20.02.2013 – Hochschulpolitik

„Sind Hochschulen unfreier denn je?”

  • Im Dialog zwischen Theologie und Erziehungswissenschaft: Die Autoren des im April erscheinenden Buches „Glaube und Bildung” Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, und Prof. Dr. Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Oldenburg. Foto: Verlag Ferdinand Schöningh.

„Glaube und Bildung” heißt das Buch von Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, und dem Oldenburger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Zierer, das im April erscheint. Daraus bringen wir vorab einen Beitrag  – in dem Zierer das sich wandelnde Hochschulsystem beleuchtet. 

Rückblickend erscheinen die Worte des Altbundespräsidenten Roman Herzog aus dem Jahr 1997 visionär: „Setzen wir neue Kräfte frei, indem wir bürokratische Fesseln sprengen“, betonte er am Ende seiner Rede auf dem Berliner Bildungsforum und er schloss mit den Worten: „Entlassen wir unser Bildungssystem in die Freiheit.“ Intention Roman Herzogs war eine Modernisierung des Bildungssystems, das sich in Zukunft durch sechs Eigenschaften auszeichnen muss: „das erstens wertorientiert und zweitens praxisbezogen ist, das drittens international und viertens vielgestaltig ist, das fünftens Wettbewerb zulässt und sechstens mit der Ressource Zeit vernünftig umgeht.“

Hochschulen und Universitäten sollen marktwirtschaftlich organisiert werden.

Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen in allen Bereichen des Bildungssystems verändert und den meisten dieser Forderungen wurde (scheinbar) Einhalt geboten. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang Hochschulen und Universitäten, die einen tiefgreifenden Wandel vollziehen mussten und noch immer müssen. Grund hierfür ist nicht zuletzt der Bologna-Prozess und sich daran anschließende Reformen. Hochschulen und Universitäten sollen demzufolge marktwirtschaftlich organisiert werden und zu Unternehmen heranwachsen: Kommerzialisierung, Privatisierung, Profilierung und Globalisierung sind zentrale Herausforderungen in diesem Zusammenhang. Das Hochschulsystem wird zum Markt und der Wettbewerb zum Regler. Im Anschluss an Michel Foucault kann man die damit verbundene Setzung der Selbstregulation als eine neue Stufe des Regierens interpretieren.

Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass dieses Marktmodell nicht ohne Weiteres mit dem Wissenschaftsmodell in Einklang zu bringen ist. So ist beispielsweise nach wie vor unklar, wie die Rolle des Staates in diesem Prozess zu sehen ist. Beschränkt er sich im Sinn eines Dienstherren auf seine Aufsichts- und Kontrollfunktion oder versucht er marktstrategisch einzugreifen? Ebenso sieht sich die Freiheit in Forschung und Lehre, wie sie Wilhelm von Humboldt propagierte, immer mehr zurückgedrängt. Beim Bemühen, möglichst viele Drittmittel einzuwerben, muss man sich als Wissenschaftler an den Regeln des Marktes und nicht an den Regeln des Faches orientieren. In gleicher Weise regulieren Bachelor-Master-Studiengänge die Lehre in Form inhaltlicher und organisatorischer Vorgaben. Es liegt auf der Hand, dass angesichts dieser Entwicklungen kritische Stimmen laut werden und die Idee einer Wissenschaftsfreiheit in Gefahr sehen: Sind Hochschulen und Universitäten heute unfreier denn je?

„Exzellenzinitiative bedient einen Monopolmechanismus.”

Damit wird die Idee des Marktes selbst infrage gestellt, wie es am Beispiel der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern deutlich wird. Wurde diese mit dem Ziel ins Leben gerufen, den Wettbewerb um die besten Standorte und somit um die besten Köpfe und Ideen zu forcieren und anhand eines unmissverständlichen Leistungsprinzips entsprechende Ressourcen zu vergeben, läuft sie Gefahr, den Wettbewerb selbst ad absurdum zu führen. Denn es besteht keine Chancengleichheit in diesem Kontext, sondern die Exzellenzinitiative bedient bereits bestehende Ungleichheiten und dadurch einen Monopolmechanismus. Dieser zeigt sich darin, dass die, die schon viel haben, noch mehr bekommen, und die, die wenig haben, noch weniger erhalten. Robert K. Merton hat dieses Phänomen als Matthäus-Effekt beschrieben. Kurz gesagt: Der Plan, den Wissenschaftsbetrieb in einen Markt zu überführen, scheitert am Marktmodell selbst.

Darüber hinaus besitzt dieser Markt keinen Preismechanismus, sondern nur ein Kennziffernsystem, das Standards setzt. Diese sind in erster Linie die Höhe bestimmter Drittmittel sowie die Anzahl von Peer-Review-Beiträgen in Zeitschriften mit angesehenem Impact-Faktor. Damit gerät die bereits angesprochene Idee der Selbstregulation in Kritik: Ihr Kernstück sind Statistiken, die nicht nur auf nationaler Ebene gewonnen werden, sondern zusehends auf transnationaler und supranationaler Ebene. Ein Beispiel sind in diesem Zusammenhang die OECD und die Bertelsmann Stiftung, die über Statistiken und Rankings Einfluss auf die Weiterentwicklung des Wissenschaftsmarktes nehmen.

"Gaming the system": Finger weg von Monographien.

Es entsteht eine Herrschaft der Zahlen, eine Numerokratie, die die Macht besitzt, zu selbst erfüllenden Prophezeiungen zu werden: Wer bestimmte Drittmittel einwerben will, muss sich an die entsprechenden Vorgaben halten und seine Anträge daraufhin ausrichten. Wer viele Aufsätze in den so genannten A-Journals unterbringen möchte, muss seine Forschung in möglichst kleinen Portionen in englischer Sprache publizieren und am besten die Finger von einer Monographie lassen. „Gaming the system“ wird diese Strategie von James Rieley genannt. Dass aber diese Standardisierung und Metrisierung fragwürdig ist, und zwar sowohl mit Blick auf die Generierung als auch mit Blick auf die Aussagekraft, wird immer deutlicher: Es kommt, wie es Richard Münch in seinem Buch „Akademischer Kapitalismus“ bezeichnet, zu einer Überforschung von im Trend liegender Themen bei gleichzeitiger Unterinvestition in risikoreiche Forschung. Originalität und Vielfalt in Forschung und Lehre geht verloren.

Es lohnt an dieser Stelle ein Blick zurück auf die „Gründungstexte“ der Gründungsväter der Berliner Universität im 19. Jahrhundert, die in diesem Zusammenhang häufig als Vorbild, an dem festgehalten werden muss und das nicht „verkauft“ werden darf, zitiert werden: Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt. Sie alle versuchten in ihren Schriften Einfluss auf die Neugestaltung einer Universität zu nehmen. Im Mittelpunkt dieses Diskurses standen drei Punkte.

Zweckfreiheit der Wissenschaft, Freiheit in Forschung und Lehre, Einheit von Forschung und Lehre.

Erstens die Autonomie der Universität bei gleichzeitiger Trägerschaft durch den Staat: Wissenschaft wird als ein noch nicht ganz gelöstes Problem gesehen und befindet sich daher immer im Prozess des Forschens. Aus diesem Grund muss Wissenschaft von staatlichen und gesellschaftlichen Interessen befreit werden, gleichzeitig aber auch auf finanzieller Sicherheit basieren. Diese ist vom Staat zu gewährleisten, der daraus aber keinerlei Machtansprüche ableiten darf.

Zweitens die Freiheit in Forschung und Lehre: Die eben angedeutete Zweckfreiheit von Wissenschaft impliziert die Freiheit in Forschung und Lehre, die sowohl für Lehrende als auch für Lernende Anspruch auf Gültigkeit erhebt. Jeder an der Universität soll selbst entscheiden können, welchem Gegenstand er sich mit welchen Methoden widmet.

Und drittens die Einheit von Forschung und Lehre: Wenn Wissenschaft als etwas Prozesshaftes und Unabschließbares gesehen wird, dann müssen Forschung und Lehre ineinandergreifen. Infolgedessen ist ein hierarchisches Verhältnis zwischen Studenten und Professoren durch ein kollegiales abzulösen.

Idee der Wissenschaftsfreiheit wurde nie verwirklicht.


Die Darstellung der Idee einer Wissenschaftsfreiheit, wie sie aktuell im Anschluss an Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt diskutiert wird, darf nicht enden ohne den Hinweis darauf, dass sie selbst nie verwirklicht wurde. Insofern kann man auch von einem Mythos sprechen.

Mit Blick auf die Intention der Reform scheinen sich beide dargestellten Positionen – die Idee eines Wissenschaftsmarktes und die Wissenschaftsidee im Anschluss an Wilhelm von Humboldt – nicht allzu sehr voneinander zu unterscheiden: Beiden geht es um Wissensevolution. In Anbetracht der angestellten Analyse und Kritik zeigt sich jedoch, dass die Wege zu diesem Ziel diametral auseinandergehen.

Bologna-Prozess: Lehramtsstudiengänge sind besonders betroffen.


Es liegt auf der Hand, dass Lehramtsstudiengänge in besonderer Art und Weise von den skizzierten Entwicklungen betroffen sind: Sie ermöglichten eine Vielzahl von Fächerkombinationen und wurden durch ein Staatsexamen abgeschlossen. Mit dem Bologna-Prozess werden sie nun auf kompetenzorientierte, konsekutive und polyvalente Bachelor-Master-Studiengänge umgestellt, was allein schon aus organisatorischer Sicht Schwierigkeiten mit sich bringt, weil nahezu jedes Bundesland eigene Wege geht. Zu übersehen ist dabei nicht, dass in nahezu allen Fällen Lehrkräfte Angestellte oder Beamte eines Bundeslandes sind und sich allein deswegen die Regierungen verpflichtet fühlen, in die angedachte Autonomie der Universitäten einzugreifen.

Berufsfeldbezug in der Lehrerbildung: Ein Verlust an Wissenschaftlichkeit?

Zudem wird seit dieser Umstellung verstärkt das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Lehrerbildung diskutiert und von Berufsfeldbezug gesprochen. Kerngedanke ist hier, dass angehende Lehrkräfte so früh wie möglich das an der Universität Gelernte in einem Berufsfeld, in der Regel in Schulen, anwenden sollen – was für Kritiker gleichzeitig ein Verlust an Wissenschaftlichkeit bedeutet und daran anschließend die Frage nach dem Ort der Lehrerbildung gestellt wird. Insofern stehen Art und Anzahl von Praktika zur Disposition, ebenso wie Inhalte und Dauer des Studiums. Beides ist in unmittelbarem Zusammenhang zur so genannten zweiten Phase zu sehen.

Hinzukommen universitäre Bemühungen, durch Eignungstests frühzeitig nur diejenigen Personen für ein Lehramt zu gewinnen, die den damit verbundenen Anforderungen gewachsen erscheinen. Ob damit der Forderung eines lebenslangen Lernens, wie sie ebenfalls für den Lehrberuf erhoben wird, entsprochen werden kann, darf – auch angesichts der Komplexität des Menschen – bezweifelt werden.

Der Beitrag von Prof. Klaus Zierer ist die Einleitung zum Kapitel „Universität und Lehrerbildung” in dem Buch „Glaube und Bildung: Ein Dialog zwischen Theologie und Erziehungswissenschaft” von Reinhard Marx und Klaus Zierer. Das Buch erscheint im April im Verlag Ferdinand Schöningh. ISBN-10: 3506773593, ISBN-13: 978-3506773593, Broschiert: 200 Seiten, 19,90 Euro. 

 


 

Kontakt

Prof. Dr. Klaus Zierer
Institut für Pädagogik
Tel: 0441-798/2633
klaus.zierer@uni-oldenburg.de