29.05.2015 – Forschung

Ukraine: Wenn Sprachen aufeinandertreffen

  • Gilt noch heute als "russischsprachiges Lemberg": Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Foto: fotolia/Vlada Zhikhareva

Die Menschen in der zentralen Ukraine sprechen oft ein russisch-ukrainisches Sprachengemisch. Slawist Gerd Hentschel untersucht derzeit das Phänomen vor Ort – und bekommt dabei auch die Auswirkungen der politischen Krise zu spüren.

Die Krim war doch schon immer russisch“. So hat es Gerd Hentschel jüngst von einer Slawistik-Studentin des ersten Semesters gehört. Dieser Satz hinkt historisch: Die Krim wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts Teil des Russischen Zarenreiches. Und dass die Bevölkerungsgruppe mit russischer Nationalität heute die größte auf der Krim darstellt, ist ein Ergebnis der Vertreibung der Krimtararen – als ursprünglich größte Gruppe nach dem Zweiten Weltkrieg. Darauf hat Hentschel dann hingewiesen, durchaus mit Verständnis für den Irrtum: „Im Grunde können es die jungen Leute besonders aus dem Osten gar nicht anders wissen.“

Eine differenzierte Sicht ist das, was Slawist Gerd Hentschel derzeit in seinem aktuellen Forschungsprojekt zur Ukraine anstrebt (UNI-INFO berichtete zum Auftakt im Juli vergangenen Jahres). Sein Untersuchungsgegenstand sind die Sprachen, in denen sich die Menschen in der weiten zentralen Ukraine im Alltag austauschen: Oft kein reines Ukrainisch und oft auch kein reines Russisch, sondern vielfach eine Mischform aus beiden Sprachen.

„Surzhyk“ heißt dieses Idiom, was übersetzt so viel wie „minderwertiges Mehl oder Brot“ bedeutet. Der abwertende Beiklang kommt nicht von ungefähr. Traditionell gilt das Phänomen bei einer national gesinnten Intelligenz als „verunreinigtes“ Ukrainisch. In sprachlichen Kartografien des Landes ist der in weiten Teilen der Ukraine täglich von Millionen gesprochene Surzhyk so etwas wie ein blinder Fleck – dort finden nur Ukrainisch und Russisch Beachtung. Doch viele verwenden alle drei „Sprachen“ – in unterschiedlichen Situationen. Hentschel versucht dies sprachsoziologisch und auch soziolinguistisch zu erhellen. Breite empirische Erhebungen sollen an die Stelle bisheriger unsystematischer Beobachtungen zum Surzhyk treten.

Die Frage, was passiert, wenn Sprachen aufeinandertreffen, hat den Forscher schon immer interessiert. „In solchen Kontakten entsteht etwas Neues.“ So hat Hentschel bereits in einem früheren Großprojekt eine sprachliche Mischform untersucht: die in Weißrussland gesprochene „Trasjanka“, eine Vermengung des Weißrussischen und Russischen. Diese Mischformen seien weitgehend Verschnitte aus Dialekten und der dominierenden Standardsprache, sagt Hentschel, so wie wir sie ähnlich in vielen süddeutschen Städten kennen. „Dominant war aber in Weißrussland und der Ukraine sowohl zur Zaren- als auch zur Sowjetzeit die russische Standardsprache, und nicht die weißrussische beziehungsweise ukrainische“.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 wurde das Ukrainische alleinige Staatssprache – das Russische hatte in vielen Teilen des postsowjetischen Landes nur noch den rechtlichen Status einer Minderheitensprache. Dennoch ist das Russische noch heute überaus präsent. „Gute Kenntnisse des Russischen scheinen sich gegenwärtig unter jüngeren Sprechern sogar auszuweiten, außer im ganz überwiegend ukrainischsprachigen Westen in und rund um Lemberg.“ Aber auch gute Kenntnisse des Ukrainischen weiteten sich aus, was kein Paradoxon sei, sondern von gesteigerter Zweisprachigkeit auf gutem Niveau zeuge. Ohnehin sei die westeuropäische Wahrnehmung der Ukraine – hier der „russische“ Süden und Osten, dort der „ukrainische“ Westen – zu undifferenziert. „Das wird der Situation im Lande nicht gerecht.“ Nur der äußerste Osten, das sogenannte Donbas-Gebiet, sei wie die Krim recht eindeutig auf das Russische ausgerichtet. Und nur der äußerste Westen, der Großraum um Lemberg, eindeutig auf das Ukrainische. „Der sehr große Raum zwischen diesen Arealen ist nicht eindeutig.“

Und in diesem Raum ließ Hentschel rund 1.400 Menschen zu ihrer sprachlichen Orientierung und ihren Spracheinstellungen befragen. 150 von ihnen werden eingehender interviewt: Diejenigen, die sich frei bekennen, den stigmatisierten Surzhyk regelmäßig zu sprechen. „Für die Gruppe der bekennenden Surzhyk-Sprecher sollen die Antworten in offenen Interviews mitgeschnitten werden, zur sprachlichen Analyse. Das heißt, die Interviewer müssen selbst ungezwungen Surzhyk sprechen, um die Befragten so zum Reden zu bringen, wie sie im Alltag sprechen.“ Viele hatten sich zur Teilnahme an diesen zeitaufwendigeren Gesprächen bereit erklärt – und viele haben dann doch wieder abgesagt. „Es gibt immer eine gewisse Absprungrate. Aber hier war sie überraschend hoch.“

Ihre Bereitschaft erklärt hatten diese Personen zu einem Zeitpunkt, als die russische Vereinnahmung der Krim bereits vollzogen war – aber noch vor den blutigen Auseinandersetzungen im Donbas-Gebiet. „Es ist wahrscheinlich, dass viele unter dem Eindruck dieser Kämpfe abgesagt haben, zumal die Moskauer Regierung einen vermeintlichen Sprachenkonflikt beziehungsweise die Verfolgung von Russischsprachigen in der Ukraine nach dem Euromajdan als einen der Gründe ihres Handelns vorgeschoben hatte.“

Daraus resultiere offenbar eine sprachliche Sensibilisierung einiger Menschen: „Das drückte sich auch darin aus, dass viele versuchten, gekünstelt sauber Ukrainisch zu sprechen und die russischen Beimischungen des Surzhyks zu vermeiden.“ Viele Ukrainer seien durch die Ereignisse im Donbas „ukrainischer“ geworden. So seien einige Interviews nicht verwertbar. Zwei Drittel der nötigen Menge habe man für eine sichere empirische Auswertung nun aber zusammen. Das restliche Drittel werde derzeit eingeholt. 

Allerdings deute nichts in den Daten auf einen breiten, tieferen Sprachenkonflikt in der Bevölkerung hin. „Die Frage der sprachlichen Orientierung – also ob jemand im Alltag hauptsächlich Russisch, Ukrainisch oder Surzhyk verwendet, hat bei sehr vielen Menschen nichts mit der nationalen Identität zu tun.“ Insbesondere könne man, wenn jemand primär russisch spreche, nicht darauf schließen, dass er sich auch zur russischen Identität bekenne. So gelte Kiew heute noch als „russischsprachiges Lemberg“. Bis zum Herbst rechnet Hentschel mit dem Abschluss der Datensammlung. Dann folgt die umfassende Analyse.


 

Kontakt

Prof. Dr. Gerd Hentschel
Institut für Slawistik
Tel: 0441-798/4635
gerd.hentschel(at)uni-oldenburg.de