09.02.2012 – Campus-Leben

"Studienzelle" häuslich eingerichtet

  • Hat sich seit Januar in ihrer Studienzelle häuslich eingerichtet: Darja, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, hat sich auf Umweltpolitik spezialisiert und beschäftigt sich in ihrer Bachelor-Arbeit mit „Smart Metering“.

  • Plauschen ab und zu miteinander: Die Renewable Energy-Studenten Claudia und Firealem aus Äthiopien. Ansonsten schreibt Claudia hier an ihrer Diplomarbeit.

  • Schließt seit einem Monat Tag für Tag seine Zelle auf: Renewable Energy-Student Migue, der einen Forschungsbericht zur „Ökobilanz der Lade-Infrastruktur im Bereich E-Mobilität“ erstellt.

  • Pädagogik-Studentin Friederike: „Ich bin jetzt auf Seite 55 angelangt und würde sagen, ich stehe kurz vor der Abgabe.“

  • We don’t need no education, das gilt nicht für Irina. Sie beschäftigt sich mit der Didaktik des Deutschen und fragt: Welche Erwartungen haben SchülerInnen an Lehrwerke?

  • Katharina schreibt ihre Diplomarbeit zum Thema "Unternehmensführung": „Zu Hause wird man zu sehr abgelenkt, in der Bibliothek schaffe ich einfach mehr.“

Sie verschwinden stundenlang in ihren Arbeitsräumen der Uni-Bibliothek. Sie schauen mal ernst, mal heiter. Sie sind vollgepackt mit Büchern. Wer sind sie, und was tun sie? Wir haben nachgefragt und sechs Studierende in ihren Studienzellen besucht.

Text: Mark Brüggemann, Fotos: Daniel Schmidt.

 
„Ich hoffe, wir stören euch gerade nicht zu sehr“, sagen wir zu Claudia, die an diesem frühen Mittwochnachmittag in ihrer Zelle sitzt. „Facebook konnte ich gerade noch schließen“, antwortet sie und lacht. Claudia ist Studentin des Renewable-Energy-Programms und schreibt an ihrer englischsprachigen Abschlussarbeit mit dem Titel „Impact Measurement of Rural Development with Solar Energy“. „Für die Arbeit war ich zwei Monate in Äthiopien und habe dort eine Umfrage gemacht. Diese Daten werte ich jetzt aus, einen Monat werde ich noch brauchen“, sagt sie. Auf einen kurzen Plausch ist Firealem aus Äthiopien in die Zelle gekommen, der ebenfalls Renewable Energy studiert.

We don’t need no education? Nicht mit Irina. Sie beschäftigt sich mit der Didaktik des Deutschen, genauer gesagt damit, welche Erwartungen SchülerInnen an Lehrwerke haben. Dazu hat sie Interviews in den sechsten Klassen einer Oldenburger Realschule geführt. „Über ihre Meinung zu Lehrwerken sind Schüler dieser Altersstufe vorher noch nie befragt worden. Es war wirklich toll zu sehen, welche Meinungen und Tipps man da bekommt“, berichtet Irina begeistert. In drei Wochen will sie ihre Arbeit abschließen. Mit ihrer Zelle ist sie zufrieden, „schade nur, dass es zu eng ist, um den Tisch zum Fenster zu drehen“.

Während es draußen klirrend kalt ist, heizt die Sonne Migues Zelle in der Kunst- und Musikebene der Bibliothek auf. „Ich bin schon überrascht, wie warm es hier heute ist“, sagt der Venezolaner, der wie Claudia und Firealem Renewable Energy studiert. Sein Thema ist die „Ökobilanz der Lade-Infrastruktur im Bereich E-Mobilität“. „Ich habe dazu eine Simulation gemacht und erstelle jetzt einen Forschungsbericht“, sagt Migue. Seit einem Monat schließt er Tag für Tag seine Zelle auf, „zwischen Wochentagen und Wochenenden mache ich da keinen Unterschied“, sagt er und lächelt. Am späten Nachmittag ist aber meistens Schluss, „von 9 bis 17 Uhr ist meine ideale Arbeitszeit“.

Darja, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, hat in ihrer Zelle Poster aufgehängt. Natürlich nur fachbezogene, versteht sich. „Das Plakat rechts ist die Gliederung meiner Arbeit, so muss ich nicht dauernd blättern“, erklärt sie. „Auf dem Plakat links habe ich das Handeln von Energieversorgern skizziert.“ Darja hat sich auf Umweltpolitik spezialisiert und beschäftigt sich in ihrer Bachelor-Arbeit mit „Smart Metering“. „Dabei geht es um intelligente Geräte, die in den Haushalten die Verbrauchsmengen und Verbrauchszeiträume für Gas, Wasser oder Strom messen und weiterleiten“, sagt Darja. „Mich interessiert, welche Auswirkungen das Smart Metering auf Energieversorgungsunternehmen hat.“ Ihre Arbeit schreibt die Estin mit russischen Wurzeln seit Mitte November, in der Zelle hat sie sich seit Januar häuslich eingerichtet. Und wenn der Kopf raucht? „Dann gehe ich raus oder schaue mir Online-Shopping-Seiten an“, sagt Darja.

Auch im etwas abgelegenen Bibliothekssaal für Informatik befinden sich Zellen. Eine davon nutzt Pädagogik-Studentin Friederike. In dem Raum ist es fast so warm wie zuvor bei Migue. „Ach, das geht schon, ich kann ja immer wieder lüften“, sagt Friederike. Den knallroten Sonnenschutz mag sie aus ästhetischen Gründen nicht herunterlassen. Sie verbringt jetzt den dritten Monat in der Zelle, um ihre Masterarbeit fertigzustellen. „Zeitliche Dimensionen des Schüleralltags unter Berücksichtigung des subjektiven Belastungsempfindens“ ist der Titel. „Ich bin jetzt auf Seite 55 angelangt und würde sagen, ich stehe kurz vor der Abgabe“, sagt Friederike.

Katharina hat erst vor zwei Wochen ihre Zelle bezogen. „In der ersten Woche fand ich es hier schon sehr eng, aber dann habe ich mich daran gewöhnt“, sagt sie. Auf ihre Diplomarbeit zur Unternehmensführung könne sie sich nur hier konzentrieren: „Zu Hause wird man zu sehr abgelenkt, in der Bibliothek schaffe ich einfach mehr.“ Zu den Studierenden, die schon vor acht Uhr morgens am vergitterten Einlass der Bibliothek rütteln, zählt Katharina allerdings nicht: „Meistens bin ich zwischen 12 und 20 Uhr da.“