30.01.2015 – Studium

Medizinstudium: "Was tut dieser Nerv?"

  • In Oldenburg ist Lucia Christians eine von 40 Studierenden ihres Jahrgangs - in Groningen eine von 400. Foto: Thorsten Helmerichs

Fiktive Patientenfälle lösen und im Anatomiesaal über Gehirnnerven diskutieren: Lucia Christians ist die erste angehende Medizinerin der European Medical School, die derzeit in Groningen studiert - auf Niederländisch.

„Es ist nie Lupus.“ Dr. House, der in der gleichnamigen Fernsehserie mysteriösem Patientenleiden auf die Spur zu kommen versucht, hat mit der Diagnose Lupus so seine Probleme. Allerdings ist die verhängnisvolle Fehlregulation des Immunsystems auch besonders schwierig aufzuspüren. Lucia Christians kennt die Serie ein bisschen, Lupus kennt sie ganz genau. Sie sitzt in der Cafeteria der Medizinischen Fakultät der Universität Groningen, trinkt ihren mitgebrachten Tee und erzählt, wie ihr Studium in Groningen so läuft.

In zwei Tagen muss die 24-Jährige ein fiktives Leiden dechiffrieren, sie muss eine Diagnose stellen. Übrig geblieben sind noch drei Möglichkeiten: Lupus, Neuroborreliose oder Multiple Sklerose. „Das Tückische an Lupus ist, dass im Grunde jedes Symptom darauf hindeuten kann.“ Lucia Christians studiert Medizin an der Uni Oldenburg, sie gehört zur ersten EMS-Generation. Sie ist im dritten Studienjahr. Sie und eine Kommilitonin sind die ersten Oldenburger Studierenden, die nun in Groningen studieren. Das Curriculum der European Medical School sieht für den Aufenthalt an der Partneruni zwei Semester vor.

Die gebürtige Münchenerin hat den Schritt nach Oldenburg nicht bereut. „Ich wollte unbedingt in den Modellstudiengang, weil es mir wichtig war, zuerst praktisch zu lernen und nicht erst zwei Jahre nur mit Büchern verbringen zu müssen.“ Anders als ihre Mitstudentin studiert sie in Groningen nicht auf Englisch, sondern auf Niederländisch. Ihren ersten Vortrag hat sie hinter sich, das Feedback war gut. „Ich war schon sehr aufgeregt, aber in dem Moment, als ich die Präsentation gehalten habe, lief es.“ In zwei Tagen wird sie wieder vortragen. Der fiktive Patientenfall, den sie zu lösen hat, ist knifflig. In das Groninger Computerprogramm gibt sie Fragen ein. Sie fordert Laboruntersuchungen und Computertomografien an, die Software liefert sie.

Die Daten wertet sie aus, um einen Überweisungsbrief, so die eigentliche Übung, an den zuständigen Facharzt zu schreiben. Ob es wirklich niemals Lupus ist, das Credo von Dr. House, darauf möchte sie sich noch nicht festlegen. „Aber für mich deutet es mehr auf Neuroborreliose hin.“ Jetzt gilt es, weiterzukommen mit ihrer Diagnose, sie hat nicht mehr viel Zeit. Einen nervösen Eindruck macht sie dabei nicht. Auch nicht, als es nach dem Tee hinunter in die Anatomie des Groninger Universitätskrankenhauses geht. In Groningen ist Lucia nicht wie in Oldenburg eine von 40 Medizinstudierenden pro Kohorte, sondern eine von 400. Im Anatomiesaal sind nun 50 Studierende versammelt. Die gleiche Veranstaltung wird in dieser Woche acht Mal stattfinden.

Die Studierenden haben sich in Gruppen aufgeteilt. Heute sind Gehirnnerven das Thema. Es gibt fünf Stationen, die die Gruppen durchlaufen, angeleitet von einem Anatomiedozenten und seinen Assistenten, Medizinstudierende aus höheren Semestern. Lucia ist in der Gruppe, in der ein Student erklärt. Seine Exkurse über Modelle und präparierte Körperteile hinweg unterbricht er immer wieder mit Fragen.

„Gibt es Gehirnnerven, die direkt etwas mit dem Auge zu tun haben?“ „Es gibt den Nervus abducens und den Nervus oculomotorius.“ „Und was hat der Nervus abducens mit dem Auge zu tun?“ „Der Name steht für wegziehen, er zieht das Auge zur Seite.“ „Und welchen Muskel innerviert der Nerv, damit das Auge zur Seite gezogen wird?“ „Den Musculus rectus lateralis.“ „Und welche Hirnnerven haben noch etwas mit dem Auge zu tun?“ „Zum Beispiel der Nervus opticus.“ „Und was tut dieser Nerv?“ „Er fängt Signale von der Netzhaut auf und leitet sie weiter ans Gehirn.“

Es ist ein Frage-Antwort-Fluss, bei dem man nicht weiß, wem er mehr Spaß macht: dem älteren Studenten oder den jüngeren Studierenden. Lucia sagt hinterher, wieder in der Cafeteria, dass der Assistent sehr gut gewesen sei. Sie hat heute noch drei Vorlesungen: Über die Gehirnentzündungen Meningoencephalitis und Meningitis und zur sozialmedizinischen Frage „Kann dieser Patient arbeiten?“ Die ersten beiden Vorlesungen hält der Neurologe Jan Kuks. Er war es, der die Idee zur computergestützten Ausbildung aus den USA mitgebracht hat und eine Lernsoftware entwickeln ließ, er ist Berater des Curriculums in Oldenburg und Direktor des Mastercurriculums in Groningen.

Das Groninger Medizin-Curriculum ist mit seinem starken Praxisbezug die Blaupause des Oldenburger Modellstudiengangs. Doch es gibt inzwischen auch Dinge, die Kuks gern von Oldenburg nach Groningen mitnehmen würde. Sein Fazit nach drei Jahren EMS fällt ausgesprochen positiv aus. „Es läuft in Oldenburg besser, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte.“

Über die ersten beiden Oldenburger Medizinstudentinnen ist er voll des Lobes. „Sie kommen sehr gut klar in Groningen, beteiligen sich an den Diskussionen. Lucia spricht sehr gut holländisch.“ Es wundert dann nicht, wenn man ein paar Tage später von Lucia erfährt, dass auch ihr zweiter Vortrag gut lief. Und dass Dr. House mal wieder recht hatte: Es war nicht Lupus, sondern Neuroborreliose.


 

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