19.12.2014 – Campus-Leben

Singen macht glücklich

Der Oldenburger Musikwissenschaftler Gunter Kreutz untersucht in seinem aktuellen Buch, wie heilsam sich das Singen auswirkt – und warum es eine vertane Chance ist, wenn man damit aufhört
 
Irgendwann hören wir einfach auf zu singen. Irgendwann im Kindesalter. So zwischen dem Kindergarten und der Grundschule. „Als Baby lernen wir vokal aktiv zu sein, indem wir schreien und singen. Dadurch erzielen wir bei unseren Eltern eine Reaktion. Sie kümmern sich um uns. Wir verbinden mit unserem Singen eine direkte positive Erfahrung“, so der Oldenburger Musikwissenschaftler Prof. Dr. Gunter Kreutz.

Diese Erfahrungen begleiten uns durch das Kindesalter. „Im Laufe der Jahre werden wir sprachmächtiger und stellen fest, dass wir bestimmte Reaktionen durch bloßes Reden erreichen können.“ Unsere Leidenschaft für das Singen geht zurück, bis wir sie allmählich ganz verlieren. Eine Entwicklung, die Kreutz mit Misstrauen betrachtet. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Warum singen glücklich macht“ setzt er sich mit den positiven Aspekten des Singens auseinander.

Kreutz‘ Buch ist die erste umfassende Analyse, die nichtprofessionelle Sänger in den Mittelpunkt rückt. „Mir geht es darum, das Singen vom Menschen aus zu denken“. Die aktuelle Musikwissenschaft stelle oftmals eine Partitur, eine Gesangstechnik in das Zentrum ihrer Forschung. Ihn interessiere vielmehr, was das Singen mit dem Menschen und seinem Befinden mache. Um dies zu erfahren, hat Kreutz hunderte wissenschaftliche Publikationen und Essays ausgewertet und für sein allgemeinverständliches Buch neu geordnet.

Kreutz verweist auf positive gesundheitliche Wirkungen sowie auf die kindliche Entwicklung. Musikalische Früherziehung durch Singen kann beispielsweise bei dem Spracherwerb so effektiv sein wie ein Sprachtraining. Auch zur Vorbeugung und gar bei der Behandlung chronischer Lungenerkrankung kann Singen effektiv sein.

Vor allem dem Chorsingen spricht Kreutz einen großen Nutzen für unsere Gesundheit mit gesellschaftlicher Tragweite zu. Das konnte er bereits vor zwei Jahren einem breiten Fernsehpublikum zeigen, in einer ARD-Dokumentation, in der er zusammen mit der Entertainerin Anke Engelke den „Chor der Unglücklichen“ gründete. „Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, finden in Chören oft nachhaltige Unterstützung“, so Kreutz. Das Singen im Chor stärke die sozialen Kontakte und somit auch unsere physische und psychische Gesundheit. „Es scheint, dass wir durch das Singen widerstandsfähiger werden. Singen kann unsere Reserven an positiver Gestimmtheit auffüllen.“
 
Bleibt die Frage zu klären, wie man Leute zum Singen animiert. Kreutz setzt dabei am Anfang der musikalischen Entwicklung an. „Über 70 Prozent der Chorsänger haben ihre ersten Gesangserfahrungen im Alter von bis zu 18 Jahren gesammelt. Danach ist man eigentlich für das Chorsingen verloren“, resümiert der Wissenschaftler. Ausnahme bildet Kreutz selbst, der als „Spätberufener“ zum Chorsingen kam – mit 28. 

Geht es nach dem Musikwissenschaftler, dann müsste die Lust am Singen viel früher entfacht werden. Bereits im Kindergarten. „Die Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten bekommen in ihrer Ausbildung oftmals nur eine mangelhafte musikalische, und schon gar keine stimmliche Ausbildung“, so der Musikwissenschaftler. Das habe zur Folge, dass in Kindergärten weniger gesungen werde. Ein Trend, der sich auch in der Grundschule fortsetze und den es zu stoppen gelte. Bevor wir aufhören zu singen.


 

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Kontakt

Prof. Dr. Gunter Kreutz
Institut für Musik
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