24.10.2014 – Campus-Leben

Ton, Steine, Erben

  • Präsentieren in "Die 70er Revue" Welthits aus dem Gründungsjahrzehnt der Universität:Studierende des Instituts für Musik.

Wie lässt man das Lebensgefühl einer vergangenen Zeit erklingen, noch dazu mit Studierenden,die allesamt zwei Jahrzehnte später geboren sind? Mit der 70er Revue hat das Institut für Musik eine Antwort gefunden, die das Publikum begeistert.

Großes Finale: Fast 50 Studierende stehen auf der Bühne in der Aula der Universität. Sie singen „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin. Eine ausgefeilte Choreographie – strahlende Gesichter.Nach über zwei Stunden Programm geht „Die 70er Revue“ auf die Ziel gerade. Es gab Hits und Evergreens aus dem GründungsjahrzehnT der Universität Oldenburg – von ABBAs „Waterloo“ über Elton Johns „Your Song“ bis hin zu „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von Ton, Steine, Scherben. Die Zuschauer sind begeistert. An drei – restlos aus verkauften – Abenden ließen die Studierenden das Lebensgefühl der 70er-Jahre auferstehen.




Die Studierenden Silja Mansholt (Musik und Mathematik), Fabian Schulz (Musik und Kunst), Nina Bolte (Sport, Englisch, Deutsch als Fremdsprache) und Anne Bandemer (Musik. Englisch, Deutsch als Fremdsprache) sitzen gemeinsam mit einem der musikalischen Leiter der Revue, Peter Janßen, im Kammermusiksaalder Universität. Sie diskutieren, wie das Projekt entstanden ist, wie sie es umgesetzt haben. Die Studierenden eint, dass sie alle einmal an einer großen Musikproduktion teilnehmen wollten, so auch Anne: „Ich fand es gut, dass das Projekt nicht auf eine bestimmte Teilnehmerzahl beschränkt war. Jeder konnte mitmachen, sich mit seinen eigenen Stärken einbringen. Da wurde nicht im Vorfeld gecastet: Wer kann am besten singen, wer sieht am besten aus, und wer tanzt am schönsten?“

Peter Janßen hat gemeinsam mit Peter Vollhardt schon in den vergangenen Jahren am Institut für Musik große Musikprojekte mit Studierenden realisiert. Jährlich bieten sie das Modul „Musik-Szene-Theater“ an, das in seiner Ausrichtung einzigartig in Norddeutschland ist.Im Vergleich zu Musikhochschulen geht es hier weniger darum, dass die Teilnehmer eine musikalische Vollkommenheit erlangen; vielmehr steht der praktische Aspekt im Mittelpunkt. „Klar möchten wir, dass unsere Studierenden künstlerisch fit sind, einen gewissen musikalischen Standard erreichen. Aber vorranging verfolgen wir das Ziel, dass sie später, wenn sie an Schulen unterrichten, in der Lage sind, ein Theater- und Musikprojekt zu stemmen“, erklärt Janßen. Und Fabian ergänzt: „Wenn ich vor einer Klasse stehe, dann bin ich auch eine Art Dirigent: Die Skills, die wir im Rahmen des Seminars erworben haben, kann man auch direkt für den Unterricht nutzen – ach was, die kann man überall einsetzen.“

Anlässlich des 40. Geburtstags der Universität sollte eine Revue entstehen mit Hits aus dem Gründungsjahrzehnt. Janßen und Vollhardt, beide in den 1970er-Jahren musikalisch sozialisiert, entwarfen ein Konzept. „Uns war sofort klar, dass es Zeitbezüge in der Show geben musste – die wichtigsten politischen Entwicklungen. Sonst ist es ja auch keine Revue“, so Janßen. Und es sei von Anfang an klar gewesen, dass sich bestimmte Musikstile im Programm wiederfinden müssten: Schlager, Beat, Disco, Flowerpower.

Die 1970er-Jahre waren gesellschaftlich und politisch aufregend: die Bildungsreform, die Politik Willy Brandts, das Ende des Vietnamkriegs, Ölkrise, RAF, sexuelle Revolution und Frauenbewegung, die Anti-AKW-Bewegung. Durch kurze Impulsreferate sollten die Studierenden, die allesamt in den späten 1980er oder Anfang der 1990er-Jahre geboren sind, auf das Jahrzehnt einstimmen. „Ich muss zugeben, dass ich mich vor dem Projekt nicht mit den 1970er-Jahren beschäftigt hatte“, lacht Silja. Klar habe sie die Musik gekannt, vielleicht auch einmal eine Aufzeichnung der ZDF-Hitparade von damals gesehen, bei den Eltern im Auto einen seltsamen Schlager aus der Zeit gehört – aber was beispielsweise auch die Studierenden der 70er–Jahre so alles erreicht haben, das sei ihr – wie vielen anderen auch – erst im Laufe der Proben zur Revue klar geworden. Und sofort entsteht eine Diskussion über das Erbe der Studierenden der 1970er-Jahre:

Anne: „In den 1970er-Jahren wurde viel mehr von Studenten gemacht, als das heutzutage der Fall ist. Das ist schon beeindruckend. Denen hat was nicht gepasst, die waren dagegen, dann gab es halt eine Demo.“

Silja: „Das stimmt. Wenn mansieht, wie sie damals auf die Straße gingen, um die Bildungsreform durchzusetzen, da kann ich nur sagen: Hut ab.“

Nina: „Wir waren ja bisher nureinmal auf der Straße, als es gegen Studiengebühren ging. Da hatten wir schon so das Feeling: Ich bin jetzt dagegen. Aber sonst...“

Fabian: „Aber wogegen willst Du denn heute noch demonstrieren? Es ist doch eigentlich alles ganz gut so.Ich habe gar nicht so das Bedürfnis nach Demonstration.“

Janßen: „Vielleicht profitiert ihr auch noch davon, was damals in den 1970er-Jahren erreicht wurde. Bei uns war das damals so: Das stinkt
uns, da passt was nicht – dagegen gehen wir vor. Vielleicht braucht ihr das heute nicht mehr? Ihr könntet doch beispielsweise jetzt auch gegen die Bachelor- und Masterstrukturen auf die Straße gehen, weil euch das zu verschult ist.“

Fabian: „Wieso, wir kennen es doch nicht anders!“

Janßen: „Wir hatten oftmals auch keine Vergleichsmöglichkeiten, sind aber trotzdem auf die Straße gegangen.“

Nina: „Es gibt schon noch Dinge, die uns nerven – aber ich glaube,heute bespricht man dies mit seinem Freund, seiner Freundin im kleinen Kreis...“

Silja: „...und setzt einen Post auf Facebook ab.“

Die Arbeit an der Revue hat die ganze Gruppe zusammengeschweißt. Die Proben für „Die 70er Revue“ erstreckten sich über zwei Semester und nahmen mehr Zeit in Anspruch als gewöhnliche Uni-Seminare. Jeden Montagabend wurde geprobt, zusätzlich trafen sich Rhythmus- und Streichergruppe, die Chöre und Tanzgruppe. An mehreren gemeinsamen Wochenenden wurden die Proben intensiviert, Aufgaben verteilt, Arrangements ausgearbeitet und einstudiert. Alles entstand in Eigenregie – auch die aufwändigen Kostüme. „Klar haben wir die Kleiderschränke unserer Eltern – oder vielmehr sogar unserer Großeltern – geplündert“, lacht Nina. Kurz vor der Premiere gab es sogar noch eine Gruppe, die Schlaghosen nähte„Es hat sich eine ganz eigene Dynamik entwickelt: Die Probenwochenenden, die Gruppenarbeit – da wurde niemand ausgeschlossen, jeder wurde mitgerissen. Es herrschte eine regelrechte Euphorie. Und dann die Highlights, die Auftritte an sich, die drei Abende – das war eine einmalige Erfahrung“, so Silja.

"Die 70er Revue" wird nochmal am Mittwoch, 29. Oktober, und Freitag, 31. Oktober, jeweils 20.00 Uhr, in der Aula der Universität aufgeführt.