05.06.2015 – Studium

Kita-Streik: „Erzieherinnen und Erzieher bekommen
nicht die Anerkennung, die sie verdienen”

  • „Arbeit in Kindertagesstätten geht weit hinaus über die ,bloße Aufbewahrung´ von Kindern”. Hier die Kita Uni-Campus des Studentenwerks Oldenburg. Bild: Studentenwerk Oldenburg

Die Erzieherinnen und Erzieher haben deutlich gemacht: Ihre Arbeit ist grundlegender Bestandteil des Bildungssystems – und sie ist stärker wertzuschätzen. Eine Erklärung anlässlich des Kita-Streiks von Prof. Dr. Rudolf Leiprecht, Sprecher der Fachgruppe Sozialpädagogik und der Arbeitsgruppe Pädagogik, sowie der Fachschaft Pädagogik.

Wir studieren, lehren und forschen an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Fach (Sozial-)Pädagogik und unterstützen als Studierende, Lehrende und Forschende die Forderungen der Beschäftigten in den Handlungsfeldern sozialer Arbeit, die aktuell mit verschiedenen Aktionen auf ihre Arbeitssituation aufmerksam machen und um eine umfassendere Anerkennung ihrer gesamtgesellschaftlich wichtigen Arbeit kämpfen.

Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr breites Handlungsfeld, dass zum Beispiel Sozialberatung, Schulsozialarbeit, Drogenhilfe, Kinder- und Jugendarbeit und Familienhilfe umfasst. Als eine Profession, die traditionell als ‚Frauenberuf‘ begonnen hat, spielt die Frage der Anerkennung seit der Verberuflichung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit eine zentrale Rolle. Tätigkeiten, die mit Pflegen, Sorgen und Unterstützen zu tun haben und die eigentlich für Gesellschaften unverzichtbar sind, hatten es lange Zeit und haben es auch gegenwärtig noch schwer, wirklich sichtbar zu sein und eine Stimme in der Gesellschaft zu bekommen, die auch gehört wird. Anerkennung ist mit Bezahlung verbunden. Angesichts der gegenwärtigen durchschnittlichen Bezahlungs- und Eingruppierungsverhältnisse in den Handlungsfeldern sozialer Arbeit haben wir jedoch den Eindruck, dass hier Wertschätzung vor allem als Geringschätzung vermittelt wird.

Im Moment wird in der Öffentlichkeit vor allem das Handlungsfeld Kindertagesstätte stark wahrgenommen. Das ist nicht verwunderlich. Erzieherinnen und Erzieher haben mit ihrem Streik große Teile der Bevölkerung getroffen, also Mütter und Väter in den unterschiedlichsten Sozialschichten und mit unterschiedlichen Berufen. Wir, die wir auch mit anderen Handlungsfeldern von sozialer Arbeit zu tun haben, verfolgen diese Aufmerksamkeit gegenüber unseren Kolleginnen und Kollegen mit Respekt und Zustimmung, ja sind ihnen für ihre vergangenen Streikaktionen dankbar, da sie so eine Wirksamkeit und Mächtigkeit entfaltet haben, die auch anderen sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Handlungsfeldern zunutze kommen kann.

Zudem beobachten wir auch als Pädagoginnen und Pädagogen an der Universität mit Sorge, dass erst seit einigen Jahren und leider erst in Ansätzen anerkannt wird, was eigentlich bereits lange überfällig war: Die Kindertagesstätte ist ein grundlegender Bestandteil des allgemeinen Bildungs- und Sozialsystems! Ausgehend von dieser Tatsache, studieren Erzieherinnen und Erzieher in vielen Ländern Europas denn auch an einer Hochschule, ähnlich wie Lehrerinnen und Lehrer, die später an einer Schule im Primarbereich arbeiten. Und sie haben logischerweise auch ein Einkommen, das dem von Lehrkräften an der Grundschule entspricht. In Deutschland ist beides leider nicht der Fall. Die Aufgaben für den Kindergartenbereich umfassen eine Fülle an komplexen und wichtigen Aufgaben, wobei die Anforderungen in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen haben, und es gibt hier viele Ähnlichkeiten und Überschneidungen mit anderen Handlungsfeldern von sozialer Arbeit.

So geht die Arbeit in der Kindertagesstätte weit hinaus über die „bloße Aufbewahrung” von Kindern, damit ihre Mütter und Väter in dieser Zeit den jeweiligen beruflichen Anforderungen nachgehen können. Sie beginnt, um nur drei Merkpunkte aus der professionellen Fachdebatte, die noch längst nicht überall angemessen realisiert sind, zu nennen:

- mit einer differenzierten Entwicklungsförderung, die bei den sozialen, familiären und auch sprachlichen „Ausgangslagen” der einzelnen Kinder ansetzt und das „Erkennen” dieser Ausgangslagen, die Beobachtung und Dokumentation von Veränderungen und Fortschritten verlangt;

- es geht zudem um die systematische und diversitätsbewusste Gestaltung von Verhältnissen, in denen alle Kinder Selbstwirksamkeit und Wertschätzung erfahren können, verbunden mit einem Entgegenwirken gegenüber Negativzuschreibungen, Ausgrenzungen und Benachteiligungen;

- und schließlich muss die jeweilige Einrichtung eine niedrigschwellige Anlauf- und Schaltstelle sein können, die Eltern in unterschiedlichen Lebenslagen bei Erziehungsproblemen und kritischen Lebensereignissen etwas anzubieten hat und – wenn nötig – einen „passenden” Weg im unübersichtlichen Geflecht von sozialer Beratung und Hilfe eröffnet.

Schon bei diesen wenigen Stichworten zeigt sich, dass es sich um eine überaus anspruchsvolle und bedeutsame Aufgabe handelt, die von den jeweiligen Fachkräften sehr viel an unterschiedlichen Kompetenzen verlangt, deren Entwicklung und Verstetigung in der Tat mit einer hochwertigen Ausbildung, einer kontinuierlichen Fortbildung und einer angemessenen Ausstattung von Einrichtungen, auch im Verhältnis von Personal und Gruppengröße, verbunden sein muss. Dass die Wertschätzung und Bezahlung diesen Aufgaben und Anforderungen gerecht werden muss, müsste sich eigentlich von selbst verstehen.

Prof. Dr. Rudolf Leiprecht, Sprecher der Fachgruppe Sozialpädagogik und der Arbeitsgruppe Pädagogik (Institut für Pädagogik, Fakultät I  Bildungs- und Sozialwissenschaften)
sowie die Fachschaft Pädagogik


 

Kontakt

Prof. Dr. Rudolf Leiprecht
Institut für Pädagogik
Tel: 0441/798-2040
rudolf.leiprecht(at)uni-oldenburg.de