OME-Lexikon

Thorn/Toruń

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Thorn

Amtliche Bezeichnung

pol. Toruń

Lateinische Bezeichnung

lat. Thorunia, Torunium

Etymologie

Nach Erkenntnis einiger Sprachforscher und Historiker leitet sich der Name Toruń vom altslawischen Wort tor (= ein gebahnter Weg, also etwa "Siedlung am Wege") ab.[1]

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Blick auf die mittelalterliche Altstadt von Thorn/Toruń vom gegenüberliegenden Weichselufer.
[CC BY-SA 3.0/ T. Weger]

2. Geographie

Lage

53° 1′ nördlicher Breite, 18° 36′ östlicher Länge.

Topographie

Thorn liegt unterhalb der Mündung der Drewenz/Drwęca in die Weichsel/Wisła an der Weichsel im Osten der Bromberger-Thorner Niederung.

Region

Westpreußen. Die Stadt liegt am Berührungspunkt der historischen Landschaften Kujawien, Kulmer und Dobriner Land. Der Teil am rechten Weichselufer liegt im Kulmer Land, der Teil am linken Flussufer in Kujawien.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Republik Polen. Thorn ist kreisfreie Stadt in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern, Sitz des Woiwodschaftsmarschalls, seiner Regierung und des Woiwodschaftsparlaments. Seit 1992 ist Thorn Sitz des Bistums Toruń (Diecezja Toruńska).

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Bis zur Vereinigung von Alt- und Neustadt besaßen die Städte unterschiedliche Wappen. Auf dem neuen Wappen ist vor silbernem Hintergrund eine rote Stadtmauer mit drei Türmen abgebildet, im mittleren Turm befindet sich ein halb geöffnetes Tor. Das Wappen wird von einem blau gewandeten, knienden Engel gehalten, der in der rechten Hand einen Schlüssel hält. Die Engelsgestalt erschien erstmals auf dem Stadtsiegel von 1470. In der Zeit der Volksrepublik wurde der Engel aus dem Wappen entfernt; seit 1991 wird das Wappen in seiner ursprünglichen Form verwendet. Die Thorner Fahne zeigt zwei Streifen – weiß und blau, in der Mitte befindet sich das Stadtwappen.

Archäologische Bedeutung

Erste Besiedlungsspuren stammen aus der Steinzeit; Ausgrabungen bestätigen die Existenz einer Siedlung zwischen 1000 und 1500 v. Chr.

Mittelalter

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Der Dankser (Abortturm) an der Ruine der
Deutschordensburg in Thorn/Toruń.
[CC BY-SA 3.0/ T. Weger]

Im 8. Jahrhundert entstand auf dem Gebiet des späteren Ordensschlosses eine Siedlung, die im 10. Jahrhundert zur Kontrolle des Verkehrs auf der Weichsel und zum Schutz des Flussübergangs diente.[2] Die Burg wurde an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert zerstört, wahrscheinlich infolge eines Prußenüberfalls.[3] 1231 errichtete der Deutsche Orden am rechten Weichselufer in der Gegend des Dorfes Alt-Thorn (Stary Toruń) eine Befestigung. Die entstandene Siedlung erhielt 1233 mit der Kulmer Handfeste Stadtrechte. Aufgrund häufiger Weichselüberschwemmungen sowie der endgültigen Regelung der Eigentumsverhältnisse im Kulmer Land zwischen Konrad von Masowien und dem Deutschen Orden kam es 1236 zur Verschiebung Thorns flussaufwärts an seine heutige Lage.[4] 1251 wurde unter Berücksichtigung der Stadtverschiebung die Lokationsurkunde erneuert. Kurz danach begann an der Stelle der alten Burg der Bau eines Ordensschlosses. Die rasche Stadtentwicklung und die damit verbundene Nachfrage nach Handwerkserzeugnissen führten 1264 zur Gründung der Thorner Neustadt.

Die Krise des Ordensstaates und die damit einhergehende Hemmung der Wirtschaft führten im 15. Jahrhundert zu einer wachsenden Unzufriedenheit der Stadtbürger. 1440 wurde in Marienwerder/Kwidzyn der Preußische Bund gegründet, dem Thorn angehörte; 1454 kam es in Thorn zu einem bewaffneten Aufstand gegen den Deutschen Orden, der den Niedergang seiner Herrschaft in diesem Gebiet einläutete. Die Thorner Bürger eroberten das Ordensschloss und trugen es ab. Am 8. März 1454 wurden Neustadt und Altstadt zu einem Verwaltungsgebiet vereint; später gliederte man auch das Gebiet des abgerissenen Ordensschlosses ein. Der Aufstand der preußischen Stände und die am 6. März 1454 vom polnischen König Kazimierz Jagiellończyk vollzogene Inkorporation des Ordensstaates in das Polnische Reich markierten den Anfang des Dreizehnjährigen Krieges. Infolge des Zweiten Thorner Friedens (1466) fiel Thorn als königliche Stadt an das Königreich Polen

Neuzeit

Die schwedischen Kriege des 17. Jahrhunderts sowie der Nordische Krieg brachten der Stadt große Zerstörungen. Die Folgen der Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts sowie einer Pestepidemie von 1708 bis 1710 ließen die Stadt verarmen.

1724 kam es zum "Thorner Tumult". Der darauf folgende Prozess ("Thorner Blutgericht") führte u. a. zur Hinrichtung des evangelischen Bürgermeisters Johann Gottfried Rösner (Amtszeit 1703–1724) und neun weiterer Bürger. Die Protestanten sollten ihre Kirchen den Katholiken übergeben, der Stadtrat sollte künftig zur Hälfte aus Katholiken und Protestanten bestehen. Das scharfe Urteil und v. a. die Hinrichtung des Bürgermeisters fanden ein breites Echo in ganz Europa.

Nach der Ersten Teilung Polens 1772 blieb Thorn innerhalb des polnischen Staates; allerdings wurde es von seinen "Gewerbegebieten" abgeschnitten. Im Zuge der preußischen Blockade wurden alle Straßen, die von Thorn nach Danzig/Gdańsk und Polen führten, abgeriegelt. Bei der Zweiten Teilung Polens 1793 fiel Thorn an Preußen.  Am 5. Dezember 1806 wurde Thorn von französischen Truppen besetzt und später an das Herzogtum Warschau angegliedert. Infolge der Bestimmungen des Wiener Kongresses fiel Thorn erneut an Preußen.

20. Jahrhundert

Infolge des Versailler Friedensvertrages wurde Thorn dem polnischen Staat angegliedert und kam am 18. Januar 1920 offiziell unter polnische Verwaltung. Thorn wurde Hauptstadt der Woiwodschaft Pommerellen (Województwo Pomorskie). Die Stadt und ihre Straßen wurden modernisiert, neue Stadtteile wurden angegliedert (u. a. 1936–1938 Amberg/Podgórz, Stewken/Stawki und Rodeck/Rudak am linken Weichselufer). Am 7. September 1939 wurde Thorn von deutschen Truppen besetzt. Im Herbst 1939 wurden die Thorner Juden nach Großpolen und Lodz/Łódź abtransportiert, gleichzeitig begannen die Aussiedlungen und Verhaftungen polnischer Einwohner (ein Teil der Verhafteten wurde im Wald von Barbarken/Barbarka ermordet). In der Stadt wurden sog. Umsiedler aus dem Baltikum, Bessarabien, Danzig/Gdańsk und anderen Gebieten einquartiert. Die Einführung der Deutschen Volksliste (DVL) bedeutete einen statistischen Anstieg der Zahl deutscher Einwohner – nach deutschen Angaben hatte die Stadt im Oktober 1944 ca. 67.000 deutsche Einwohner (darunter ca. 44.246 Polen, die als III. und IV. Gruppe auf der DVL eingetragen waren).[5]

Am 14. Januar 1945 begann die Winteroffensive der Roten Armee, die am 1. Februar in Thorn einmarschierte. Nach der "Befreiung" der Stadt belegten die polnische Verwaltung und die russischen Militärorgane diejenigen Bevölkerungsteile mit Sanktionen, die während des Krieges zur deutschen Nationalität gerechnet wurden: In den Arbeitslagern Fort XV in Stewken/Stawki und in Rodeck/Rudak (später auch in Potulice) wurden sog. Reichsdeutsche, Volksdeutsche und zuerst auch Personen der I. und II. Gruppe der DVL interniert. Personen deutscher Nationalität wurden in westliche Besatzungszonen ausgesiedelt. Unter den in den Gruppen II., III. und IV. der DVL eingetragen Einwohnern wurde eine "Rehabilitierungsprozedur" durchgeführt; in der Stadt wurden Personen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten angesiedelt.

Nach dem Krieg verlor Thorn seine Funktion als Verwaltungszentrum, wurde jedoch nach der Verwaltungsreform 1975 erneut Woiwodschaftshauptstadt. 1999 entstand infolge einer Verwaltungsreform die Woiwodschaft Kujawien-Pommern mit der Hauptstadt Bromberg/Bydgoszcz.

Bevölkerung

Die bedeutende Rolle Thorns für den mittelalterlichen Handel führte zur Ansiedlung von Kaufleuten aus Schlesien, den Lausitzen, Großpolen und Kujawien. Die Präsenz von Siedlern aus dem Rheinland ist erstmals 1262 mit einem aus Köln stammenden Thorner Ratsherrn belegt. An der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert kamen auch Siedler aus Westfalen nach Thorn.

Bevölkerungsentwicklung[6]

Jahr 1454 um 1550 1793 1920 1939 1946 1991
Einwohner ca.10.850 ca. 12.000 ca. 6.000 37.356 78.769 ca. 68.000 202.360

Da sich die Bestimmung der nationalen Abstammung für die Thorner Bevölkerung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit schwierig gestaltet, weisen ältere Schätzungen von Historikern große Differenzen auf; oft wurden die Ergebnisse durch die Nationalität und die politischen Ansichten der Wissenschaftler beeinflusst. Neue Untersuchungsergebnisse von Krzysztof Mikulski beziffern den Anteil der polnischstämmigen Bevölkerung für das Jahr 1394 in der Alten Stadt auf ca. 6,5 % und in der Vorstadt auf ca. 20 %.[7]

Der starke Rückgang der Einwohnerzahl in der Zeit des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ist auf Kriege, eine Pestepidemie (Schätzungen sprechen von 4.000-5.000 Epidemieopfern) sowie auf die ungünstige Lage Thorns in den Jahren zwischen 1772 und 1793, als es vom Hinterland abgeschnitten war, zurückzuführen.[8]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts vergrößerte sich aufgrund der Ansiedlung preußischer Beamter und Militärs die deutsche Bevölkerung; 1910 waren ca. 44–45 % der Stadteinwohner Polen.[9] Thorn hatte auch eine jüdische Gemeinde, die 1812 170 Personen zählte.[10] In den 1920er und 1930er Jahren hatte sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt, allerdings verschob sich die nationale Zusammensetzung: Die Zahl der Deutschen sank von 6.242 (1920) auf ca. 2.500 (1939), die Zahl der Juden stieg von 147 (1920) auf 857 (1939) Personen. In dieser Zeit lebten in Thorn auch etwa 200–250 Russen und Ukrainer, sowohl "weiße" Emigranten aus Russland als auch ehemalige Soldaten aus Einheiten, die zusammen mit polnischen Truppen gegen die Bolschewiki gekämpft hatten.[11]

Wirtschaft

Dank ihrer Lage an der Weichsel und an wichtigen Handelsrouten war Thorn schon im 13. Jahrhundert eine bedeutende Handelsstadt (u. a. Tuchwaren, Salz, Wein und Pfeffer) und trat 1280 der Hanse bei. Ende des 13. Jahrhunderts führte der Konflikt zwischen dem Deutschen Orden und Polen zu einer Krise des Thorner Handels. 1500 wurde die damals einzige feste Weichselbrücke fertiggestellt. Ende des 15. bis Mitte des 17. Jahrhunderts erlebte Thorn einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung; von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu den Teilungen Polens entwickelte sich vor allem die Lebensmittel- und Textilbranche.

Einen Impuls für die Industrieentwicklung brachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnverbindungen nach Bromberg/Bydgoszcz, Warschau/Warszawa, Allenstein/Olsztyn und weiter nach Insterburg/Černjachovsk. Zu den wichtigsten Wirtschaftsunternehmen gehörten Ziegeleien, Landmaschinen- und Lebkuchenfabriken, in den 1920er und 1930er Jahren vermehrt Maschinenbau- und Lebensmittelbetriebe. Ab Ende der 1950er Jahre gewann erneut die Textilbranche an Bedeutung. Die Entstehung einer pommerschen ökonomischen Sonderzone im Jahre 2006 im 2 km von Thorn entfernten Lissomitz/Łysomice brachte neue Investoren in die Region.

Gesellschaft und Kultur

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Thorn zu einem Zentrum der polnischen Nationalbewegung. Es entstanden zahlreiche wirtschaftliche Institutionen und Organisationen, z. B. eine Industriegesellschaft (Towarzystwo Przemysłowe), eine Anleihegesellschaft (Towarzystwo Pożyczkowe) und eine Kreditbank (Bank Kredytowy), außerdem Kultur- und Bildungsvereinigungen, die zur Stärkung der polnischen Mittelklasse beitrugen. Ab 1867 wurde die erste polnischsprachige Zeitung in Westpreußen – die Gazeta Toruńska (Thorner Zeitung) – herausgegeben und 1875 die Wissenschaftliche Gesellschaft (Towarzystwo Naukowe) gegründet, die die Gründung des Polnischen Museums (Muzeum Polskie) und der Wissenschaftlichen Bibliothek (Biblioteka Naukowa) initiierte. Zudem gab es Organisationen, deren Mitglieder überwiegend aus der deutschen Bevölkerung stammten, z. B. den Handwerkerverein, den Beamtenverein oder den Vorschussverein. In Thorn erschienen mit dem Thorner Wochenblatt (ab 1867 Thorner Zeitung) und der Thorner Ostdeutschen Zeitung zwei deutschsprachige Zeitungen.

1839 wurde der Coppernicus-Verein gegründet um den Bau des Kopernikusdenkmals in Thorn zu unterstützen. Nach der Denkmalsenthüllung 1853 wurde er in Coppernicus-Verein für Wissenschaft und Kunst umbenannt und gab die Mitteilungen des Coppernicusvereins für Wissenschaft und Kunst zu Thorn heraus. Die Bestände der Bibliothek der Wissenschaftlichen Gesellschaft, des Coppernicus-Vereins, des Thorner Gymnasiums und der Ratsbibliothek wurden 1923 zusammengeführt und von der neu gegründeten Stadtbücherei (Książnica Miejska) übernommen.

1802 wurde in Thorn das Stadttheater gegründet, 1904 das neue, bis heute erhaltene Theatergebäude gebaut. In den 1920er und 1930er Jahren fanden neben Aufführungen des polnischen Stadttheaters im Gebäude der Gesellschaft Deutsches Heim auch Vorstellungen des Laientheaters Deutsche Bühne statt.

Bildung und Wissenschaft

1568 wurde ein evangelisches Gymnasium gegründet, das 1594 zum Akademischen Gymnasium erhoben wurde und eine eigene Bibliothek erhielt. Das hohe Bildungsniveau, die qualifizierten Professoren (u. a. lehrte dort Christoph Hartknoch) sowie die Popularisierung moderner Lehren und Ideen machten das Gymnasium im 17. Jahrhundert zu einem kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum Polens.

Schon in den 1920er Jahren bestanden Pläne zur Gründung einer Universität, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterbrach die Vorbereitungen. Erst im August 1945 wurde die Nikolaus-Kopernikus-Universität gegründet, die u. a. die Traditionen der polnischen Universität von Wilna/Vilnius/Wilno fortführte. Im selben Jahr wurde die Universitätsbibliothek gegründet, in deren Bestand sich u. a. Inkunabeln und Handschriften aus der Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg sowie eine Sammlung zur Geschichte der Ostseeregion befinden.

Seit dem Mittelalter wurden die Stadtakten in einem im Rathaus untergebrachten Archiv gesammelt, wo man später auch das Preußische Archiv und die Akten benachbarter Städte aufbewahrte. Heute sind diese Sammlungen Bestandteil des Staatsarchivs in Thorn (Archiwum Państwowe w Toruniu).

Religions- und Kirchengeschichte

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Die Thorner Innenstadt mit Blick auf die Kathedrale
St. Johann. [CC BY-SA 3.0/ T. Weger]

1557 wurde durch Zygmunt August in Thorn die Reformation eingeführt. Die Marienkirche und Jacobskirche wurden evangelisch, in St. Johann fanden bis 1596 sowohl katholische Messen als auch evangelische Gottesdienste statt. 1645 fand in Thorn auf Initiative des polnischen Königs Władysław IV. das Colloquium Charitativum statt - ein Treffen von Katholiken und Protestanten, dessen Ziel eine Verständigung zwischen beiden Konfessionen war. 1724 kam es zu Ausschreitungen zwischen Thorner Protestanten und Katholiken und zur Zerstörung des Jesuitenklosters durch Protestanten (s. o. "Thorner Blutgericht"). In den Jahren 1755–1756 wurde am Markt eine evangelische Kirche erbaut (heute Hl.-Geist-Kirche). Die Kirche durfte sich nicht von den benachbarten Gebäuden abheben und keinen Turm besitzen. Der Turm wurde Ende des 19. Jahrhunderts nachträglich gebaut. Bis 1945 blieb die Kirche evangelisch. Eine zweite evangelische Kirche (Dreifaltigkeitskirche) wurde 1824 an der Stelle des 1818 abgerissenen Rathauses am Neustädtischen Markt errichtet; sie wurde 1927–1945 als orthodoxe Kirche genutzt. 1847 wurde an der Stelle der heutigen ulica Szczytna 12 eine Synagoge mit jüdischem Gemeindehaus und jüdischer Schule errichtet, die 1939 von den deutschen Besatzern abgerissen wurde.

Kunstgeschichte

Aufgrund seiner mittelalterlichen Bausubstanz gehört das Thorner Stadtzentrum zu Polens bedeutendem Kulturerbe. Dazu zählen die Kirche St. Johann (v. a. 13. und 14. Jahrhundert, seit 1992 Kathedrale des neu entstandenen Bistums Thorn), die Pfarrkirche St. Jakob (begonnen 1309), die Marienkirche, das Altstädtische Rathaus, das im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts gebaut und 1703 während der Belagerung der Stadt durch die Schweden zerstört wurde (1722–1737 wieder aufgebaut). Bedeutend sind auch die mittelalterliche Stadtmauer mit den Stadttoren und Basteien (u. a. der Schiefe Turm), die Ruinen des Ordensschlosses, die gotische Brücke in der Most-Pauliński-Straße, die Kornspeicher aus dem 14.–18. Jahrhundert, der Komplex der gotischen Häuser (u. a. das Kopernikus-Haus aus dem 15. und das Eskens-Haus aus dem 14. Jahrhundert), das Haus "Zum Stern" mit seiner spätbarocken Fassade und die barocken Bürgerhäuser (Dąmbski-Palast, Fenger-Palast und Meissner-Palast).

Erwähnenswert sind zudem der Sitz der Wissenschaftlichen Gesellschaft (1881), der im Neorenaissancestil erbaute Artushof (Ende 19. Jahrhundert), die neogotische Kirche der Hl. Katharina (1894–1897) sowie das Jugendstiltheater (1903/04).

Besondere kulturelle Institutionen

Zu den bedeutenden historischen und kunsthistorischen Museen der Stadt gehören das Stadtmuseum im Altmarktrathaus mit dem Kopernikus-Haus, das Eskenshaus und das Haus "Zum Stern" (Fernostkunstmuseum), das Volkskundemuseum (Freilichtmuseum mit historischen bäuerlichen Bauten) sowie das Freilichtmuseum der Panzerfortifikation der Festung Thorn.

Militärgeschichte

Am Ende des Krieges gegen Schweden (1626–1628) wurde in der Stadt über den Bau neuzeitlicher Befestigungen nach Plänen von Anton Petersen, Peter Mönning und Kaspar von Wanken entschieden. Nach Beendigung der Arbeiten um 1649 besaß Thorn eine der modernsten Befestigungsanlagen in Polen.

Mit der Zuteilung zu Preußen 1815 wurde Thorn Grenzstadt zu Russland; bestehende Befestigungen wurden ausgebaut und modernisiert, neue Militäreinrichtungen entstanden. 1871 wurde Thorn zur Festung erhoben, 1878–1892 wurden neue Festungsanlagen errichtet. Es entstand ein Ring von freistehenden Forts in einer Entfernung von 3 bis 3,5 km von der Stadtmitte, sodass die Stadtbefestigung aus zwei Ringen, einem inneren (alte Befestigung) und einem äußeren (neu), bestand. Auch neue Militärbauten entstanden: Kasernen, ein Garnisonskrankenhaus, eine Garnisonskirche und Militärwohnungen. 1920 wurde der innere Befestigungsring liquidiert, der äußere Befestigungsring und die Militäreinrichtungen wurden fortan von der polnischen Armee genutzt.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

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Nikolaus-Kopernikus-Denkmal.
[CC BY-SA 3.0/ T. Weger]

Die bis heute erhaltene historische Bebauung der Altstadt und der Neustadt erinnert an die Bedeutung Thorns im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. 1997 wurden Altstadt, Neustadt und Ordensschlossruine in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Die zahlreichen gotischen Bauten sind eines der Stadtmerkmale, darauf basiert auch der aktuelle Werbeslogan der Stadt Toruń – gotyk na dotyk (Thorn – Gotik hautnah).

An den in Thorn geborenen Astronomen Nikolaus Kopernikus erinnern ein Denkmal auf dem Marktplatz und das Museum in seinem Geburtshaus (Dom Koperniky). Darüber hinaus ist er Namensgeber der Universität, die in der nahe gelegenen Ortschaft Sängerau/Piwnice ein nach ihm benanntes astronomisches Observatorium betreibt.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal der Stadt sind ihre erstmals in Quellen des 14. Jahrhunderts erwähnten Lebkuchen, vor allem die "Thorner Kathrinchen" (katarzynki). Die erste, Mitte des 18. Jahrhunderts von Johann Weese eröffnete Lebkuchenmanufaktur war Anfang des 20. Jahrhunderts eines der größten Unternehmen in Thorn. 1945 wurde es verstaatlicht und in Fabryka Cukiernicza "Kopernik" umbenannt, nach 1989 dann in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Atlas historyczny miast polskich [Historischer Atlas polnischer Städte]. Bd. 1: Antoni Czacharowski (Red.): Prusy królewskie i Warmia [Königliches Preußen und Ermland]. H. 2: Janusz Tandecki, Zenon Kozieł (Red.): Toruń [Thorn]. Toruń 1995.
  • Marian Biskup (Hg.): Historia Torunia [Geschichte Thorns]. 3 Bde. Toruń 1992–2006.
  • Reinhold Heuer: Siebenhundert Jahre Thorn 1231–1931. Danzig 1931 (Ostland-Darstellungen 1).
  • Ernst Kestner: Beiträge zur Geschichte der Stadt Thorn. Nach archivalischen Quellen mitgetheilt. Thorn 1883.
  • Julius Emil Wernicke (Bearb.): Geschichte Thorns aus Urkunden, Dokumenten und Handschriften. 2 Bde. Thorn 1839–1842.

Bibliographie

  • Henryk Baranowski (Hg.): Bibliografia miasta Torunia [Bibliographie der Stadt Thorn]. Bd. 1: Do roku 1971 [Bis 1971]. 2. Aufl. Toruń 1999 (Roczniki Towarzystwa Naukowego w Toruniu 88,3); Bd. 2: 1972–1993 wraz z uzupełnieniami [1972–1993 mit Nachträgen]. Toruń 1996 (Roczniki Towarzystwa Naukowego w Toruniu 87,2).

Weblinks

Anmerkungen

[1] Tomasz Jasiński: Początki Torunia na tle osadnictwa średniowiecznego [Die Anfänge Thorns im Kontext der mittelalterlichen Besiedlung]. In: Zapiski Historyczne 46 (1981) H. 4, S. 5–34, hier S. 11f.

[2] Jasiński: Początki, S. 13, 16.

[3] Vgl. Jadwiga Chudziakowa: Badania nad średniowiecznym ośrodkiem miejskim na terenie Torunia w latach 1969–1972 [Forschungen zum mittelalterlichen Stadtkern von Thorn in den Jahren 1969–1972]. In: Zapiski Historyczne 38 (1973) H.3, S. 69–81, hier S. 75ff; Jasiński: Początki, S. 14 ff.; Krzysztof Mikulski: Przestrzeń i społeczeństwo Torunia od końca XIV do początki XVIII wieku [Raum und Gesellschaft Thorns vom Ausgang des 14. bis Anfang des 18. Jahrhunderts]. Toruń 1999, S. 25f.

[4] Mikulski: Przestrzeń, S. 26ff.

[5] Jan Sziling: Struktura narodowościowa Torunia w okresie okupacji niemieckiej (1939–1945) [Die nationale Struktur in Thorn während der deutschen Besatzung (1939–1945)]. In: Mieczysław Wojciechowski (Hg.): Mniejszości narodowe i wyznaniowe w Toruniu w XIX i XX wieku [Nationale und religiöse Minderheiten in Thorn im 19. und 20. Jahrhundert]. Toruń 1993 (Stosunki narodowościowe i wyznaniowe na Pomorzu w XIX i XX wieku 3), S. 161-172, hier S. 171.

[6] Janusz Tandecki: Toruń. Historia i rozwój przestrzenny [Thorn. Geschichte und räumliche Entwicklung]. In: Atlas historyczny miast polskich. Bd.1: Antoni Czacharowski (Hg.): Prusy królewskie i Warmia. H. 2: Janusz Tandecki, Zenon Kozieł (Bearb.): Toruń. Toruń 1995, Marian Biskup (Hg.): Toruń dawny i dzisiejszy. Zarys dziejów [Thorn einst und jetzt. Abriss der Geschichte]. Warszawa u. a. 1983,

[7] Krzysztof Mikulski: Struktura etniczna mieszkańców i status społeczny ludności pochodzenia polskiego w Toruniu od końca XIV do połowy XVII wieku [Die ethnische Struktur der Einwohner und der soziale Status der Bevölkerung polnischer Abstammung in Thorn vom Ende des 14. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts]. In: Roczniki Historyczne 63 (1997), S. 111-129.

[8] Tandecki: Toruń, S. 7f; Stefan Cackowski: Pierwszy okres zaboru pruskiego i Księstwo Warszawskie (1793–1815) [Die erste Periode des preußischen Teilungsgebiets und des Herzogtums Warschau (1793–1815)]. In: Biskup: Toruń, S. 301-328, hier S. 301ff.

[9] Kazimierz Wajda: Pod ponownym panowaniem pruskim (1815–1920) [Abermals unter preußischer Herrschaft (1815–1920)]. In: Biskup: Toruń, S. 329-417, hier S. 366.

[10] Cackowski: Pierwszy, S. 318.

[11] Mieczysław Wojciechowski: W czasach Drugiej Rzeczypospolitej (1920–1939) [In der Zeit der Zweiten Republik (1920–1939)]. In: Biskup: Toruń, S. 417-490, hier S. 429f.; Zbigniew Karpus: Rosjanie i Ukraińcy w Toruniu w latach 1920–1939 [Russen und Ukrainer in Thorn in den Jahren 1920–1939]. In: Wojciechowski: Mniejszości, S. 81-96; Tandecki: Toruń, S. 11.

 

Zitation

Beata Lakeberg: Thorn/Toruń. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54434.html (Stand 10.07.2012).

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