OME-Lexikon

Danzig/Gdańsk

1. Toponymie

Deutschsprachige Bezeichnung

Danzig (früher auch: Dantzig)

Amtliche Bezeichnung

poln. Gdańsk

Anderssprachige Bezeichnungen

kaschubisch: Gduńsk; ital. Danzica; litauisch: Gdanskas; lat. Gedanum (seltener: Dantiscum)

Etymologie

Die Etymologie ist ungeklärt. Heute geht man von einer slawischen Herkunft aus, danach soll "Gdańsk" so viel wie "an dem Fluss Gdania" gelegener Ort heißen. Früher wurde es mit dem bei Jordanes erwähnten "Giötheschantz" in Verbindung gebracht; in der Volksetymologie hielt sich lange ein Bezug zu "Tanz/tanzen".

2. Geographie

Lage

Danzig liegt auf 54° 21′ Nord, 18° 39′ Ost.

Topographie

Danzig entstand an der Mündung der Mottlau in die (Danziger) Weichsel, kurz bevor diese in die Ostsee mündet, in einem ursprünglich von leichten Erhöhungen (Kämpen) im Flussdelta geprägten Gebiet. Heute hat sich die Küste weiter nach Norden verschoben. Die Stadt liegt zwischen einer bewaldeten Endmoränenlandschaft mit vielen Taleinschnitten und Seen (Teil des Baltischen Höhenrückens) und der Danziger Bucht auf flachem Terrain.

Region

Die Großregion heißt historisch Pomorze Gdańskie (Danziger Pommern) oder - seltener - Pomorze Nadwiślańskie (Weichselpommern) bzw. Pomorze Wschodnie (Ostpommern). Auf Deutsch wird meist die Bezeichnung Pommerellen verwendet. Historisch lag Danzig zwischen 1454 und 1772 im Königlichen Preußen, danach bis 1920 in Westpreußen.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Heute ist Danzig Hauptstadt der Woiwodschaft Pomorze (województwo pomorskie; wörtlich übersetzt, aber nicht der deutschen Regionalbezeichnung entsprechend: Woiwodschaft Pommern). Es ist die sechstgrößte Stadt Polens (2010: 457.000 Einwohner), beherbergt zahlreiche wissenschaftliche und kulturelle Institutionen und ist Sitz eines katholischen Erzbistums.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen der Stadt Danzig zeigt zwei weiße Kreuze auf rotem Grund (in dieser Form bekannt seit 1368), die nach dem Übergang Danzigs an Polen 1454 um eine goldene Krone ergänzt wurden. Auch die Flagge der Freien Stadt Danzig zeigte - im linken Drittel - dieses Wappen, das nach 1945 mit veränderter Krone übernommen wurde.

Gebräuchliche Beinamen

Danzig wurde im 19. Jahrhundert aufgrund seiner altertümlichen und pittoresken Bausubstanz gerne das "Nürnberg an der Ostsee" oder "Venedig des Nordens" genannt. In den 1980er und 1990er Jahren hieß es - da sich hier das Zentrum der Solidarność befand - manchmal "heimliche Hauptstadt Polens"; heute nennt es sich "Bernsteinhauptstadt" oder "Stadt der Freiheit".

Archäologische Bedeutung

Danzig ist eine der wichtigsten archäologischen Stätten Polens. In einer ersten Grabungsphase seit 1948 wurde v. a. im Bereich der frühmittelalterlichen slawischen Burg gegraben, auf deren Reste man ebenso stieß wie auf Grundmauern der Deutschordensburg. Seit 1987 wurden zahlreiche neue Grabungsfelder erschlossen. Neue Datierungsmethoden ließen Zweifel daran aufkommen, ob die slawische Burg bereits am Ende des 10. Jahrhunderts existiert hat; die frühesten Funde stammen von ca. 1060. Da die spätesten Funde auf die Mitte des 12. Jahrhunderts fallen, ist außerdem fraglich, ob hier bis 1308 durchgehend eine Burg bestanden hat. Bestätigt wurde hingegen das Vorhandensein einer Brandschicht, die die These von der Zerstörung Danzigs 1308 untermauert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden bei Grabungen unter der Markthalle die Fundamente einer bisher nicht bekannten Vorgängerin der Nikolaikirche freigelegt. Viele Funde werden im Archäologischen Museum ausgestellt.

Mittelalter

Erstmals erwähnt wird Danzig in der Vita des hl. Adalbert. Der Bischof kam auf seiner Missionsreise zu den Prußen 997 durch das Fischerdorf "Gyddanyzc", das damals zeitweise dem polnischen Herzog Bolesław Chrobry gehörte. Erst ab 1116 konnten polnische Herrscher das Gebiet endgültig unterwerfen und christianisieren; ihre Stellvertreter führten Pommerellen als Herzöge zu Beginn des 13. Jahrhunderts in die Selbständigkeit. Die deutschrechtliche Stadt wurde vielleicht schon um 1224, wahrscheinlich aber um 1263 gegründet. Nach dem Aussterben der Herzöge wechselten die Besitzer mehrfach. Der Versuch von Herzog Władysław Łokietek, mit Unterstützung des Deutschen Ordens Danzig zurückzugewinnen, scheiterte, die Ordensritter wendeten sich gegen ihn und eroberten am 12./13.11.1308 die Stadt. Dabei wurde ein erheblicher Teil der Einwohner getötet; anschließend zerstörte der Orden Burg und Stadt, um Brandenburgern und Polen einen möglichen Stützpunkt in seiner Interessenzone zu nehmen.

Um 1340 begann der Deutsche Orden in Danzig mit dem Bau einer neuen Burg. Die Bautätigkeit konzentrierte sich nun auf die Rechtstadt, die 1342 das Kulmer Recht erhielt und bald befestigt wurde. Das nördlich davon gelegene alte Stadtgebiet entwickelte sich als "Altstadt" zum Wohnort v. a. von Handwerkern. Mit der 1380 gegründeten Jungstadt versuchte der Orden mit wenig Erfolg, der Rechtstadt Konkurrenz zu machen.

1361 schickte die Rechtstadt erstmals einen Vertreter zu einer hansischen Versammlung, seit 1377 fehlte sie auf keinem Hansetag mehr und beteiligte sich auch an den Kriegen der Hanse. Nach der Niederlage des Deutschen Ordens bei Tannenberg 1410 huldigte die Stadt dem polnischen König, doch nach dessen Rückzug aus Preußen war Danzig zur Rückkehr unter die Ordensherrschaft gezwungen. 1440 trat Danzig dem gegen den Orden gerichteten "Preußischen Bund" bei; 1454 huldigte es dem polnischen König, die Bürger zerstörten Ordensburg und Jungstadt. Nach dem Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) besiegelte der Frieden von Thorn (1466) die Zugehörigkeit des Königlichen Preußen zu Polen. 1557 wurde Danzig zum Vorort des preußischen Hansequartiers. 1519–1525 nahm die Stadt am letzten Krieg Polens gegen den Deutschen Orden teil.

Neuzeit

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde Danzig durch die polnisch-schwedischen Auseinandersetzungen in Mitleidenschaft gezogen; mehrfach wurde der Weichselhandel behindert bzw. blockiert. Polnische Versuche, in Danzig eine königliche Flotte aufzubauen, konnten lange erfolgreich behindert werden. Neue Bemühungen der Krone zur besseren Kontrolle der Stadt (Statuta Karnkoviana, 1570) führten zum Krieg gegen den 1575 gewählten König Stefan Bathory: 1577 scheiterte dessen Eroberungsversuch nach mehrwöchiger Belagerung. Als Gustav Adolf 1626 mit der Besetzung Danzigs drohte, rief dieses König Sigismund zu Hilfe; der Krieg zog sich bis 1629 hin. Im Waffenstillstand erstritt sich Schweden Einnahmen aus dem Danziger Hafenzoll. Im Zweiten Nordischen Krieg (1655–1660) blieb Danzig trotz großer Verluste durch Verteidigungsausgaben, Kontributionen, Hemmung des Weichselhandels und Verwüstung des städtischen Landgebiets auf polnischer Seite. Aus dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) konnte sich Danzig nur durch große Geldzahlungen an die Kriegsparteien heraushalten. 1734 stellte es sich bei der Königswahl auf die Seite Stanisław Leszczyńskis und verteidigte diesen wochenlang gegen die Belagerung durch seinen Kontrahenten August III. und dessen russische Verbündete.

Preußen war seit den 1760er Jahren bemüht, den Danziger Handel zu behindern, 1772 verleibte es sich das ganze Königliche Preußen mit Ausnahme von Danzig und Thorn/Toruń ein. Umschlossen von Zollgrenzen erlebte die Stadt eine Wirtschaftskatastrophe. Bemühungen, die städtische Verfassung zu retten, schlugen fehl, 1793 besetzte Preußen Danzig. Dabei leisteten einige Bürger Widerstand, der rasch überwunden werden konnte. Auch der Aufstand einiger Gymnasiasten scheiterte 1797.

1807 wurde Danzig zwei Monate von französischen Truppen belagert und nach der Einnahme zur Freien Stadt erklärt. Die Rückkehr zur alten republikanischen Verfassung erwies sich als trügerischer Schein: Unter einem von Napoleon eingesetzten Herzog (François-Joseph Lefebvre) musste Danzig erhebliche Kontributionen zahlen, eine große französische Garnison unterhalten und war wirtschaftlich nicht lebensfähig. Die russisch-preußische Belagerung von 1813 dauerte knapp ein Jahr und hatte katastrophale Folgen (6.000 tote Zivilisten, Zerstörungen, Überschuldung). Erst in den 1850er Jahren erholte sich Danzig, nicht zuletzt durch den energischen Oberbürgermeister Leopold von Winter. Seit 1866 lag die Stadt im Norddeutschen Bund, seit 1871 im Deutschen Reich, wo sie als Zentrum des Liberalismus bekannt wurde. Im Zuge der Entwicklung zur Großstadt wurde die Infrastruktur modernisiert (Schleifung der Wälle, Bau neuer Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser, eines Bahnhofs usw.).

Zeitgeschichte

Im Versailler Vertrag wurde Danzig mit einem 1.952 qkm umfassenden Gebiet zur Freien Stadt unter Kontrolle des Völkerbunds erklärt (offizielle Gründung 15.11.1920); für zehn Jahre war der parteilose Heinrich Sahm Senatspräsident. Die politischen Verhältnisse spiegelten meist die Situation in Deutschland wider; Mitte-Rechts- und Mitte-Links-Koalitionen wechselten einander ab. Die Beziehungen zu Polen waren gespannt; zahlreiche Streitigkeiten (Westerplatte, Briefkastenstreit usw.) wurden vor den Völkerbundsrat in Genf gebracht. Nach drei DNVP-geführten Regierungsjahren erhielt die NSDAP bei den Wahlen im Mai 1933 50% der Stimmen; neuer Senatspräsident wurde Hermann Rauschning, der eine Annäherung an Polen einleitete (Rücktritt Ende 1934, Nachfolger Arthur Greiser). Die Gleichschaltung kam aufgrund der Völkerbundkontrolle nur langsam voran; bei vorgezogenen Neuwahlen erreichte die NSDAP im April 1935 trotz massiver Behinderung der Opposition nur 59,3%. Die übrigen Parteien wurden bis 1937 sukzessive verboten. Ab Herbst 1938 verlangte Deutschland mehrfach die Rückkehr Danzigs zum Reich. Am 1.9.1939 brach mit der Beschießung des polnischen Munitionsdurchgangslagers Westerplatte der Zweite Weltkrieg aus - mit Waffengewalt wurde die Polnische Post eingenommen; die Eroberung der Westerplatte dauerte sieben Tage. Danzig wurde Teil des Deutschen Reichs, Hauptstadt des Reichsgaus Danzig-Westpreußen (Gauleiter: Albert Forster) und nannte sich seit Dezember 1940 "Hansestadt Danzig". Im KZ Stutthof, östlich von Danzig, wurden Mitglieder der polnischen Minderheit und Danziger Oppositionelle festgehalten; 1944 war es an der "Endlösung" der Judenfrage beteiligt (65.000 Todesopfer, darunter 35.000 Juden). Im März 1945 kesselte die Rote Armee Danzig ein; bei der Eroberung bis zum 28.3. wurde die historische Innenstadt größtenteils zerstört.

Das politische System im kommunistischen Polen war zunächst totalitär, später, seit 1956, gab es beschränkte Möglichkeiten der gesellschaftlichen Mitwirkung. Danzig wurde zum beliebten Reiseziel, zunächst für den inländischen, seit den 1970er Jahren auch für den ausländischen Tourismus. Nach Studentenprotesten 1968 kam es im Dezember 1970 wegen Preiserhöhungen zu Streiks auf den Werften und zu Massendemonstrationen in der Stadt, die wenige Tage später mit mehreren Todesopfern brutal niedergeschlagen wurden. In den Jahren danach organisierte sich die politische Opposition. Versorgungsschwierigkeiten lösten im Sommer 1980 erneut Streiks auf der Lenin-Werft aus, an deren Spitze sich der Elektriker Lech Wałęsa stellte. Ende August unterzeichnete das Streikkomitee eine Vereinbarung mit der Regierung (Zulassung freier Gewerkschaften, Meinungsfreiheit usw.). Danzig wurde zum Sitz der "Solidarność". Die Einführung des Kriegsrechts im Dezember 1981 bedeutete eine Zäsur, doch 1989 ergriff die Demokratisierung des Landes auch Danzig. Lech Wałęsa wurde 1990 zum Staatspräsidenten gewählt (bis 1995). 1997 feierte die Stadt ihr 1000-jähriges Bestehen.

Verwaltung

Bis 1308 herrschten Herzöge über Danzig, die teilweise auch in der Stadt residierten. In der Ordenszeit gab es in der Rechtstadt einen "Sitzenden Rat" mit Bürgermeister, Stellvertreter und zwölf Ratsherren sowie den "Gemeinen Rat" als Vertretung des Patriziats. Beide Gremien verschmolzen im 15. Jahrhundert zur Ersten Ordnung, während die Schöffen als Zweite Ordnung hinzukamen. Das städtische Leben wurde durch ein Gesetzbuch, die "Willkür", geregelt. Die Altstadt besaß einen eigenen Rat. Durch die "Statuta Sigismundi" wurde 1526 eine 100 Mitglieder umfassende, in vier Quartiere unterteilte Dritte Ordnung als Vertretung des Volks eingeführt. Gegen Versuche des Königs, im Zuge der Landesreform von 1569 (Inkorporation des Königlichen Preußens) mehr Einfluss auf die Stadtverwaltung zu gewinnen (1570 Statuta Karnkoviana), leistete Danzig erfolgreich Widerstand.

Nach 1454 bezeichnete sich Danzig als "Republik". Es besaß das Recht, einen Vertreter zu den polnischen Wahlreichstagen zu schicken, und engagierte sich im preußischen Landtag. Die Krone war in Danzig mit einem Burggrafen vertreten. Die Stadt hatte eigene Vertreter in mehreren Staaten und unterhielt eine eigene Garnison. Die Rechtsprechung fiel größtenteils in den Aufgabenbereich des Schöffengerichts.

Zu Beginn der preußischen Zeit unterstand der Danziger Magistrat der Kriegs- und Domänenkammer in Marienwerder; in der Freien Stadt Danzig (1807–1814) wurden die drei Ordnungen wieder eingesetzt. 1815 wurde die Stadt Hauptstadt eines Regierungsbezirks und der Provinz Westpreußen (1823 mit Ostpreußen zusammengelegt, seit 1878 wieder eigenständig). Der Magistrat wurde von einer Stadtverordnetenversammlung kontrolliert (seit 1853 nach dem allgemeinen Dreiklassenwahlrecht gewählt).

Die Freie Stadt Danzig (1920–1939) wurde von einem Senat regiert, dem ein vom Parlament "Volkstag" gewählter Präsident vorstand; die Funktion des Staatsoberhauptes nahm der Völkerbund durch einen Hochkommissar wahr. Teile der Verwaltung waren an Polen abgegeben (Eisenbahn) oder internationalisiert worden (Hafen); Danzig wurde Teil des polnischen Zollgebiets, besaß aber seit 1923 eine eigene Währung (Gulden). Nach Auflösung der Freien Stadt erhielt Danzig 1939 wieder eine kommunale Selbstverwaltung.

1945 wurde Danzig Hauptstadt der Woiwodschaft Danzig; gleich nach der Eroberung begann der Aufbau einer neuen polnischen Verwaltung. Erste (gelenkte) Wahlen zum Stadtparlament ("Städtischer Nationalrat") fanden 1954 statt. Seit 1973 gab es wieder Oberbürgermeister ("Stadtpräsidenten"), doch erst ab 1990 konnten sie frei gewählt werden. 1999 wurde Danzig nach der Gebietsreform Hauptstadt der Woiwodschaft Pomorze.

Bevölkerung

Danzig hatte zu Zeiten des Herzogtums Pommerellen 3.000 bis 4.000, zeitweilig vielleicht bis zu 10.000 Einwohner und wurde vermutlich meist von slawischen Fischern und Handwerkern bewohnt. Seit den 1220er Jahren sind deutsche Siedler nachzuweisen. Nach der Zerstörung von 1308 wurde die Stadt v. a. von Zuwanderern aus deutschsprachigen Gebieten neu besiedelt. Um 1430 betrug die Einwohnerzahl ca. 20.000; ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte sie mit ca. 70.000 in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Bürgertum sprach durchweg Deutsch (bzw. Niederdeutsch); Zuwanderer etwa aus Schottland, den Niederlanden, England und Polen assimilierten sich rasch. Durch den großen Handelsverkehr kamen zahlreiche Ausländer - nicht nur Polen - nach Danzig. Für polnischsprachige Einwohner und Gäste gab es polnische Gottesdienste; viele Bürgersöhne lernten Polnisch, um sich auf ihr Erwerbsleben vorzubereiten. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts stagnierte die Bevölkerungszahl; am Ende des 18. Jahrhunderts ging sie bis auf 35.000 zurück. Erst um 1860 war die Zahl von 70.000 Einwohnern wieder erreicht; 1915 war sie (auch durch Eingemeindungen) auf 192.000 angewachsen (1939: 250.000). Die polnische Minderheit organisierte sich seit den 1870er Jahren, blieb aber sehr klein (wenige Prozent). Deutsch war weiterhin durchweg Umgangssprache, mit einem rückläufigen Anteil von Niederdeutsch und steigender Bedeutung der Stadtsprache "Missingsch". In der Freien Stadt war Deutsch die Amtssprache; für die polnische Sprache galten Sonderregelungen. So durften polnische Danziger ihre Kinder auf staatliche Schulen mit polnischer Unterrichtssprache schicken, außerdem gab es polnische Privatschulen. Der Anteil der Danziger Staatsbürger polnischer Nationalität betrug ca. 3,5%, außerdem lebten in Danzig zahlreiche Polen ohne Danziger Pass. Die Polen waren im Volkstag stets mit eigenen Abgeordneten vertreten.

1945–1948 wurden fast alle Deutschen, die nicht vor Ende der Kampfhandlungen geflohen waren, zur Übersiedlung nach Deutschland gezwungen; die Vertriebenen organisierten sich in verschiedenen Verbänden und Vereinen. Bis 1948 waren bereits 150.000 Polen nach Danzig zugewandert, die meisten aus Zentralpolen und 15–18% aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Der Prozess der Aneignung der fremden Stadt dauerte Jahrzehnte. Derweil wuchs die Stadt weiter und erreichte um 2000 eine Einwohnerzahl von ca. 460.000. Ethnisch ist die Bevölkerung sehr homogen; die deutsche Minderheit zählt wenige hundert Mitglieder. Einige Bedeutung besitzen die Kaschuben.

Wirtschaft

In prähistorischer Zeit war Danzig ein Zentrum der Bernsteinverarbeitung; ein wichtiger Handelsweg führte von der Weichselmündung nach Süden (Bernsteinstraße). Der Fluss war eine der wichtigsten Kommunikationsarterien des mittelalterlichen Ostmitteleuropa, hier wurden Getreide, Holz und Holzprodukte flussabwärts transportiert, während stromaufwärts Fisch und Salz, bald auch Luxuswaren gehandelt wurden. Der Danziger Hafen gewann zu Beginn des 13. Jahrhunderts an Bedeutung. Alsbald etablierte sich die Stadt auch als Zentrum der handwerklichen Produktion. Seit 1260 fand alljährlich ein großer Jahrmarkt (Dominik) statt.

In der Ordenszeit blühten Handel und Handwerk weiter auf, u. a. wegen der großen Nachfrage nach Holz und Getreide in Westeuropa. Als Importwaren wurden Tuche und Heringe immer wichtiger. Weithin bekannt war Danzig für sein Bier und seine Holzverarbeitung. 1450 segelten ca. 600 Schiffe unter Danziger Flagge. Die Getreideausfuhr erreichte Mitte des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Den Transport übernahmen jetzt größtenteils niederländische Schiffe. Aufgrund des Stapelrechts schöpften Danziger Kaufleute auch dann Gewinne ab, wenn sie am Weiterverkauf nicht direkt beteiligt waren. Für Polen war Danzig von gewaltiger wirtschaftlicher Bedeutung; um 1600 liefen 3/4 des polnischen Außenhandels über die Stadt. Beim produzierenden Gewerbe gewann die Tuchmacherei zeitweise große Bedeutung; auch Gold- und Kunstschmiede, Bernsteindreher und Möbeltischler hatten viel Erfolg. Ab dem Zweiten Nordischen Krieg gingen der Warenumschlag und damit der Wohlstand stark zurück, um am Ende des 18. Jahrhunderts ganz einzubrechen. Die preußische Zeit bedeutete einen langsamen Aufschwung, wobei der Handel im 19. Jahrhundert an Bedeutung verlor, während Industrie, Dienstleistungen und Verwaltung wichtiger wurden. Zur Verbesserung der Verlademöglichkeiten wurde der Hafen ausgebaut und zunehmend nach Neufahrwasser direkt an der Weichselmündung verlegt. Zwischen 1871 und 1913 wuchs der Warenumschlag stark, Danzig war vor dem Ersten Weltkrieg fünftgrößter Ostseehafen. Seit 1852 bestand Anschluss an die preußische Ostbahn. Größte Industriebetriebe waren die Werften (1850 Gründung der Königlichen, später Kaiserlichen Werft, 1889 der Schichau-Werft); forcierte Industrialisierungsbemühungen hatten am Ende des 19. Jahrhunderts nur wenig Erfolg.

Die Freie Stadt (1920–1939) litt unter dem politischen Antagonismus zu Polen, dem verringerten Absatzmarkt und unter dem Bau des nahen polnischen Hafens Gdingen/Gdynia; dennoch fanden Teile der Industrie neue Absatzmärkte in Polen. Bis 1923 florierte das Bankenwesen; die Hyperinflation wurde mit Einführung des Guldens im September 1923 beendet. Die Haushaltsfinanzierung gelang nur durch erhebliche Staatsverschuldung. 1933 betrug die Erwerbslosenquote über 20%. Durch Beschäftigungsprogramme konnte die NSDAP diese Quote verringern, die Überschuldung zwang 1935 jedoch zu einer Abwertung des Guldens um 42%. Im Zweiten Weltkrieg stellten die Werften auf Rüstungsproduktion um.

Nach dem Krieg wurde Danzig als Industriestandort entwickelt (Werften, Zulieferindustrie); auch der Hafen wurde konsequent ausgebaut, so seit den 1970er Jahren durch den Nordhafen direkt an der Danziger Bucht. Gleichzeitig entwickelte sich die Stadt zu einem Verwaltungs- und Bildungszentrum. Nach 1990 behielt der Hafen seine Bedeutung, die Rolle der Industrie (auch der Werften) ging zurück, während der Dienstleistungssektor stark wuchs. Die verbesserte Verkehrsanbindung (Flughafen, Autobahn) gab neue wirtschaftliche Impulse. Der Fremdenverkehr wurde zur wichtigen Einnahmequelle. Nach dem EU-Beitritt Polens sank die Arbeitslosenrate stark; die Mittel aus den EU-Strukturfonds erlaubten zahlreiche Infrastrukturinvestitionen.

Gesellschaft

Tonangebend waren in Danzig seit dem 14. Jahrhundert die Kaufleute. Mehrfach bildeten sich über viele Jahrzehnte stabile Konstellationen von Ratsgeschlechtern, die die wichtigsten Positionen unter sich aufteilten und sich langsam aus dem wirtschaftlichen Alltagsgeschäft zurückzogen. Vielfach kam es zu sozialen Spannungen, meist weil Handwerker oder Kaufleute dem Rat Selbstherrlichkeit und Misswirtschaft vorwarfen. Schon 1456 scheiterte ein vom Kaufmann Martin Kogge angeführter Aufstand, in den 1520er Jahren kam es zu neuen Auseinandersetzungen. Auslöser waren damals wie auch 1673–1675 konfessionelle Fragen; bei anderen Unruhen (um 1650, 1677, 1748–1752) ging es um Forderungen nach größerer politischer Mitwirkung.

Im 19. Jahrhundert änderte sich durch die Zuwanderung aus der näheren Umgebung die Sozialstruktur rasch. Die Zahl der Arbeiter stieg, es kam zu Arbeitskämpfen; auch in der Zwischenkriegszeit blieb ein latenter Konflikt zwischen Arbeitern und Bürgertum bestehen. Nach 1945 wurde Danzig als Arbeiterstadt neu gegründet; ein Bürgertum entwickelte sich nur langsam, die Bildungsschichten blieben schmal und wenig vernetzt.

Religions- und Kirchengeschichte

Danzig wurde 997 vorübergehend christianisiert; eine nachhaltige Christianisierung setzte aber erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts ein, als Herzog Bolesław III. Krzywousty (Schiefmund) es dem Bistum Leslau/Włocławek unterstellte. Um 1178 wurde das Zisterzienserkloster Oliva/Oliwa gegründet. Die Stadt entwickelte sich zu einem religiösen Zentrum mit zahlreichen Kirchen und Klöstern. Die Reformation hielt um 1520 Einzug in die Stadt (1557 königliches Recht auf freie Religionsausübung). 1650 gehörten ca. 87% der Einwohner dem lutherischen Bekenntnis an, 6% waren Calvinisten und 7% Katholiken. Seit 1612 durften nur Lutheraner öffentliche Ämter bekleiden. Die Zahl der Katholiken wuchs unaufhörlich - um 1800 waren es bereits ca. 20%, 1910 33%. 1925 wurde für die Freie Stadt das Bistum Oliva gegründet. Juden hatten in Danzig lange kein Wohnrecht, hielten sich aber vielfach in den nicht zur Stadt gehörenden Vorstädten auf; Mennoniten durften sich nach Zahlung eines Schutzgeldes in Danzig niederlassen. Im 19. Jahrhundert entfielen diese Beschränkungen. 1910 waren 1,4% der Einwohner mosaischen Glaubens. Ab 1933 wurden die Juden diskriminiert, 1939/40 organisierte die jüdische Gemeinde die kollektive Auswanderung von ca. 90% der Danziger Juden. Nach 1945 war die neue Danziger Bevölkerung weitgehend katholisch, keine Kirche blieb in evangelischer Hand. Daneben etablierten sich Gemeinden der orthodoxen und der katholisch-orthodoxen (unierten) Kirche, 1990 wurde in Oliva eine Moschee eröffnet und nach jahrzehntelanger Pause wurde auch die jüdische Gemeinde reaktiviert.

Besondere kulturelle Institutionen

Bücher wurden in Danzig in verschiedenen Bibliotheken gesammelt, u. a. seit 1596 in der Ratsbibliothek, aus der später die Stadtbibliothek hervorging, deren Bestände 1945 größtenteils erhalten blieben (heute: Danziger Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften). Das Staatsarchiv hingegen erlitt größere Verluste. 1870 wurde im ehemaligen Franziskanerkloster ein Stadtmuseum eröffnet (heute Nationalmuseum). Das Staatliche Landesmuseum für Danziger Geschichte in Oliva wurde 1945 zerstört. Heute bestehen u. a. ein Historisches Museum der Stadt sowie ein Zentrales Meeresmuseum; im Bau sind ein Museum des Zweiten Weltkriegs sowie das Internationale Solidarność-Zentrum.

Das Theater nahm im 18. Jahrhundert durch fahrende Truppen einen Aufschwung, 1801 wurde das Stadttheater eröffnet, das mehr als ein Jahrhundert lang kulturelles Zentrum sein sollte. Es wurde 1935 zum Staatstheater ausgebaut. In der Volksrepublik Polen erhielt Danzig ein Theater (Neubau 1967), eine Oper, eine Kunst- sowie eine Musikhochschule; seit 2011 wird an einem Shakespeare-Theater gebaut.

Bildung und Wissenschaft

Schulen sind in Danzig seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar, 1558 wurde das Gymnasium gegründet (seit 1643 "Akademisches Gymnasium"). 1621 entstand in Alt Schottland außerhalb der Stadt ein Jesuitenkolleg. Danziger Bürgersöhne besuchten im Mittelalter bevorzugt die Universitäten von Erfurt, Wien, Krakau/Kraków und Leipzig, nach der Reformation zogen sie meist nach Wittenberg, Heidelberg und Königsberg/Kaliningrad. 1734 entstand die Naturforschende Gesellschaft. Von den Danziger Historikern der Frühen Neuzeit sind Caspar Schütz oder Joachim Pastorius zu nennen, außerdem der auch als Jurist profilierte Gottfried Lengnich. International bekannt wurde der Astronom Johannes Hevelius.

Im 19. Jahrhundert trat neben das Städtische Gymnasium ein Königliches Gymnasium. Um die Regionalhistoriographie machte sich seit 1879 der Westpreußische Geschichtsverein verdient; Theodor Hirsch und Paul Simson waren die wichtigsten lokalen Historiker. 1904 eröffnete Wilhelm II. die Technische Hochschule, die in der Freien Stadt um eine Geisteswissenschaftliche Abteilung erweitert wurde; sie wurde 1945 als "Politechnika" reaktiviert. Die 1946 gegründete Pädagogische Hochschule wurde 1970 zur Universität erweitert. Außerdem entstanden Hochschulen für Musik, Kunst und Sport sowie in den 1990er Jahren private Hochschulen.

Alltagskultur

Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts herrschte Wohnbebauung aus Holz oder Fachwerk vor, danach wurde vornehmlich aus Backsteinen gebaut. Da größere Teile der Stadt auf feuchtem Grund entstanden, konnten keine tiefen Keller angelegt werden; zu den deshalb höher gelegen Erdgeschossen führten Treppen und kleine Terrassen, aus denen sich in der Frühen Neuzeit die kunstvoll verzierten, für Danzig typischen Beischläge entwickelten. Das bürgerliche Leben wurde in der Frühen Neuzeit durch Luxusordnungen immer stärker eingeschränkt, etwa was die Form und Größe von Familienfeiern oder die einzelnen Berufsgruppen zustehende Kleidung anbetraf (Sozialdisziplinierung). Das gesellige Leben des gehobenen Bürgertums konzentrierte sich in den Bankenbrüderschaften, die sich im Artushof trafen (bis 1742), daneben waren die Zünfte von großer Bedeutung. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich ein differenziertes Vereinswesen. Die ärmeren Bevölkerungsschichten lebten in teils engen, dunklen Wohnungen, hatten nur eingeschränkt Zugang zu frischem Wasser; vielfach wurden die Abfälle direkt auf den Gassen entsorgt. Da im 19. Jahrhundert mehrfach schwere Choleraepidemien die Stadt heimsuchten, wurde in den 1870er Jahren eine moderne Kanalisation (die erste auf dem europäischen Festland) und Trinkwasserzufuhr gebaut.

Kunstgeschichte und Architektur

Danzig war in Mittelalter und Früher Neuzeit von größter Bedeutung für die Entwicklung von Kunst und Architektur in Nordost- und Ostmitteleuropa, insbesondere aufgrund seiner vermittelnden Funktion zwischen Ost und West. Es inszenierte sich als Zentrum repräsentativer bürgerlicher Bautätigkeit, etwa mit der 1343 begonnenen Marienkirche. Der Backsteingotik sind auch die meisten anderen Kirchen in den historischen Stadtteilen zuzurechnen - St. Johannis, die altstädtische Pfarrkirche St. Katharinen oder die Klosterkirchen St. Nikolai und St. Brigitten, deren Bau größtenteils bis ca. 1500 beendet war. Die Kunstwerke im Kircheninneren stammen neben der Gotik vielfach aus Renaissance und Barock. Das im 15. Jahrhundert gekaperte Altarbild von Hans Memling Das Jüngste Gericht wurde jahrhundertelang in St. Marien ausgestellt; heute ist es im Nationalmuseum zu besichtigen.

Bedeutendstes weltliches Bauwerk war das ab 1379 errichtete Rechtstädtische Rathaus; in direkter Nachbarschaft befand sich mit dem Artushof der größte bürgerliche Versammlungsort der Stadt. Seit 1343 wurde an einer Stadtmauer mit zahlreichen Wehrtürmen und Toren gebaut, darunter das am Mottlauhafen gelegene Krantor.

Zur künstlerischen Blüte gelangte Danzig am Ende des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Unter Einfluss der Renaissance, niederländischer und italienischer Vorbilder wurde der Hauptstraßenzug - Langgasse und Langer Markt - umgestaltet: Rathaus und Artushof erhielten teils neue Fassaden, mit Grünem, Langgässer und Hohem Tor entstanden drei prächtige neue Eingangstore, zahlreiche Bürgerhäuser wurden im neuen Stil gebaut. Die Sommerratsstube des Rathauses wurde kostbar ausgestattet, mit einem zentralen Deckengemälde von Isaak van den Blocke (Apotheose des Danziger Handels). Viele Künstler und Baumeister stammten von auswärts, etwa aus den Niederlanden, blieben aber teils ein Leben lang in Danzig, darunter der Maler Anton Möller. Einziges bedeutendes Barockbauwerk ist die Königliche Kapelle.

Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche alte Gebäude abgerissen (mehrere Stadttore, fast alle Beischläge und Vorbauten, Klöster); die vielen neuen Verwaltungsgebäude entstanden meist im Stil der Neugotik bzw. der Neorenaissance. Das altertümliche Danzig wurde u.a. von Johann Carl Schultz auf Kupferstichen festgehalten. In der Freien Stadt entstanden nur wenige bedeutende Gebäude; die NS-Neuplanung der Stadt wurde nur ansatzweise verwirklicht.

Nach der Zerstörung der historischen Innenstadt 1945 begann 1948 die beispiellose Rekonstruktion der Rechtstadt in idealisierten frühneuzeitlichen Formen; die Altstadt wurde vereinfacht wiederaufgebaut. Moderne Architektur entstand am Rande der historischen Innenstadt sowie in den Außenbezirken. In den 1980er und 1990er Jahren lieferte die künstlerische und intellektuelle Auseinandersetzung mit dem deutschen Kulturerbe viele Impulse.

Musik und Theater

In der Frühen Neuzeit waren die Kirchen Zentren der bürgerlichen Musikkultur, vor allem die Kapelle an St. Marien spielte auf hohem Niveau. Von deren Kapellmeistern machten sich etwa Andreas Hakenberger oder Johann B. Chr. Freißlich einen guten Namen. Das Musikleben des 19. Jahrhunderts stützte sich auf verschiedene Orchester, auch auf Militärkapellen; zahlreiche reisende Virtuosen besuchten die Stadt. Führender Komponist der Zeit war Friedrich Wilhelm Markull. Nach 1945 entwickelte sich eine breite Musiklandschaft, zu der eine zeitweise sehr vitale Jazzszene gehörte.

Buch- und Druckgeschichte

Erstmals gedruckt wurde in Danzig 1498, später entstanden mehrere Druckereien, u. a. die Ratsdruckerei. Seit 1618 gab es in Danzig gedruckte Zeitungen, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen zahlreiche moralische Wochenschriften; auch die Flugblattproduktion war zeitweise sehr umfangreich. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein modernes Pressewesen, wichtig waren die liberale "Danziger Zeitung" (ab 1858) und die nationalliberalen "Danziger Neuesten Nachrichten" (ab 1894). Die Danziger Verlage hatten keine überregionale Bedeutung. Nach 1945 etablierte sich der "Dziennik Bałtyki" als führende Tageszeitung; an Verlagen machte neben dem Wydawnictwo Morskie seit den 1990er Jahren der Verlag słowo/obraz terytoria landesweit von sich reden.

Literatur

Danzig war nie Zentrum des literarischen Schaffens gewesen, konnte aber in der Barockzeit einige bedeutende Dichter für einige Zeit an sich binden, etwa Martin Opitz, der hier seine letzten Lebensjahre verbrachte. Viele Literaten arbeiteten als Lehrer am Akademischen Gymnasium. Im 19. Jahrhundert hatten Autoren in den lokalen Zeitungen Veröffentlichungsmöglichkeiten, was etwa Wilhelm Schumacher oder Walter Domansky nutzten. Bekanntester Danziger Dichter war der südlich von Danzig geborene Dramatiker Max Halbe,der jedoch nie länger in der Stadt lebte. In der Zwischenkriegszeit traten einige begabte Dichter hervor (z. B. Willibald Omankowski); auch Stanisław Przybyszewski arbeitete hier einige Jahre. Die von Carl Lange gegründeten "Ostdeutschen Monatshefte" entwickelten sich zur angesehenen Kulturzeitschrift.

Literarische Bedeutung erlangte Danzig erst mit Günter Grass (1999 Literaturnobelpreis), dessen Danzig-Roman Die Blechtrommel 1959 für Furore sorgte. Seine Rezeption in Danzig war in den 1980er Jahren mitentscheidend für die Entdeckung der fremden, deutschen Vergangenheit durch die jüngere Generation; mit Paweł Huelle und Stefan Chwin knüpften zwei landesweit bekannt gewordene polnische Schriftsteller an Grass an.

Militärgeschichte

In republikanischer Zeit besaß Danzig eine eigene Garnison, die in Kriegszeiten aufgestockt wurde; außerdem gab es eine Bürgerwehr. Im 19. Jahrhundert wurde es zur preußischen Garnisonsstadt und beherbergte zahlreiche Regimenter; zeitweise war die preußische Marine hier stationiert. 1891 wurde Danzig Sitz des XVII. Armeekorps und erhielt eine Kriegsschule. In der Zwischenkriegszeit war Danzig entmilitarisiert; Polen konnte 1925 auf der Halbinsel Westerplatte ein Munitionsdurchgangslager errichten.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

 

In der Frühen Neuzeit wurden die runden Jahrestage des Übergangs an Polen feierlich begangen, später, bis ins 20. Jahrhundert, der Übergang an Preußen von 1793. Die lokale Gesellschaft erinnerte sich außerdem an Belagerungen oder an bedeutende Mitbürger. Die moderne Stadthistoriographie setzte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein; bald darauf entstand in den Zeitungen ein Forum für populäre Stadtgeschichte. Die Freie Stadt Danzig war sehr bemüht, sich in die Kontinuität der Glanzzeiten der Stadt zu stellen. Nach 1945 betonten die neuen Machthaber vor allem die polnischen Kontexte der Stadt; erst in den 1980er Jahren begann eine Neuentdeckung ihrer verdrängten deutschen Vergangenheit. Denkmäler erinnern heute an wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte (Westerplatte, Polnische Post, Arbeiterproteste von 1970 usw.).

4. Diskurse/Kontroversen

Zahlreiche Aspekte der Danziger Geschichte waren in der Vergangenheit zwischen der deutschen und der polnischen Historiographie (und Politik) umstritten. Dazu zählte etwa die Eroberung Danzigs durch den Deutschen Orden 1308. Während deutsche Historiker meinten, dabei seien nur wenige Ritter ums Leben gekommen, vertraten polnische Historiker die Auffassung, Tausende von Einwohnern seien ermordet und die Stadt zerstört worden. Archäologie und Mediävistik haben jüngst die "polnische" Meinung mit stichhaltigen Argumenten unterstützt.[1]

Uneins war sich die Geschichtsschreibung auch über das staatsrechtliche Verhältnis Danzigs zu Polen. Während die deutsche Seite bestrebt war, die Stadt als möglichst autonom darzustellen, hob die polnische Seite die engen Beziehungen zur Krone hervor. Neue Forschungen belegen die pragmatische, der jeweiligen Situation angepasste Politik der Stadt.

Die Zerstörung von 1945 wurde in der Volksrepublik Polen lange den Deutschen angelastet; nach 1989 wurde die Schuld der Roten Armee gegeben. Mittlerweile stellt sich heraus, dass verschiedene Faktoren ausschlaggebend waren - mutwillige Vernichtung durch die Rotarmisten ebenso wie um sich greifende Brände in der verlassenen Stadt.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Jan Baszanowski: Przemiany demograficzne w Gdańsku w latach 1601–1846 [Demographischer Wandel in Danzig zwischen 1601 und 1846]. Gdańsk 1995.
  • Maria Bogucka: Das alte Danzig. Alltagsleben vom 15. bis 17. Jahrhundert. Aus dem Polnischen von Eduard Merian. München 1987.
  • Edmund Cieślak (Hg.): Historia Gdańska [Geschichte Danzigs]. 5 Bde. Gdańsk, Sopot 1978–[1999].
  • Jacek Friedrich: Neue Stadt in altem Gewand. Der Wiederaufbau Danzigs 1945–1960. Aus dem Polnischen von Heidemarie Petersen. Köln u. a. 2010 (Visuelle Geschichtskultur 4).
  • Gottfried Lengnich: Ius publicum civitatis Gedanensis, oder: Der Stadt Danzig Verfassung und Rechte. Nach der Originalhandschrift des Danziger Stadtarchivs. Hg. von Otto Günther. Danzig 1900 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreussens).
  • Peter Oliver Loew: Danzig und seine Vergangenheit, 1793–1997. Die Geschichte einer Stadt zwischen Deutschland und Polen. Osnabrück 2003 (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau 9).
  • Peter Oliver Loew: Das literarische Danzig, 1793 bis 1945. Bausteine für eine lokale Kulturgeschichte. Frankfurt/M. u. a. 2009 (Danziger Beiträge zur Germanistik 25).
  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. München 2011.
  • Henryk Paner (Hg.): Gdańsk średniowieczny w świetle najnowszych badań archeologicznych i historycznych [Das mittelalterliche Danzig im Licht der neuesten archäologischen und historischen Forschungen]. Gdańsk 1998.
  • Paul Simson: Geschichte der Stadt Danzig. 3 Bde. Danzig 1913–1918.
  • Jarosław Załęcki: Przestrzeń społeczna Gdańska w świadomości jego mieszkańców. Studium socjologiczne [Der soziale Raum Danzigs im Bewusstsein seiner Einwohner. Soziologische Studie]. Gdańsk 2003.

Weblink

Anmerkungen

[1] Błażej Śliwiński: Rzeź i zniszczenie Gdańska przez Krzyżaków w 1308 roku [Das Gemetzel und die Zerstörung Danzigs durch den Deutschen Orden 1308]. Gdańsk 2006.

Zitation

Peter Oliver Loew: Danzig/Gdańsk. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54199.html (Stand 05.11.2015).

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