27.07.2012 – Forschung

Olympische Spiele:
Fest und (Medien-) Ritual der Moderne

  • Hermetisch von der Außenwelt abgeschlossene Stadionarchitektur:Das Olympia-Stadion in London (Foto: London 2012)

Baron Pierre de Coubertin entwickelte die Olympischen Spiele als Reaktion auf die Krisenerfahrungen des Fin de Siècle – als Antwort auf die Moderne. Wenn morgen die Sommerspiele in London beginnen, wird sich zeigen, wie zeitgemäß sein Projekt noch ist. Ein Essay von Thomas Alkemeyer.

Erst in der Krise laufen Religion, Kunst und Ästhetik zu wahrer Form als Medien der Sinnstiftung auf. So auch im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als der französische Baron Pierre de Coubertin den modernen Wettkampfsport in den Olympischen Spielen ästhetisierte und zu einer „Muskelreligion“ überhöhte. Formal ist das Modell des Wettkampfsports durch Chancengleichheit, Konkurrenz, Überbietung und die Vergleichbarkeit messbarer Leistungen geprägt. Es erlangte in nur wenigen Jahrzehnten eine Hegemonie über ältere Formen der Bewegungskultur wie die Gymnastik oder das Turnen und trat, lanciert durch das olympische Zeremoniell, einen rasanten internationalen Siegeszug an.

Die Olympischen Spiele als charismatische Unternehmung

Coubertin entwarf die Olympischen Spiele als eine zivilreligiöse Antwort auf Krisenerfahrungen des Fin de Siècle: Ähnlich einer Religion sollten sie einen Sinn des Lebens zeigen, den Menschen eine spürbare Verschmelzung mit diesem Sinn anbieten und von Zeitgenossen als negativ wahrgenommene „Auswüchse“ der kapitalistischen Moderne – ihren Materialismus, ihre Unübersichtlichkeit, ihre Zerrissenheit – ästhetisch bekämpfen und romantisch einhegen, indem es moderne Fortschrittsutopien mit Inszenierungen einer schwärmerisch verklärten Antike verband. Dieses Vorhaben hatte charismatischen Charakter. Charismatiker sind keine frei schwebenden Existenzen, keine „großen Männer“, sondern „Marker“, die seismographisch kollektive Stimmungen registrieren, ihnen ihre Stimme geben und öffentlich mit neuen Ideen auf gesellschaftliche Problemlagen reagieren. Coubertin gelang es, mit den Olympischen Spielen eine kulturelle Institution auf den Weg zu bringen, in der Erfahrungen der Unsicherheit und des Niedergangs mit lebendigen Bildern des Aufstiegs beantwortet wurden.

Krisenszenarien

Eine in Deutschland wie auch in Frankreich verbreitete Zivilisationskritik hielt die moderne Gesellschaft für „erkrankt“. Coubertin bot ihr eine angeblich besonders wirksame „Arznei“ an: den Sport. Mit den Olympischen Spielen rief eine auf den modernen Sport gegründete Pädagogik als Instrument der Krisenlösung ins Leben. Er vertrat die Ansicht, die „Zukunft der Zivilisation“ beruhe „weder auf politischen noch auf ökonomischen Grundlagen“ sondern einzig und allein auf erzieherischen.

Diese bio-politische Idee einer Erneuerung der Gesellschaft durch Körperertüchtigung war alles andere als voraussetzungslos. In einem vielstimmigen, auf die Untergangsvisionen des Fin de Siècle antwortenden Geflecht von Reformstrategien spielte die pädagogische Sorge um den Körper eine prominente Rolle. Neben der von ihm ausdrücklich erwähnten Medizin, Ethik und Eugenik bezeichnete Coubertin die Körperpädagogik als ein ausgezeichnetes „Gegengift“ gegen alle möglichen „Fehlentwicklungen“: sie sei eine ausgezeichnete „Schöpferin moralischer und nationaler Stärke“.

Allerdings trat Coubertin nur für eine bestimmte Form der Körpererziehung ein: die Pädagogik des sportlichen Wettkampfes nach englischem Vorbild. Diese grenzte er scharf von dem paramilitärisch organisierten Deutschen Turnen und der rationell betriebenen Schwedischen Funktionsgymnastik ab: Für Coubertin korrespondierten die Kollektivübungen des Turnens und der Gymnastik mit Repression, Zwang und staatlicher Fremdbestimmung, das heißt, mit einer die individuelle Leistungsfähigkeit hemmenden Disziplin. Im englischen Wettkampfsport sah er hingegen mit Selbstbestimmung, Eigeninitiative und individuelle Beweglichkeit moderne Leitwerte und Eigenschaften verkörpert.

Die Olympischen Spiele als romantische Feier der Moderne

In gegenwärtigen Kulturkritiken des Spektakelsports wird gern beklagt, der Sport und die Olympischen Spiele seien zu Spielbällen der Massenmedien verkommen. Diese Kritik macht allerdings vergessen, dass bereits Coubertin die Spiele ausdrücklich als eine Werbeveranstaltung für seine Pädagogik des Sports konzipiert hatte. Darüber hinaus sollten die Spiele auch einen eigenständigen „pädagogischen Wert“ (Coubertin) entfalten: Die Hoffnung auf eine Heilung der Gesellschaft durch Sport verband sich mit der Erwartung, durch ein kultisches Fest zu ihrer Konsolidierung beitragen zu können.

Dies setzte voraus, die Olympische Idee nicht im Status eines abstrakten Gedankengebäudes zu belassen, sondern sie in eine konkrete „philosophische und historische Lehre“ (Coubertin) zu überführen, die über ihren „Kultus’“ praktisch auf die Gefühle und Vorstellungen, die Phantasien und Werthaltungen der Menschen Einfluss zu nehmen in der Lage war: Im alltagsenthobenen Raum der Olympischen Spiele sollten die in der Marktgesellschaft „vereinzelten Einzelnen” (Karl Marx) wieder Anschluss an eine allgemeinverbindliche Ordnung finden. Die Teilhabe an dieser Ordnung sollte jedoch nicht bloß über den Verstand erfolgen, sondern vor allem über die Sinne. Um die Defizite der sinnlichen Erfahrbarkeit moderner Politik und Moral zu beheben, konzipierte Coubertin die  Olympischen Spiele als ein Gesamtkunstwerk im Geiste Richard Wagners. Wie in Bayreuth, so sollte auch in der Inszenierung Olympias eine weitreichende, aus der Geschichte geborgte Palette ästhetisch-symbolischer Formen zusammengefügt werden: klassizistische Architekturen, Bildhauerkunst, Malerei und Literatur, zu „lebenden Bildern“ arrangierte Menschengruppen, symphonische Musik, die Symbole und Rituale des olympischen Zeremoniells – dies alles arrangiert um die sportlichen Wettkämpfe im Zentrum des Geschehens.

Coubertins tatsächlich bahnbrechende Idee bestand mithin darin, eine im Medium des Wettkampfsports „authentisch“ verkörperte moderne Werteordnung mit künstlichen Charisma und großen Gefühlen aufzuladen: Seine Olympischen Spiele sind eine romantisch verklärte „Moderne en miniature“ (Thomas Etzemüller). Sie bilden eine Bühne, die die Schauspielfunktion des Theaters mit dem Fest und dem Ritus verbindet. Gerade die flüchtige Ästhetik des Sports vermag das Publikum mit großer Eindringlichkeit zu berühren und temporär miteinander zu verbinden: es darf mitgefiebert, geschrien und erregt gestikuliert werden.

Die Olympischen Spiele als globales Medienritual

Und das gilt bis heute: Neben den Fußballweltmeisterschaften gehören die Olympische Spiele zu den wenigen großen kollektiven Repräsentationen, in denen sich die „Weltgesellschaft“ temporär ein Bild von sich machen und sich ihrer imaginären Einheit vergewissern kann. Mit allen verfügbaren technischen und audiovisuellen Mitteln, mit Großbildleinwänden, Stadionlautsprechern und hermetisch von der Außenwelt abgeschlossenen Stadionarchitekturen wird nicht nur das sinnlich-affektive Involvement der Zuschauer im Stadion, sondern auch die Beteiligung eines globalen Publikums jenseits der Stadiongrenzen gesteigert. Liveübertragungen mit spektakulären Bildkonstruktionen – Zoom, Slow Motion, mitfahrende Kameras, etc. – arrangieren eine „Fernanwesenheit“ (Jo Reichertz), die den Zuschauer vor dem Bildschirm in gewisser Weise näher ans Geschehen rückt als das Stadionpublikum. Erzeugt wird eine Hyperrealität des Showsports (Hortleder & Gebauer), in der die AthletInnen nicht nur zu Helden erhöht und der Erfahrungswelt des Publikums entrückt, sondern ihm in den Intimperspektiven der Personality-Kameras auch als „lebenswarme Gestalten“ (Georg Simmel) nahe gebracht werden.

Extensives Training, medizinisch-pharmakologische Körpermanipulationen und Medientechnologie blähen die SportlerInnen zu visuellen Supermenschen auf; heranzoomende Kameraobjektive statten sie zugleich wieder mit menschlichen Zügen aus. Die Anstrengungen richten sich darauf, den AthletInnen eine besondere Intensität des Empfindungsausdrucks und, vor allem den Sportlerinnen, Sexappeal zu verleihen. Die Schaulust des Publikums soll so befriedigt, seine Bereitschaft zum Mitfiebern und Mitleiden erhöht werden. Weltweit können die Zuschauer vor den Bildschirmen alles so detailliert und gestochen scharf sehen, als stünden sie direkt daneben. Es entstehen Bilder von mitunter erstaunlicher Berührungskraft: Die Geschichte des Zuschauersports ist auch eine Geschichte der Bestrebungen, die „Verbindungsdichte“ und affektiven Energien der populären Kultur durch Spektakularisierung zu erhöhen.

Zwar wird gern behauptet, die vom Sport ausgelösten Leidenschaften übersprängen nicht nur die Grenzen zwischen den individuellen Körpern, sondern auch die Trennlinien zwischen „Kulturen“, Geschlechtern und Milieus. Die Tragfähigkeit solcher Behauptungen ist allerdings fraglich. Auch die Integrationskraft des Sports ist sozial und kulturell begrenzt. Im olympischen Sport werden die modernen westlichen Leitbilder der Konkurrenz und der grenzenlosen Selbstüberschreitung gefeiert. Wie alle Ideale, so produzieren auch diese ihre Ausschlüsse und Abwertungen konkurrierender Werteordnungen und Weltbilder. Aber auch da, wo diese einst gültigen Leitwerte an Glaubwürdigkeit verlieren, beispielsweise, weil ihre (selbst-) zerstörerischen Seiten – wie im Doping – ebenso unübersehbar werden wie ihr Anachronismus (wie beim verzweifelten Festhalten am System der Zweigeschlechtlichkeit, das kein Dazwischen anerkennt), wird sich das olympische Sportmodell verändern und neuen Realitäten anpassen müssen. Sonst droht ihm nicht nur ein Verlust an Strahlkraft, sondern womöglich auch der berühmte Misthaufen der Geschichte.


 

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Kontakt

Prof. Dr. Thomas Alkemeyer
Institut für Sportwissenschaften
Tel: 0441-798/4622
thomas.alkemeyer(at)uni-oldenburg.de