megyei Önkormányzat Levéltára Évkönyvei [Jahrbücher des Archivs der Komitatsselbstverwaltung Komorn-Gran], Esztergom

Weblinks

Zitation

Tamás Fedeles: Gran/Esztergom. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54232.html (Stand 11.05.2015).

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