22.09.2015 –

„Man wird nicht als Lehrer geboren“

  • Im Klassenzimmer warten viele Herausforderungen auf Referendare und junge Lehrer. Foto: fotolia/contrastwerkstatt

Werde ich ein guter Lehrer sein? Diese Frage sollte sich jeder Referendar stellen, findet Wirtschaftspädagoge Günter Siehlmann. Dabei kann ein Coaching helfen. Wie das funktioniert und warum er sich so ein Coaching für alle Lehramtsanwärter wünscht, erklärt Siehlmann bei einer Fachtagung für Referendars-Ausbilder in Oldenburg.

FRAGE: Herr Siehlmann, Sie sind ein begeisterter Anhänger des Lehrer-Coachings, das in Nordrhein-Westfalen bereits fester Bestandteil der Lehrerbildung ist. Warum?

SIEHLMANN: Ich glaube, dass es an unseren Schulen Lehrerinnen und Lehrer gibt, die an ihrem Beruf zweifeln. Das hört man manchmal heraus, wenn sie von ihrem Alltag in der Klasse und den Schülern erzählen. Das ist fatal. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Unzufriedenheit bei Lehrern besonders hoch ist. Auch die Burnout-Rate ist im oberen Bereich. Das sind alles Hinweise, dass man schon in der Ausbildung ansetzen sollte. Es beginnt ja mit der Frage nach der richtigen Berufswahl und der Identifikation mit der Lehrerrolle. Und genau da setzt das Coaching an.

FRAGE: Muss sich nicht jeder Berufsanfänger erstmal auf seine neue Rolle einstellen? Warum brauchen Lehrer da ein spezielles Coaching?

SIEHLMANN: Es gab mal ein Buch mit dem Titel: „Die Angst des Lehrers vor dem Schüler“. Dieses Phänomen gibt es immer noch. Man wird ja nicht als Lehrer geboren. Es ist vielmehr ein Entwicklungsprozess. Man entwickelt nach und nach ein Selbstverständnis von der Rolle des Lehrers und professionelle Kompetenz. Außerdem wird das Lehrersein ja auch nicht einfacher. Die Schüler fordern die Lehrer heute in viel mehr Handlungsfeldern als früher, da geht es mittlerweile verstärkt um Erziehung und Beratung. Die Ausbildung zielt aber immer noch zu sehr aufs Unterrichten ab und bereitet zu wenig auf die Realität in den Klassenzimmern vor.

FRAGE: Und das schafft so ein Coaching?

SIEHLMANN: Das Coaching thematisiert zumindest mögliche Zweifel, die die Lehramtsanwärter selbst haben. Sie machen sich Gedanken über ihre Rolle und die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Einige merken dann, dass sie zum Beispiel noch nicht genug wissen über ihre Erziehungsaufgaben als Lehrer und können dann noch mal nachlegen. Andere fühlen sich durch das Coaching bestätigt und gehen selbstbewusster an ihre neue Aufgabe heran. Und wieder andere realisieren im Coaching, dass der Lehrerberuf nicht das Richtige für sie ist und brechen die Ausbildung ab. Das ist aber eher ein Extremfall. Und wenn das in einem Coaching passiert, haben sie immerhin eine bewusste berufliche Entscheidung getroffen.

FRAGE: Wie läuft so ein Coaching denn konkret ab?

SIEHLMANN: In Nordrhein-Westfalen hat jeder Lehramtsanwärter einen gesetzlichen Anspruch auf zwei Coachings während seiner Ausbildungszeit. Die Coachings werden von den Kernseminarleitern angeboten, das sind die Ausbilder, die überfachlich agieren und für die Coachings noch einmal speziell ausgebildet wurden. Das Coaching selbst ist immer ein Einzelgespräch, in dem eine konkrete Situation, ein konkreter Konflikt bearbeitet wird. In der Regel sind es zwei bis drei Sitzungen. Man könnte sagen, das Coaching ist so etwas wie ein Bypass.

FRAGE: Ein Bypass? Das klingt eher nach Medizin als nach Lehrerbildung…

SIEHLMANN: Sie können es auch Schleife nennen. Die Vorstellung der reformierten Lehrerbildung in NRW ist, dass die Referendare selbstgesteuert in einem Korridor aus Angeboten sich die für sie passenden Dinge heraussuchen können. Dazu kommt das Coaching. Da stellt ein Lehramtsanwärter zum Beispiel fest, dass er immer wieder unter Zeitdruck gerät. Im Coaching werden Ursachen und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet. Ein Weg könnte dann sein, zurück in den Korridor zu gehen und sich ein Zeitmanagement-Training herauszusuchen.

FRAGE: Gibt es schon Erfahrungswerte, welche Wirkung die Coachings tatsächlich haben?

SIEHLMANN: Das Coaching kommt bei den Lehramtsanwärtern gut an. Fast alle nehmen es wahr. Laut einer Evaluation der Universität Frankfurt bewerten 80 Prozent der Teilnehmer das Coaching als Gewinn.

FRAGE: Und warum setzt Niedersachen so ein Coaching in der Lehrerbildung nicht auch ein?

SIEHLMANN: Es wäre eigentlich kein Problem, es umzusetzen. Es gibt genug Experten zum Thema. Aber wir sind da leider nicht konsequent genug. Ich glaube, es braucht eine politische Entscheidung. Man benötigt Mut, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Die Ausbildung der Kernseminarleiter in Nordrhein-Westfalen für die Coachings – das war natürlich teuer. Aber es gibt einen Hunger nach diesen Angeboten. Das höre ich immer wieder.

Dr. Günter Siehlmann, Jahrgang 1949, lehrte bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr im Bereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik/Didaktik der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oldenburg. In der Fortbildung ist er für Soencksen & Teilhaber tätig, so auch als Trainer in der Coaching-Qualifizierung der KernseminarleiterInnen in NRW. Beim diesjährigen BAK- Seminartag bietet er einen Workshop zu Konzept, Umsetzung und Wirkungen der Personenorientierten Beratung mit Coaching-Elementen im Vorbereitungsdienst NRW an.

Der BAK (Bundesarbeitskreis der Seminar- und FachleiterInnen e.V.) ist der bundesweite Berufsverband von AusbilderInnen in der 2. Phase der Lehrerausbildung, also dem Referendariat. Einmal im Jahr treffen sich die AusbilderInnen zu einer Fachtagung. In diesem Jahr findet das Treffen von 22. bis 25. September an der Universität Oldenburg statt. Er steht unter dem Motto „Reflektieren und Beraten“.